Von Ingo Pietsch
„Möchten Sie einmal unseren kräftigen, vollmundigen Höhlenkäse probieren?“, fragte die Verkäuferin freundlich hinter der Käsetheke.
Arnold Kiesewetter hatte sein Käsepaket schon in den Einkaufswagen gelegt und zögerte. Erst jetzt fiel ihm die neue Fachkraft an der Bedienung auf. Sie mochte sein Alter haben, so um die Mitte Fünfzig. Sie wirkte zwar ernst, hatte aber Lachfältchen um die Augen und die Mundwinkel.
Arnold schaute auf. Eigentlich war ihm nicht nach einer Konversation zumute. Er wollte nur seinen täglichen Einkauf erledigen, der ihn von seinem tristen Alltag ablenkte – Arbeiten, Hausarbeiten, Arbeiten, Hausarbeiten – tagein, tagaus.
„Sie haben den Emmentaler und den Müritzer genommen. Da wird Ihnen der Höhlenkäse sicher auch schmecken.“ Sie lächelte ihn ehrlich an, wie er fand. Und er mochte es, wenn die Menschen ehrlich zu ihm waren. Trotzdem haderte er mit sich selbst, entschied sich aber doch, ein Stück zu probieren.
Arnold war eigentlich eher der Wursttyp. Aber dieser Käse überzeugte ihn. „Davon nehme ich dann noch drei Scheiben.“
Frau Novotny – stand auf ihrem Namensschild – nickte: „Gerne.“
Als sie den Käse eingepackt und überreicht hatte, fragte sie nach einem weiteren Wunsch, den Arnold dankend ablehnte.
Trotzdem zögerte er einen Moment, ehe er den Bedienbereich verließ und seinen Einkauf fortsetzte.
Frau Novotny kam ihm sehr sympathisch vor. Sie wirkte zwar abgekämpft, hatte aber trotzdem ein Strahlen in den Augen.
Unwillkürlich dachte er an seine Frau und den Käse, den er für sie gekauft hatte.
Er konnte ihr einfach nicht fremdgehen.
Zuhause verstaute Arnold seinen Einkauf im Kühlschrank, setzte sich an den Küchentisch und machte sich ein belegtes Brot mit dem Höhlenkäse. Der pikant-nussige Geschmack kitzelte seinen Gaumen, und er schloss genießend seine Augen. Wie lange hatte er dieses Gefühl nicht mehr gespürt? Sich einfach fallen zu lassen, völlig zu entspannen.
„Schatz, möchtest du den Käse auch mal probieren?“ Dann fiel ihm wieder ein, dass jetzt Abendruhe war und sie sich ausruhte. Später vielleicht.
Jeden Tag nach der Arbeit in seinem Architekturbüro ging Arnold einkaufen.
Diese Momente im Supermarkt waren seine kleine Auszeit vom Alltag.
Er hoffte, Frau Novotny heute wiederzutreffen. Vielleicht könnten sie über andere Dinge sprechen, die ihn ablenken könnten.
Er wusste natürlich, dass es nicht ihre Aufgabe war, ihm Rede und Antwort zu stehen, aber mit seiner Frau war dies nicht mehr möglich. Seit einem schweren Schlaganfall vor zwei Jahren konnte sie das Bett nicht mehr verlassen. Sie war auch nur noch bedingt ansprechbar und reagierte kaum noch.
Und tatsächlich hatte Frau Novotny heute Schicht. Sie war gerade dabei, ein paar Stücke Weichkäse zu verpacken und auszuzeichnen.
Arnold druckste etwas herum und schlich zwischen den Tiefkühltruhen herum, ohne etwas wirklich zu suchen.
Dann ging er zielstrebig zum Tresen.
Frau Novotny trug eine Schirmmütze und darunter hatte sie einen Pferdeschwanz aus ihrem schwarzen Haar gebunden.
Als sie aufschaute, lächelte sie wieder: „Ah, dem Herrn hat der Käse gefallen? Und jetzt wollen Sie noch mehr?“
„Ja, der Höhlenkäse hat mir sehr gut geschmeckt“, sagte er und fühlte sich wie ein kleiner Schuljunge.
