Von Regina Weeg

Während ich mit spitzem Zeigefinger erwartungsvoll auf den großen Schalter drücke, schlürfe ich genussvoll meinen ersten Schluck Kaffee. Langsam setzt sich die Rollade des Küchenfensters schnurrend in Bewegung und mit jedem Zentimeter, den ich vom beginnenden Tag erblicken kann, wächst meine Freude. Hunderte von Regentropfen fallen gegen die Fensterscheibe und das erste Tageslicht spiegelt sich in einer riesigen Pfütze auf unserer Terrasse. Der Großeinsatz bei meiner Schwiegermutter fällt heute buchstäblich ins Wasser!

Gestern Nachmittag war mein Plan für dieses Wochenende eigentlich fertig gewesen. Ganz kurzfristig hatte es sich ergeben, dass ich nach einer gefühlten Ewigkeit nur Zeit für mich haben würde. Ein sogenanntes „sturmfreies Wochenende“. Eine Bezeichnung die auch in meinem Alter – oder gerade deshalb, wieder an Bedeutung gewonnen hat. Mein Mann ist geschäftlich unterwegs und durch Verzögerungen in der Bauplanung muss er ein, zwei Tage „dranhängen“. Und Mike, unser Sohn kommt seit Beginn seines Studiums ohnehin nur noch, wenn sein Wäschekorb überläuft und das war erst letztes Wochenende der Fall gewesen. Bleibt noch Jule, aber die war überraschend mit Johannes, ihrer neuesten Errungenschaft fröhlich kichernd an die Ostsee getourt.

So hatte ich mir meine Jacke geschnappt, mich auf meinen Drahtesel geschwungen und war freudestrahlend zu unserem örtlichen Drogeriemarkt geradelt, der in einer beeindruckenden Vielfalt Produkte anbietet, mit denen Frau ihr heimisches Bad in einen wahren Wellnesstempel verwandeln kann. So erwarb ich Kleopatra- Badekugeln auf Stutenmilchbasis für ein samtig zartes Hautbild, eine Luxushaarkur für unwiderstehlichen Glanz und eine Goldmaske, die einem müden und knitterigem Gesicht ein gestrafftes Erscheinungsbild mit Sofortgarantie versprach. Betörend duftende Teelichter rundeten den Einkauf ab.

Da ich jeden Freitag Abend das Angebot unseres hiesigen Sport- und Turnvereins nutze, wobei ich mich im Kreise von acht Gleichgesinnten zu leiser Entspannungsmusik mehr oder weniger geschmeidig dehne und strecke und ich diese Zeit immer sehr genieße, sollte „meine Auszeit“ erst, aber dann direkt, am Samstag Morgen beginnen.

Jedenfalls bis der Anruf meiner Schwiegermutter alles ins Wanken brachte. 

Edeltraut ist eine Seele von Mensch und ich habe sie wirklich lieb. Mittlerweile hat sie ein stolzes Alter erreicht und ist, um es mal mit den Worten unserer Kinder auszudrücken, fit wie ein Turnschuh. Wofür wir alle sehr dankbar sind. Sie ist eigentlich nur an zwei Orten anzutreffen. Der eine ist ihr Schreibtisch, dort kann sie lesen, Briefe sortieren und viele Erlebnisse aus ihrem langen Leben zu Papier bringen, doch ihr Lieblingsplatz ist ihr wunderschöner Garten. Liebevoll angelegt, gehegt und gepflegt. Vom frühen Jahresbeginn bis zum ersten Frost wogt ein wahres Blütenmeer, überwiegend in allen Farbnuancen der Pinkpalette, dass mit sanft schwingenden Gräsern und blau-weißen Akzenten gekonnt ergänzt wird.

Das bedarf natürlich unermüdlichen Einsatz. Im Großen und Ganzen von ihr allein bewältigt, benötigt sie dennoch ab und an Hilfe, die sie herzlich aber leider oft unerwartet und beharrlich einfordert. Da ich wie Edeltraut Gartenarbeit liebe und es auch als Möglichkeit sehe seelische Unausgeglichenheit, je nach Härtegrad, mit den verschiedensten Tätigkeiten wie Graben, Hacken, Schneiden oder beruhigendem Zupfen von Unkräutern zu begegnen und im Laufe der Jahre viel Wissen ansammeln konnte, bin ich stets ihre erste Wahl.

