Von Ulli Lenz

„Schnuppi, ist das dein Ernst?“, fragt Jürgen fassungslos, starrt auf den Ring, den er gerade aus dem Kuvert gezogen hat, und tupfte sich mit der Serviette zuerst den Mund und dann die Stirn ab.

„Tut mir leid, Bärchen, ich habe mich entschieden“, antwortet Sybille mit ihrem treuherzigsten Hundeblick und spießt anschließend energisch ein paar Erbsen mit der Gabel auf, um zu demonstrieren, wie Ernst es ihr ist.

„I-ich dachte, wir feiern heute u-unseren Tag?!“, stammelt Bärchen nach ein paar Sekunden ungläubig, und greift Halt suchend zu seinem Weinglas, welches er mit einem Zug leert.

„Das tun wir doch, Jürgilein“, nuschelt Sybille noch mit Gemüse im Mund, und tätschelt ihrem Mann beruhigend den Arm, bevor sie den Bissen mit einem Schluck Wasser hinunterspült. „Wir feiern heute unseren 23. und letzten Hochzeitstag! Ich wollte unsere gemeinsame Zeit anständig beenden, verstehst du?“

„Das nennst du anständig?“, ereifert sich Jürgen lauter als gewollt, und fuchtelt dabei mit Kuvert und Zettel in der einen, und dem Ehering seiner Frau in der anderen Hand in der Luft herum. „Da sitze ich völlig ahnungslos beim candle-light-dinner, packe freudig mein Geschenk zum Hochzeitstag aus, und plötzlich halte ich die Trümmer meiner Ehe in der Hand… Und du nennst das dann anständig?“ Seine Stimme hat sich crescendo-artig mit jedem Wort gesteigert, sodass er nun die Aufmerksamkeit des gesamten Lokals hat. Als er sich dessen bewusst wird, versucht er vergeblich, sich unter den neugierigen Blicken der anderen Gäste wegzuducken.

„Also wirklich, kein Grund gleich laut zu werden!“, säuselt Sybille. „Ich dachte, das wäre ein schöner Abschluss für uns und unsere tollen Jahre. Wir hatten doch eine super Zeit zusammen, oder?“

„Unser gemeinsamer Lebensabschnitt muss der Hammer gewesen sein, wenn du mir deinen Ehering mit einem simplen ‚Sorry‘ auf einem Schmierpapier vor die Füße wirfst – quasi im Rücksendekuvert. Ha!“, meint Jürgen bitter, und muss sich dabei verflixt anstrengend, um nicht erneut aus dem Rahmen zu fallen. Mit seinem Zeigefinger sticht er wie eine Nähmaschine auf das Stück Papier mit der hingekrakelten Entschuldigung ein. Noch immer zornig, gießt er sich schließlich ein weiteres Glas Wein ein, und auch Sybille hält ihm ihr Weinglas entgegen.

„Wieso…?“, presst er schließlich hervor.

„Ich denke, ich muss mich noch ein bisschen austoben, bevor ich zu alt dafür bin“, erklärt Sybille ihm feierlich.

„Austoben? Wie jetzt, sexuell?“. Verblüfft starrt er seine Frau an, als diese ihm eifrig zunickt.

„Du hast also einen Anderen!“, stellt er nüchtern fest, und nimmt erneut einen Schluck Wein.

„Ach Blödsinn. Das kam nie für mich in Frage. Du weißt doch, dass ich eine treue Seele bin. Aber ich will mir meine Hörner abstoßen. So sagt man doch, oder?“. Sie greift ebenfalls zum Wein.

„Was für ein Schwachsinn ist denn das? Warte, willst du mir etwa damit sagen, dass ich nicht gut genug im Bett bin?“ Ärgerlich sägt er an seinem Steak herum und schiebt sich schließlich ein viel zu großes Stück davon in den Mund.

„Bärchen, ich habe in keinster Weise davon geredet, dass du schlecht im Bett bist. Ich denke, wir hatten beide unseren Spaß dabei. Aber ich habe schlicht und einfach keinen Vergleich, nachdem ich nie mit einem anderen Mann zusammen war. Und das möchte ich jetzt nachholen, nach dem die Kinder aus dem Haus sind.“

„Billi-Maus, das ist doch totaler Mist! Du willst alles hinschmeißen, nur weil du außer mir nie einen anderen Mann hattest? Das ist es doch nicht wert!“ Empört kaut Jürgen weiter und würgt dann den Bissen hinunter.

„Vielleicht ist es dir nicht wert, weil du dir sehr wohl die Hörner abgestoßen hast“, meint Sybille und deutet dabei mit den Gabelspitzen zwischen seine Beine.

„Von Hörner abstoßen kann da nicht die Rede sein, ich hatte höchstens drei oder vier…“

„Papperlapapp! Der Schorschi hat mir gesagt, dass du vor mir mindestens elf oder zwölf Mädchen mit in die Jagdhütte deines Vaters genommen hast, also erzähl mir keine Märchen.“

„Mein Gott, dann waren es eben ein, oder zwei mehr. Was macht das schon? Meinst du wirklich, dass diese unbeholfenen Rein-Raus-Spiele damals etwas mit erfülltem Sexualleben zu tun hatten? Pah, ich wusste ja selbst noch nicht richtig, wie der Hase läuft, und ‚die Hasen‘ hatten erst recht keine Ahnung!“, versucht Jürgen zu relativieren.

