Von Raina Bodyk

Lotta springt wie meistens in letzter Sekunde mit Schwung in die Straßenbahn. Drinnen erregt ein Mitfahrer gerade allgemeine Aufmerksamkeit. Er hat nur einen kurzen Blick auf die Nachricht seines Handys geworfen und schreit alarmiert auf: „Der Bundeskanzler ist erschossen worden.“ Schockierte Ausrufe von allen Seiten, Aufregung, Diskussionen. Ein Video dokumentiert die ungeheuerliche Tat.

Dann eine neue Meldung: „Unser Bundeskanzler lebt. Das Video ist gefälscht.“

Lotta öffnet die offizielle Regierungsseite auf ihrem Tablet: „Das Attentat hat stattgefunden, Untersuchungen laufen.“

Fünf Minuten später: „Unsere Informationen erwiesen sich als falsch. Es handelt sich um eine ausländische Desinformationskampagne.“

Die alte Dame neben Lotta schüttelt verwirrt ihren Kopf mit den dünnen, weißen Haarsträhnen: „Was stimmt denn jetzt?“ Lotta zuckt nur mit den Schultern. Auch sie hat keine Antwort. Stimmen, Bilder, Videos, Personen, alles kann heutzutage gefälscht sein.

Lotta weiß das besser als die meisten im Jahr 2028. Sie arbeitet als Realitätsprüferin für die Regierung. Die Künstliche Intelligenz hat den Unterschied zwischen Wahrheit und Lüge unsichtbar gemacht.
Dies führte vor zwei Jahren zur Gründung eines Authentizitätsregisters. Darin dokumentiert Lotta akribisch alle wichtigen Handlungen, Gesetze, Gerichtsurteile, Verträge, Wahlergebnisse, untermauert mit beweisbaren Fakten. Das gleiche geschieht mit den persönlichen Daten der Menschen. Geburten, medizinische Fakten, Ausbildung, Todesfälle. Für die Recherchen braucht sie Zugang zu Satellitendaten, Kameras, digitalen Informationsquellen, Protokollen von Versammlungen, seien sie politisch brisant oder sehr privat. Bevor sie damit anfing, wurde sie auf Herz und Nieren geprüft, kontrolliert, getestet auf Verschwiegenheit, Ehrlichkeit und Vertrauenswürdigkeit. 

All dies funktionierte für einige Monate sehr erfolgreich. Doch dann wurde das Register selbst gefälscht …

*****

„Fiete, bist du zuhause?“, ruft Lotta, geschlaucht von ihren Recherchen, schon an der Wohnungstür.

„Komm rein, ich hab uns was Leckeres gekocht. Dazu ein Glas Rotwein, dann bist du wieder wie neu.“

„Das glaube ich nicht. Meine Arbeit wird andauernd schwieriger. Manchmal frage ich mich, wozu mache ich das eigentlich noch. Ich strenge mich an und weiß immer häufiger dennoch am Ende nicht, ob etwas tatsächlich die Wahrheit ist. Es macht mich wahnsinnig!
Weiß ich, ob du mich überhaupt noch liebst? Kann doch auch Lüge sein!“

„Stopp! Lotta, jetzt ist es aber gut! Du weißt ganz genau, was ich für dich fühle. Ich bin und bleibe dein ungefälschter, echter Ehemann. Nimm doch den ganzen Kram nicht so ernst. Da sollen sich die Forscher und Politiker drum kümmern. Du machst einfach deinen Job und fertig.“

„Du verstehst mich einfach nicht!“

„Wie sollte ich auch? Unser Leben ist doch beneidenswert. Wir haben Wahnsinnsfortschritte in der Medizin und sonstigen Forschung gemacht, Routinearbeiten sind automatisiert, und, und, und …
Es gibt endlich keine Kriege mehr, seit jedes Land weltweit auf sämtliche Datenbanken zugreifen kann und damit der Wissensstand überall alle gleich ist.“

„Ich sag doch, du verstehst mich nicht! Für dich ist immer alles hervorragend, solange es uns gut geht. Was ist mit der Kehrseite? Was ist Wahrheit, was ist Fake?“

„Komm, lass mich damit in Ruhe. Nichts ist vollkommen. Was kümmern mich die paar Nachteile bei diesen Pluspunkten!“

Lotta fühlt sich plötzlich sehr allein.

