Von Andreas Kraft

Für spirituelle sprachenbegabte Geschichtsaffine mit Sinn für Unsinn und Lieblingsfarbe GRÜN

Ich habe mich nie sonderlich für Grönland interessiert, alles was ich hier darüber schreibe, hatte ich im Nachhinein erfahren oder On the go!, wie man so schön sagt. Die teilvereiste Insel als „Grüne Insel“ zu nennen, war eine Werbe-Aktion von Erik dem Roten. Er dachte eine „Grüne Insel“ würde einladender klingen und somit mehr Siedler locken. In der Tat war die größte Insel der Welt vor knapp 1.000 Jahren grüner. Denn die Jahres-Durchschnittstemperaturen lagen 2-4° C höher als heute. 

„…sie kamen mit Schwertern. Wir flehten um Gnade…“ Wegen Rache-Mordes verbannt, entdeckte der geächtete Nordmann das kaum besiedelte Land Ende des 9. Jahrhunderts. Im Südwesten fand seine 30 Mann starke Mannschaft eine geeignete Weide-Landschaft. Kurz darauf holte der Rotbart seine Familie ins „Gelobte Land“. Immerhin 14 von 25 Schiffen kamen an, Eriks Archen mit Tieren- und Menschen-Paaren. Ade Erikstad auf Island. Ahoi neue Heimat Grönland.

Das Böse lag scheinbar in der Familie, denn bereits Eriks Vater Thorvald wurde wegen „unberechtigten“ Mordes des Landes Norwegen verwiesen. Erik war gerade mal 10 Sommer alt. Das war krass, nicht nur weil die Sippe der „Raudis“ wegen Mordes zum wiederholten Male eine Reise gewonnen hatte. Aber so war das Wikingerleben vor über 1.000 Jahren, Mord und Todschlag, Thor und Odin. Barbarisch! 

Leif Eriksson, Leif Eriks mittlerer Sohn, machte einen noch größeren Sprung. Es war ein Katzensprung für ihn, aber ein riesiger Schritt für die Menschheitsgeschichte. Um das Jahr 1.000 fand er den mittleren Weg nach Nord-Amerika, knapp 500 Jahre vor Kolumbus. Den Stein des Anstoßes gab Eriks Holzhändler. Auf der Überfahrt nach Grönland geriet der Holz-Dieler während eines heftigen Sturms auf den Holzweg Richtung Westen. „Land in Sicht!“, bemerkte der Treibholz- Typ. Er klopfte an die hölzerne Pforte der neuen Welt, doch betreten hatte er das Land wohl nicht als Erster. Von dieser Begebenheit bekamen die Erikssons Wind. „Der Glückliche“ war die Nummer 1. That’s Leif! 

Die folgende Geschichte handelt gleichermaßen von einer kuriosen Entdeckung.

Wie komme ich auf Grönland? Es ist alles andere als naheliegend, weder buchstäblich noch sprichwörtlich. Und dennoch hat mich ein Wind des Schicksals dorthin verschlagen. Mein bester Freund Lasse hat bei einem Gewinnspiel eine Reise für zwei Personen auf die „Grüne Insel“ gewonnen. Da er damals keine Freundin hatte, kam mir die große Ehre zu Teil, ihn auf dieser „Glückssafari“ zu begleiten. Ob ich mich als zweite Wahl gefühlt hatte? Wie gesagt, bester Freund. 

Für Lasse und mich galt es die grüne Insel zu entdecken. Wir freuten uns auf den Tapetenwechsel. Wie Trunkenbolde und Taugenichtse wollten wir es uns gut gehen lassen, all inclusive versteht sich. Die Disko-Bucht konnte warten. Der geschenkte Gaul nahm Gestalt an in Form von einem Flug über Island nach Narsarsuaq in Grönland. Alles economy, versteht sich. Also keine großen Sprünge für die touristische Menschheit. Unser Boot erreichte sicher das Fischerdorf in den Tunulliarfik-Fjords. Eine Holzhütte nannten wir für 7 Tage unser eigen. Für unser leibliches Wohl sorgte die Vollpension-Verpflegung, mit kulinarischen Freuden aus Meeres-Früchten und Delikatessen wie Zuckerrüben. Eine der geführten Wandertouren sollte zur geschichtsträchtigen Siedlung von Erik dem Roten führen, Brattahlid. 

