Von Tobias Sütterlin
Ich stehe wie angewurzelt.
Das ist doch nicht möglich.
Ich habe die Villa tagelang beobachtet und kein Lebenszeichen festgestellt, das Tor zur Straße war zugenagelt und die Wege im Gestrüpp versunken.
Wo bitte kommt der Kerl her, der mir hier im Dachgeschoss dieser verlassenen Villa einen Kaffee anbietet?
Vielleicht bilde ich mir den nur ein? Aber alles wirkt völlig normal. Er steht da, in Hausschuhen, rechts eine Kaffeetasse, in der anderen Hand einen Silberlöffel.
„Nun steh da nicht wie angewurzelt. Komm rein, der Kaffee wird kalt und es gibt Antworten auf alle Fragen, die ich auf Deinem Gesicht sehe.“
So spricht er und ich gehe mit weichen Knien an ihm vorbei in seine kleine Küche mit einem Tisch und zwei Stühlen.
„Sie wohnen hier oben? Wie kommen Sie hier raus, wenn rundum alles zugewachsen ist?“
„Ich heiße Manfred und, wenn Du noch einmal Sie zu mir sagst, schmeiß ich Dich raus!“
„Klaus, ich heiße Klaus. Ich suche ‚lost places‘, die noch keiner vor mir besichtigt hat. Es gibt eine Szene, die Konkurrenz ist groß. Ich war absolut sicher, dass die Villa unbewohnt ist.“ Sprudelt es aus mir heraus.
„Ich wohne hier ganz allein, wo mich niemand sieht und das ist gut so.
Zu lange, viel zu lange, stand ich im Licht der Scheinwerfer.
Keine Privatsphäre, eine öffentliche Person, die jeder zu kennen glaubte.“
Er schlurft zur Kaffeemaschine. „Zucker? Milch?“ „Bitte nur ein bisschen Zucker bitte.“
„Die Zeitungen, voll von erfundenen Geschichten, es war widerlich.“
„Danke. Wer bist Du? Müsste ich Dich kennen?“
Er schweigt, schüttelt den Kopf, schaut in seine Tasse.
„Hast Du Zeit?“
Ich nicke.
„Setz Dich“
Der Stuhl knarrt.
Das Auto steht zwar halblegal auf einem Feldweg, aber das ist mir schnurz. Ich bin neugierig, was Manfred zu erzählen hat. Mein geliebter SUV kann warten.
Wir sitzen uns am Küchentisch gegenüber wie Vater und Sohn. Er schaut noch immer in seinen Kaffee, dann blickt er auf, seine Augen sind feucht. Stockend beginnt er, zu erzählen.
„Der Krieg war vorbei.
Die Siegermächte hatten uns in Schutt und Asche gebombt.
Wer will es ihnen verdenken.
Überall war Traurigkeit in der Luft,
Verzweiflung in den Gesichtern,
die Menschen gingen gebückt,
der Hunger,
Kinder, die im Dreck spielten.
Ich hielt das nicht aus, ich bin nicht so. Ich konnte nicht in Traurigkeit versteinern.
Ich wollte etwas tun, ablenken, lachende Münder sehen, strahlende Augen, die vor Fröhlichkeit weinten, Menschen, die sich vor Lachen die Bäuche halten und einen Moment die Not vergessen.
Ich wollte den Unterschied machen, wie man auf Neudeutsch sagt.
Aus Stofffetzen wurden Kostüme. Zwei dünne Bretter an die Füße gebunden. Beides schwarz angemalt. Die Bretter und die Füße.
Das Gesicht mit Kreide geweißt, Konturen aus Kohlendreck. Fertig war der Spaßmacher.
Ich wurde Clown.
Ich habe mich zu komischen Posen verrenkt, bis ich umfiel.
Der watschelnde Gang, den man von Chaplin kannte.
Dabei über die zu großen Schuhe stolpern, die nur nackte Füße mit Sperrholz waren.
