Von Berndt Uhlig

Es war ein regnerischer Tag in Dover, nicht untypisch für die Jahreszeit. Der Wind peitschte über die roten Dächer der Häuser und zog das Wasser wie einen Pflug hinter sich, der das Land mit Nässe und Kälte bedeckte. Von Zeit zu Zeit zog ein Blitz über das Firmament, und erleuchtete die kleine Dachstube in der Miss Howland saß. Das Trommeln des Regens auf dem Dach über ihr hallte durch den Raum, begleitet von dem dumpfen Rauschen der Regenrinne. 

Hier saß sie, in einem alten Schaukelstuhl, den ihre Eltern vor Jahren auf den Dachboden getragen hatten und wippte vor und zurück, während ihre Finger mit dem Stricken eines Schales beschäftigt waren. Sie ging immer hier her, wenn sie nervös war. Wenn die Ungewissheit sie zu erdrücken drohte, wenn sie sich Sorgen machte, gab es für sie nichts angenehmeres als unter dem Dach ihres Hauses zu sitzen, ungestört und alleine mit ihren Gedanken. 

Im Sommer las sie Bücher, doch nun nahte der Winter also strickte sie. Pullover, Mützen, Fäustlinge, oder eben einen Schal. Die Familie sollte im Winter schließlich nicht frieren und wie ihre Mutter immer zu sagen pflegte brannten Männer durch Winterkleidung wie durch eine gute Flasche Whiskey. Also strickte sie.

Doch ihre Gedanken waren an einem anderen Ort. Es gab jemanden in ihrem Leben, doch war er nicht hier. In Frankreich war er, über den Ärmelkanal hinweg. 

„Oh, in Frankreich ist er, ihr Verlobter?“ hörte sie die Nachbarin sagen. „So ein tapferer Knabe, ich bete für seine Gesundheit!“. Beten. Was nützte beten schon, doch was blieb ihr anderes übrig. 

Nicht einmal holen hatten sie ihn müssen, freiwillig war er hinüber gezogen. Gefleht hatte sie. 

Sie hatten die Geschichten gehört, was mit jenen geschah die über den Kanal gefahren sind. 

„Nur für ein Jahr!“ hatte sie gesagt. „Versprich es mir!“. Doch er hatte den Kopf geschüttelt. „Ich bleibe bis es vorbei ist.“ war seine Antwort. Sie hatte seine Hand genommen und ihn angesehen, die Tränen in den Augen. „Dann versprich mir wenigstens, das du zurück bleibst. Such dir eine Arbeit weiter hinten, geh nicht mit denen mit die nach vorne ziehen, die schreien von Abenteuer und Ruhm.“ Er versprach es. Er versprach zurück zu bleiben. Er versprach sie zu heiraten wenn er zurück war, sprach von dem Leben, das sie haben würden. Und dann zog er dahin. Gewunken hatte sie ihm, als das Schiff am Horizont verschwand und nun, nun war sie allein. Jeden Tag fragte sie ihre Eltern ob ein Brief von ihm gekommen wäre, jeden Tag ob es Neuigkeiten gab. Doch ihr Vater schüttelte immer nur stumm mit dem Kopf. 

Ihre Angst stieg mit jedem Tag. Als ein Jahr ins Land gezogen war, kamen die ersten über den Kanal zurück, anders, die Körper zerstört, die Geister verdreht. 

„Keine schlechte Nachrichten sind gute Nachrichten!“ sagte ihr Vater immer. Sie gab die Hoffnung nicht auf. Und so strickte sie. Und im Sommer las sie. Nun war schon ein zweites Jahr ins Land gezogen, als es am Aufstieg zum Dachboden klopfte. „Mein Engel, es ist Post für dich gekommen.“ hörte sie ihre Mutter sagen. Die Nähnadeln entglitten ihren Händen, so schnell sprang sie auf und lief hinunter, die Treppe mit dem verzierten Geländer hinab, direkt ins Wohnzimmer. Der Briefumschlag lag auf dem Esstisch, mattes, weißes Papier auf dem sich die dunklen Flecken des Regens abzeichneten. Auf dem Umschlag, war ein Siegel, das ein jeder in diesen Tagen kannte. Ein B, ein F, ein P und ein D. Sie schnitt den Briefumschlag auf. Was würde er ihr wohl zu erzählen haben? Wie war es ihm ergangen? 

Doch in dem Umschlag war kein Brief, lediglich eine kleine Notiz, abgelocht, als hätte sie die Post verwahren müssen. Der Anblick der Notiz ließ ihre Beine weich werden. „Es tut mir Leid“ stand da, in seiner feinen Handschrift.  Der Ring dessen Gegenstück an ihrem Finger hing, lag der Notiz bei. Ihre Beine gaben nach, das Gleichgewicht entglitt ihr und mit einem leisen Schluchzen sank sie zu Boden. Ihr Weinen ließ ihren Vater ins Zimmer kommen, dann ihre Mutter. Aus dem Weinen wurden Schreie der Verzweiflung, erstickt in einem Meer aus Tränen. Ihr Vater hielt sie, versuchte sie zu trösten, zu beruhigen, ihre Mutter senkte bloß den Kopf. Der Umschlag datierte den 16. September und man schrieb Neunzehn und Sechzehn, als an der Somme ein Soldat, bevor er aus dem Graben stieg, seinen Ring zurückließ, hoffend, dass dieser seinen Weg zurückfinden würde, für ein Versprechen, dass er nicht mehr halten konnte.