Das Highlight sollte noch kommen, doch schon am 2. Abend hatte Lasse den Bock abgeschossen. Wir hatten das Vergnügen an einer kulturellen Zusammenkunft der Inuit teilzunehmen, samt traditioneller Musik und Trachten. Der Gesang hörte sich an wie eine Mischung aus Tier-Imitation und Kopulieren. In diesem Zusammenhang wollte Lasse unbedingt ein Inuit Mädchen kennen lernen. Die Liebe kennt keine Grenzen aber die Kommunikation stößt schon mal auf Sprachbarrieren. Lasse hat sich ausdrucksstark mit Händen und Füßen um Kopf und Kragen geredet. Diese Art der Völkerverständigung erinnerte mich eher an Ausdruckstanz. Aus dem Annäherungsversuch wurde nichts. Aber ich bin mir sicher, Lasse wird sich der Inuit für immer in die Erinnerung eingebrannt haben. Vielleicht nicht als Herz erobernder Wickinger aber als der bewegteste Fest-Länder der Welt. Es war ein Bild für die Götter und ein Fest war’s alle Mal.

Der 3. Tag unseres Aufenthalts hatte es in sich. Wir hatten bereits eine Wandertour hinter uns und waren mächtig „gefläscht“ von der weiträumigen Landschaft. Die 10-400 Inuit-Ausdrücke für Schnee in deren Landessprache Kalaallisut waren nicht nötig, denn der kurze aber knackige Sommer hatte die Insel botanisch überrollt. Alles im grünen Bereich, wie versprochen. Einem Mörder sollte man nicht trauen. Aber in diesem Punkt hatte der olle Thorvaldsson nicht gelogen. Umso mehr freuten wir uns, mehr zu sehen. Meer sahen wir dann auch fast ununterbrochen, denn der Wanderpfad zog sich entlang der Küste. Ein schöner Kontrast in einer abgeschiedenen Boxring-Ecke vom grün und blau geschlagenen Planeten.

Eine eingeschobene Anekdote soll aus der Tragödie unbeabsichtigter Entdeckungen eine „Göttliche Komödie“ machen. Meine Wanderschuhe bekam ich im Teenager-Alter. Da ich noch am Wachsen war und die Investition sich auf lange Sicht lohnen sollte, waren die Wanderschuhe 2 Nummern zu groß. Mein Vater überzeugte mit der Tatsache, mehrere paar Socken würden vor Blasen an den Füßen schützen. Ein alter Wandersmann-Trick seiner Zeit. Ich musste meinen Vater wörtlich nehmen, denn in mein Schuhwerk passten zusätzlich 3 Paar Socken, damit die Füße darin nicht verloren gingen. Das blieb noch nach Jahren so. Meine 3 Paar „Glückssocken“ blieben ungewaschen, ein Ritual aus meinen Teenager-Zeiten. Genau diese 3 Paar begleiteten mich auf meinem Grönland-Abenteuer.

Nach 3 Stunden Fußmarsch, endlos beeindruckt von Naturerlebnissen, sahen wir auf einer grünen Fläche Steinruinen einer Kirche. Die erste christliche Andachtsstätte, angeblich von Eriks Frau Thorhild errichtet. Grönland war keineswegs ein seelenloser Ort. Im Wettstreit zwischen den Katholiken und Protestanten wollten die Zweiteren erste sein. Leider Gottes bekriegten sich Christen barbarisch untereinander. Kriege des Glaubens wegen zu führen, kann keine göttliche Idee sein. Wo war nur der Friedensnobelpreis 1618?

