Von Angelika Brox

Als Laura das Zimmer ihres Bruders betrat, saß er auf dem Bett, spielte Gitarre und summte dazu. Neben ihm lagen ein Notenheft und ein Bleistift.
Er lächelte ihr entgegen. »Na wie ist die Lage?«
Sie ließ sich auf seinen Schreibtischstuhl plumpsen und drehte sich hin und her.
»Hach«, sagte sie, » Jan-Eric mal wieder! In der Frühstückspause hat er meinen Apfel geklaut und ist damit durch die Klasse gerannt. Ich natürlich hinterher – und aus Versehen hab’ ich Frau Vogts Thermoskanne vom Pult gefegt. Blöderweise hatte sie den Deckel gerade abgeschraubt. Schepper, klirr, der Kaffee landete auf dem Boden und die Kanne war kaputt.«
Lennard grinste. »Die schnelle Laula mal wieder!«
Ihr Spitzname »schnelle Laula« stammte noch aus der Zeit, als sie kein »r« sprechen konnte, mit ihren kurzen Beinen ständig herumflitzte und Unsinn anstellte. Dieses Thema wollte sie nicht vertiefen.
»Schreibst du an einem neuen Song?«, fragte sie.
»Ja, ein Lied über den Mond. Bisher habe ich aber nur den Refrain.«
»Lass mal hören!«
Er schlug einige Akkorde an und begann zu singen:
»Hey Mond, du zeigst mir dein Gesicht,
die andre Seite zeigst du nicht.
Hey Mond, kennst du vielleicht den Sinn?
Wo komm ich her, wo soll ich hin?«
»So schön!« Laura hätte gerne mehr gehört.

Es klopfte und ihre Mutter kam herein. »Na, ihr zwei, alles in Ordnung?«
»Alles okay«, antworteten beide einstimmig.
»Wir haben nicht mehr genug Brot. Kann einer von euch schnell zum Bäcker gehen?«
»Mach ich.« Laura zwinkerte ihrem Bruder zu. »Ich muss sowieso noch was für die Schule besorgen.«
»Ich komme mit«, sagte Lennard. »Ich brauche ein neues Notenheft.«

Nachdem sie das Heft und eine Thermoskanne gekauft hatten, gingen sie weiter zum Bäcker.
Auf einmal zeigte Lennard zur anderen Straßenseite hinüber. »Da läuft Pablos Hund! Ganz allein!«
»Ob der ausgerissen ist?«
»Der wird noch überfahren!«
Schon rannte Lennard los. Das silberne Auto, das hinter dem parkenden Lkw auftauchte, sah er zu spät.
»Lennie!«, schrie Laura.
Er lief genau in das Auto hinein, sein Oberkörper schlug auf dem Kotflügel auf, sein Kopf prallte gegen den Rahmen der Windschutzscheibe. Ihr Bruder wurde zu Boden geschleudert und rutschte über den Asphalt wie eine große Stoffpuppe.
Der Boden schwankte unter Lauras Füßen und ihre Knie gaben nach.

***

Einige Tage nach der Beerdigung ging sie wieder zur Schule, doch sie fühlte sich fremd in der Klasse. Für die anderen drehte sich die Erde weiter, als wäre nichts geschehen, während Lauras Welt stehengeblieben war.
Die Mutter nahm starke Beruhigungstabletten. Entweder irrte sie wie ein Gespenst durch die Wohnung oder sie lag im Bett, mit dem Gesicht zur Wand.
Mit ihrem Vater versuchte sie einmal zu sprechen. Sie setzte sich neben ihn aufs Sofa und lehnte den Kopf an seine Schulter. »Ich kann einfach nicht glauben, dass Lennie nicht mehr da ist«, sagte sie und weinte.
»Das geht mir genauso«, antwortete er. »Ich denke oft, er müsste gleich zur Tür hereinkommen.«
»Und ich meine manchmal, ich würde ihn in seinem Zimmer Gitarre spielen hören. Das Lied über den Mond … er wollte es doch noch fertig schreiben.«
Sanft wischte er ihre Tränen fort. »Ihm geht es sicher gut an dem Ort, wo er jetzt ist.«
Seine Augen waren ebenfalls feucht geworden.
Laura wollte ihn trösten. »Bestimmt hat er dort eine Martin Black Smoke und jede Menge Fans.«
Da schluchzte ihr Vater so heftig, dass Laura erschrak. Seitdem wagte sie es nicht mehr, mit ihm über Lennies Tod zu sprechen.
Meist saß sie an ihrem Schreibtisch und malte. Die Wände hingen voller Bilder, auf denen sie mit ihrem Bruder zu sehen war: Sie beide mit Skateboards, beim Basketball, am Silbersee, mit ihren Gitarren beim Schulfest, in den Ferien am Meer …

