Von Christoph Klaus

Inselbewohner sind eine sehr »spezielle Spezies«. Obwohl eine Tautologie, soll dieser Umstand explizit Erwähnung finden, um den Verstand für das zu sensibilisieren, was sich auf jenem Eiland da draußen zugetragen hat. Für den Außenstehenden ist es ohnehin schwierig, sich in die Mentalität derer hineinzudenken, die leben, wo man selbst nur Urlaub macht oder dies gern zu tun glaubt. Die Realität des Alltags ist anders, härter.

In Vorzeiten war Greetland von Piraten bewohnt, seit dem schleichenden Aussterben dieses Berufsbildes beschäftigen sich die Eingeborenen im Wesentlichen mit Nichtstun. Insofern ist es wenig erstaunlich, dass die Mehrzahl der hier Einsitzenden gern wegziehen würde, dahin, wo man der Untätigkeit unter angenehmeren sozialen, infrastrukturellen und meteorologischen Bedingungen nachgehen konnte – wenn sich denn die Möglichkeit böte. Und die wesentliche Voraussetzung dieser Möglichkeit war materieller Art.

Erstaunlich hingegen ist, dass es jemanden gab, der sich bewusst für ein Leben an diesem unwirtlichen Ort entschieden hatte. Sein Name war Hein Matthes, ein pensionierter Seebär mit rundlichem Bauch und ebensolchem Gemüt, aber mit einer Tatkraft, die ihn von einem passiven Ruhestand hatte Abstand nehmen lassen. Er hatte hier ein kleines Haus erworben und ein Stück Land gepachtet, auf dem er die gleichnamige Wirtschaft betrieb.

Eigentlich hätte man ihm dafür dankbar sein müssen, da er mit seinen Produkten zur logistisch nicht so einfach zu bewerkstelligenden Versorgung der insularen Bevölkerung beitrug, aber im Gegensatz zu Bauer Bollewiek, der dieser Aufgabe mit nicht ganz so uneingeschränkter Hingabe nachkam, war er keiner von »ihnen«. So war auch niemand zur Stelle, der das verhängnisvolle Geschehen hätte aufhalten können.

Es begann mit dem »Strandläufer«. Gemeint ist nicht der so benannte Vogel, sondern jener mit dem Namen Knut Hinrichsen, das schlappbehütete Inseloriginal. Der suchte täglich die Küstenlinie ab, in der Hoffnung, der Schatz des vor dreihundert Jahren gesunkenen Piratenschiffs, von dem ihm sein Großvater früher immer erzählt hatte, würde nun endlich mal angespült werden. Meistens war dies nicht der Fall. Knut aber ließ sich nicht beirren, weder von der Erfolglosigkeit seines Unterfangens noch von dem Spott, den er sich dafür regelmäßig einhandelte. Doch heute würde es anders sein. Dessen war er sich gewiss, als er mit geschultem Blick durch den Ethanolschleier vor seinen Augen hindurch den Gegenstand ausmachte, der im Sand und in der aufgehenden Sonne funkelte.

Es war eine Flasche. Knut bedauerte zunächst, dass sie nichts enthielt, womit er sein Blutbild in den blauen Bereich hätte rückführen können; nach eingehender Inspektion jedoch war er sich sicher, seine Entdeckung würde ihm diesen Zustand für den Rest seines Lebens gewährleisten. Und mit dem Spott würde es für den genannten Zeitraum ebenfalls vorbei sein.

Als diese Kunde die Runde gemacht und den wesentlichen Teil der Dorfgemeinschaft im Wirtshaus versammelt hatte, begann man mit der qualifizierten Begutachtung des Fundes. Die Flasche selbst war alt, sehr alt, mehrere hundert Jahre, das konnte Wirt Jansen dank seiner ebenso langen Berufserfahrung – wie er behauptete – zertifizieren. Nachdem sie entkorkt worden war, entfaltete sich der mit aller Vorsicht entnommene Inhalt als eine auf stark verschlissenem Papier gezeichnete Schatzkarte. Sie zeigte die Jahreszahl »1721«, die Insel Greetland und mitten darin ein Kreuz, das nur eines bedeuten konnte. Und dieses Kreuz bezeichnete genau den Acker von Hein Matthes.

 

Bauer Bollewiek saß in seinem Haus, das etwas erhöht auf einer Düne lag, und ihm Logenplatz des Theaters war, das sich sogleich abspielen würde. Männer, mit Schaufeln und Spitzhacken bewaffnet, sammelten sich und bildeten einen Tross hin zu jenem Ort, wo sie den Grundstein ihrer wohlsituierten Zukunft zu heben gedachten.

Den schnellen Erfolg vor Augen, kann selbst der melancholischste Phlegmatiker Energien cholerischen Ausmaßes freisetzen. Schon nach kurzer Zeit war der Schlag »Rüben« um die Komponente »Kraut« erweitert worden. Matthes hatte sich mit allen verfügbaren Gliedmaßen gegen diese rabiate Gärtnerei zur Wehr gesetzt, aber ohne sichtbare Wirkung. Schließlich war er keiner von »ihnen« und konnte demzufolge auch auf keinerlei Unterstützung hoffen, doch selbst im gegenteiligen Fall wäre der Goldrausch wohl nicht zu stoppen gewesen.

