Von Angelika Brox 

Zum ersten Mal geschah es, als Martha vier Jahre alt war. Sie hockte in der Wohnstube auf dem Boden und spielte mit den Figuren, die ihr Vater für sie geschnitzt hatte, einem Hütehund und drei Schafen. Größer konnte die Herde nicht mehr werden, weil der Vater jetzt im Himmel wohnte. Beim Holzfällen war er von einem Baum erschlagen worden. Die Mutter saß am Fenster und nähte gerade einen Ärmel an das neue Festtagskleid für die Großbäuerin.
Plötzlich schossen weiße Blitze durch Marthas Kopf. Ihre Augen verdrehten sich nach oben, ihr Gesicht verzog sich zu einer Grimasse, ihre Arme und Beine zuckten wild, ohne dass sie etwas dagegen tun konnte. Sie bekam schreckliche Angst. Auf einmal schmeckte ihr Mund nach Eisen und blutiger Schaum tropfte auf ihre Schürze. Wie durch einen Schleier nahm sie wahr, dass die Mutter sie aufhob und zum Bett trug. Dann fiel sie in einen erschöpften Schlaf.
Als sie erwachte, saß die Heilerin auf der Bettkante und strich sanft über Marthas Kopf, ihre wässrig blauen Augen schauten inmitten vieler Falten freundlich und mitfühlend auf sie herab.
„Die Säfte im Gehirn sind in Unordnung geraten“, erklärte sie der Mutter.
Aus einer Tasche ihres weiten Rocks zog sie ein Leinensäckchen.
„Nimm diesen Beutel, er enthält getrockneten Salbei, Baldrian und Johanniskraut. Wenn sich das nächste Mal ein Anfall ankündigt, lass deine Tochter den Duft einatmen.“
Einer anderen Rocktasche entnahm sie eine hellbraune, knorrige Stange.
„Dies ist eine Eibischwurzel. Bereite daraus einen Sud und gib ihn dem Mädchen zu trinken. Das heilt die Wunden an der Zunge.“
Die Mutter bedankte sich und schenkte der Heilerin zum Lohn ein Tuch, das sie genäht hatte. Die alte Frau lächelte erfreut und legte es sich gleich um die Schultern.
„Ich rate dir, stets ein Stück Holz bereitzuhalten“, sagte sie, während sie sich zum Gehen wandte. „Das schiebst du ihr beim nächsten Anfall in den Mund, damit sie sich nicht wieder die Zunge zerbeißt.“
An der Tür hielt sie noch einmal inne und sprach mit gedämpfter Stimme: „Du solltest die Kleine nicht mehr hinauslassen. Wenn ihr draußen solch ein Anfall widerfährt, werden die Leute glauben, sie wäre von einem Dämon besessen. Das ist gefährlich. Es sind wieder Hexenjäger unterwegs.“

Von nun an musste Martha ständig im Haus bleiben. Sie half der Mutter, Röcke zu nähen und Blusen zu besticken. Zwischendurch schaute sie aus dem Fenster und sah den Dorfkindern beim Spielen zu. Weil sie nie mehr mit ihnen sprach, hielten die anderen sie nach einiger Zeit für dumm. Manchmal blieben sie vor ihrem Fenster stehen und riefen: „Ei, wer sitzt denn da? Strohdoofe Martha!“
Anfangs tat es weh, doch allmählich lernte Martha, ihr Herz zu verhärten.
Immer, wenn sie spürte, dass ein Anfall nahte, roch sie an den duftenden Kräutern und nahm eines ihrer Holzschafe zwischen die Zähne.
Eines Tages kehrte die Mutter vom Markt zurück und brachte ein struppiges, halb verhungertes Kätzchen mit, das sie unterwegs aufgelesen hatte. Martha gab ihm zu essen und zu trinken, kämmte sein Fell und nannte es Leni. Leni wurde ihre beste Freundin. Tagsüber lag das Tier auf ihrem Schoß und schnurrte zufrieden, abends wollte es hinaus. Bald gelang es Martha, seine Sprache zu verstehen. Dem Klang des Miauens entnahm sie, in welcher Stimmung Leni war. Während die Katze nachts umherstreifte, empfing Martha Bilder von huschenden Mäusen auf den Feldern, von Ratten, die unter dem Kornspeicher des Großbauern lebten, vom Hund des Jägers und vom Kater der Müllerin.