***

Heute fühlt sie sich zum ersten Mal stark genug, sein Zimmer zu betreten.
Langsam öffnet sie die Tür und macht zwei zögernde Schritte. Alles sieht genauso aus, wie er es verlassen hat. Neben dem Schreibtisch liegt sein Rucksack. Der Deckel des Laptops steht offen. Auf der Fototapete hinter dem Bett glitzert der Sternenhimmel. Am Kopfteil lehnt die Gitarre. Es wirkt so, als wäre er nur kurz weggegangen.
Leise drückt sie die Tür ins Schloss, setzt sich aufs Bett, nimmt das Instrument auf den Schoß und stimmt die Saiten. Dann spielt sie einen seiner Songs. Sie kennt alle auswendig.
Während sie den Refrain singt, schließt sie die Augen.
Lennie, wo bist du?
Plötzlich scheint sich ihr Körper aufzulösen. Die Gitarre rutscht ihr aus den Händen. Sie spürt einen starken Sog und fühlt sich wie im Rüssel eines Tornados. Ihr wird schwindelig. Im nächsten Moment ist es wieder vorbei. Erschrocken schaut sie sich um. Sie sitzt immer noch auf dem Bett, doch die Gitarre lehnt nun am Schreibtisch. Der ganze Raum wirkt merkwürdig verändert. Das Holz der Möbel kommt ihr dunkler vor. Auf der Fototapete hinter dem Bett hocken Orang-Utans im Regenwald.
Ihr Bruder tritt ein, bleibt wie schockgefrostet im Türrahmen stehen und starrt sie an.
»Laula«, flüstert er.
»Wie … was … wo …«, stammelt sie.
»Du lebst?«, fragt er tonlos.
Sie beginnt zu weinen. »Natürlich lebe ich. Du warst es doch, der vors Auto gelaufen ist.«
»Nein, du bist vors Auto gelaufen.«
Er setzt sich neben sie und berührt vorsichtig ihre Schulter. »Ich kann dich tatsächlich anfassen.« In seinen Augen schimmern Tränen. »Seit wann trägst du deine Haare so kurz?«
»Immer schon. Und dein Pony ist ganz schön lang geworden.«
Dieses karierte Hemd kennt sie auch nicht.
Laura trocknet ihr Gesicht mit dem Ärmel und überlegt. »Wo sind eigentlich unsere Eltern?«, fragt sie.
»Auf dem Friedhof.« Mit runden Augen sieht er sie an. »Ähm, an deinem Grab.« Er schüttelt den Kopf. »Ich glaub’, ich träume.«
Sie kneift ihn in den Arm. »Nee, du bist wach, sonst würden wir ja beide denselben Traum träumen.«
»Aber Laula, dein Unfall ist wirklich passiert! – Was ist hier nur los?«
»Vielleicht hat Papa recht«, sagt Laura nachdenklich. »Er meint, du wärst an einem anderen Ort, wo es dir gut geht …«
»Na ja, abgesehen davon, dass meine Schwester tot ist …«
»… und vorhin spielte ich eins deiner Lieder, hatte die Augen geschlossen und sah dich vor mir. Auf einmal wurde ich durch einen Tunnel gewirbelt und plötzlich saß ich hier.«
Er nimmt sie in die Arme und drückt sie an sich. Sie lehnt ihren Kopf an seine Brust und hört sein Herz schlagen. Sein Rücken unter ihren Händen fühlt sich warm und lebendig an.
Behutsam löst er sich wieder von ihr. »Weißt du, was ich vermute? Wir leben in zwei verschiedenen Welten. In deiner Welt bin ich gestorben und in meiner Welt bist du gestorben.«
»Du meinst, so was wie Parallelwelten gibt es wirklich?«
»Anscheinend. Bisher hielt ich das ja für Science Fiction.«
»Ist ja krass.« Ihr Blick fällt auf die Gitarre. »Ich glaube, es ist passiert, weil ich beim Singen so fest an dich gedacht habe.«
Kurz streift sie die Sorge, ob sie wohl den Weg zurück finden wird, doch daran will sie jetzt noch nicht denken.
»Hast du Lust zu skaten?«, fragt sie.
»Skaten nennt ihr das? – Na klar!«
Im Flur öffnet er einen Schrank und holt Rollschuhe heraus. Sie haben vorne und hinten je zwei Räder.
»Oh, Retro«, sagt sie, »aber macht nichts, ich werde mich schon daran gewöhnen.«
Er gibt ihr eine Sonnenbrille. »Damit man dich nicht so leicht erkennt.«

