Von Roger A. Freiburghaus

„Entschuldigen Sie, ist da noch frei?“, fragte der adrett gekleidete Herr im dunkelblauen Anzug mit seiner schwarzen Aktentasche in der Hand und zeigte auf den angestrebten Platz im Vierpersonen-Abteil des Erster-Klasse-Wagen.

Die Dame senkte ihr Magazin ein wenig, nickte, setzte sich aufrecht hin, schlug die Beine übereinander und las weiter. Der Zug fuhr in eine weite Rechtskurve, so dass die Sonne ihr direkt ins Gesicht schien und sie deshalb die großäugige Sonnenbrille, soeben noch ins Haar gesteckt, über die Augen zog.

Mit einem Seufzer ließ sich der Herr auf den Sitz gegenüber fallen, legte seine Aktentasche auf die Oberschenkel, öffnete deren Schnappverschlüsse und zog eine gerollte Zeitung heraus.

Doch die reizende Dame weckte irgendwie sein Interesse.

 

Er räusperte sich laut, als er die Zeitung umständlich auszurollen begann, was sie zum erneuten Senken ihrer Zeitschrift verleitete. Sie blickte ihn durch die verdunkelten Gläser fragend an und verzog leicht den Mund.

„Aber bitte, lassen Sie sich nicht stören, Sie lesen ja auch“, entschuldigte er sich vordergründig und schlug sich mit der linken Hand auf die Brust. Sie nickte, ließ jedoch ihre Illustrierte auf halber Höhe gesenkt und schaute ihn weiter interessiert an.

Der Mann schwitze ein wenig.

 

Von ihrer grazilen und leicht mysteriösen Erscheinung angetan, versuchte er ungeschickt das Gespräch aufrecht zu erhalten: „Was lesen Sie gerade interessantes? Ich habe hier bloß die Wirtschaftsnachrichten. Bin ein langweiliger Banker“, sagte er augenrollend, um humorvoll zu wirken.

Sie lächelte, hob den linken Mundwinkel leicht und fuhr sich mit dem Zeigefinger über den Nasenrücken. Dies machte ihn nervös und er strich sich hastig durch das grau melierte Haar, weil er glaubte, dass sein streng gezogener Seitenscheitel durch den Luftwirbel des einfahrenden Zugs, als er noch am Bahnsteig stand, etwas aus der Form geraten war.

Sie senkte ihren Blick auf das Blatt und antworte etwas gelangweilt: „Ach, bloß ein schlechter Artikel, wie einfallslos Männer sind, wenn’s ums Fremdgehen geht.“ Und sogleich starrte sie ihn durch die Sonnenbrille wieder an: „Haben Sie denn Ihren Partner auch schon betrogen?“ Er schüttelte verlegen den Kopf. Dass diese Frau ihn für schwul hielt, verwirrte ihn: „Oh nein, ich bin heterosexuell, sehe ich denn irgendwie schwul aus? Na ja, und ich bin glücklicher Single.“

„Gut zu wissen“, kommentierte sie, desinteressiert durch das Waggonfenster auf die vorbeirauschende Landschaft schauend, „Sie waren also immer ein ganz gewöhnlicher treuer Partner?“

Die Frage verwirrte ihn erneut. Sie war irgendwie anders. Wünschte sich denn nicht jede Frau einen loyalen Mann?

„Tja!“, antwortete er nachdenklich, an seiner Zeitung herumfummelnd. Sie neigte den Kopf ein wenig nach vorn, abwartend, dass er ihr eine Antwort gäbe. „Ich habe einen starken Sexualtrieb, wissen Sie …“, meinte er stotternd.

Immer noch starr und desinteressiert aus dem Fenster blickend, nickte sie und lächelte.

 

Er sah, wie sie wohl hinter den dunklen Brillengläsern die Augenbrauen hob, da sich auf ihrer Stirn leichte Falten bildeten, während sie das Journal nun ganz in ihren Schoss fallen ließ.

