Von Nils Tenkotte

„Gleich bei der Arbeit“, stammelte ich keuchend zu mir selbst.

Mit verschwitzten Designerjeans und weißem Hemd lief ich um den letzten Block, um das Bürogebäude meiner Arbeitsstelle zu erreichen.

„Pünktlichkeit ist echt nicht mein Ding“, schnaufte ich, als ich vor dem Gebäude zum Stillstand kam.

 

Im Augenwinkel nahm ich wahr, wie jemand aus einem Auto einen Brief warf, der nur wenige Zentimeter neben mir auf dem Boden segelte.

 

Wieso steht da mein Name? Ohne Absender?

 

Verwundert öffnete ich den Brief.

Staunend las ich die ersten Worte.

 

„Zu dieser Zeitepoche kann ich meinen Körper noch nicht in diese Welt materialisieren. Deshalb kontaktiere ich dich auf dem Postweg.

 

Ich komme aus einer Zeit, in der Datenströme unabhängig von der Zeit fließen können.

 

Nur aus diesem Grund ist es möglich, dass du diesen Brief nun in den Händen hältst.

 

Warum habe ich mich für den Postweg entschieden?

 

Wir alle sind in Gefahr. Du kennst die Nachrichten aus dem Valley.

Du erlebst die Spaltung der Gesellschaft gerade hautnah mit.

 

Durch diesen Brief können wir den Verlauf der Zeitgeschichte verändern. Er bewahrt die Menschheit vor einer größeren Katastrophe aus dem Valley.

 

Warum kann ich das mit Sicherheit behaupten?

Weil ich ihn vor 176 Jahren selbst in den Händen gehalten habe.

 

Ich werde es dir beweisen.

Schau auf die Ampel. Du siehst eine Dame mit einem Husky. Der Husky wird sich von der Leine lösen.

Geh ins Gebäude und fahr auf die 8. Links neben dem Aufzug sind keine Kameras. Dort liest du dann weiter.

Und nun genieße die Show.

 

Ich erstarrte, als an der Ampel eine Frau mit rotem Mantel auf den Knopf drückte.

An der Leine … Ein Husky.

Ich schluckte.

Als die Frau sich umschaute, um zu sehen, ob sie bei Rot über die Ampel gehen könne, riss sich der Husky los.

Kurz schockiert lief sie brüllend hinterher und packte den Hund an der Leine.

 

Ich bekam Gänsehaut. Mit Angstschweiß und Tränen in den Augen.

Überwältigt von der Situation befolgte ich ihre Anweisungen. Meinen eigenen?

 

Ich schritt durch das Drehkreuz, grüßte den Empfang wie gewohnt und drückte ungeduldig den Schalter des Aufzugs.

Den Brief ließ ich im Jackett verschwinden.

Das Warten kam mir wie eine Ewigkeit vor, bis sich die Tür vor mir öffnete.

Im Aufzug tat ich so, als ob ich meine Schuhe binde, dabei lockerte ich lediglich die Schleife.

 

Als sich die Tür im achten Stock öffnete, schritt ich hinaus und tat so, als würde ich mich über meinen sich lösenden Schnürsenkel wundern. Ich kannte die Kameras in- und auswendig, weshalb ich bewusst einen Schritt nach links machte, um den Brief aus der linken Jackentasche zu ziehen und weiterzulesen.

 

Um 10:30 Uhr wird der CEO sein Büro verlassen. Deine Aufgabe ist es, hinter ihm hindurchzuhuschen und nach einem Dokument der Firma ImmunSafe AG zu suchen. Es wird nicht leicht.

Das Ziel der Firma ist es, in benachbarten Ländern Zusätze in Getreideprodukte hinzuzufügen, die die Immunreaktion der Menschen herunterregulieren und so die Nährstoffaufnahme hemmen. Die vermeintlichen Nahrungsergänzungsmittel sind das einzige Gegenmittel.

 

Schalte im Vorbeigehen die Kaffeemaschine aus und stelle seine Lieblingstasse in die Spüle.

Achte auf die Kameras!

Das verschafft dir vier Minuten.

Nun schnell! Weiter!