An der Seite ihres Bruders rollt Laura aus der Siedlung heraus. Es ist fast so wie früher, nur viel schöner, weil sie es so sehr vermisst hat.
»Zum Kanal, Laula?«
»Okay.«
Die Umgebung erscheint ihr unwirklich, einerseits fremd, andererseits vertraut, wie bei der Rückkehr nach einer langen Reise. Die Häuser, die in ihrer Welt weiß verputzt sind, haben hier rote Klinkerfassaden. In den Vorgärten wachsen mehr Blumen, dafür gibt es weniger Rasen. Einige Menschen, denen sie begegnen, erkennt sie wieder, obwohl sie seltsame Frisuren und sonderbare Kleidung tragen. Auf dem Gehweg gegenüber entdeckt sie zwei ihrer Freundinnen und kann sich im letzten Moment beherrschen, um nicht zu ihnen hinüberzuwinken. Schnell wendet sie das Gesicht in die andere Richtung.
Vor der Kanalbrücke hält Lennie an. »Traust du dich?«
Statt einer Antwort nimmt sie Anlauf und fährt die Brücke hinauf. Er folgt ihr dicht auf den Fersen.
Oben bleiben sie stehen und grinsen sich an.
»Los!«
»Los!«
Bei der Abfahrt kribbelt es in Lauras Bauch und sie lacht laut. Es fühlt sich ungewohnt an. Seit dem Unfall hat sie nicht mehr gelacht.

Während sie unten ausrollen, sagt Lennard: »Wir sollten jetzt wieder nach Hause fahren, bevor meine … ähm, unsere Eltern heimkommen. Wenn sie dich sehen würden, bekämen sie bestimmt einen Schock.«
Zurück in seinem Zimmer, sagt Laura: »In meiner Welt bekommen sie bestimmt einen Schock, wenn ich verschwunden bleibe.«
»Versuch es mal mit Mamas oder Papas Lieblingssong«, schlägt er vor. »Natürlich einem aus eurer Welt.«
»You Raise Me Up«, ruft Laura sofort.
»Oh, das erstürmt hier gerade die Hitparaden.«
»Witzig! Bei uns ist es längst ein Oldie.« Dann wird sie ernst. „Mach’s gut, großer Bruder! Falls es klappt, besuch’ ich dich morgen wieder.“
Er nickt und zwinkert ihr zu.
Sie nimmt seine Gitarre, spielt das Intro, schließt die Augen, denkt an ihre Eltern zu Hause und beginnt zu singen: »When I am down and, oh my soul, so weary …«
Beim Refrain entsteht wieder dieser mächtige Sog, der ihren Körper durch den Tunnel zieht. Noch leicht schwindelig, öffnet sie die Augen. Sie sitzt auf Lennies Bett, die Gitarre liegt neben ihr und an der Wand leuchtet der Sternenhimmel.
Laura lächelt. Nun kennt sie den Weg.


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