Die Bretter fielen immer wieder ab und die Schminke hielt nur kurz. Ich war eine Karikatur, kein guter Clown.
Clown ist ein Beruf, den man erlernen muss. Es ist Kunst!
Ich lernte auf der Straße.
Mal lachten die Kinder über meine Späße, oft lachten sie mich einfach aus.
Manchmal waren Erwachsene genervt von mir und warfen Steine.
Aber die meisten waren froh, kurz abgelenkt zu werden. Für die war ich ein Hanswurst, ein kleiner Sonnenstrahl an einem trüben Tag. Ich war so jung.
Und, ich wurde besser. Ich dachte mir kurze Sketche aus. Wenige Worte, große Gesten. Schuf eine eigene Figur.“
Seine Augen glänzten, als er sprach. Ein kindliches Lächeln war in seinem Gesicht.
„Dann war mein Bild in einer Zeitung. Ein fliegender Reporter hatte mich gesehen und schrieb einen freundlichen Artikel über den Trümmerclown.
Ich hatte das nicht gesehen, aber ein Typ in einem altmodischen Anzug stand plötzlich vor mir. So plötzlich wie ich eben vor Dir. Er wedelte mit der Zeitung und sagte er wäre Impresario und würde mich engagieren. Ich bekäme freie Kost und Logis und müsste dafür dreimal täglich auftreten. Ich wollte nicht weg aus meinem Viertel, von den Leuten auf der Straße, aber ich hatte auch Hunger. So wurde ich Pausenfüller in einem kleinen Varieté.
Du trinkst ja gar nicht, dein Kaffee wird kalt.
Ich habe auch Kekse.“ Er geht an den Küchenschrank und bringt eine rote Blechdose.
„Die sind vom Brunnenbäcker, vorn an der Ecke am Bahnhof, ganz frisch.“
Wo ist hier der Trick, denke ich? Es muss eine Gesindetreppe geben und einen unscheinbaren Seiteneingang, den ich übersehen habe.
„Komm“ sagt er, als hätte er meine Gedanken gelesen „ich zeige Dir die Antwort zu Deiner Frage vom Anfang, es lässt Dir ja doch keine Ruhe. Dann erzähle ich Dir den Rest, wenn Du ihn noch hören willst.“ Der letzte Satz klang irgendwie unsicher, dahin genuschelt und ich fragte mich, ob ich das wirklich wollte. Ja, dachte ich. Klar will ich.
Wir gehen zurück in den Gang und Manfred öffnet die erste Tür auf der rechten Seite. Eine schmale steile Wendeltreppe wird sichtbar. Er nimmt eine Taschenlampe von der obersten Stufe und geht voraus. Die Treppe ist so steil, dass man rückwärtsgehen muss. Endlose Drehungen winden sich in die Tiefe. Wir kommen an mehreren Türen vorbei. „Hier geht es zu den Schlafgemächern und die nächste Tür führt in die Küche.“
Die Treppe endet im Keller. Hier riecht es muffig nach Feuchtigkeit und Mäusen. Ein paar leere Regale, Spinnweben und am Ende eines kurzen Ganges eine sehr massiv wirkende Tür mit einem großen Kastenschloss. Er dreht den Schlüssel und öffnet die Tür. „Komm, Du wirst staunen.“ Wir gehen hinaus und stehen in einer kleinen Sackgasse, wenige Meter von der Hauptstraße entfernt. „Hier war der Lieferanteneingang. Man denkt gar nicht, dass das irgendwas mit der Villa zu tun hat. Hier musste die Dienerschaft durch und alles, was für die Feste benötigt wurde, die haben es richtig krachen lassen.“ Ich nicke beschämt. Natürlich. Sowas musste es geben. Ich bin ein Trottel.
„Möchtest Du noch einen Kaffee?“ Ich nicke und wir steigen wieder hinauf.
