Von Dan Schuh

„Wenn sie nicht mit mir Schritt halten, werde ich Sie zum Frühstück verspeisen“, verkündete Dr. Martin großspurig, als er ihre Hand beim Bewerbungsgespräch schüttelte.

„Dann gibt es in nächster Zeit kein Frühstück mehr für sie!“ Ihre Antwort hatte ihn für einen winzigen Augenblick aus dem Konzept gebracht. Antonia war sich sicher, dass es damals der ausschlaggebende Punkt bei ihrer Einstellung war.

Jetzt saßen sie in dem kleinen Café gegenüber ihrem Büro und Dr. Martin schaute mit angewidertem Blick durch das große Fenster nach draußen.

„Schauen Sie sich mal dieses Geschöpf an. Sitzt den ganzen Tag auf dem Bordstein und will an das hart verdiente Geld der Arbeitenden heran.“ Dr. Martin biss kräftig von seinem Thunfisch-Sandwich ab und kaute mit offenem Mund. „Seit wir hier sitzen hat ja wahrscheinlich nur eine Person etwas in diesen…“ Dr. Martin fuchtelte mit der Hand. „… vermutlich schimmligen Joghurtbecher geworfen“.

Er griff nach dem Glas vor ihm und ein großer Schluck zuckerfreier Limonade glitt seine Kehle herunter. Ein deftiges Grollen kündigte ein Rülpsen an und verließ seine Kehle gemäß der Ankündigung geräuschvoll. Einige Sitznachbarn im Café blickten sich irritiert um, doch Dr. Martin blätterte ungerührt in seiner Tageszeitung. Antonia zog die Nase kraus und drehte ihren Kopf weg, um den herannahenden Ausdünstungen zu entgehen.

„Soll ich rüber gehen und ein paar Münzen in seinen Becher werfen?“ Antonia blickte auf die hell leuchtende Oberfläche des vor ihr liegenden Tablets, während sie sprach.

Dr. Martin schaute sie missbilligend über den Rand der Zeitung an und schüttelte den Kopf, während er ein weiteres Stück seines Sandwichs abbiss.

„Sie sollen nicht durch die Straße laufen und gescheiterten Existenzen Geld hinterherwerfen, wir wollen Geld verdienen. Termine?“, brabbelte er mit vollem Mund und spuckte dabei kleine Stücke seines Thunfisch-Sandwich auf Antonias Teller und den darauf befindlichen Kuchen. Nass glänzend breiteten sich die kleinen Klumpen aus Spucke und Zerkautem wie Krokantsplitter auf ihrem Gebäckstück aus. Antonia unterdrückte einen Würgereflex.

„Hallo?“, machte Dr. Martin auf sich aufmerksam und weitere Stücke verließen seinen Mund auf dem falschen Weg.

Antonia war froh nicht selbst Zielscheibe geworden zu sein und ging die anstehenden Termine im elektronischen Kalender durch. Der Abstecher ihres Chefs in der Mittagspause in das kleine Café begann mit einer umfangreichen Bestellung eines Mittagsmenüs, während sie die weitere Organisation des Arbeitstages vornahm. Sie schob den Teller mit dem Stück Kuchen beiseite. Ihr Blick fiel auf die Straße gegenüber, wo der Obdachlose eine schmutzige Decke über seine Schultern legte.

„Wird das denn heute noch was?“, hörte sie Dr. Martin gereizt neben sich.

Er hatte die Zeitung abgesenkt und blickte sie über den Rand des Papiers mit zusammen gekniffenen  Augen an.

„Wir sollten demnächst aufbrechen. Der Termin mit Herrn Wagner und seinen Kollegen aus dem Bezirk Süd wurde eine halbe Stunde vorverlegt“, entgegnete Antonia.

„Diese Idioten aus dem Süd-Bezirk können mich mal. Die lassen wir schön warten“, antwortete er und widmete sich demonstrativ seiner Zeitung.

„Was ist mit ihrem Kuchen? Ich warte nicht auf sie, wenn sie noch mit ihren Spatzenhäppchen beschäftigt sind“, kommentierte er hinter der aufgeschlagenen Zeitung.

