Von Karin Endler

Irmgardine schaukelt. Ein Beobachter könnte meinen, ein Luftzug bewege das an zwei Ketten hängende Brett. Doch es gibt keinen Beobachter. Irmgardine holt Schwung und lässt sich höher in die Luft tragen. Dabei betrachtet sie das Haus, das vom Spielplatz durch eine Straße getrennt ist. Genauer, sie blickt auf vier Fenster im ersten Stock. In der dahinter liegenden Wohnung ist sie zu Hause gewesen, bis gestern.

 

*

 

Durch einen glücklichen Zufall hatte sie diese Wohnung gefunden. Sie war eines Tages über den Wiener Zentralfriedhof geschlendert und an einem Begräbnis vorbei gekommen. Etwas abseits von den schwarz gekleideten Trauergästen war eine Frau mit Lockenwicklern gestanden, in einen bunten Morgenmantel gehüllt.

„Ist das Ihr Begräbnis?“ hatte Irmgardine leise gefragt.

„Ja.“

„Viele Verwandte haben Sie.“

„Nein, das sind alles Freunde und Bekannte. Es könnte sein, dass ich eine Nichte habe, in Kanada. Wir hatten leider nie Kontakt. Die wird staunen, wenn sie vom Erbe erfährt. Ich habe nämlich verfügt, dass sie gesucht werden muss.“

„Wo haben Sie zuletzt gewohnt?“ hatte Irmgardine unvermittelt wissen wollen.

Die Frau im Morgenmantel hatte ihr die Adresse genannt und die Gegend beschrieben.

„Stört es Sie, wenn ich dort logiere? Nur, bis Ihre Nichte das Erbe antritt.“

„Wenn Sie sich um meine Pflanzen und um die beiden Goldfische kümmern, wäre mir das sogar recht.“

 

Noch am selben Nachmittag war Irmgardine eingezogen. Es war eine große Altbauwohnung mit fast vier Metern Raumhöhe, mit Möbeln, die jeden Antiquitätenhändler zum Jubeln gebracht hätten. Die Blumen an den Fenstern waren leicht eingetrocknet gewesen, mit etwas Wasser sollten sie wieder zu Kräften kommen. Das Goldfischglas hatte hingegen einen erbärmlichen Eindruck gemacht. In der trüben Brühe waren die verendeten Fische gedümpelt. Nachdem Irmgardine den Glasbehälter geleert und gesäubert hatte, war ihr der goldene Schimmer zwischen den fingrigen Blättern des Philodendrons, der die ganze Zimmerecke bis zum Plafond für sich beanspruchte, aufgefallen. Daraufhin hatte sie einen kleinen Blumenstock in das Glas gestellt, damit es die Fischgespenster schön hätten, falls sie wieder in ihr Aquarium zurückkehren wollten. Aber sie wollten nicht. Sie zogen es vor, die ganze Wohnung zu erkunden. Und nicht nur die. Als Irmgardine eines Nachts – im Finstern würde sie kein Aufsehen erregen – den angesammelten Staub aus dem Fenster gewirbelt hatte, waren die goldenen Gesellen hinaus gehuscht. Seither neckten sie die Katze im Erdgeschoß.

 

All das lag nun schon zwei Jahre zurück. So lange hatte es gedauert, bis die Erbin ausgeforscht werden konnte. Und gestern tauchte sie plötzlich mit dem Notar auf. Als sie den Schlüssel im Schloss hörte, fiel Irmgardine fast von ihrem geliebten Schaukelstuhl. Sie brachte ihn gerade noch zum Stehen, bevor diese fremden Menschen den Salon betraten. Mit den beiden Erwachsenen kam auch ein kleiner Junge, von vielleicht sieben Jahren.

„Konrad, warum gehst du nicht ins Wohnzimmer weiter?“

„Mama … dort … der Schaukelstuhl …“

„Das ist ein besonders edles Exemplar“, erklärte der Notar. „Dieser von der Firma Thonet produzierte Schaukelfauteuil aus gebogenem Buchenholz ist gut hundertfünfzig Jahre alt. Sehr gut erhalten, sogar der Lederbezug über der Polsterung sieht noch schön aus. Ihre Frau Tante hat wohl Antiquitäten geliebt. Die ganze Wohnung ist damit voll gestellt. Ein Stück schöner als das andere. Sehen Sie hier, der Blumentisch, wahrscheinlich Wiener Werkstätte, sehr elegant. Eine Auktion wird Ihnen viel Geld einbringen.“

„Wer hat noch einen Schlüssel zu dieser Wohnung?“ wollte die junge Frau wissen.