*****

Wochen später findet sie im Flur einen Briefumschlag, den jemand unter der Tür durchgeschoben haben muss. Kein Absender, keine Adresse, nur ihr Name. Merkwürdig. Neugierig reißt sie ihn auf und stößt entgeistert einen kleinen Schrei aus. Was ist hier los? Das ist ihre eigene Schrift! Nicht nachgemacht, sondern exakt! 

Jetzt bist du wohl aus allen Wolken gefallen, stimmt’s? Aber es hat alles seine Richtigkeit. Ich bin du in der Zukunft.

Fassungslos und ungläubig starrt Lotta auf die vertrauten Zeichen. Wieder so eine Fälschung, wie sie heute üblich sind. Aber darauf fällt sie nicht herein! Sie prüft jeden einzelnen Buchstaben. Alles ist absolut identisch mit ihrer Schreibweise bis hin zu den verspielten, kleinen Schnörkeln, die sie gern macht. Könnte es tatsächlich sein, dass …

Es tut mir leid, aber es ist unbedingt nötig, dir etwas mitzuteilen. In neun Jahren wird etwas geschehen, das dich traurig und sehr unglücklich machen wird. Ich würde dir das lieber verschweigen. Jedoch ist es sehr wichtig, dass du dir eines merkst: Höre, wenn das eintrifft, nur auf dich selbst, konzentriere dich ganz auf deine Gefühle. Die Technik wird zu der Zeit nämlich imstande sein, Gedanken und Gefühle zu manipulieren. Lass nicht zu, dass sie dir unser Ich nehmen! Sie werden deine Erinnerungen „anpassen“ wollen und es wird sich anfühlen wie dein eigener Gedanke.

Lotta ist immer noch wie vor den Kopf geschlagen und fragt misstrauisch: „Woher weiß ich denn, dass du nicht selbst ein Trick bist?“

Denke an etwas, dass nur wir beide wissen. 

Sie erinnert sich. Als sie sechzehn war, hatte sie einen ganz schlimmen Krach mit ihrer Mutter. Sie wollte sie sogar schlagen, wofür sie sich bis heute schämt. Zum Glück konnte diese rechtzeitig ihren Arm, der gerade ausholte, packen.

Lotta erstarrt, als auf dem Brief wie aus dem Nichts eine neue Zeile erscheint.

Du hast an unseren bösen Streit gedacht.

Woher weiß die Schreiberin das? Niemand ahnt etwas davon. Es war ihr viel zu peinlich, es jemandem anzuvertrauen. Nicht mal Fiete. Sollte dieser Brief wirklich aus der Zukunft gekommen sein?
Sie packt die Zeilen in ihre Schmuckschatulle und beschließt, ihrem Mann auf keinen Fall davon zu berichten. Bei seiner Einstellung würde er sie nur auslachen, weil sie das Schreiben für echt hält.

*****

Jetzt ist es da, das neunte Jahr. Lotta dachte in der Vergangenheit immer wieder an diese Voraussage von etwas Schlimmem und hatte wahnsinnige Angst davor. Als die Jahre vergingen, ohne dass etwas geschah, begann sie leise zu hoffen, dass alles eine raffinierte Täuschung war. 