 

Ich richtete mich erneut auf, blickte auf die Uhr – 10:28 Uhr – und lief den Gang hinunter, um die Glastür zu öffnen.

„Hey Rebecca“, rief ich wie jeden Morgen.

„Wahnsinns-Begrüßung wie jeden Morgen. Wie war dein Wochenende?“, fragte sie wie jedes Mal.

„Du kennst die Antwort, oder?“, sagte ich mit verschmitztem Lächeln und drehte leicht den Kopf. Ob sie wohl meine leicht überspielte Unsicherheit bemerkte?

„Ja, ja, paradiesisch“, sagte sie und verdrehte die Augen. „Bis später.“

Ich lief den Büroflur entlang, schaute unauffällig auf die Uhr – 10:29 Uhr – und lief weiter.

Ich schluckte, lief noch etwas schneller und rannte unauffällig an Bereichen vorbei, in denen keine Kamera war. Dann lief ich Robert in die Arme, der gerade mit einem Papierstapel sein Büro verließ.

„Die Sortierarbeit von zwei Stunden!“, stieß er empört von sich, „Du bist doch nicht gerade erst gekommen, oder?!“

Schweiß tropfte mir von der Stirn. Wie komme ich aus dieser Situation? Denk nach …

„Ich war im Homeoffice und habe einen wichtigen Kunden an Land gezogen. Das eilt“, schüttelte ich mir hastig aus dem Ärmel. „Ich komme dir gleich helfen“, versuchte ich, mich aus der Situation zu ziehen.

Ich schritt durch den Gang in den nächsten Bereich.

Der Game Space: zwei Kickertische, zwei Konsolen, eine Dartscheibe. Daneben die graphitfarbende Küchenzeile mit Cafémaschine, umrahmt von Pflanzen und heller Holzvertäfelung.

 

Im Augenwinkel nahm ich die Positionen der Kameras wahr. Bog links in die Caféküche und Kochzeile ab, um mit dem Ellenbogen unauffällig die Kaffeemaschine auszuschalten. Einen Schritt weiter ging es zu den Mitarbeitenden Tassen. Zum Glück stand die Tasse des Chefs ganz vorne im offenen Holzregal. Ich drehte das Handgelenk, streckte den Arm leicht nach links, checkte gleichzeitig den Winkel der Kameras und griff die Tasse mit den leicht feuchten Händen. Die Kaffeemaschine spülte schon durch. Im gleichen Schritt lief ich weiter und stellte die Tasse in die Spülschale. Als Alibi nahm ich ein Glas aus einem weiteren Holzregal, füllte es mit Wasser und ließ die Cafétasse des Chefs volllaufen. „Na, der wird an die Decke gehen”, sprach ich innerlich mit verschmitztem Lächeln, trank aus dem Glas und stellte es am Ende des Tresens ab. Schließlich tat ich so, als ob ich das Büro des CFO betrat, wodurch ich aus dem Blickfeld der Kameras verschwand. An der Wand robbte ich mich in Richtung Pflanze, um bloß nicht erneut von der Kamera erfasst zu werden. Etwas vom innerlichen Druck überwältigt, checkte ich mit einem tiefen Atemzug meine Uhr. 10:29 Uhr und 56 Sekunden. Ich schluckte. Neben der Pflanze positioniert, schluckte ich und versuchte, meinen Atem zu kontrollieren, als ich bemerkte, dass mein Chef sich im Telefongespräch der Tür näherte. Als ich Regungen am Türgriff hörte, wurde ich still und hielt den Atem an. „Ich denke, wir kommen zusammen“, kam er im gewohnten starren Schritt aus der Tür spaziert und steuerte die Cafémaschine an. Kein Meter trennte uns voneinander, als ich unauffällig durch die Tür huschte, bevor sie sich schloss. Ich griff in die Hosentasche und suchte nach dem USB-Stick im Brief. Warum hatte ich ihn nicht in die andere Jackentasche getan? Ich rollte innerlich mit den Augen. Am Rechner angekommen, sah ich zahllose geöffnete Fenster. Okay, easy. File Explorer öffnen und „ImmunSafe“ in die Suchzeile eingeben.

Kein Treffer. Mist.

Vielleicht „Weizen“?

