Von Ricarda Köhler

An Tagen, an denen ein Regenbogen auftaucht, versuche ich den Erwachsenen aus dem Weg zu gehen, aber oft bin ich an diesen Tagen auch mit Laufen beschäftigt und ich erzähle euch, warum.

Leuchtend, Freude, unerwartet, aufregend, zauberhaft, geisterhaft, ich könnte weiter aufzählen, denn dies alles ist ein Regenbogen für mich.
Heute Nachmittag war wieder ein Regenbogen zu sehen. Ich finde, Regenbögen haben immer einen ganz besonderen Zauber. Insbesondere die Kräftigen, die so klar leuchten, dass man sie fast berühren kann. Sie sehen am Himmel so unwirklich aus. Auf einmal tauchen sie auf und dann leuchten sie wie verrückt und im nächsten Moment sind sie schon wieder verschwunden. Meine Eltern haben mir mal erzählt, dass ein Regenbogen entsteht, wenn es regnet und trotzdem die Sonne scheint und dann sich das Licht irgendwie bricht. Aber wie kann denn Licht bitteschön brechen. Es regnet und die Sonne scheint, aber Licht kann doch nicht brechen, das weiß doch jedes Kind. Die Erwachsenen erzählen dies nur, damit sie Geheimnisse für sich behalten. Ich meine die großen Geheimnisse, die keiner wissen darf. Ein Regenbogen gehört zu diesen Geheimnissen. Ich weiß es so genau, weil sie erzählen es mir immer wieder!

Früher habe ich mir den Regenbogen immer angesehen und gewartet bis er wieder verschwunden war. Aber heute werde ich unruhig, wenn ein Regenbogen erscheint. Ich bin oft unruhig, dann muss ich laufen. Ich meine jetzt nicht einmal ums Haus laufen, sondern richtig lange laufen. Manchmal laufe ich stundenlang und frage mich dann, wo ich eigentlich bin. Aber heute Nachmittag bin ich gelaufen, weil da dieser Regenbogen war. Einer dieser Regenbögen, der ganz nah am Haus ist und deshalb musste ich schnell hin. Denn ich musste es finden, aber ich habe es nicht gefunden, dabei weiß ich es doch so genau. Das Ende vom Regenbogen war einfach nicht zu finden. So war es immer.

Ich habe die Leute gefragt. Erst immer die Kinder fragen, denn die Kinder sind näher dran, auch das weiß ich genau. Die Kinder sehen sie auch häufig. Manchmal erzählen mir Kinder davon und dann weiß ich, dass wir uns gut verstehen. Aber bisher konnte mir noch kein Kind weiterhelfen und ich merke, dass auch die Kinder auf der Suche sind. Erwachsene sind schwieriger. Denn Erwachsene hinterfragen und wenn die Erwachsenen hinterfragen und ich daraufhin antworte, dann bekommen sie oft Angst. Angst vor mir und Angst vor ihnen. Dabei sind sie eigentlich total nett und ich bin es doch auch. Ich bin immer freundlich, denn das haben meine Eltern mir so beigebracht.

Ich glaube, die Erwachsenen haben nur Angst, dass ich auch ihr Geheimnis weiß. Denn die Erwachsenen wollen immer alles für sich behalten. Deshalb gehe ich den Erwachsenen aus dem Weg an den Tagen mit Regenbogen.

Ich habe das Ende aber heute auch nicht gefunden, dabei weiß ich es doch so genau. Denn sie kommen und erzählen es mir. Manchmal kommen sie abends und manchmal tagsüber. Wenn sie nachts kommen, stören sie mich am meisten, dann kann ich nicht schlafen und sie wollen sich mit mir unterhalten oder mir irgendwas ins Ohr flüstern. Aber ich will dann nicht zuhören. Aber ich weiß es daher so genau. Ich habe sie immer gesehen, schon als ich ganz klein war. Ich habe das kleine Volk immer gesehen, ihnen zugehört, sie berührt und mit ihnen im Regen getanzt. Ich habe mit dem kleinen Volk gesprochen und ich habe auch gesehen, dass andere Kinder mit dem kleinen Volk sprechen. Aber ich habe es meinen Eltern erzählt und die haben mich erst ausgelacht.

Als ich immer mehr davon erzählt habe, haben meine Eltern mich zu einem Erzähldoktor gebracht und der sagte mir, das kleine Volk gibt es nicht. Aber ich weiß, dass es das kleine Volk gibt. Es gibt die Elfen, Feen und Kobolde. Es gibt die guten Haus- und Naturgeister. Die Erwachsenen sehen sie nicht, weil sie sich gar nicht mehr in der Natur bewegen. Sie setzen sich nicht hin und warten. Ich kann lange warten. Ich bin oft in den Wald gelaufen und habe gewartet.

Deshalb laufe ich los, wenn ein Regenbogen entsteht, damit ich das Ende finde, denn am Ende, so sagen die Kobolde, ist ein Topf mit Gold vergraben. Mit Koboldgold, das muss man sich mal vorstellen! Wenn ich diesen Topf finden würde, dann würde ich es den Erwachsenen zeigen und sagen: „Hier, bitteschön, haben mir die Kobolde zugeflüstert und ich habe es gefunden, am Ende des Regenbogens!“

Denn es gibt sie doch, die Kobolde. Denn Gold und Geld, das ist etwas, was die Erwachsenen immer sehen möchten und auch haben möchten, und dann ist es ihnen auch egal, woher es kommt. Aber vielleicht würde ich es doch nicht zeigen, denn vielleicht nehmen sie nur das Geld und dann glauben sie doch nicht an Kobolde.

Ja, ich glaube, ich teile es dann lieber mit dem kleinen Volk, damit mir keiner sagen kann: „Erzähl doch nicht!“