Von Daniela Seitz

„Eine Nachricht, die nicht beantwortet oder zu kurz beantwortet wird, und ich bin so fertig, dass ich vier Stunden lang nicht mehr arbeiten kann. Ich lese die E-Mail immer wieder, während ich überlege, zu kündigen, weil ich glaube, dass mich alle für inkompetent halten. Wenn ich dann darüber geschlafen habe, sind diese Gedanken weg. Aber während es passiert, fühlt es sich an wie ein körperlicher Schmerz. Warum stelle ich mich nur so an?“

„Was genau stand denn in dieser E-Mail, Andreas?“, fragt mich mein Psychiater.

„Passt. Nicht mehr und nicht weniger. Kein Gruß und kein Satzzeichen oder Emoji. Einfach nur „Passt“. Das ist so…“, echauffiere ich mich.

„… so was?“, werde ich gefragt.

„… es ist so abwertend …“

                                                                               *****

Ich mache Überstunden, um alle E-Mails noch heute zu beantworten. Ich weiß, dass morgen weitere 100 E-Mails zu erwarten sind. Die werden mich morgen ebenfalls über meine Dienstzeit hinaus beschäftigen. Also ist es nicht ratsam, jetzt schon nach Hause zu gehen. Während ich über Antworten brüte, öffne ich das Medikamentenfläschchen mit den ADHS-Tabletten, die mir verschrieben wurden. Ganz nebenbei schlucke ich die Tabletten.

Die Zeit vergeht. Während ich schreibe, höre ich nur das Klackern meiner Tastatur und das Summen meines Laptops. Keiner außer mir ist noch da. Nur noch drei E-Mails. Da passiert es schon wieder. Wieder mit der E-Mail meines Chefs. Kein Gruß und keine Satzzeichen.

„Mach das.“

Von Null auf 100 bin ich wieder auf 180. Das Medikamentenfläschchen wird von mir durch den Raum geschleudert. Ich werde meinem Chef eine gepfefferte Antwort schreiben. Und den Psychiater verklage ich gleich am besten. Die Tabletten hätten das Gefühl bremsen sollen. Tun Sie aber nicht. Hart tippe ich auf der Tastatur. Hat dieser Heini sein Diplom im Lotto gewonnen?

Da kommt plötzlich eine neue E-Mail rein und stoppt mich. Wer schreibt denn bitte noch um 23:00 Uhr außer mir? Meine Augen werden groß. Der Nachrichtenschreiber benutzt meine E-Mail-Adresse. Ich bin Single. Keine Freundin, die auf mich wartet und sich an meinem Computer zu Hause bedienen könnte. Ich wohne allein. Angespannt öffne ich die Nachricht.

 

„Lieber Andreas,

bist du gerade dabei, deinem Chef zu schreiben, dass er sich seine „Passts“ und „Mach das“ sonst wohin schieben kann? Dann weißt du, dass ich du bin. Nur du, der Gegenwarts-Andreas, und ich, der Zukunfts-Andreas, wissen, was du da gerade in die Tasten haust.

Ich rate dir: Lass es bleiben.

Die Tabletten für ADHS sind nicht falsch. Aber auch nicht vollständig.

Arbeite weiter mit unserem Psychiater. Finde die richtigen Türen. Die Tür, durch die du gehst, bestimmt dein Etikett. Die Probleme, die wir haben, passen zu vielen Diagnosen, denn die Oberfläche ist gleich. Aber die Mechanismen unterscheiden sich und natürlich die Behandlungsart.

Die ADHS-Tabletten helfen nur gegen das Regulationsproblem, das wir haben.

Die anderen Probleme konnte ich nicht finden, weil ich aus Frust mit Paracetamol die Gefühle habe abstumpfen lassen. Ich wollte nicht reden. Ich wollte funktionieren. Nur hat das Paracetamol meine Leber zu sehr geschädigt.

Mach du es bitte anders.

Mach das.

Bitte!

Rette mich.

Versteif dich nicht auf eine Tür. Verteidige nicht eine einzige Diagnose.

Rede!

Über alles!

Dein sterbender Zukunft Andreas“

 

Mit offenem Mund setze ich mich. Was zum Geier soll ich denn davon halten? Von welchen Türen rede ich da bitte? Bin das ernsthaft ich, der da schreibt? Aber ich habe keine Zeit, diese Fragen zu ergründen. Vor meinen Augen verschwindet die E-Mail einfach.

„Was zum …“, entfährt es mir.

Keiner da, der mich hört.

Keiner da, um die E-Mail zu bezeugen.

Halluziniere ich etwa?

Über mein Handy kontrolliere ich meine versendeten Nachrichten.

Nichts da.

Als hätte es die Nachricht nie gegeben.

 

Ich ändere die begonnene E-Mail an meinen Chef.

Ich nehme Urlaub.

Dann schreibe ich eine E-Mail an meinen Psychiater.

Ich frage nach einer Notfallsitzung.

Dann gehe ich nach Hause.

Ist jetzt auch egal, dass noch drei E-Mails unbeantwortet sind.

Schlafen ist jetzt das Einzige, was ich tun kann.

                                                               *****

Mit meinem Psychiater diskutiere ich alle Möglichkeiten durch. Insbesondere meine Frage nach den Türen irritiert ihn. Aber schlussendlich einigen wir uns darauf, dass es mehrere Welten gibt. Die ADHS-Welt, die Trauma-Welt, die Borderline-Welt und die Zurückweisungsempfindlichkeits-Welt. Alle Welten liefern Antworten darauf, warum ich auf echte und auch unterstellte Ablehnung wie ein H-B-Männchen reagiere und in die Luft gehe. Die Suche nach der richtigen Tür und die Frage, ob ich durch mehrere Türen gehen muss, werden mich viel Zeit kosten. Daher lasse ich mich krank schreiben.

Als ich an der Tür bin und mein Psychiater fast Ruhe vor mir hat, traue ich mich doch noch zu fragen.

„Kann ich meine Gefühle mit Paracetamol abstumpfen lassen?“

Mein Psychiater reagiert verhalten. Natürlich weiß er, warum ich frage, denn auch die imaginäre E-Mail und das von mir als harmlos eingestufte Paracetamol haben wir heiß diskutiert.

„Lassen Sie bitte die Finger davon!“, ist alles, was ich aus ihm herausbekomme.

„Also führt es bei Überdosierung zu einem tödlichen Leberschaden?“

„Wollen Sie, dass ich sie einweisen lasse?“

„Nein, morgen wieder die gleiche Zeit?“

„Ja, bis morgen!“

V1 5347 Zeichen