Von Agnes Decker

Ein scharfer Stich schießt durch meinen Schädel, als ich mich mühsam im Bett aufsetze. Er beginnt im Hinterkopf und endet kurz über der linken Augenbraue. Gleichzeitig wird mir übel. Ich schlage die Bettdecke zurück und versuche, auf die Beine zu kommen. Jede Bewegung erzeugt einen neuen Stich und parallel dazu hämmert ein Schlagzeug in meinem Hinterkopf. Das Bett neben mir ist leer. Anscheinend ist Paul schon auf den Beinen. Ich setze vorsichtig einen Fuß vor den anderen. Im Flur ist es still. Die Kinder schlafen wohl noch und Paul joggt vermutlich mit Kira, unserer Schäferhündin,  durch den Wald. Er war ja gestern brav zu Hause, während ich mich mit meinen besten Freundinnen zu einem unserer sogenannten „flüssigen Gespräche“ traf. Hanna hatte eine Cocktailbar auf ihrer Terrasse aufgebaut und mit einer Palme und etwas Deko für karibisches Flair gesorgt. Wie immer gab es viel zu erzählen. Und wie immer war es spät geworden und der letzte Cocktail einer zu viel.

 

Gähnend öffne ich die Tür zum Bad und versuche, nicht in den Spiegel zu schauen. Je mehr ich versuche, es nicht zu tun, desto stärker wird der Drang. Der Mensch ist schon ein eigenartiges Wesen, denke ich und sinke seufzend auf Klobrille.

 

Das Klingeln an der Haustür lässt erneut den scharfen Schmerz, der gerade etwas abgeklungen war, durch meinen Hinterkopf schießen. „Mann, Paul, warum nimmst du nie einen Schlüssel mit?“ Ärgerlich hieve ich mich hoch und quäle mich die Treppe hinunter.

 

Ich muss beide Augen zusammenkneifen, so hell scheint mir die Sonne ins Gesicht, als ich die Haustüre öffne.  Vor mir stehen ein Mann und eine Frau in Zivilkleidung und strecken mir ihre Ausweise entgegen.

„BKA“, sagt die Frau, „wir müssen Sie sprechen. Können wir das bitte im Haus tun?“ 

BKA, was will denn das BKA hier bei uns? „Paul, ist meinem Mann etwas passiert, sagen Sie schon, ist er verletzt?“, stammele ich.

„Können wir eintreten?“, sagt der Mann mit erstaunlich sanfter Stimme und schiebt mich zur Seite. Er redet weiter, aber seine Worte erreichen mich nicht. Ich friere plötzlich und mir fällt ein, dass ich nur Shorts und ein Top trage.  An der Garderobe greife ich mir eine Strickjacke und schlüpfe hinein. Ich ziehe sie über der Brust zusammen und führe die beiden Polizisten in die Küche.

„Kaffee?“, frage ich, während ich Wasser in die Kanne fülle. Ich warte die Antwort nicht ab, sondern nehme mir den Filter und löffele das Pulver hinein. Es tut gut, mich zu beschäftigen. Kurze Zeit später sprudelt und gurgelt es. Ein verführerischer Duft breitet sich in der Küche aus. 

 

Die beiden Polizisten haben am Tisch Platz genommen und schauen mir stumm zu. Ich lehne mich mit dem Rücken an die Arbeitsplatte und warte darauf, dass sie endlich etwas sagen. 

 „Wann haben Sie das letzte Mal mit Ihrem Mann gesprochen?“, fragt die Frau.

Wann habe ich mit Paul gesprochen? Ich versuche, mein Gehirn in Bewegung zu versetzen, ohne dass mir der Schädel platzt. Letzte Nacht muss es gewesen sein, als ich nach Hause kam. Da muss ich ihn zumindest gesehen haben. Ich kann mich an nichts erinnern und schüttele den Kopf.

 

„Aber Sie müssen doch wissen, wann und was Sie mit ihrem Mann besprochen haben.“, wiederholt die Frau beharrlich. 

