Von Wolfgang Mebs
Roland Simanek lehnte sich erleichtert zurück. Die Hausdurchsuchung und die beschlagnahmten Unterlagen hatten nichts ergeben, der Verdacht wegen Steuerhinterziehung und Provisionsbetrug war ausgeräumt. Wer auch immer ihn angeschwärzt hatte, mit derart sauberen Büchern hatte er wohl nicht gerechnet. Auch um die Anschuldigungen, irgendetwas mit den Attacken auf Mieter zu tun zu haben, die sich weigerten, ihre Bruchbuden zu verlassen, machte er sich jetzt keine Sorgen mehr. Aus Eckis ‚Geschäften‘, von denen er bisher nicht unwesentlich profitiert hatte, würde er sich eine Weile zurückziehen.
Seine Probleme hatten sich in Luft aufgelöst.
Die ganze Familie war erleichtert. Die Molinaris atmeten wieder frei. Giacomo, seine beiden Töchter, sein Bruder Silvano und seine Frau Romina, alle arbeiteten wieder nur für sich. Ständig hatten sie in Angst gelebt, jeden Abend befürchtet, Brunos Schergen würden wieder im Restaurant auftauchen und sich fürstlich bewirten lassen. Auf Kosten des Hauses. Und an jedem Monatsende das Lokal mit mehr Geld verlassen, als sie es betreten hatten.
Endlich verlief ihr Leben wieder in normalen Bahnen.
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So langsam machte sich Bruno doch ernsthafte Sorgen. Die Übergriffe auf seine Leute nahmen ein Ausmaß an, das er nicht mehr hinnehmen konnte. Leider hatte er keinerlei Ahnung, nicht die geringste, wer ihn aus seinem Revier vertreiben wollte. Die Turfs waren abgesteckt, es herrschte Frieden zwischen den Clans und Gangs und keiner, jedenfalls keiner, den er kannte, wäre so dumm gewesen, diesen lukrativen Frieden aufzukündigen.
Aber irgendjemand schickte seine Schläger durchs Revier und prügelte seine Leute ins Krankenhaus. Und es wurde jedes Mal krasser. Jetzt lag sogar sein Sohn, sein Thronfolger, in der Klinik, mit einem gebrochenen Arm links und einem gebrochenen Bein rechts. Die beiden großen Zehen hatten sie Bruno mit der Post geschickt.
Er schaute sich um. Wo zum Teufel blieb Rico? Er sollte den Wagen vorfahren, weiter nichts. Warum meldete er sich nicht, wenn es Probleme gab? Hatten die Mechaniker geschludert? Er würde sie vierteilen!
Seine schwarze Limousine mit den getönten Panzerglasscheiben und der stahlverstärkten Karosserie bog um die Ecke. Na endlich. Er schnippte die Kippe auf die Straße und stieg ein. Die Trennscheibe fuhr hoch und die Verriegelung klickte sanft.
»He, was soll das?«
Er bekam keine Antwort. 20 Minuten später hielten sie auf einem Waldweg. Ein Mann mit Sturmhaube forderte ihn auf, den Wagen zu verlassen.
»Was soll das? Was läuft hier eigentlich? Wer bist du Arsch?« Noch glaubte Bruno, niemand könne ihn einschüchtern.
»Einer, dem man nicht begegnen möchte, jedenfalls wenn man Bruno Cantore heißt.«
Mit der letzten Silbe zerbrach ihm ein Totschläger den Kiefer.
Besinnungslos vor Schmerzen registrierte er kaum, wie ihm Hände und Füße mit Kabelbindern gebunden wurden.
Die Sturmmaske kam ganz nah an sein Ohr.
»Das war die letzte, die ultimative Warnung. Ihr stellt hier alle Aktivitäten ein. Keine Nutten, keine Drogen, kein Schutzgeld, nichts. Verpisst euch in eine andere Stadt. Wenn nicht, wird deine ganze Brut dafür zahlen. Unser Chico reibt sich schon die Hände und schleift sein Besteck.«
Silvano Molinari fielen allmählich die Augen zu. Hatte er nicht schon genug zu tun mit seiner Steuerkanzlei und der Buchführung für seinen Bruder? Und jetzt auch noch Sonderschichten für diesen dubiosen Typen, von dem er nichts wusste, außer, dass er gerade dabei war, dessen noch dubiosere Bilanzen zu frisieren.
Vor drei Tagen war er um zwei Uhr nachts auf einen Autobahnparkplatz gefahren, hatte ganz am Ende neben einem schwarzen SUV gehalten, nachdem er mehrfach das Kennzeichen überprüft hatte. Er war so nervös, dass er den Motor abwürgte. Dann war er wie verabredet zu den Büschen gegangen und hatte so getan, als würde er urinieren. Als er zurückkam, war der SUV verschwunden. Auf der Rückbank seines Wagens lagen mehrere Aktenordner.