Wir fanden unseren Seelen-Frieden am Meeresufer, wo wir nach der langen Wanderung einen kleinen Imbiss zu uns nahmen. Ich hingegen nahm reiß aus, da ich kurz austreten musste. Nennt mich den “Glücklichen mit einem Frauen-Bläschen“, denn ich war der Erste, den es an das stille Örtchen zog. Hinter einem Felsen direkt an der Wasserlinie fand ich als erstes Entspannung. Nachdem ich mein kleines Geschäft erledigt hatte, drehte ich mich nochmal Richtung Meer, um den Augenblick vollends zu genießen. Beinahe hätte ich Goethe zitiert, um den Moment zeitlich einzufrieren. Der Spruch passte wie Faust aufs Auge. Dieses blauäugelte mit einer vermoosten grünen Flasche, die zwischen zwei Steinen eingekeilt war. Ab da glaubte ich nicht mehr an Zufälle. Denn ich entdeckte neben natürlichen Klo-Schüssel eine heilige (lat.: Gral). Damit meine ich nicht einen offenen Schädel, aus dem die Wickinger ein höllenstarkes Gebräu tranken. 

Wie ein Wickinger Schwert hielt ich die Flasche am Hals. Mit etwas Kraftanstrengung entriss ich sie dem ältesten Gestein der Welt. In der Flasche befand sich zusammengerolltes Papier, so viel konnte ich von außen erkennen. Enthusiastisch aufgeregt entfernte ich den verwitterten Stopfen. Des historischen Dokuments nicht bewusst, war ich nicht gerade zimperlich beim Rausfischen. Ich entfaltete das zerknitterte Stück Geschichte. Mein erster Blick fiel auf das Jahr in der rechten oberen Ecke. 

1721

Wow, was war das für ein Jahrgang?! Die Oper „Der geduldige Sokrates“ wurde in Hamburg uraufgeführt. Peter I ließ sich zum Zar vom russischen Kaiserreich krönen (fin.: Rus = Waräger/Wickinger). Der Protagonist vom vergilbten, jedoch trocken gebliebenen Schreiben war irgendein Hanswurst. Das war das Einzige, was ich auf Anhieb erkennen konnte. Denn das Schreiben war auf… Norwegisch, was ich erst später erfuhr. Langsam erahnte ich den historischen Wert von meinem Fundstück. Ich verbarg die Flasche unauffällig in meiner Daunenjacke. Auf der Holzhütte zeigte ich meinem besten Freund mit dem finnischen Namen, was mir zufällig zugefallen war. 

In die Flasche warf ich ein paar grönländische Münzen und hab es wie ein Andenken aussehe LASSE (Hessisch). Das Schriftstück schmuggelte ich im Zeichenblock, vermischt mit meinen eigenen Notizen. Ich ließ es übersetzen. Hanswurst entpuppte sich als ein alter Norweger dänischer Abstammung, der umstrittene Pfarrer Hans Egede. Er ging 1721 mit seiner Familie auf Missionsreise an die Ostküste der „Grünen Insel“. Die Strömung muss die Flaschenpost bis hierher getrieben haben. Doch das war reine Physik, je grüner desto schwimmt. Viel wesentlicher war die Botschaft vom „Apostel der Grönländer“. Gewissermaßen steckte Geist in der Flasche.

Es ist ein heikles Thema, einem Volk seine Werte aufzuerlegen. Wie auch immer man darüber denken mag, ich packte die BOOTschaft in Reime und schicke Dich damit zur Hoffnungsinsel:

Liebe Geschwister, ihr seid von Gott auserwählt,
seine geliebten Kinder, die er zu den seinen zählt
Herzliches Mitgefühl, GÜTE,
Bescheidenheit, Nachsicht, GEDULD,
Gegenseitig Vergebung,
Ausschluss von Unrecht und Schuld

Das stärkste zwischenmenschliche Getriebe, die LIEBE
Sie ist das Band, das umarmt wie GRÜNwurzelnde Triebe
Der FRIEDE, die FREIHEIT euer Leben bestimmen.
Genießt es in Maßen mit all euren Sinnen

LASSE Botschaft der Liebe ihren Reichtum entfalten
unter allen Geliebten, sowohl jung wie auch alten
Überschüttet einander mit gottgeistlicher WEISHEIT
Dankt dem Schöpfer mit Liedern, die allseitig begeistern

Bewusst oder unbewusst, habt ihr GNADE erfahren,
Gott wird weiterhin jeden vor dem Bösen beWAHRen

(fin.: Hei hei! ) V3 (<10.000)