Von Daniel Büttrich

Der Motor von meinem verdammten Golf 2 stottert. Diese 30-jährige, innig geliebte Schrottkarre wird doch wohl nicht jetzt, in dieser verfluchten Einöde, ihren Geist aufgeben! Hatte schließlich erst kürzlich die Zündkerzen gewechselt. Und mein Handy hat keinen Akku mehr. Das alte Nokia-Gerät flackt nutzlos auf dem Beifahrersitz und ist im Arsch. Ich sage es gleich vorweg: Ich bin ein Retro-Typ. Ich umgebe mich gerne mit Retro-Sachen. Mag den Geruch von alten Dingen. Mag den dreckigen Glanz alter Lampenschirme. Mag auf vergilbten Blättern Papier verrückte Gedichte im Stil der Beatniks schreiben. Ich rieche sogar gerne an alten Zeitungen. So viel zu mir. Ich drücke auf das Gaspedal, aber die verdammte Karre lässt mich im Stich. Gibt einfach im namenlosen Nirgendwo vor irgendwelchen krummen, verfickten Bäumen ihren Geist auf. Laternen gibt‘s hier auch keine. Wo ist nur die Taschenlampe, wenn man sie braucht!? Ich taste mit meinen Pranken die Rückbank ab, als ein Lichtstrahl den Innenraum erhellt und Reifen quietschen.

Ich sehe auf der Landstraße neben meinem Golf einen großen Lkw stehen.

Hinter einer Scheibe, die langsam nach unten fährt, taucht ein rundes Gesicht auf. Es sieht chinesisch oder japanisch aus.

„Bruder, brauchst du Hilfe?“, fragt das Mondgesicht.

„Die Kiste hat ihren Geist aufgegeben. Kannst du mir Starthilfe geben?“, antworte ich.

Kurze Zeit später öffnet sich die Beifahrertür des Lkw und ein Sumoringer steigt aus. Ich sehe eine so große Masse von menschlichem Fleischberg zum ersten Mal in meinem Kleinkriminellenleben.

„Machen wir Starthilfe! Ich bin übrigens Rudi!“, raunt der Sumoringer.

„Frank.“

Nach ein paar Handgriffen laufen die Motoren, und meine anfänglichen Vollpfostenzweifel, ob ein Lkw einem Pkw Starthilfe geben kann, sind verflogen. Die Kiste hat wieder Saft.

„Bruder, hast du Bock auf einen Burger im Restaurant um die Ecke? Dann fahr hinter mir her.“

Ich habe heute meine Deals schon erledigt, habe im Augenblick keine Mieze daheim und habe es nicht eilig, in die Koje zu kommen. Ich sage ja. Ich werde dem Sumoringer ein Getränk ausgeben.

Der Weg führt uns über eine holprige Landstraße durch den gruseligen Wald. Auf einmal macht der Lkw eine scharfe Kurve und biegt auf einen Feldweg ab. Tatsächlich zeigt das Umleitungsschild nach rechts in den Wald. Verfickt noch einmal, denke ich mir, wenn der Dicke jetzt ein verdammter Ted Bundy ist, hat er auf dem gottverdammten Feldweg beste Chancen. Ich fahre weiter hinter ihm her. Bin ja kein Hosenscheißer.

Plötzlich steht ein cooles Holzrestaurant mit einem großen, beleuchteten Parkplatz vor uns. Mitten im tiefsten Wald! Ist das ein Gruselmärchen, werden wir gleich von der Hexe aus Hänsel und Gretel gefressen?!, frage ich mich. Als ich aus meinem Golf aussteige, beschleicht mich ein leicht mulmiges Gefühl.

„Hey Bruder, ich wollte eigentlich zum Mc Correct fahren auf einen Big Mac. Aber die Umleitung kam mir dazwischen. Eines kann ich dir sagen, Bro: Dieser Schuppen ist keinen Deut schlechter! Ein Geheimtipp. Wird dir gefallen, Bruder!“, versichert mir Rudi, während er mir in freundschaftlichem Gestus brutal auf den Rücken klopft.