 

Gestern Nachmittag habe ich ihn gesehen, das weiß ich, auf jeden Fall. Wir hatten so viel Spaß, so viel wie lange nicht mehr. Es war ein heißer Sommertag und wir beschlossen, zu Hause zu bleiben und zu faulenzen. Paul und ich machten es uns auf den Liegestühlen bequem, jeder mit einem Buch ausgestattet.  Martha und Jan planschten im Swimmingpool. Später wurde noch gegrillt, Bratwürstchen mit Senf und dazu Kartoffelsalat mit viel Mayonnaise. Ein Ferientag wie aus dem Bilderbuch.

 

„Ich kann Ihnen versichern, dass Ihr Mann in Sicherheit ist. Er lässt Sie grüßen. Das hat er mir für Sie mitgegeben. „Mit diesen Worten schiebt die Frau etwas über den Tisch.

 

Benommen und verwirrt beuge ich mich vor und schaue auf einen Zettel. „Sorry“, steht darauf und unmittelbar neben diesem geschriebenen Wort liegt ein Ring. Ich lese es nochmal und nochmal. „Sorry“. Das kann nicht von Paul sein, Gottseidank, denke ich. Paul würde niemals „Sorry“ schreiben. Er würde sich niemals so kurz fassen. Nicht Paul. Er ist ein sehr beredter Mann. Das Klopfen in meinem  Kopf blockiert meine Gedanken. Ich reiße mich zusammen und versuche, mich zu konzentrieren. Aber mir fällt nichts ein, was Paul mit mir besprochen haben könnte. Alles war wie immer. Ein ganz normales Wochenende. 

 

„Schauen Sie ihn sich an“, die Frau hat den Ring genommen und in meine Hand gelegt. Ich drehe ihn zwischen den Fingern. Er fühlt sich kühl an. Drinnen ist eine Gravur. Beate und Paul, 1.10.2008, forever, steht darin. Beate und Paul, das sind wir. Wie kommen die an Pauls Ring? Will er mich verlassen? Alles dreht sich, mir wird schwindlig und ich stütze mich schwer auf die Tischplatte.

„Damit Sie uns glauben, Frau Klinger, deshalb hat er ihn uns mitgegeben.“ Die Frau schaut mich an.

 

„Frau Klinger, setzen Sie sich bitte“, sagt jetzt der Mann. Ich lasse mich auf Pauls Platz am Kopf des Küchentisches sinken. „Sie müssen jetzt gut zuhören, Frau Klinger.“ Der Mann hat sich über den Tisch gebeugt. „Sie packen ein paar Sachen für sich und die Kinder und dann bringen wir Sie weg .“ Weg? Was ist hier los? Wahrscheinlich träume ich. Ja, das wird es sein. Ich bin erleichtert. Ich warte einfach darauf, aufzuwachen.

„Frau Klinger, hallo?“, die Frau hat ihre Hand auf meinen Arm gelegt. „Ich begleite Sie. Wir packen jetzt. Nur das Wichtigste. Die Kinder lassen wir solange noch schlafen. Sie schlafen doch?“, fragend schaut sie mich an.

„Ja, ja“, stammele ich. Die Kinder, schießt es durch meinen malträtierten Kopf und ich springe auf. Schlafen sie wirklich noch? Oder sind sie auch verschwunden, so wie Paul und wo ist Kira? Was passiert hier, denke ich und immer wieder, was passiert mit uns? Ich laufe nach oben und öffne die Tür. Eine rosa Elfe klebt darauf. Leise Schnarchgeräusche erfüllen den Raum. 

„Nicht ans Fenster.“, die Frau zieht mich am Arm zurück. Haben sie mir eigentlich ihre Namen gesagt?, denke ich. Man stellt sich doch vor. Und wenn es jetzt gar keine Polizisten sind? Ich ziehe meine Strickjacke enger zusammen. „Sie haben sich nicht vorgestellt.“ Ich spreche leise, um Martha nicht zu wecken. 

„Doch, das haben wir“, flüstert die Frau und zieht mich aus dem Zimmer, „wahrscheinlich haben Sie nicht zugehört. Die Aufregung. Egal.  Also, ich bin Maria Schröder, mein Kollege heißt Horst Schneider. Wir sind vom BKA, Abteilung Organisierte Kriminalität. Ihr Sohn schläft übrigens noch, ich habe nachgeschaut.“

 

Ich lehne mich an die Wand und atme tief durch. „Und was haben wir damit zu tun und was ist mit meinem Mann?“, sage ich und höre, wie scharf meine Stimme klingt.