„Eigentlich kaufe ich Käse ja für meine Frau, aber die Abwechslung hat mal gutgetan. Welchen Käse können Sie mir denn heute empfehlen?“, fragte er neugierig.
„Wie wäre es denn mit einem Brennnessel-Käse mit Petersilie und Knoblauch. Der ist mild und kräftig zugleich.“ Sie überlegte. „Wenn es das gibt. Wie lange sind Sie denn schon verheiratet? Da müssten Sie ja schon einige Sorten probiert haben.“
Arnold zuckte innerlich zusammen. Was genau machte er da gerade? „Äh, seit über dreißig Jahren. Aber wir kaufen meistens dieselben Sorten.“
„Bringen Sie Ihre Frau doch einmal mit, damit sie etwas anderes probieren kann.“
Arnold spielte gedankenverloren mit seinem Ehering.
„Frau Novotny, kommen Sie einmal kurz zu mir?“ Der Fleischermeister, der schon seit Ewigkeiten hier arbeitete, klärte sie über Arnolds Situation auf. Es war ein kleines Dorf, und da kannte jeder jeden.
Frau Novotny kam mit hochrotem Kopf wieder zurück. „Es tut mir leid, ich wollte Ihnen nicht zu nahe treten.“
„Ist schon in Ordnung, das konnten Sie ja nicht wissen. Sie sind ja noch nicht lange hier.“
„Ja, ich bin vor kurzem in die Nähe meiner Tochter und meiner Enkel gezogen. Mein Mann ist vor zwei Jahren ganz plötzlich verstorben und ich musste das Haus verkaufen, weil es einfach zu groß war. Es ist Ihnen doch recht, wenn ich Ihnen das erzähle?“ Irgendwie waren sie vom Thema Käse abgekommen.
„Ja, natürlich. Jeder von uns trägt etwas mit sich, das ihn im Leben aus der Bahn wirft.“ Auch wenn ihn Mariolas Schicksal traurig machte, fühlte sich Arnold ihr ein Stückchen näher. „Ich nehme wieder drei Scheiben.“
So vergingen ein paar Wochen. Arnold ging jetzt nur noch jeden zweiten Tag einkaufen, damit es nicht so auffällig war, dass er nur wegen Frau Novotny in den Supermarkt ging. Und er erzählte alles seiner Frau. Er hatte ein gutes Gefühl dabei und sie würde sicherlich Verständnis dafür zeigen, wenn sie es könnte.
Trotzdem machte Arnold sich Gedanken. War es nicht vielleicht ein bisschen verfrüht?
Es war Frau Novotny nicht entgangen, dass Arnold meistens wegen ihr einkaufen kam. Sie genoss seine Aufmerksamkeit. Und sie vermisste die Zweisamkeit sehr, wusste aber, dass Arnold immer noch gebunden war.
„Wie geht es Ihren Enkeln?“, wollte Arnold wissen.
„Der Große geht gerne in die Schule, aber die Kleine mag den Kindergarten nicht“, erzählte Frau Novotny stolz von ihren Enkelkindern.
„Ich habe nur Neffen und Nichten und die können ganz schön anstrengend sein, auch wenn sie zum Teil schon erwachsen sind.“
„Oh ja, da kann ich ein Lied von singen“, erwiderte sie.
„Welchen Käse können Sie mir denn heute empfehlen, Frau Novotny?“
Mariola hielt ein Viertelstück grünlichen Käses hoch: „Mariola. Wie wäre es mit diesem hier?“
„Der Käse heißt Mariola? Das ist ja höchst interessant“, merkte Arnold an.
Sie lachte laut und lang. Einige Kunden drehten sich um. Der Fleischermeister schüttelte grinsend den Kopf.
Das Lachen gefiel Arnold: „Nein, das ist mein Vorname. Wir kennen uns schon so lange. Und wie heißen Sie?“
„Arnold.“ Er zeigte auf sich. „Ein Käse mit meinem Namen würde sich sicherlich nicht gut verkaufen. Mit Ihrem schon eher.“ Arnold biss sich auf die Zunge. Das war doch Flirten? Oder? Was würde seine Frau dazu sagen? Er schob das Gedachte sofort zur Seite.
