Von Anni Spreemann

„Manchmal triffst du jemanden und weißt vom ersten Moment an, dass du dein ganzes Leben ohne ihn verbringen möchtest.“
Die Psychologin, Annemarie Koch, umklammert ihren Stift und schiebt mit ihren knorrigen Fingern die Brille nach oben. Das Praxiszimmer riecht staubig und trocken. Mein Hals beginnt zu kratzen.
„Das ist der Grund, warum Sie unbedingt mit mir sprechen wollten?“, fragt sie. Obwohl wir vor zwei Wochen im gleichen in der gleichen Schlange angestanden haben, erkennt sie mich nicht wieder.
„Kennst du dieses Gefühl?“, hake ich nach und streiche mir gedankenverloren über meinen Hals, damit das unangenehme Gefühl verschwindet.
Ihre Nase zuckt.
„Nein.“
„Das glaube ich dir nicht“, sage ich und trommle ungeduldig mit meinen rot lackierten Fingernägeln auf die Lehne des gelben Ohrensessels. Ich kann es nicht leiden, wenn man mich belügt. Hier drin ist es stickig und ich bekomme keine Luft. Für einen winzigen Moment öffnet sich ihr Mund, bevor er sich wieder zu einem Strich verwandelt.
„Ich wäre Ihnen dankbar, wenn Sie mich Siezen“, presst sie hervor. „Warum sind Sie in meine Praxis gekommen?“
Ich schaue auf die Uhr. Für mein Anliegen brauche ich nur wenige Minuten, aber schließlich habe ich eine Stange Geld bezahlt, damit Annemarie mich in ihrer Praxis empfängt. Allein. Außerhalb ihrer üblichen Sprechzeiten.
„Ich werde Ihnen ein Geständnis machen“, erkläre ich und hole tief Luft. Mein Hals wird eng. „Ich bin nicht normal“, gestehe ich ihr. Meine Stimme klingt tief, fast heiser.
Sie lächelt nachgiebig. „Bisher ist es noch niemanden gelungen, den Begriff „normal“ exakt zu definieren. Somit ist es völlig normal, unnormal zu sein.“
Annemarie redet mit mir als sei ich ein Kleinkind. Ob das ihr üblicher Patiententon ist?
Ich lehne mich nach vorne und ergreife eines der beiden Wassergläser. „Können Sie das Fenster öffnen?“, bitte ich sie und sortiere meine Gedanken. Lange halte ich die Halsschmerzen nicht mehr aus. Vielleicht war es doch ein Fehler, ihr davon zu erzählen. Andererseits habe ich nicht oft die Gelegenheit, mit einer Psychologin zu reden.
„Ich weiche mehr von der Norm ab als andere“, erkläre ich und atme die kühle Luft von draußen ein.
Annemarie setzt sich wieder auf ihren Stuhl und rutscht ein wenig hin und her.
„Erzählen Sie mir davon“, sagt sie und zückt ihren Stift.
Stille. Nur die tickende Uhr ist zu hören. Ich ignoriere das Brennen und beginne.
„Ich war neunzehn, hatte mein Abi in der Tasche und würde in vier Wochen mit dem Studium beginnen. Wie jeder Halberwachsene genoss ich das Berliner Nachtleben. Volle Clubs mit billigem Alkohol. Was will man mehr? An diesem Abend übernachtete ich bei einer Freundin. Mitten in der Nacht rief mich meine jüngere Schwester an. Sie hatte den Haustürschlüssel vergessen. Mutter war bei ihrer Wochenendbeziehung auf Sylt und Vater lebte in Wittstock. Da mein Schwesterherz nicht wie ein Penner vor der Tür schlafen sollte, blieb mir nichts anderes übrig, als zu ihr zu gehen. Der kürzeste Weg war durch den Mauerpark.