Als Martha acht Jahre alt war, wurde eines frühen Morgens die Heilerin gefangen genommen. Angeblich stand sie mit dem Teufel im Bunde. Sie hatte der Frau des Schmieds bei der Entbindung geholfen. Der Junge kam tot zur Welt. Die Heilerin massierte seine Brust und blies ihm ihren Atem ein und das tote Kind erwachte zum Leben. Das konnte nicht mit rechten Dingen zugegangen sein. Der Hexenjäger unterzog sie einem peinlichen Verhör.
Martha erinnerte sich an die freundlichen Augen der Frau und weinte. Sie bat Leni, zum Kerker zu schleichen. Es waren grausame Bilder, die ihre Katze von dort schickte. Die Folterknechte zerquetschten der Heilerin die Finger und renkten ihr die Glieder aus. Trotz allem leugnete sie standhaft, mit dem Teufel im Bunde zu sein.
Schließlich verurteilte der Dorfschulze sie zum Tod durch das Feuer, damit ihre Seele gerettet würde.
Zwei Wachen schleiften die arme Frau zum Scheiterhaufen, denn sie konnte kaum gehen. In froher Erwartung versammelte sich das Volk auf dem Marktplatz.
Martha und ihre Mutter zündeten eine Kerze an, setzten sich aufs Bett, hielten sich eng umschlungen und beteten für einen schnellen Tod. Schon bald sandte Leni Bilder von zu frischem Holz, das nicht richtig brennen wollte. Durch den dichten Rauch verlor die Heilerin das Bewusstsein, ehe die Flammen ihren Körper erreichten. Sie verbrannte, ohne zu schreien. Murrend zerstreute sich die Menge.
Martha beschrieb, was sie gesehen hatte.
„Vielleicht hat der Henker absichtlich feuchtes Holz aufschichten lassen“, meinte ihre Mutter. „Sie war seine Nachbarin.“

Zwei Jahre später bekam die Mutter Fieber. Im Schein des Mondes schlich Martha aus dem Haus und sammelte Ringelblumen, Salbei und Eibisch. Leider halfen die Aufgüsse nicht viel. Das Fieber ging zwar zurück, aber die Mutter blieb schwach und wurde immer dünner.
An Marthas zwölftem Geburtstag schaffte sie es nicht mehr, aus dem Bett aufzustehen. Mit letzter Kraft flehte sie: „Bitte verlasse nach meinem Tod sofort das Dorf! Versprich es, sonst kann ich nicht in Ruhe sterben. Es soll dir nicht so ergehen wie der Heilerin.“
Unter Tränen gab Martha ihr das Versprechen. Nachdem die Mutter ihren letzten Atemzug getan hatte, hielt Martha Totenwache, bis die Sonne unterging. Dann trat sie vor das Haus und sprach einen kleinen Jungen an, der soeben vorbeilief. Sie schenkte ihm ihren hölzernen Hund und sagte: „Schick den Totengräber her!“
Rasch packte sie ihre wenigen Habseligkeiten in ein Bündel: Stoffe und das Nähzeug ihrer Mutter, ein Paar Strümpfe und ein Kleid, die drei Holzschafe, den Leinenbeutel mit Duftkräutern gegen ihre Anfälle, einen Kamm, einen Laib Brot, Äpfel und einen Ring Dauerwurst. Zusammen mit Leni verließ sie das Haus und eilte, so schnell sie konnte, zum Wald. Bald machte die Dunkelheit zwischen den Bäumen sie für die Dorfbewohner unsichtbar.

Sie wanderten die ganze Nacht. Immer wieder lief die Katze voraus, um die Gegend zu erkunden. Als das erste Morgenrot den Himmel über den Wipfeln färbte, führte Leni sie zu einer alten, windschiefen Hütte. Darin hatten wohl einmal Waldarbeiter gewohnt. Jetzt stand sie leer.
„Gut gemacht“, lobte Martha, „hier wollen wir leben.“
Sie richtete sich so behaglich ein, wie es ihr möglich war. Ab und zu schlich sie nachts zum nächstgelegenen Hof und stahl Rüben, Äpfel oder Kohl. Hinter der Hütte legte sie einen Gemüsegarten an. Inzwischen liebte sie die Einsamkeit. Mit Menschen wollte sie nichts mehr zu schaffen haben. Stattdessen lernte sie, die Sprache der Waldtiere zu verstehen. So wurde ihr die Zeit niemals lang.