Mariola schnitt eine Scheibe von dem grünen Käse ab und reichte sie über die Theke. „Wasabi-Käse. Japanischer Rettich. Einige meinen, er sei zu scharf, andere zu lasch.“
Arnold probierte ihn und meinte: „Nicht ganz so mein Geschmack, aber ich nehme trotzdem wieder drei Scheiben. Vielleicht entwickelt er ja zu Hause sein wahres Aroma.“ Er zwinkerte ihr zu. „Und ich hätte gerne noch Sommerwurst.“
„Sie wollen mir doch nicht fremdgehen, Arnold? Das macht nämlich mein Kollege.“ Sie zwinkerte zurück.
„Das würde mir im Traum nicht einfallen!“
Arnold saß wieder am Küchentisch und aß seine Käsebrote. Der Wasabi-Käse sagte ihm überhaupt nicht zu, und ein mulmiges Gefühl machte sich in der Magengegend breit. Tat er das für sich Beste? Wäre seine Frau damit einverstanden, dass er sein Leben weiterlebte? Er hatte schon viele, lange Gespräche mit ihr geführt, die aber alle unbeantwortet geblieben waren.
Arnold schaute zur Küchentür hinaus und sah das Ende des Pflegebettes im nächsten Raum.
Er würde endlich eine Entscheidung treffen!
Nach der Arbeit ging Arnold mit Schmetterlingen im Bauch in den Supermarkt. Er lief die Gänge kreuz und quer ab und machte Besorgungen für das Wochenende.
Schließlich kam er an den Käsetresen. Doch Mariola war nicht da. Arnolds Herz klopfte bis zum Hals.
„Frau Novotny kommt sofort“, rief der Fleischer ihm zu, als er ihn gesehen hatte.
Arnolds Herz schlug noch stärker. Mariola wirkte hübscher als sonst. Schmuck trug sie natürlich keinen, aber irgendetwas war anders an ihr. Sie war deutlich fröhlicher.
„Sie strahlen ja so! Gibt es einen Grund dazu?“ Arnold wollte mehr wissen.
„Mein Enkel hat sein Seepferdchen geschafft und ich treffe heute Abend jemanden.“
Arnold stand wie versteinert vor dem Tresen und konnte sich nicht bewegen. Er versuchte sich nichts anmerken zu lassen. „Oh, das ist schön.“
„Alles in Ordnung? Sie sehen ein wenig blass aus?“
„Es ist nichts weiter.“ Er dachte daran, dass er die Vergangenheit hinter sich gelassen hatte. Seine Frau war vor einem halben Jahr gestorben und erst jetzt hatte Arnold das Gefühl, wirklich Abschied genommen zu haben. Das Pflegebett war heute Morgen abgeholt worden und bei seinem persönlichen Gebet hatte er ein gutes Gefühl gehabt, nun den nächsten Schritt zu gehen. Und jetzt das.
„Bei schlechter Laune empfehle ich gerne Limburger. Der ist stark im Geruch, hat aber ein unverwechselbares, intensives Aroma. Am besten auf Crackern und dazu Traubensaft. Das vertreibt alle Sorgen!“
Arnold war alles andere als überzeugt. Soeben war eine Welt zusammengebrochen. Es war ja schön und gut, dass Mariola jemanden gefunden hatte, aber leider war er es nicht gewesen.
„Ich denke, ich verzichte heute mal auf Käse“, sagte er geknickt.
Mariola beugte sich zu ihm vor, damit niemand anderes es hören konnte: „Pass auf. Ich mache dir einen Vorschlag. Du besorgst Cracker und Traubensaft und ich den Käse. Ich habe um 17 Uhr Feierabend und dann holst du mich ab und wir essen den Käse gemeinsam? Wie klingt das?“
Arnolds Lächeln kehrte zurück: „Bis 17 Uhr!“
Der Fleischermeister murmelte: „Das hat aber lange gedauert!“
Seit Wochen hatte er die beiden beobachtet. Manche Käsesorten reiften schneller…
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