„House of the borderlining wankers… Klingt vielversprechend!“, gebe ich zur Antwort.

In der Hütte schlägt uns ein ohrenbetäubender Lärm entgegen. Ein beißender Uringeruch kriecht in meine Nase. Offenbar war für einige Gäste der Weg zur verkackten Toilette zu weit. Die Bude ist voll mit Truckerfahrern, Bikern, Rockern und sonstigen Alkoholikern. Es wird lautstark geredet und gesoffen.

„Genau so stelle ich mir ein ordentliches Restaurant vor!“, drücke ich Rudi gegenüber mein Wohlgefallen über den Pressluftschuppen aus.

Aber das Beste: Die Bedienungen! Verdammt, ich kann meine Glupschaugen nicht von den Bedienungen lassen!

„Die Bedienungen!“, brüllt Sumo-Rudi, und betont mit einer Handbewegung deren körperlichen Vorzüge.

Ein Flashback aus meiner Jugend überfällt mich unvermittelt. Ich sitze vor meinem kleinen Schwarz-Weiß-Fernseher in der Dachkammer und schaue Russ-Meyer-Filme. Verdammt glückliche Freitage, verdammt schöne Onanierstunden meiner Jugend! Diese Kellnerinnen müssen aus den Russ-Meyer-Filmen sein, die Ähnlichkeiten sind überwältigend! Wir finden einen Platz inmitten einer Horde von verwegen aussehenden Rockern in Holzfällerhemden. Typen, die in den 90er Jahren hängen geblieben sind. Kein Vorwurf, die 90er waren keine schlechte Zeit!

„Gleich geht die Show los!“, teilt Sumo-Rudi voller Vorfreude mit.

„Welche Show?“, will ich von ihm wissen.

„Sie zeigen auf der Großbildleinwand einen Amateurporno“, erklärt Rudi.

Und dann öffnet sich der Vorhang und die Scheiße beginnt. „Wie der streunende Pornograf und seine streunende Pornogräfin beim Jodeln auf einer Almwiese von einer Horde bissiger Stuten überrascht werden, und der idyllische Nachmittag in einer monumentalen Orgie endet – Beißer-Pornographie der Spritzenklasse Teil 3“ heißt das grausam schlechte Machwerk. Ich bestelle 3 große Bier für Rudi und mich und gebe der sexy Bedienung 10 Euro Trinkgeld.

„Wo geht es hin, Rudi?“, frage ich.

„Osteuropa. Baustoffe.“

Ich nicke und merke nebenbei, wie wenig mich Sumo-Rudi interessiert. Kaum mehr als der dumpfe Splatter-Porno, der die sabbernde Meute bei Laune halten soll.

„Es gibt bessere Filme in dem Genre.“ Sumo-Rudi scheint meine Gedanken lesen zu können.

Auf einmal registriere ich einen verfickt starken Schmerz an meinem rechten Ohr. So was wie ein Biss. Aber mehr als ein Mückenbiss. Ich schaue zur Seite und sehe, wie mein vollbärtiger Nachbar im Holzfällerhemd genüsslich auf irgendetwas herum kaut. Dann fasse ich an mein Ohr, das stark blutet.

„Verfluchter Zombie-Hurensohn! Verflucht und zugenäht, ich bin nicht Evander Holyfield und das ist kein Boxring!“, schreie ich. Ich blicke Sumo-Rudi an, der stoisch in seinen Burger beißt.

Im nächsten Moment fallen Schüsse. Einer der Schüsse erwischt den kauenden Holzfällerzombie voll am Schädel. Ich blicke mich um. Ein älterer Mann in Soldatenuniform steht wie eine Ikone auf einem Tisch und ballert um sich. Er ist umgeben von einer Meute von bleichen Zombies. Der Mann hat eine beeindruckende Treffsicherheit.

„Kommen Sie mit mir! Ich bin General a.D.!“, ruft mir die Ikone zu. Ich bahne mir einen Weg durch die Tomatensuppe.