Unter anderen Umständen hätte Bollewiek sich dem mit Sicherheit angeschlossen, im konkreten Fall bestand für ihn keine derartige Veranlassung. Er goss sich ein Glas Rum ein, beobachtete lächelnd das Treiben und ließ die Ereignisse der letzen Tage vor seinem geistigen Auge Revue passieren:

Vor einer Woche war er aufs Festland hinübergefahren und hatte dort auf einem Trödelmarkt diese wunderschöne alte Flasche entdeckt. Den Preis hatte er sogar noch herunterhandeln können – hätte der Verkäufer geahnt, was für einen »Schatz« diese für Bollewiek darstellte, wäre das wohl nicht gelungen. Wieder zu Hause, hatte er sich darangemacht, eine Schatzkarte zu zeichnen, diese anschließend eine Zeit lang in Salzwasser gelagert, trocknen lassen und das Ganze gestern nach Anbruch der Dunkelheit auf Knuts Route deponiert. Das Resultat war zwar aus der professionellen Sicht des Altertumsforschers nicht perfekt, aber wen kümmerte das? Zumindest nicht die Hobbyarchäologen, denen die Authentizität des Behältnisses an sich hinreichend Anlass bot, Matthes‘ Acker jetzt in eine Ausgrabungsstätte umzuwidmen.

 

Matthes‘ Pachtfeld glich inzwischen einem Schlachtfeld. Bollewiek rieb sich zufrieden die Hände. Hier würde zumindest in diesem Jahr nichts mehr zu ernten sein; dieser unliebsamen Konkurrenz hatte er sich fürs Erste entledigt. Ob es im nächsten Jahr besser aussehen würde, war ebenso fraglich, da zur Wiedereinsetzung der Fruchtfolge Gelder notwendig waren, die man kurzfristig nicht mehr würde erwirtschaften können. Vielleicht, so die vage Hoffnung, hatte er seine Monopolstellung mit dieser geschickten Aktion ja dauerhaft manifestiert. Und das war wichtig. Matthes, mit seiner auf Effizienz ausgerichteten Arbeitsmoral, war drauf und dran gewesen, ihn auszustechen. Aber das war jetzt Geschichte. Wenn es keine Mitbewerberschaft gibt, muss man nicht effizient sein, sondern nur geschäftstüchtig genug, um die Preise zu diktieren. Die dummen Schafe dort unten hoben anstelle eines Schatzes gerade ihr eigenes Grab aus, das aber würden sie erst merken, wenn es zu spät war: Im nächsten Jahr, wenn die Preise für landwirtschaftliche Produkte wieder dort lägen, wo sie Bollewieks Ansicht nach hingehörten.

 

Drei Tage lang hatte der Spuk angedauert. In dieser Zeit war die Fruchtbarkeit von Matthes‘ Acker auf denselben Nullpunkt heruntergefahren worden wie die Hoffnung, hier des ersehnten Edelmetalls noch fündig zu werden. Die meisten hatten bereits aufgegeben, saßen ungläubig und mit den Stielen der mitgebrachten Arbeitsgeräte immer wieder gegen ihre Köpfe schlagend um ihren zur Wüstenei mutierten Traum herum und beobachteten jene, die sich noch verzweifelt dagegen wehrten, aus diesem zu erwachen. Eigentlich hatten alle zu viel investiert, zu viel Kraft, zu viele Zukunftsvisionen, um jetzt einfach aufzuhören. So ging auch niemand nach Hause; alle blieben und drückten dem einzig verbliebenen Kämpfer gegen die Widrigkeiten des Schicksals die schmerzenden Daumen, auf dass es ihm gelänge, diesem Schicksal doch noch ein Stück der Hoffnung zu entreißen, die alle anderen bereits hatten fahren lassen müssen.

Nils Petersen hieß dieser letzte Aufrechte, ein blonder Hüne, dessen Intellekt sich in den Oberarmen gesammelt hatte, anstatt von der Leber abgebaut zu werden, und der sich mit den Umständen nicht abzufinden bereit war. Er grub und grub… bis er mit der Spatenspitze auf etwas stieß, das ein Geräusch verursachte, welches sich von jenem der in Unzahl zutage geförderten Feldsteine unterschied. Unruhe kam auf, die nach und nach, in der Abfolge der eingetretenen Lethargie, einen jeden ergriff, auf die Füße zwang und zum Epizentrum der neuerlich einsetzenden Erwartung trieb.

Vorsichtig wurde das Artefakt freigelegt, das sich zu aller Leidwesen den Anwesenden nicht als eine Schatzkiste offenbarte. Es war… eine Flasche, von ähnlicher Art wie jene, die das alles hier zu verantworten hatte. Und auch sie enthielt ein Stück Papier.

Mit einer Jahreszahl »1721«.

Mit einer Karte der Insel Greetland.

Mit einem Kreuz darin.

Aber das Kreuz markierte eine andere Stelle: Bollewieks Acker.

Man schöpfte Kraft und Hoffnung. Der Tross formierte sich von Neuem und zog das Inselvolk hin zu der Stätte, wo dessen Schicksal begraben lag…

 

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