Ich nehme einen Keks. „Lecker!“ sage ich.
„Die besten Kekse weit und breit.“
Wir sitzen wieder in der Küche. Ich merke, dass Manfred die Kletterei angestrengt hat. Wie alt er wohl ist. Ich versuche zu rechnen.
„Ich bin dreiundneunzig Jahre alt.“ sagt er.
Ich staune.
„Wo waren wir? Ach ja, das Varieté. Es war ein trauriger Laden. Aber, ich konnte mich ausprobieren. Unzählige Versuche, bis eine Nummer wirklich saß und die Leute so reagierten, wie ich es wollte. Drei Auftritte täglich. Tragische Nummern, Slapstick, akrobatische Verrenkungen und ich war so jung.
Irgendwann gab es wieder Fernsehen, mein Impresario witterte Geld, arrangierte Aufnahmen und ich fiel durch.
Ich verstand es nicht und er war sauer. Ein Kollege hatte dasselbe mit seiner Puppenbühne erlebt und klärte mich auf. Zu groß waren die Gesten, zu grob die Bewegungen. ‚Die Kamera sieht Dich ganz anders.‘
Ich arbeitete daran und lernte auch das. Ich hatte nichts anderes. Ich musste die Figur verfeinern und bewarb mich mit einer Nummer bei einem Sender. Diesmal funktionierte es, die Leute liebten es, ich war glücklich.
Ich konnte die Menschen mit meiner Kunst erreichen. Sie vergaßen für einen Moment alle Sorgen. Das war doch, was ich immer wollte.
Meine Karriere ging durch die Decke.“
In seiner Stimme hörte ich Stolz. Er saß aufrecht und wirkte viel größer als vorhin.
„Ich reiste durch die Welt. Nummern mit wenig Text sind international und funktionieren in der ganzen westlichen Welt. Zirkusse, die großen Bühnen, Fernsehshows überall. Paris, Monte-Carlo, New York – das viele Probieren hatte sich gelohnt, es war wie ein Rausch. Ich wurde mit Preisen überhäuft und alle schienen mich zu lieben.“
Nachdenklich, abwägend, schaut er an mir vorbei und sagt mit Bitterkeit in der Stimme: „Aber, ich hatte ein gut gehütetes Geheimnis.“
Er seufzte, schluckte, sah mich direkt an und sagte: „Ich bin schwul.
Das durfte aber keiner wissen. Es war eine andere Zeit. Homosexuelle Handlungen waren verboten und irgendwann erwischte mich ein Paparazzo. Ich war erledigt.“
Manfred weinte und ich wusste nicht, was ich tun oder sagen sollte.
„Entschuldigung,“ sagte er „ich war beim Zirkus, aber dafür gab es kein Netz. Kein doppelter Boden, in dem ich versinken konnte. Aus.“
„Wann war das?“ fragte ich.
„Es ist jetzt fast 50 Jahre her und ich lebe noch.
Zum Glück hatte ich viel Geld verdient. Sehr, sehr viel Geld.
Ich war gleichzeitig reich wie ein Ölprinz und hatte den Ruf einer Hafenschlampe.“
Manfred lacht. Es ist ein bitteres Lachen, aber er lacht. Das ist mir weniger peinlich als das Weinen vorhin.
„Ja, ich hätte darüber hinweggehen können.
Andere haben das auch getan.
Für Künstler galten schon immer eigene Regeln, wurde weggeschaut – nicht nur beim Ballett.
Aber, ich ertrug diese Bigotterie nicht. Die Gazetten schrieben erfundene Geschichten über meinen angeblich skandalösen Lebenswandel – einen Scheiß wussten die – und abends saßen die, die sich am Tag das Maul zerrissen in der Vorstellung und applaudierten dem Homo-Clown.
Mütter hielten ihren Kindern die Augen zu.
Das war nicht mein Publikum, das hatte ich nicht gewollt.“
