Von Sabine Esser

Opas Handgranate hat ganze Arbeit geleistet. Dass sie vorher den Grill umgekippt hat, wird man nie beweisen können.

Günnis Wohnmobil ist durch die Explosion in tausende Teile zertrümmert, die brennen und stinken.

Lange steht sie da, raucht eine Zigarette nach der anderen. Wartet darauf, dass sie irgendetwas empfindet. Nichts. Absolut nichts. Keine Freude, kein Triumph, keine Trauer, keine Angst. Nicht einmal mehr Wut. Solange sie liebte und hasste, solange lebte sie. Lebte sie sogar intensiv. Alles war wichtig. Ab jetzt ist alles egal.

 

„Was’n hier los, Engelchen?“

Ildi schrickt auf. Dass Atze wach werden könnte, damit hatte sie nicht gerechnet. Eigentlich müsste er im Koma liegen. Hochprozentiges gab es gestern Abend reichlich. Dafür hatte sie gesorgt.

„Siehste ja selbst.“

„Au Mann. Haste schon die Feuerwehr gerufen?“

„Kein Netz hier.“

Atze nickt. „Irgend’n Ort in der Nähe?“

„Nich‘ wirklich.“

„Und nu?“

Ildi dreht sich langsam zu ihm um und sieht ihn an. „Wir fahr’n weg. War’n nie hier.“ Dann starrt sie wieder auf die Reste des Wohnmobils.

„Aber das sin‘ deine Brüder! Wir müss’n Hilfe hol’n“, empört er sich.

„Wem willste denn hier noch helfen?“, fragt sie tonlos und zuckt die Schultern.

 

Atze atmet tief durch. Klar, Ildi steht unter Schock. Gestern noch die große Versöhnung und jetzt das. Er versucht, sie in den Arm zu nehmen, aber Ildi bleibt stocksteif und starrt auf die Trümmer.

„Soll ich ’n Kaffee machen?“

Zum ersten Mal rührt sich seine Freundin, kauert sich auf die Stufen des uralten, russischen Militärtransporters und nickt.

 

Es dauert, bis das Wasser kocht. Immer wieder wirft Atze einen sorgenvollen Blick zu Ildi. Wie schön sie ist! Sogar von hinten. Im Licht der Flammen sieht ihr Haar rotgolden aus, dabei färbt sie es doch immer weißblond. Sie ist so zart und so verletzlich. Niemand darf ihr jemals irgendetwas antun.

 

„Mach‘ keinen Scheiß, ey!“, ruft er unsinnigerweise. Ein Stinkefinger ist die Antwort.

Sie ist wieder da! Wieder bei ihm.

 

Atze setzt sich neben sie, reicht ihr den Kaffeebecher und sieht zu, wie sie langsam schluckt.

„Dir is‘ kalt, ich hol‘ dir ’ne Decke.“

Ildi lehnt sich an ihn, er legt seinen Arm um sie. Lange sitzen sie so und schweigen. Allmählich wird es hell.

 

„Du weißt schon, dass wir hier nich‘ bleiben könn‘“, brummt Atze endlich. „Wir müss’n zur Polizei. Is‘ Scheiße, aber immerhin sin‘ es deine Brüder und die brauchen ’n ordentliches Begräbnis. Oder willst du die Reste da zusammenkratzen?“

Ildi knallt den Kaffeebecher auf die Stufe, steht brüsk auf, eine Hand in die Hüfte gestemmt, mit dem Zeigefinger der anderen auf ihn zielend.

