Von Daniela Recht

Hundert Mal war er es in seinen Gedanken durchgegangen. Hundert Mal hatte er nach Ideen gesucht, aber keine Lösung gefunden. Schweißperlen rannen ihm das Gesicht herunter, die er sich mit der feuchten Handfläche von der Stirn abwischte. Dann biss er gierig in sein Sandwich, das sein Vater ihm mitgegeben hatte und ließ sich auf den Sand fallen. Er sah den Pazifik, dessen Blau sich ihm wie ein guter Freund vor seinen Augen erstreckte, erblickte die Wellen, die mit Regelmäßigkeit und Sanftheit Wasser mit weißem Schaum ans Ufer trugen. Er kannte dieses Schauspiel in- und auswendig. Obwohl er es mochte, sehnte er sich nach etwas Anderem. Je mehr er schwitzte, desto weniger konnte Lyle sich konzentrieren. Als er den letzten Bissen herunter geschluckt hatte, legte er sich hin, während die Sonne gnadenlos auf sein Gesicht brannte. Er zog sein Brisbane Roar FC-Käppi tiefer ins Gesicht, damit er klarer denken konnte. Der Junge schloss seine Augen. Mit voller Konzentration stellte er sich die Dächer mit weißer Schneepracht vor, sah sich selbst, wie er durch die weiße Landschaft stampfte, hörte das Knistern durch die Bewegungen seiner Stiefel, das vom Ziehen des Schlittens begleitet wurde. Es war wie Musik in seinen Ohren. Er lächelte. Dann holte ihn das Rauschen des Meeres wieder zurück in die Wirklichkeit. Der Schnee, den er gerade noch wahrgenommen hatte, verschwand so schnell, wie er ihn sich eingebildet hatte. Tief seufzend schlug er die Augen auf, richtete seinen Oberkörper auf und starrte wieder auf das Wasser, wobei seine Hände mit dem Sand spielten.

«Blöde Sonne. Blödes Australien.»

Beim Aufstehen versuchte er den Sand, der sich überall an seiner Kleidung und Sandalen angesammelt hatte, abzuschütteln. Mit dem rechten Fuß kickte er den Boden, wodurch einzelner Sandstaub in alle Richtungen davon wehte. Lyle rückte seine Kappe zurecht und fuhr mit entschlossenem Gesicht mit dem Fahrrad davon.

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«Schreib’ Aktivitäten, klingt besser. Und verwitwet. In dem Fall von deinem Vater passt das.» Lyle wunderte sich, woher Peter immer diese Wörter aufschnappte. Der Bleistift seines Freundes steckte hinter seinem Ohr, wie er es oft bei den Kollegen seines Vaters im Büro gesehen hatte. «Und jetzt lies’ vor, wie das klingt.» Peter ging auf und ab, die Hände hinter dem Rücken verschränkt, als ob er sich so besser konzentrieren konnte.

«40-Jähriger Australier, verwitwet, sucht jetzt neue Frau für viele gemeinsame Aktivitäten. Liebt Schnee und möchte gemeinsam in der weißen Landschaft Spaziergänge unternehmen, Schneemänner bauen und danach zusammen vor dem Kamin sitzen und heiße Schokolade trinken.» Lyle hielt inne, sein Blick wanderte von dem Blatt Papier zu Peters Gesicht. Fragend blickte er seinen Freund an.

«Klingt doch super.» Peter grinste über das ganze Gesicht, als ob er gerade das Geschäft seines Lebens abgeschlossen hätte.

«Ja, und wie machen wir jetzt, dass sich nur Frauen melden, die Schnee haben?»

«Internet. Ist doch klar. Wir machen ein Profil für deinen Vater und wollen nur Antworten von Frauen, die aus Schneeländern kommen. Skandinavien. Oder Deutschland. Mein Bruder war letztes Jahr in Deutschland und hat mir gigantische Bilder vom Skifahren gezeigt.»

Lyle freute sich, einen Freund wie Peter zu haben. Nicht nur, weil er immer alle Antworten  wusste und ein Internetfreak war, sondern weil er einfach immer für ihn da war. So wie jetzt.

«Papa und eine deutsche Frau? Ich weiß nicht. Wie sind die denn so?»

«Mein Bruder hat mir erzählt, dass sie alle blond sind, groß und richtig nett.»

Lyle zuckte mit den Schultern. Er war nicht sonderlich begeistert bei dem Gedanken, eine neue Mutter zu bekommen, aber solange er dafür Schnee bekam, war er mit allem einverstanden. Mit seinen sechs Jahren hatte er noch nie Schnee gesehen oder angefasst. Lyle glaubte, dass damit nun endlich Schluss sein sollte. Eine Frau musste her und das am besten sofort.

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Wieder keine Nachricht. Mit gesenktem Kopf stand er auf und blickte auf den Bildschirm. Drei Tage waren seit der Erscheinung der Kontaktanzeige vergangen und bisher hatte sich keine einzige Frau gemeldet. Was war denn nur mit den Frauen los? Lyle biss lustlos in den Apfel. Er dachte, dass er jeden Tag nach der Schule tausende von Mails beantworten würde und hatte sich schon ausgemalt, wie er an Weihnachten unterm Christbaum sitzen und nach der Geschenkvergabe draußen im Schnee spielen würde. Da. Es rührte sich etwas. Endlich. Mit roten Backen las er:

Deutsche Frau liebt Australien und würde gerne ihre Erinnerungen an dieses tolle Land mit dir auffrischen!