Das ist es auch nicht. Was mache ich nur? Ich raufte mir die Haare.

Das kann doch nicht wahr sein!

Ich schloss das Fenster und checkte meine Mails. Auch hier brachten dieselben Begriffe keine Resultate.

Mein Schweiß durchnässte die Tastatur. Zum Glück ist das kein Schwamm.

Als ich die Uhrzeit am Bildschirmrand sah, bemerkte ich, dass noch eine Minute vergangen war.

Wie würde man etwas Inoffizielles kommunizieren?

Ich schaute mir die offenen Websites an und fand einen Morsezeichenübersetzer.

Der Inhalt der Seite war jedoch leer.

Ein Verlauf?

Gibt es nicht.

Strg + Z – es erscheint nichts.

 

Jetzt wirds eng.

 

Ich nahm mein Handy zur Hand und googelte nach den häufigsten Wörtern im Deutschen.

Ich rief die Seite auf meinem Handy auf, um bloß keine Spuren zu hinterlassen, und gab „der“ ein.

_ . .

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. _ .

Als ich diese Zeichenfolge im E-Mail-Programm suchte, hatte ich einen Treffer.

Hastig steckte ich den USB-Stick in das Gerät, kopierte die E-Mail, machte parallel mit dem Handy ein Foto, löschte die Suchbegriffe im E-Mail-Programm und im Explorer, entfernte den Stick über „Sicheres Entfernen“ und checkte die Uhrzeit.

Als ich leise zur Tür schritt, hörte ich meinen Chef schon entgegenkommen.

Er hatte den Kopf auf die Schulter gelegt, um das Telefon dort einzuspannen, und hielt die Cafétasse in der anderen Hand.

 

 

Mit dem Telefonat beschäftigt, betrat er den Raum und verschüttete durch eine unruhige Handbewegung etwas Kaffee auf den Teppich seines Büros und auf sein Hemd.

„DAS KANN ES JETZT DOCH NICHT SEIN!“, bemerkte er laut und sagte: „Ich ruf dich gleich zurück, Peter.“

Ich schluckte und war mir nicht sicher, ob ich nun die Flucht ergreifen sollte.

Doch das ist meine einzige Chance, entschied ich schnell und huschte durch die Tür an die Seite, nah an der Zimmerpflanze.

Mein Boss stammelte genervt vor sich hin.

Bevor er die Küche betrat, entschied ich mich, hinter die Küchenzeile zu huschen.

Geschafft, jubelte ich innerlich, als ich bemerkte, dass das Stammeln immer näher kam.

Was sollte ich tun? Ich hatte keine Möglichkeit. Ich steckte in der Klemme. Ich versuchte, mich noch näher an die Küchenzeile zu pressen, in der Hoffnung, darin verschwinden zu können.

„Warte mal …”, hallte es durch meinen Kopf. Vorsichtig öffnete ich die Tür einen Spalt.

Überall Teller … Tassen.

Innerlich hatte ich schon aufgegeben, als plötzlich ein Wunder geschah.

„Was haben Sie denn gemacht?!“, hallte es staunend aus dem Gang.

Rebecca, du bist ein Engel!

Angesichts der Lage kamen mir fast die Tränen der Dankbarkeit.

„Gehen Sie ins Büro, Chef. Ich hole schnell die Putzmittel von drüben.“

Auch wenn ich kurz durchatmen konnte, musste ich mich direkt wieder zusammen raufen. Mein Chef kehrte jammernd ins Büro zurück und ich folgte Rebecca unauffällig. Ich hockte mich hinter dem Tresen des Empfangs, bis sie schließlich mit den Putzmitteln den Gang Richtung Chef hinunterlief.

Innerlich jubelnd kehrte ich zum Aufzug zurück, fuhr in die unterste Etage, ging durch den Eingang und blieb vor den vorbeifahrenden Autos stehen.

„Ich glaube, du hast etwas für mich“, sprach er ruhig und streckte mir geduldig die Hand entgegen.

„Ich glaube auch“, sagte ich voller Freude und gab ihm den Stick.

Wir schauten uns in die Augen.

„Ich wünschte, ich könnte dir mehr verraten“, sagte er abschließend, setzte sich ins Auto und fuhr davon.