Sind Sie schon mal um 2 Uhr nachts durch den Mauerpark gelaufen? Bis dahin war mir nicht aufgefallen, dass es dort nur eine Lampe gibt. Genau im Zentrum. Ich hatte ein ganz mieses Gefühl. Es war, als wäre man bereits tot und laufe auf das Licht zu. Ich verfluchte meine vergessliche Schwester und ärgerte mich über das Tanzoutfit, welches mir zwar ein paar Freigetränke beschert hatte, aber für einen Nachtausflug völlig ungeeignet war. In der einen Hand trug ich meine Tasche, in der ein dickes Buch, früher bin ich nie ohne einen Wälzer vor die Tür gegangen, und ein Handy war. Irgendwo hatte ich mal gelesen, dass Täter sich gerne hilflos wirkende Frauen auswählten, und bemühte mich daher um selbstsichere große Schritte. Mit der anderen Hand umklammerte ich ein Schlüssel in der absurden Vorstellung, meinen imaginären Angreifer damit die Augen auszustechen. Ich trat in den Lichtkegel und nichts geschah. Kein Mann sprang aus dem Gebüsch, um mich auszurauben oder Schlimmeres. Ich entspannte mich ein wenig. Selbst in Berlin schlafen alle irgendwann. Erleichtert lief ich weiter. Keine Ahnung, warum ich dachte, dass eine Straße mit gesäumten Häusern weniger gefährlich als ein dunkler Park sei. Ich war halt jung und naiv. Der Mann kam aus einem Eingang hervorgesprungen und versperrte mir den Weg. Er betrachtete mich und leckte sich über seine schwülstigen Lippen. „Hi Süße“, krächzte er und lief auf mich zu. Statt ihn die Augen auszustechen oder meine Tasche gegen die Rübe zu klatschen, rannte ich weg. Ich sah weder nach rechts noch links. Ich wollte einfach nur weg und lief über die Straße. Als ich das Auto bemerkte, war es zu spät.“
Das Gefühl in meinem Hals wird unerträglich und ich greife nach dem Glas. Das kühle Nass verschafft mir nur wenig Linderung. Lange würde ich das nicht mehr aushalten. Annemarie trinkt ebenfalls. Mit der Imitation meiner Geste will die Psychologin mein unterbewusstes Vertrauen wecken. Ich räuspere mich und fahre fort.
„Als Nächstes erwachte ich im Krankenhaus. Meine Schwester war mir entgegengekommen und hatte mich gefunden. Als ich entlassen wurde und nach Hause kam, war ich nicht mehr dieselbe. Es fing alles mit unserer Katze Morle an.
Wussten Sie, dass diese Tiere richtig grausam sein können? Sie lieben es, mit ihrer Beute zu spielen. Genüsslich fangen sie die Mäuse mit ihren Pfoten, fahren ihre Krallen heraus, damit sie fiepen und lassen ihre Beute laufen, um sie mit einem Satz einzufangen. Erst wenn ihnen langweilig wird, töten sie ihr Opfer. Nach meinem Autounfall konnte ich es plötzlich sehen. Wie Bilder prasselten all die Bluttaten an den Mäusen und Vögeln, die Morle in ihrem Katzenleben verübt hatte, auf mich ein. Ich fühlte das Vergnügen, das sie dabei empfand und war entsetzt. Ich versuchte, die Bilder zu verdrängen. Doch je mehr Zeit verstrich, desto intensiver wurden sie. Ich fühlte die Pein ihrer Opfer und krümmte mich vor Schmerzen.“
Ich schlucke. Mein Magen verkrampft sich.
„Was haben Sie getan?“, ermunterte mich Annemarie zum Weiterreden.
„Ich habe es meiner Schwester erzählt, doch die hat nur gelacht. „Morle ist halt ein Raubtier“, hatte sie schulterzuckend gemeint. Meine Mutter war viel zu sehr mit ihrem neuen Freund beschäftigt. Schließlich war ich neunzehn und brauchte keine elterliche Betreuung mehr. Also blieb mir nichts anderes übrig, als Morle umzubringen.“
„Sie haben ihre Katze getötet?“, fragt sie erschrocken und mir wird übel.
Ich huste, doch das kratzige Gefühl bleibt.