„Zu den Bullen? Nie! Wir fahr’n hier weg und war’n niemals da. Hast du etwa Bock auf Probleme? Ich nich‘! Wie kann man so blöd sein, auf einem ehemaligen Truppenübungsplatz zu grillen und Party zu machen? Und so hinüber, dass man den Grill nich‘ löscht und auch noch umkippt? Is‘ doch bekannt, was hier so rumliegt. Der ganze Militärmüll aus’m Krieg und dann noch von den Russen.“

 

Atze traut seinen Ohren nicht. „DU hast doch den Vorschlag gemacht, hier die Familiy-Versöhnung zu feiern! Ganz ungestört.“

„Genau. ICH habe den Vorschlag gemacht. Und alles hat funktioniert. Deswegen müssen wir weg! Über die da freu’n sich die Wildschweine!“

Fassungslos starrt er Ildi an. Seine sanfte, weißblonde Schönheit mit den blaugrünen Augen und dem großen Herzchentatoo zwischen den Schultern eine abgefeimte Mörderin? Zehn Jahre soll er nicht erkannt haben, dass sie ein Monster ist?

„Du hast deine Brüder und ihren Kumpel absichtlich abgefackelt?“

 

Erschöpft setzt sich Ildi wieder neben ihn und umschließt den leeren Kaffeebecher mit beiden Händen. „Ja klar. Was denn sonst? Du weißt doch gar nichts von mir. Für dich bin ich nur dein ‚Engelchen‘. Aber ich hatte ein Leben vor dir! Schon mal dran gedacht?“

Atze nickt und dreht ihren Kopf zu sich. „Oft. Aber du weißt doch: ‚Wer viel fragt, kriegt viel Antwort‘. Was du mir nich‘ freiwillig erzählst, is‘ nichts wert. Außerdem hab‘ ich dir auch nich‘ alles erzählt.“

Ildi lächelt und streicht mit dem Zeigefinger über seine stoppelige Wange. „Ich weiß alles über dich, was ich wissen muss! Sonst wär‘ ich gar nich‘ mit dir zusammen. Ich brauchte Schutz. Und du bist der Beste! Mit dir kann mir nichts passieren.“

 

Atze lutscht lange an seinem Unterlippenpiercing. Wenn er eins gar nicht mag, dann Weiber, die ihr eigenes Ding machen.

„Ok, Engelchen. Tacheles jetzt.“

 

Ildi entzieht ihren Kopf Atzes Hand und starrt lange dort hin, wo das Wohnmobil war. Als sie endlich antwortet, ist ihre Stimme rau. „Günni is‘ schuld an allem. Ein Schwachmat, aber schlau! Er konnte nie ab, dass andere besser sind als er. Wollte aber immer das Sagen haben. Und Bruni wollte ihn eben nich‘. Das konnte er nich‘ verknusen. Ging an seine Ehre! Was Ehre so is‘! Bei solchen Idioten!“

Atze räuspert sich. „Is‘ doch ganz normal, Engelchen.“

 

Wütend springt sie auf und keift:

„Ach ja? Das findest du normal? Günni hat ausgenutzt, dass Siggi mich liebte. Er hat ihn gezwungen, Bruni festzuhalten, damit er sie vergewaltigen konnte. Allein hätte er die doch nie rumgekriegt! Aber ohne hätten Siggi und ich nicht zusammen sein dürfen. Normal is‘ das ja wohl nich‘! Nennt sich Erpressung!“

„Schätzchen, ich versteh‘ dein Problem nich‘. So was passiert.“

„Klar passiert so was. Aber nich‘, dass Günni Siggi ermorden lässt, weil er Muffe hat, dass rauskommt, wie feige er is‘. Und damit ich auch ja nichts machen kann, klaut er mir Siggis Kohle. Meine Brüder, elende Schleimer hoch drei, hielten natürlich zu ihm. Ich hatte null Chance, da wegzukomm‘.“

Ildi atmet tief durch. „Bis ich dich fand.“

„Du hast das Ding also selbst geregelt. Und an alles gedacht, nehm‘ ich mal an.“

„Hättest du doch nich‘ anders gemacht.“

 

Atze knabbert an seinem Piercing. „Und das Tatoo?“

„Kann ich wegmachen lassen. Is‘ nich‘ mehr nötig. War Siggis Zeichen.“

 

„Na gut, Engelchen. Fahr’n musst aber du.“

 

Version 2