Mit Herzklopfen schaute Lyle auf den Monitor, guckte nach oben, unten, links, rechts, fragte sich, wo der Rest der Nachricht geblieben war.

«Ziemlich mager», bestätigte so auch Peter später, den Lyle wieder zu sich beorderte, um fachmännischen Rat zu bekommen. «Und die Frau können wir eh nicht gebrauchen. Sie will ja hierherkommen, aber wir brauchen ja eine Frau, die dich zu sich nach Hause einlädt. Capisc?» Peter nahm seinen Bleistift vom Ohr und steckte ihn wie einen Zigarettenstummel in den Mund. Mit ein paar Klicks löschte er ein paar Wörter und ersetzte sie flink durch neue. Dann las er in demselben trockenen Ton wie ein Nachrichtensprecher vor:

«Es ist mir hier zu heiß, suche nach Abkühlung im Schnee, am liebsten mit einer netten und lustigen Frau. Ich möchte dich in deinem Land kennenlernen, nichts ist mir zu weit. Deutschland mag ich am liebsten.» Peter stoppte und fügt dann hinzu: «Und dann setzen wir den Rest vom Text dazu. So ist ganz klar, was wir wollen.» Lyles Gesicht erhellte sich. Am liebsten hätte er Peter umarmt, wusste aber, dass sein Freund das alles andere als cool finden würde. So formte er seine beiden Fingern zu einem V und hielt sie grinsend in die Luft. Er fühlte sich irgendwie wie ein Gewinner.

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Die Euphorie hielt jedoch nicht lange an. Jeden Tag nach der Schule prüfte Lyle sein Emailfach und bekam keine Nachricht. Auch sein Freund verstand das nicht. «Unsere Anzeige ist doch so gut.» Peter hielt Lyle ein Stück Schokolade vor die Nase. «Komm, es passiert schon noch was. Wirst schon sehen.» Doch nichts geschah. Die Wochen vergingen und nichts passierte. Traurig fuhr Lyle mit seinem Fahrrad an die Küste, wie er es nun beinahe jeden Tag in den Ferien machte. In der Zwischenzeit war es Dezember geworden und die Werbungen im Fernsehen zeigten Bilder vom Weihnachtsmann, während die Temperaturen in Queensland auf über 30 Grad stiegen. Lyle wünschte sich nichts sehnlicher, als einen Skianzug anzuziehen und im Schnee herumzutollen. Oft träumte er sogar nachts davon. Er stieg von seinem Fahrrad ab, blieb am Strand und starrte mit hängenden Mundwinkeln in die Weite. Er fand das Leben ungerecht und beneidete alle Kinder, die jetzt in dieser Jahreszeit rote Backen vor Kälte hatten. Er blies sich eine Haarsträhne aus dem Gesicht und holte ein Notizbuch aus seiner Tasche. Langsam fing er an zu schreiben:

 

Lieber Weihnachtsmann,

 

Peter meinte, dass es dich gar nicht gibt, aber ich glaube noch an dich, aber das darfst du Peter bitte nicht verraten. Er findet sowieso, dass ich noch so klein bin. Lieber Weihnachtsmann, eigentlich wünsche ich mir nicht viel dieses Jahr. Einen Gameboy habe ich schon, ein Fahrrad auch. Auch genug Spielzeug. Aber was ich mir wirklich wünsche, ist hier schwer zu kriegen. Ich möchte nicht undankbar sein. Ich mag Australien. Aber leider gibt es hier keinen Schnee und den möchte ich so gerne mal erleben. Vor allem zu Weihnachten. Ich kann mir nicht Schöneres vorstellen, als am 25. Dezember meine Geschenke auszupacken und die Schneeflocken vom Fenster aus zu beobachten. Ich weiß, dass viele Kinder dich um viele Dinge bitten. Aber du hast doch so viel Schnee, da dachte ich mir, dass du mir vielleicht welchen mitbringen kannst. Du kommst doch nach Australien, oder?

Ich erzähle dir auch kurz, warum ich Schnee so gerne habe. Also, meine Mama, sie lebt leider nicht mehr. Sie ist vor zwei Jahren an einer Krankheit gestorben. Aber sie hat immer zu mir gesagt, dass wir Weihnachten einmal woanders feiern werden, da wo es viel Schnee gibt. Sie hat mir nämlich erzählt, dass ihr Großvater aus, woher hab’ ich vergessen, aber als Kind hat sie Weihnachten immer bei ihm verbracht. Ein Foto habe ich von ihr, als sie so alt war wie ich. Sie steht ganz vorne und im Hintergrund gibt es einen lustigen Schneemann mit Hut und Karotte und allem. Das möchte ich auch gerne machen.

Ich weiß nicht, aber wenn ich dasselbe machen könnte, sie würde wieder bei mir sein. In meinem Kopf natürlich, nicht echt.

Danke für deine Aufmerksamkeit. Danke für den Weißen Schnee. Frohe Weihnachten.

 

In Liebe,

 

Lyle xoxoxo

 

Lyle faltete seinen Brief zusammen und machte sich auf den Weg. Er warf seinen Zettel in den nächsten Briefkasten, den er finden konnte. Er fühlte sich viel besser. Alles würde gut werden. Das hatte seine Mama auch immer gesagt. Mit einem Lächeln auf dem Gesicht klopfte er an Peters Tür und wartete, bis sein Freund ihn hineinließ.