Sie blickte erneut auf den Kuchen und konnte noch immer die kleinen Brocken aus dem Mund ihres Chefs sehen, die sich wässrig auf der Oberfläche des ansonsten appetitlich aussehenden Stück  Kuchen ausgebreitet hatten. Galle stieg ihr wieder auf und sie bedeckte den Kuchen mit einem Taschentuch.

„Ich gehe mich noch kurz frisch machen“, ignorierte Antonia die Entgegnung ihres Chefs und stand auf.

Sie musste kurz warten bis sie endlich in die kleine Kammer mit WC und Waschbecken eintreten konnte. Sie ließ sich kaltes Wasser über die Handgelenke laufen und holte ihr Telefon hervor. Es klingelte mehrere Male, bis abgehoben wurde. Sie vernahm ein schwaches Atmen.

„Mama?“, meldete sich ihr Sohn schließlich.

„Mein Schatz, wie geht es dir?“ Sie hörte wieder seinen flachen Atem, langgezogene Sekunden vergingen, bis er sprach.

„Mein Hals ist trocken, er tut weh.“ Leos Stimme war kaum zu hören. Antonia presste das Telefon fester an ihr Ohr.

„Du musst viel trinken, denk daran. Hast du denn schon deine Tabletten genommen?“, wollte Antonia wissen.

„Sie kratzten immer so beim Schlucken“, wich Leo der Frage aus.

„Stell dir vor es sind kleine Bonbons und jedes macht dich ein wenig gesünder“, versuchte Antonia ihn zu überzeugen. Antonia drückte das Telefon noch weiter an ihr Ohr, als jemand an der Türklinke der Toilette rüttelte.

„Wann kommst du denn?“ Leos Stimme krächzte.

„Wir sehen uns heute Abend, mein Spatz. Mami muss wieder arbeiten. Ich hab dich lieb“, beendete Antonia das Gespräch mit einem Kuss und verließ die Toilette.

„Wir brechen auf!“ Sie packte das Tablet ein, als sie an den Tisch trat.

„Wenn sie ihre Nase immer so lange pudern, können wir unsere Termine auch gleich absagen“. Er erhob sich und ließ sie voran gehen. Als sie an dem Obdachlosen vorbeikamen, hörte Antonia plötzlich ein Klimpern. Sie drehte ihren Kopf im Gehen nach hinten und sah ein Lächeln auf dem Gesicht des Obdachlosen und Dr. Martins versteinerte Miene.

 

Sie griff nach der Kaffeekanne und goss sich den letzten Rest des abgestandenen Gebräus ein. Das vor kurzem beendete Meeting war lang und anstrengend gewesen. Die Geschäftspartner waren bereits aufgebrochen, während Antonia noch versuchte hatte einen Tisch in einem Nobelrestaurant zu suchen. Aber Geld konnte noch jede Tür öffnen und jeden noch so gestressten Restaurantmanager überzeugen. Bevor der Putztrupp die Büros wieder auf Vordermann brachte, sammelte sie die liegengebliebenen Akten ein und ließ sie auf ihren Schreibtisch fallen. Sie legte die Füße hoch und nippte an ihrer Tasse. Dabei fiel ihr eine dünne Mappe auf, die nicht zu den von ihr vorbereiteten Materialien für das Meeting gehörte. Sie griff danach und entdeckte fünf einzelne Blätter darin, als plötzlich die Tür aufflog. Dr. Martin stand schwer atmend in der Tür und blickte erst sie und dann die Mappe mit weit aufgerissenen Augen an.

„Geben sie mir diese Akte“, herrschte er sie unvermittelt an und streckte die Hand aus.

Der Blick von Dr. Martin verfinsterte sich und Antonia löste sich aus ihrer Starre. Sie sprang auf und drückte ihrem Chef die Akte in die Hand. Er schaute sie noch einen Moment lang durchdringend an, bevor er wortlos verschwand. Erst als ihr Herz wieder normal schlug und die Stille des Büros sie wieder eingehüllt hatte, wagte sie es sich zu bewegen.