„Meiner ersten Freundin war ich treu“, stammelte er, „Anfang zwanzig, ich glaube, das ist immer so. Man denkt, es währt für immer. Bis man sich dann nach ein, zwei Jahren wieder trennt, weil man sich total auseinandergelebt hat.“

In die untergehende Abendsonne blickend, öffnete sie den obersten Knopf ihrer weißen Seidenbluse und antworte lediglich: „Oh, das tönt ziemlich langweilig.“

Nun rollte er seine Zeitung hastig zusammen, stopfte sie energisch in die Aktentasche und stellte diese zwischen die Beine vor sich ab. Er wollte ihr beweisen, dass er kein Langweiler sei. Aufrecht und sicher sitzend, überlegte er.

 

Diebisch lächelnd, lehnte er sich dann nach vorn, so dass er beinahe ihre Knie berührte und gestand triumphierend: „Meine zweite Freundin habe ich betrogen, wir waren fast ein Jahr zusammen, gar verlobt, und sie mir treu ergeben.“

Sie zog aus ihrer Handtasche einen kleinen Spiegel und Schminkutensilien hervor, begann die Lippen rot nachzuziehen, so dass sie aus halb geöffnetem Mund einzig ein gelangweiltes „Ach?“ hauchen konnte.

Er mutmaßte, dass sie sich ihm deshalb so desinteressiert zeigte, weil sie die ganze Geschichte erfahren wollte: „Ich hatte etwas mit meiner Arbeitskollegin. Während zweier Jahre.“

Sie begann sich zu pudern und fragte abwesend: „So auf dem Bürotisch und so?“

Er schüttelte den Kopf, hob seine Tasche wieder auf die Oberschenkel um sich entspannter zu geben. Die Arme über der Tasche verschränkt fuhr er fort: „So haben wir’s auch getan. Ist aber unbequem. Geht wohl nur im Film so richtig. Meistens trieben wir es auf dem Teppichboden im Büro, während langweiligen Telefonkonferenzen. Aber wir gingen dann auch zusammen aus, aßen etwas. Oder trafen uns bei ihr zu Hause. Meine Freundin merkte auch davon nie etwas, ich verließ sie heute morgen, als sie noch schlief. Habe ihr einfach den Verlobungsring auf das Kopfkissen gelegt, mit einer Notiz ‚I’m sorry‘.“

Er lachte verlegen, strich sich mit den Händen über dem Mund und beobachte sie, sich fragend, ob er sie damit nun beeindrucken konnte.

 

Sie verstaute ihr Schminkzeug in der Handtasche, die sich mit einem lauten Klicken schloss.

Nun beugte sie sich zu ihm, fuhr mit der Zunge über ihre frisch nachgezogenen Lippen bevor sie fragend hauchte: „Interessant. Und weshalb erzählen Sie gerade mir das alles?“ Sie lehnte sich fordernd mit verschränkten Armen zurück in den Sitz, die Lippen zu einer Schnute geformt.

Nun gelte es, alles auf eine Karte zu setzen. Er überlegte scharf.

Und beugte sich dann über seiner Tasche weit nach vorn, diese immer noch mit beiden Händen umfassend, bis seine Ellenbogen ihre Knie antippten: „Na ja, wegen dem Artikel, den Sie lasen. Und Sie sehen atemberaubend aus. Ich lade Sie zu einem Glas Wein ein, bloß ein Glas Wein — vorerst.“

Kaum hatte er den Satz beendet, begann sie lauthals zu lachen, schlug sich mit linken Hand auf den Oberschenkel und zog mit der rechten erst ihre Sonnenbrille, dann die Perücke aus. „Du bis ja solch ein Idiot!“ Er begann sich triumphierend das Make-up aus dem Gesicht zu wischen und fuhr mit unverstellter Stimme fort: „Dass du seit Jahren keinen mehr hochkriegst, hast du in deinem Lügenmärchen komplett unterschlagen. Und dass dich der Ralph vom Büro fickt, weiß ich von ihm, denn ich fick’ ihn ja auch hin und wieder. Er ist viel devoter als du. Und deshalb habe ich dich ja gestern Abend in die Wüste geschickt. Willst du in deiner Verzweiflung nun auf Frauen umsteigen? Du lebst in einer Phantasiewelt, Ben. Geh mal zum Therapeuten.“

 

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