„Ich glaube niemand. Wieso fragen Sie?“

„Irgendwer muss die Blumen gegossen und Staub gewischt haben.“

„Oh, ist mir gar nicht aufgefallen. Na so was. Da muss ich mich erkundigen. Wird wohl jemand aus der Nachbarschaft sein.“

Während der Notar die junge Frau auf den Wert ihres Erbes hinwies, starrte Konrad weiterhin den Schaukelstuhl an. Irmgardine wusste, dass er sie anstarrte. Sie hob den Zeigefinger an ihre Lippen und bedeutete ihm, sie nicht zu verraten. Konrad nickte und ging an ihr vorbei zum Fenster.

„Mama, darf ich hinunter auf den Spielplatz gehen?“

„Ja, aber pass auf beim Überqueren der Straße.“

Konrad ging zur Wohnungstür. Irmgardine stand vom Schaukelstuhl auf und folgte dem Jungen. Dass sich das Sitzmöbel leicht bewegte, merkte zum Glück niemand.

 

Der Spielplatz war menschenleer und die beiden nahmen auf den nebeneinander hängenden Schaukeln Platz.

„Wie alt bist du?“ fragte Konrad.

Irmgardine zog ihre Stirn in Falten: „Ich vermute hundertfünfzig Jahre.“

„So alt wie der Schaukelstuhl?“

„Ja, so ungefähr.“

„Cool.“

„Und wie lange bist du schon tot?“

„Ich weiß nicht genau, vielleicht hundert Jahre.“

„Erschreckst du gerne Leute?“

„Nein, ich bemühe mich immer, unbemerkt zu bleiben.“

„Wieso?“

„Weil ich erfahren habe, dass ich mich dabei am meisten selbst erschrecke.“

„Verstehe ich nicht.“

„Ich werde dir eine Begebenheit erzählen. Früher hat es in der Wiener Zeitung das Aufgebot gegeben, da waren die Verstorbenen der Stadt mit ihrer jeweils letzten Adresse angeführt. Als ich mich wieder einmal um eine neue Bleibe umsehen musste, besuchte ich ein Kaffeehaus, nahm das aktuelle Tagblatt vom Zeitungstisch und begann darin zu blättern. Das Durcheinander, das plötzlich einsetzte, kannst du dir gar nicht vorstellen. Alle starrten auf die im Raum schwebende Zeitung. Weißt du, Erwachsene können mich nicht sehen. Der Kellner, der mit einem Tablett voll Kaffee und Kuchen vorbeiging, stolperte, alles flog durch die Luft, Tassen und Teller gingen zu Bruch. Einige Damen schnappten nach Luft und fielen in Ohnmacht. Die Männer ergriffen ihre Spazierstöcke, fuchtelten damit herum und schrien Unverständliches. Vor Schreck habe ich die Zeitung fallen lassen und bin hinaus gestürmt. Seither gehe ich lieber auf Friedhöfe, wenn ich wieder umziehen muss. Ein persönliches Gespräch ist ja auch viel interessanter.“

„Musst du jetzt wieder ausziehen?“

„Ja, ich kann wohl nicht gut mit den nächsten Mietern hier wohnen. Mich würde es nicht stören, aber du weißt schon, keiner mag eine Wohnung, in der es spukt.“

„Wieso geisterst du überhaupt herum? Hast du etwas Schlimmes angestellt?“

„Ich weiß nicht, ich kann mich kaum noch an mein Leben erinnern. Nur, dass mein Haus gebrannt hat, das weiß ich noch. Schau, mein Kleid ist zum großen Teil angesengt.“

Irmgardine blickte nachdenklich den langen Rock hinunter. Unter dem angekohlten Rocksaum lugten die Spitzen ihrer Schnürstiefel hervor.

 

Das Haustor an der gegenüberliegenden Straßenseite öffnete sich, Notar und Erbin kamen heraus.

„Konrad, komm, wir wollen gehen!“

Konrad zuckte mit den Schultern. Er würde seiner Mutter nicht erklären, dass er sich gerade mit einem Gespenst unterhielt, sie könnte es sowieso nicht glauben.

„Mach‘s gut“, flüsterte er Irmgardine noch zu, bevor er von der Schaukel sprang. Irmgardine hatte eine böse Vorahnung und lief Konrad hinterher. In letzter Sekunde konnte sie ihn noch zurückhalten. Erst als das Auto vorbei war, ließ sie ihn los.

„Pass gut auf dich auf“, gab sie ihm noch mit auf den Weg.

Während Konrad nun besonnen über die Straße zu seiner Mutter ging, setzte sich Irmgardine wieder auf ihre Schaukel. Konrad winkte ihr noch verstohlen zum Abschied, bevor er mit seiner Mutter um die nächste Ecke verschwand.

 

*

 

Irmgardine schaukelt. Sie schaukelt seit gestern. Sie lässt sich hoch in die Luft tragen. Sie fühlt, dass sie sich um keine neue Wohnung mehr umsehen muss. Ein Beobachter mit besonderer Begabung könnte sehen, wie sich Irmgardine langsam im Morgennebel auflöst. Doch es gibt keinen Beobachter.