„In zwei Minuten sind wir hier raus“, verkündet der General.

„Gegen Energievampire: Eiserne Disziplin! Gegen fleischfressende Nihilistenzombies: Militärische Härte! Gegen stalinistische Konsumideologen: Unerschütterlicher Glaube! Gegen das alltägliche Phlegma: 50 Liegestütz und 30 Minuten Ausdauerlauf!“, intoniert er eindrucksvoll, während er mit seinen Schusssalven die Nihilistenzombies auf Abstand hält.

Der Mann hat es drauf. Als sich keiner der Zombies mehr rührt, verlassen wir das Restaurant.

„Die Burger in dem Laden sind gut. Aber man kommt nie in Ruhe zum Essen! Das nächste Mal kommen Sie mit Schusseisen!“, gibt mir der General einen Tipp.

Daraufhin verbindet er mir das Ohr und verabreicht mir ein Serum gegen Zombie-Bisse. Anschließend erzählt er mir eine glatte halbe Stunde von militärischen Figuren der Weltgeschichte, Eisenhower, Mannerheim, Gneisenau, Bismarck und so weiter. Er gibt mir seine Visitenkarte und verschwindet.

„Bei Problemen mit Zombies melden Sie sich einfach bei mir! Ich bin so etwas wie der Van Helsing in dieser Region!“, ruft er mir hinterher.

„Sie sind mein Mann!“, verabschiede ich mich freundlich.

Als ich die Autotür öffne, torkelt Sumo-Rudi aus dem Restaurant.

„Auf bald!“, ruft er mir zu.

„Du musst nächstes Mal die Burger probieren!“

„Ja, mache ich, Rudi! Mache ich ganz bestimmt!“

 

„Verfickte Umleitung!“

„Welche Umleitung?“, fragt Mona. „Da war kein Umleitungsschild. Wo fährst du hin, Frank?“, fragt mich mein Schatz.

„Ich war gerade in Gedanken. Ich habe mich an einen Tag erinnert, an dem ich einem Sumo-Ringer in seinem Lkw wegen einem Umleitungsschild in den Wald folgte. In ein krasses Restaurant mit dem Namen House of the borderlining wankers. In den tiefen Wald, Baby. In den verdammt tiefen Wald. Kennst du den tiefen Wald? Nein? Dann lernst du ihn gleich kennen. Wir fahren nämlich jetzt genau zu diesem Schuppen. Ich habe Hunger, Baby!“, antworte ich ihr.

Mona surft auf ihrem Smartphone.

„Ich habe auch Hunger!“, sagt meine kleine Rothaarige nach einer Weile und schaut mich gierig an.

„Worauf denn?“, will ich von ihr wissen.

„Auf Hirn! Gebackenes Hirn mit Erdäpfelsalat! Und das gibt es in dem Restaurant, das du jetzt ansteuerst, auf der Tageskarte! Ich habe mich auf der Webseite des House of the borderlining wankers informiert! Auf der Leinwand zeigen sie übrigens „Denn sie wissen nicht was sie tun“ mit James Dean und Nathalie Wood. Ich liebe diesen Film!“.

Ich lächle Mona an. Sie ist so eine hübsche Frau. Sie hat schöne Augen, schöne Haare, schöne Zähne, schöne… Alles an ihr ist schön. Ich könnte mir vorstellen, sie zu heiraten, wenn ich von Heiraten was halten würde. Das tue ich aber nicht. Zumindest kann ich mir vorstellen, mit ihr zusammen zu bleiben bis der Tod uns scheidet.

„Mona“, beginne ich mit einem bedeutungsschwangeren Unterton, „ich glaube, wir zwei passen sehr gut zusammen!“

„Oh ja, Baby, verfickt gut!“, haucht Mona.

„An Dienstagen ist der General nie da. Heute können wir in Ruhe essen und glücklich sein“, rede ich vor mich hin.

„Was?!“, fragt Mona.

„Ach nichts!“

 

– 3. Version –