An einem kühlen, bewölkten Herbsttag kam ein Reh zur Hütte gesprungen. Es übermittelte Bilder von zwei Kindern, die sich näherten.
Martha bedankte sich. Sie stellte sich hinter die Tür und lugte durch ein Astloch in der Wand. Ihr Herz klopfte schneller. Nie mehr sollte jemand „strohdoofe Martha“ zu ihr sagen! Nie mehr!
Da kamen sie, ein Mädchen und ein Junge. Sie blieben kurz stehen, dann liefen sie los und pflückten die Brotstücke vom Dach, die Martha für die Vögel aufgehängt hatte.
Wütend riss sie die Tür auf und schrie: „Diebesgesindel! Euch werd’ ich’s zeigen!“
Die Kinder machten einen Satz rückwärts. Ihre Beute hielten sie eisern fest.
„Wir haben solchen Hunger“, sagte das Mädchen.
„Wir haben uns im Wald verirrt“, ergänzte der Junge.
Martha riss ihnen das Brot aus der Hand. „Verdient es euch!“ Sie deutete auf einen Stapel Holz unter dem Vordach. „Tragt einen Armvoll Scheite ins Haus und heizt den Ofen an.“
Mit ängstlichen Blicken auf Martha gehorchten die beiden.
Als die Flammen loderten und knisterten, schob Martha die Kinder auf die Sitzbank und warf das Brot auf den Tisch.
„Esst!“, knurrte sie. „Ihr seid viel zu dünn.“
Erschrocken sah der Junge das Mädchen an und flüsterte: „Ich glaube, sie ist eine Hexe.“
„Ja“, flüsterte das Mädchen zurück, „und die Leute erzählen, dass Hexen Kinder braten und fressen.“
In Marthas Bauch kribbelte es. Es fühlte sich an wie ein Lachen. Sie räusperte sich.
„Nun esst schon!“, sagte sie etwas freundlicher und setzte sich an den Tisch. „Wie heißt ihr denn?“
„Ich bin Gretel“, antwortete das Mädchen. „Und das ist mein Bruder Hänsel.“
Zögernd nahm sie ein Stück Brot und biss hinein. Hänsel nahm sich ebenfalls eine Scheibe, ließ sie aber wieder sinken.
„Eigentlich wäre ich lieber gar kein Junge“, gestand er. „Manchmal habe ich nachts heimlich Gretels Kleider angezogen und bin im Wald spazieren gegangen.“
„Vor drei Nächten hat unser Vater ihn erwischt“, berichtete Gretel kauend. „Er hat ihn mit einer Weidenrute verprügelt. Später habe ich unsere Eltern belauscht. Sie beschlossen, Hänsel am nächsten Morgen tief in den Wald zu bringen und auszusetzen. Durch das Abenteuer sollte er entweder ein richtiger Mann werden oder sterben. Am Morgen bin ich Vater und Hänsel nachgeschlichen und habe Kieselsteine auf den Weg gelegt, damit wir zurückfinden. Doch Hänsel will nicht wieder nach Hause.“
„Menschen sind dumm“, sagte Martha. Sie nickte dem Jungen zu. „Bei mir darfst du gerne ein Mädchen sein, wenn dir das lieber ist. Wie möchtest du denn heißen?“
„Hanna!“, rief er, ohne zu zögern.
„Ein schöner Name.“ Martha deutete auf eine Kiste unter dem Fenster. „Schau einmal hinein, Hanna! Darin liegen bunte Stoffe. Suche dir einen aus, dann will ich dir daraus dein eigenes Kleid nähen.“

Wenn das Kleid fertig ist, dachte Martha, frage ich die beiden vielleicht, ob sie bei mir bleiben wollen.



V2
9943 Zeichen