Doch heute, am Montag, dem 13. September 2037, klingelt die Polizei und informiert sie mitfühlend, dass ihr Mann Fiete von einem Raser über den Haufen gefahren wurde. Er starb noch am Unfallort. Fassungslos starrt sie die Beamten an, verweigert sich der Wirklichkeit, kann und will es nicht wahrhaben. Endlich ergreift schmerzhafte Traurigkeit Besitz von ihrem zitternden Körper. Ihre Tränen fließen, als würden sie nie mehr damit aufhören wollen. Schluchzend stammelt sie: „Er war doch viel zu jung zum Sterben.“ 

Sie reißt sich zusammen, so gut sie kann. Erledigt alle erforderlichen Formalitäten. Immer gegenwärtig ihre tiefe Trauer.
Nach einigen Tagen verwandelt sich der Kummer in rasende Wut. 

WARUM?

Warum hat der Fahrer nicht rechtzeitig gebremst? Warum hat Fiete nicht besser aufgepasst? Warum hat er sie allein gelassen? Hätte sie ihm von dem Brief erzählen sollen? Wäre er dann vorsichtiger gewesen?

Ja, überhaupt … Dieser merkwürdige Brief!?

WOZU?

*****

Vierzehn Tage nach der Beisetzung hört Lotta auf, sich solche Gedanken zu machen. Ihr Zorn schwindet. Sie weint nicht mehr so häufig. Bei ihrer Arbeit kann sie sich wieder besser konzentrieren. Es dauert eine Weile, bis sie anfängt, sich zu wundern. Sie hat ihren Mann über alles geliebt. Aber wo ist ihre Trauer geblieben? Warum vermisst sie ihn schon so bald nicht mehr wirklich. Ist sie gefühlskalt geworden? Unsensibel? Ein schlechter Mensch?

Ihr fällt die Warnung in dem Brief ein, die sie all die Jahre nicht beachtet hat. Sie war die ganze Zeit nur auf das drohende Unheil, das geschehen sollte, fixiert, 

Sie erinnert sich:

Bis dahin wird die Technik imstande sein, Gedanken und Gefühle zu manipulieren.

Lotta hat tatsächlich in der Regierungsverwaltung Gerüchte gehört, dass nach der Freigabe allen Wissens an die Menschheit auch Gefühle und Erinnerungen gespeichert und allen zur Verfügung gestellt werden sollen.

Jener Satz von ihrem älteren Ich kommt ihr immer befremdlicher vor. Langsam hegt sie einen schlimmen Verdacht. Haben Wahrheit und Lüge inzwischen auch Gefühle und Erinnerungen verändert und vermischt? 

Ihr stockt der Atem. Kann es sein, dass das System ihr die Trauer weggenommen hat, damit es ihr besser geht?
Wütend und verzweifelt schreit sie laut auf:
„Ich habe Fiete geliebt. Er hat ein Recht darauf, betrauert zu werden, und ich habe ein Recht darauf zu trauern. Warum nehmt ihr mir das? Es ist mir wichtig!“
Tiefe Stille beantwortet ihre Frage.

Argwöhnisch versucht sie, sich ein Erlebnis mit ihrem Mann vorzustellen. Sie konzentriert sich so sehr sie kann. Statt Fiete tauchen jedoch faszinierende Urlaubsbilder von Meer, Sand und Sonne in ihr auf. Woher kommen diese Erinnerungen? Sie ist sicher, nie an diesem Ort gewesen zu sein. Fremde Erinnerungen schleichen sich in ihren Kopf ein! Das ist ja wie in einem Horrorfilm, gruselt es sie. 

Welch eine neue, ungeheuerliche Form von Macht! 

Lotta denkt: Wenn es nicht so bedrohlich wäre, müsste man diese Raffinesse bewundern. Die KI verlangt nicht: „Das darfst du nicht denken.“ Oh nein! Wie eine gute Fee genügt es ihr zu beruhigen: „Du hast keinen Grund, daran zu denken.“ Die Menschen sind damit zufrieden und glauben, ihre vergnüglichen Gedanken seien ihre eigenen.

Sie nimmt das Foto von Fiete vom Schreibtisch und streichelt mit dem Zeigefinger über sein Gesicht. Ihre Gedanken jedoch sind beim nächsten Urlaub. Sie freut sich, endlich die türkische Küste kennenzulernen …

 

9450 Z, V1