Schweigend taxiert Sybille ihren Mann, während sie geschickt mit der Gabel ein paar Bandnudeln aufwickelt und diese elegant in den Mund bugsiert. Jürgen wertet dies als einen kleinen Punktesieg und möchte gleich noch einen drauflegen: „Meinst du, dass ich etwa das Gefühl habe, etwas zu versäumen, nur weil ich seit mehr als zwanzig Jahre mit der gleichen Frau ins Ehebett steige? Ganz und gar nicht!“

Spöttisch hebt Sybille die linke Augenbraue. „Stimmt. Ins Ehebett bist du wohl nur mit einer Frau gestiegen, das gilt aber nicht für fremde Betten…“

Vor Verblüffung verschluckt sich Jürgen an seinem Salatblatt und hustet. „Willst du damit sagen, dass ich eine Affäre hatte?“, entrüstet er sich.

„Wir wissen doch beide, dass es nicht bloß eine war…“

„Das ist doch…“, setzt Jürgen an, und läuft dunkelrot an.

„Lass es, Bärchen“, unterbricht Sybille sanft. „Es hat keinen Zweck, es zu leugnen, ich habe genug Beweise dafür, und außerdem ist das längst vergessen. Weißt du, die ersten ein-, zweimal, da hat es mir richtig wehgetan. Ich habe mich so dermaßen hintergangen gefühlt! Und ich habe mich ständig gefragt, warum du das wohl tust.
Ich bin dann jedoch zu dem Entschluss gekommen, dass es nicht wichtig ist für mich, denn du warst ein aufmerksamer Ehemann und ein toller Vater. Du hast immer gut für uns gesorgt und das habe ich zu schätzen gewusst. Und, letztendlich habe ich mich trotz deiner Seitensprünge immer geliebt gefühlt, und dafür bin ich dir dankbar“, sagt Sybille ernst, und blickt ihrem Mann dabei fest in die Augen. „Wir sind eine Familie und das werden wir auch immer bleiben. Aber da die Mädchen mich nun nicht mehr so brauchen, habe ich beschlossen, die nächsten Monate mich selbst in den Vordergrund zu stellen.“

Erschüttert über die Enthüllungen seiner Frau kratzt Jürgen mit dem Messer Muster in die Pfefferrahmsauce. Sein Hirn läuft auf Hochtouren und in seinem Gesicht lassen sich die unterschiedlichsten Gefühlsregungen ablesen.
„Du hast Recht mit den Seitensprüngen, Schnuppi“, flüstert er schließlich. „Es tut mir leid, ich wollte dich auch nie damit verletzten. Ich kann nicht mal sagen, warum ich es getan habe. Vielleicht um mir zu zeigen, dass ich es noch drauf habe? Fakt ist, dass ich dich immer geliebt habe, und ich tue es noch. Kannst du es dir nicht nochmals überlegen? Du kannst dir auch soviel Freiraum nehmen, wie du brauchst!“

„Ach, Jürgi. Das bringt doch nichts. Die Strukturen unserer Beziehung sind so festgefahren, da hilft ein bisschen lockern der Schrauben auch nicht viel. Mein Entschluss steht fest, ich mache jetzt keine halben Sachen!“

„Aber… Das ist doch…“ Jürgen schnappt verzweifelt nach Luft. „Du denkst überhaupt nicht an mich, Schnuppi! Was soll denn aus mir werden?“ Er rauft sich mit der rechten Hand die Haare.

„Was soll das denn bitte heißen?“, ereifert sich Sybille und eine steile Zornesfalte erscheint auf ihrer Stirn. „Darum geht es ja gerade: Ich habe bisher immer nur an dich und die Mädchen gedacht und nicht an mich. Ich habe dir jahrelang den Rücken freigehalten! Haushalt und Kinder allein gestemmt, damit du Karriere machen kannst, war auf Firmenfeiern die brave, nette Frau im Hintergrund, die ihrem Mann treu zur Seite steht. Was genau willst du mir jetzt vorwerfen?“ Sybille hat sich so in Fahrt geredet und wartet eine Antwort erst gar nicht ab.
„Wenn du Spaß haben willst, kannst du nun ohne schlechtes Gewissen ein Seitensprünglein machen, und was den Rest anbelangt: besorg‘ dir eine Haushaltshilfe!“
Sie holt tief Luft und wendet sich, noch immer in Rage, wieder ihrem Teller zu.

Verdattert fällt Jürgen das Messer aus der Hand. Das Scheppern lässt ihn zusammenfahren und er wischt sich mit dem Handrücken die kleinen Schweißperlen von der Oberlippe.
„Mausi, so kenne ich dich gar nicht. Du bist so, so…“, verzweifelt sucht er nach den richtigen Worten.

„Egoistisch? Selbstbestimmt? Selbstbewusst? Resolut? Souverän? Eigenverantwortlich?“, fällt Sybille ihm in Wort.

„Äh, ja!“, antwortet Jürgen etwas verdutzt.

„Danke, Schatz!“, freut sich Sybille. „Ich bin von mir selbst überrascht, dass ich das so gut hinbekomme.“

Kopfschüttelnd schiebt Jürgen mit der Gabel die Reste seines Essens am Teller herum. „Und was mache ich dann mit der Kreuzfahrt, die ich uns beiden zum Hochzeitstag gekauft habe?“, fragt er dann etwas kläglich.

„Eine Kreuzfahrt, sagst du? Oh, das war ja eine nette Geste von dir!“, sagt Sybille aufgeräumt, und legt ihre Hand auf seine. „Und das passt ja gleich prima für dich. An Bord bist du gut versorgt, kannst dir Gedanken über deinen Neuanfang machen, und vielleicht lernst du gleich die eine oder andere Dame kennen“, meint sie dann im Plauderton, und senkt dann die Stimme: „Auf so Kreuzfahrtschiffen soll es ja von alten Jungfern und gescheiterten Existenzen nur so zu wimmeln, da findet sich bestimmt was!“
Dann streckt sie kurz die Hand über den Kopf und ruft: „Zahlen bitte!“

 

Version 1