„Ich hatte es nicht geplant, aber es war die einzige logische Schlussfolgerung. Die Bilder waren eine Mahnung. Sie forderten mich zum Handeln auf. Ich habe nur alle die Leben gerächt, die sie genommen hat und zum Dank, sind die Bilder verstummt.“
Sie schaut mich über den Brillenrand hinweg an.
„Ist das nochmal passiert?“
Ich schüttle den Kopf und ein Blick auf die Uhr zeigt mir, dass unsere Zeit gleich um ist. „Ich habe keine weiteren Katzen mehr getötet. Morle war unser letztes Haustier.“
„Ich meinte die Bilder. Haben Sie erneut solche Bilder gesehen?“
Ich presse meine Fingernägel in den Handballen, um den Schmerz im Hals zu dämpfen. Galle steigt in mir hoch und ich schlucke sie runter. Reiß dich zusammen. Erzähl ihr davon.
„Ein Monat später bin ich zur Nachuntersuchung ins Krankenhaus gegangen. Dort traf ich eine Krankenschwester. Sie hatte ein Tablett in der Hand. Plötzlich habe ich gesehen, wie sie eine Spritze nimmt und damit ihre Patienten tötet. Ich wollte es nicht glauben und folgte ihr. Beobachtete heimlich, wie sie die Spritze aufzog. Der alte Mann im Bett schlief. Als sie fertig war und verschwand, stoppte sein Herz. Ärzte kamen hereingerannt, doch es war zu spät. Ich erkannte, dass die Bilder nicht lügen, und suchte die Krankenschwester. Obwohl ich ihr Vorhaben erahnte, hatte ich seinen Tod nicht verhindert. Es war zu spät, aber ich konnte ihn rächen.“
Neugierig betrachte ich die Frau. Sie wirkt blasser. Der Stift in ihrer Hand zittert. Es war erleichternd, ihr von mir zu erzählen. Meine Gedanken zu ordnen. Ich erhebe mich. Auf ihrem Blatt war keine einzige Notiz.
„Unsere Zeit ist um.“
Sie sieht erschrocken auf die Uhr.
„Sie wollen also sagen, sie töten Menschen, weil sie denken, dass diese Mörder sind?“
Ich schlucke, um das brennende Gefühl loszuwerden.
„Ich denke es nicht, ich weiß es. Und ich kann spüren, wenn sie wieder töten wollen.“
„Das ist unmöglich!“
Enttäuscht betrachte ich sie und massiere meinen Hals. Bald würde dieses unangenehme Gefühl verschwinden.
„Soll ich Ihnen erzählen, welche Bilder mich gerade heimsuchen?“
Sie erbleicht und will aufspringen. Ein leichter Druck meiner Hand auf ihrer Stirn, hindert sie daran. Hass und Schmerz steigen in mir hoch. „Ich sehe ein kleines Mädchen. Sie krabbelt zu einer bunten Flasche.“
„Nein“, haucht Annemarie und schüttelt den Kopf.
„Die Kleine trinkt von der Batteriesäure. Ihr Hals brennt.“
Ich fühle den Schmerz und bekomme kaum Luft. Die Tränen verschleiern meinen Blick. Annemarie läuft zu ihrer Tochter. „Es ist gleich vorbei“, raunt sie lächelnd.
Ich schüttle den Kopf, verscheuche die Szene. Ich sehe eine verängstigte Mörderin.
„Als ich es gesehen habe, wollte ich es zuerst nicht glauben. Es hat eine Woche gedauert, bis ich den alten Zeitungsartikel über den angeblichen Unfall fand. Ich habe auch die Anzeige von Ihrer zweiten Hochzeit gelesen. Er hat sich von Ihnen getrennt und Sie und ihr zweites Kind sitzen gelassen. Wie alt ist er. Vier? Werden Sie ihm auch die Batteriesäure zu trinken geben? Oder ihn erlauben mit den Geschirrspültaps zu spielen? Ich werde verhindern, dass es nochmal zu einem Unfall kommt.“

 

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