So auch gestern. Mit Argumenten die von gutem Wetter über außergewöhnliche Neuzüchtungen ihres Haus- und Hof-Gartencenters, bis hin zu dem Geburtstag des übernächsten Nachbars reichten, da dessen Gäste ja schließlich an ihrem Vordergarten vorbei gehen würden, wollte sie unbedingt hier und dort noch farbliche Highlights setzten und beschrieb mir mit strahlenden Augen meinen spontanen Großeinsatz für den nächsten Tag.Da mir das Neinsagen schwer fällt und sie das weiß, war schon meine erste zaghafte Gegenwehr stumpf weggelächelt worden. Das alles macht es vielleicht deutlich,warum ich mich über dieses Wetter sehr freue, denn nun gehört das Wochenende mir! 

Es ist schon später Vormittag, als ich nach einem Liter Kaffee und ausgiebigem lesen der aktuellen Boulevardpresse meine Lieblings CD einschiebe, lauter als gewöhnlich aufdrehe und mir ein heißes Bad einlasse. Mit goldglänzendem Gesicht und einem quitschgelben Turban versinke ich in einem Gebirge von feinporigem Milchschaum, der im romantischen Schein unzähliger Teelichter gülden schimmert. 

In ausgelassener Stimmung singe ich lauthals meine alten Lieblingslieder mit und fühle mich großartig.

Genau in diesem Moment öffnet sich die Badezimmertür und meine völlig verheulte Tochter stürmt ins Bad, bleibt wie angewurzelt stehen und starrt mich entgeistert an. „Mama?“, ist das Einzige was kommt.

Noch leicht tropfend und in meinem blauen Bademantel gewickelt, sitze ich mit Jule in der Küche. Abwechselnd weinend oder schäumend vor Wut erzählt sie mir, was für einen Schuft von Freund sie hat..hatte! Das sie das schon lange hätte merken müssen und warum sie nur so blöd ist.

Zwischendurch koche ich Kaffee, suche nach irgendeiner Nervennahrung wie Schokolade oder zumindest Waffelkeksen und organisiere Berge von Taschentüchern.

Und dann fragt sie mich:

„ Mama, wie war das bei dir? Wie war das, als du so alt warst wie ich?“

Nachdenklich gucke ich sie eine Weile an und beginne zu reden: „ Als ich 19 war? Da war das genauso wie heute. Ich war gerade mit der Schule fertig und mit Torben befreundet. Der war aus der Nachbarklasse und hatte schon ein Auto. Jedenfalls sind wir oft mit Freunden an den Elbstrand gefahren. Nach Wittenbergen – weißt du?

Die Hannah war meine beste Freundin. Schon seit dem Kindergarten waren wir durch dick und dünn gegangen. Und genau mitten in den Ferien, eigentlich unseren letzten gemeinsamen Ferien, hatte mich diese blöde Sommergrippe erwischt. Mir ging es total schlecht und ich konnte nicht mit. Tja, da war das dann passiert. Natürlich konnte keiner was dafür. Gegen Gefühle kann man schließlich nichts machen. Sowas und anderes konnte ich mir anhören. Tagelang hatte ich mich auf meinem Zimmer vergraben und geweint, aber irgendwann war es gut. Das ist so. Du wirst sehen.“ 

„Niemals!“ ruft Jule „ich habe die Nase voll. Ich hasse ihn. Alle!“. Mit diesen Worten maschiert sie in ihr Zimmer und irgendetwas fliegt an die Zimmerwand. Jetzt bebt das Haus nervtötend im Rythmus der angesagtesten Hits.  

Später am Abend sitze ich mitten im Wohnzimmer. Um mich herum liegen Fotos, Briefe, leicht vergilbte Zeitungsauschnitte und bunt gemalte Kinderbilder. Im Kamin knistert ein Feuer und wirft flackerndes Licht an die Wände. Das Radio spielt leise Melodien einer vergangenen Zeit und ich halte ein Foto von meinem Mann und mir in den Händen. Von dem Sommer, in dem wir uns kennengelernt und ich kurz zuvor meine allerbeste Freundin an Torben verloren hatte. Den Liebeskummer hatte die Flut meiner Tränen schnell weggeschwemmt, aber den Verlust meiner Freundin bedauere ich heute noch.

Sanft legt sich eine Hand auf meine Schulter und ich erschrecke mich leicht.

Mein Mann setzt sich zu mir auf den Fussboden. „Du bist zurück?“ frage ich erstaunt.

„Ja, es ging dann doch und ich möchte bei dir sein“. Sein Blick fällt auf das Bild.

„ Weißt du noch?“, fragt er leise „ das war unten an der Elbe.“

„ Ja, ich weiß“, antworte ich, lehne mich an ihn und denke an Hannah.

 

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