Silvano hatte eine Viertelstunde gebraucht, bis er seine Nerven einigermaßen beruhigt und seine zitternden Hände unter Kontrolle hatte und nach Hause fahren konnte. Ihm war immer noch nicht wirklich klar, worauf er sich da eingelassen hatte, außer, dass er nun regelmäßig für diesen Kriminellen arbeiten musste. Es war völlig paradox. Aber was blieb ihm anderes übrig? Die Situation war allmählich unerträglich geworden. Die ganze Familie wurde krank vor Angst. Giacomo und Romina waren kurz davor, das Restaurant zu schließen, die Familientradition zu begraben. Das konnte er nicht zulassen. Es würde ihre Seelen brechen.
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Seit es das Internet gab, war es als ehrlicher Makler schwer geworden, Reichtümer anzuhäufen, es sei denn, man gehörte zu der kleinen Elite derer, die die Wohnbedürfnisse der oberen Zehntausend bediente. Eine einzige Anzeige auf einer der üblichen Plattformen und die Mieter standen Schlange. Auf der anderen Seite hatte jemand, der eine günstige Wohnung suchte, und das war die Masse, kein Geld für einen Makler. Und – konnte der sich 3-Zimmer-Wohnungen in akzeptabler Lage mit ebenso machbarer Miete aus den Rippen schneiden? Eben. Und deshalb musste man andere Wege gehen, wenn man zu Geld kommen wollte, das der Rede wert war. Insbesondere nach Simaneks Maßstäben.
Seit drei Generationen betrieben sie ihr Ristorante, waren beliebt, hatten sich einen Namen gemacht, denn sie boten ihren Gästen mehr als Pizza und Standard-Pasta. Großvater war ein guter Koch gewesen, sein Sohn hatte das Repertoire erweitert und Giacomo die Speisekarte in ungeahnte kreative Höhen katapultiert. Leider hatte ihr Erfolg auch andere Gäste angelockt; Gäste, die sich nicht auf Spaß, jedoch hervorragend darauf verstanden, klar zu machen, dass ein paar zerbrochene Gläser, Teller und Flaschen und ein Dutzend Prellungen die harmloseste Form war, ihren Wünschen nach Gewinnbeteiligung Ausdruck zu verleihen.
Fielen Giacomo und Romina früher völlig erschöpft, aber zufrieden ins Bett, wälzten sie sich jetzt unruhig hin und her und erwachten gerädert aus bedrohlichen Träumen.
Glücklicherweise war Silvano ein gewiefter Steuerberater und Buchführungskünstler, dem sie zu verdanken hatten, dass sie wenigstens einen Teil ihrer Verluste ausgleichen konnten, ohne beim Finanzamt und den Wirtschaftsprüfern Verdacht zu erregen. Aber die Forderungen wurden immer höher, inklusive horrender Zinsen, wenn sie einen Aufschub brauchten.
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Simanek hatte den Mann wochenlang beobachtet und Erkundigungen über ihn eingezogen, ebenso wie über dessen Bruder, hatte mehrmals in dem Restaurant, das wirklich exzellente italienische Küche servierte, gegessen, nachdem ihm eines Abends, er war zufällig im »Mi Piace« gelandet, diese ganz besonders dreisten Gäste aufgefallen waren, die sich so großspurig benahmen, die Speisekarte verweigerten und minutenlang ihre ganz speziellen Gerichte diktierten. Sie tranken alles, was Keller und Bar zu bieten hatten. Reichlich. Und gingen, ohne zu zahlen.
Simanek erkannte die Lösung seiner Probleme.
Jetzt stand er auf dem Bahnsteig, dicht hinter dem Mann, was in der Rush-Hour nicht weiter auffiel. Sie warteten auf die S-Bahn-Linie 6, mit der Silvano Molinari nach Hause fahren würde.
Als der Zug hielt, drängten die Menschen nach vorne. Simanek konnte die Reste von Silvanos After-Shave riechen. Er steckte ihm einen Brief in die Manteltasche und flüsterte ihm ins Ohr. »Drehen Sie sich auf keinen Fall um, Sie würden es bereuen. Diese Chance bietet sich nur ein einziges Mal.«
Silvano war so irritiert, dass er fast nicht eingestiegen wäre, hätte ihn die Menge nicht vorwärtsgedrängt. Vorsichtig griff er in die Manteltasche. Der Umschlag brannte förmlich in seiner Hand. Blitzartig zog er sie wieder heraus.
An der nächsten Haltestelle stieg er aus und setzte sich auf die hinterste Bank des Bahnsteigs. Er betrachtete den blütenweißen Umschlag, sah sich um, öffnete ihn. Zögerlich zog er zwei Din-A 4-Blätter heraus, faltete sie, den Atem anhaltend, auseinander und begann zu lesen.