„Wir nehmen Sie ins Zeugenschutzprogramm. Ihrem Mann geht es, den Umständen entsprechend gut. Er wurde bei einem Einsatz verletzt, mehr darf ich Ihnen nicht sagen. Kommen Sie, wir packen die Koffer.“ Die Frau macht eine entschuldigende Handbewegung.

 

Beim Einsatz verletzt. Ich bin erleichtert. Das kann nicht Paul sein. Paul arbeitet bei einer Versicherung. Als Kundenberater. Ich muss schmunzeln. Wenn ich das meinen Freundinnen erzähle. Das nächste „flüssige Gespräch“ soll nämlich bei uns stattfinden. Und jetzt habe ich auch ein Motto. „Tatort“ werde ich es nennen und Bloody Marys servieren.

 

„Frau Klinger“, die Stimme der Frau durchbricht meine Gedanken. „Ich erkläre Ihnen alles, wenn wir im Auto sitzen. Jetzt sollten wir uns beeilen.“

 

Wie in Trance folge ich ihr ins Schlafzimmer. Ein Dunst aus Alkohol und Schlaf umfängt mich, als ich eintrete. „Bitte auch hier nicht ans Fenster treten“, höre ich die Stimme der Frau und sehe erst jetzt, dass sie bewaffnet ist. In einem Halfter an ihrer rechten Hüfte steckt eine Pistole. Ich zerre einen Koffer vom Schrank herunter und werfe ihn aufs Bett. Was brauche ich und für wie lange? Ich fühle mich schwach und willenlos. 

 

„Am besten von allem etwas, auch für die Kinder, den Rest beschaffen wir neu. Sie werden nicht hierher zurückkehren.“ Die Stimme der Frau bohrt sich in meinen wunden Schädel. Nicht hierhin zurück? Aber hier ist doch unser zu Hause. Wir wohnen doch hier. Paul und ich und Martha und Jan, die Familie Klinger und Kira. Das steht auch auf dem Keramikschild an der Haustür, auf dem vier bunte Strichmännchen, ein Hund, ein Haus, bunte Blumen und eine große Sonne zu sehen sind und unsere Namen. 

 

„Frau Klinger? Sind sie fertig? Dann wecken wir jetzt die Kinder.“ Die Frau hat den Koffer genommen und drängt mich zur Tür. Ich reiße mich los und stelle mich ihr in den Weg.

„Sie sagen mir jetzt, was hier passiert, sonst mache ich überhaupt nichts mehr“, zische ich ihr entgegen. „Was soll das alles? Mein Mann verletzt bei Ermittlungen, so ein Quatsch. Paul ist Versicherungsvertreter. Und was soll das heißen, wir kehren nicht hierher zurück? Erklären Sie mir das jetzt bitte. Sofort.“ Plötzlich fühle ich mich wieder stark und handlungsfähig. Das gibt’s doch nicht wirklich. Ich muss hier endlich für Ordnung sorgen. Ich kläre das jetzt schnell auf und gehe dann wieder ins Bett. „Mein Mann ist mit dem Hund unterwegs. Er joggt oft frühmorgens. Dadurch bekommt er einen klaren Kopf“, ich lächele die Frau an. „Sie haben uns verwechselt. Aber das macht nichts, nein wirklich, das ist nicht schlimm.“

„Nein, Frau Klinger, wir haben Sie nicht verwechselt.“ Die Frau schaut mich durchdringend an. „Ihr Mann, Paul Klinger, arbeitet als verdeckter Ermittler. Schon seit Jahren. Ich dachte, das wüssten Sie. Seine Tarnung ist aufgeflogen. Er wurde angeschossen, vermutlich ein Auftragsmord der russischen Mafia. Danken Sie Gott, dass er überlebt hat. Ihr Hund leider nicht. Die beiden Männer konnten wir festnehmen. Ihren Mann haben wir an einen geheimen Ort gebracht. Dahin bringen wir auch Sie und die Kinder. Sie erhalten alle eine neue Identität. Damit man Sie nicht findet. Und jetzt kommen Sie.“

 

Version 2