Den Flur entlang gehend hörte sie, wie die Haustür ins Schloss fiel und die Marion ihre Schicht beendete. Ihre Sorgen waren vergessen, als sie leise Leos Zimmertür öffnete und ein schmaler Lichtstreifen auf sein Bett fiel. Fest umschlungen in seinen Armen lag Mister Poo, sein Teddybär. Im Kontrast zu dem dunklen Stoff des Teddys strahlte Leos blasse Haut. Vorsichtig schob sie die große Sauerstoffflasche ein Stück zur Seite und setzte sich auf die Bettkante. Zärtlich streichelte sie ihm über die Wange, als ihr Telefon plötzlich schrillte. Leo zuckte zusammen und riss die Augen auf, während Antonia in ihrer Tasche nach dem Telefon suchte.

„Mami?“ Leo drückte sich fest an seinen Teddy, während er versuchte Orientierung im Halbdunkel des Zimmers zu finden. „Dr. Martin, einen Augenblick…“, nahm Antonia das Gespräch an und verließ das Zimmer.

Als sie wenige Minuten später herein kam, saß Leo aufrecht im Bett. Seine Augenlieder flatterten und er hatte Probleme wach zu bleiben. Die Erschöpfung war ihm anzusehen.

„Es tut mir leid, mein Schatz“, sie strich ihm eine Strähne von der schweißnassen Stirn.

„Musst du… wieder… weg?“ Jedes Wort kostete Leo Überwindung.

„Heute Abend nicht. Morgen früh bin ich schon weg, wenn du aufstehst“, sie zog die Decke zurück und setzte sich neben ihren Sohn. „Aber Marion wird wieder da sein und sich um dich kümmern“, beruhigte sie Leo. Sie blieb neben ihm liegen, bis er wieder eingeschlafen war und rief dann Marion an.

 

Als sie am nächsten Morgen mit dem Aufzug in ihrer Etage ankam, war sie allein. Sie durchquerte die verlassenen Gänge und konnte beim Eintreten in ihr Büro den Lichtschein unter der Tür von Dr. Martin sehen. Sie klopfte und öffnete im gleichen Moment die Tür. Als hätte er auf sie gewartet, saß er mit ineinander gefalteten Händen an seinem Schreibtisch in seinem großen Ledersessel.

„Bitte setzen Sie sich“, gab er ohne Begrüßung von sich.

Dr. Martins Blick blieb auf einem kleinen Rahmen auf seinem Schreibtisch hängen. Sekunden vergingen, bis er seine Hand auf eine Mappe auf dem Schreibtisch legte.

„Ich habe sie so früh herbestellt, um ihnen weitere Unannehmlichkeiten vor den Kollegen zu ersparen“. Antonia sah in fragend an. Er schob die Mappe nach vorne an die Kante des Schreibtischs und machte eine auffordernde Handbewegung. Antonia fand fünf Blätter darin. Ihr Herz begann zu pochen, als sie die erste Seite las.

„Ich weiß um ihre persönliche Lage. Als Vater fällt es mir schwer das auszublenden“. Sein Blick schweifte wieder zu dem kleinen Fotorahmen. „Ein einmaliges Angebot“, sagte Dr. Martin, während Antonia die Unterlagen durchblätterte. „Sie unterschreiben diese Kündigung, ich stelle sie sofort frei und bin nicht gezwungen weitere Maßnahmen zu ergreifen“.

Sie ließ die anderen Blätter durch ihre Hände gleiten und erkannte Kontoauszüge, Abrechnungen und Buchungsübersichten, in denen Spalten markiert waren. Jemand war auf Unregelmäßigkeiten im System gestoßen.

„Es tut mir leid“. Tränen tropften auf die Blätter, als Antonia einen Stift griff und die Kündigung unterzeichnete. Sie dachte an Leo und die kostenintensiven Behandlungen und Betreuungen. Sie erinnerte sich an sein blasses Gesicht im Schein des Lichts, als er seinen Teddy umarmte und sein Lächeln, als er in ihrem Arm eingeschlafen war und für einen Moment glücklich schien.

VERSION 2