Von Tobias Sütterlin

Ich träume und schrecke hoch. Draußen rumpelt ein Fahrzeug durch die Schlaglöcher unserer kleinen Gasse. … Noch drei Wochen, denke ich, noch drei Wochen, dann kommen die neuen Fenster. Dreifach verglast mit extradicken Scheiben für den Schallschutz. Endlich wieder durchschlafen, so hat es der Fensterbauer versprochen.
Was war das eben? Meistens wache ich durch Fluglärm auf und vergesse sofort, was ich gerade geträumt habe. Manchmal schlafe ich wieder ein und träume genau an der Stelle weiter.
Es ist schon acht. Da kann ich auch gleich aufstehen.
Aber, was habe ich geträumt?
Gelegentlich kann ich mich konzentrieren und an Träume erinnern. Vielleicht habe ich aber auch nur eine blühende Phantasie und spinne mir was zurecht.
Nebel. Ein Haus, ein großes Haus. Mein Haus! Ich bin Hausbesitzer und will verkaufen. Will ich oder muss ich? Ich weiß es nicht …
Heute ist eine Besichtigung. Der Makler hat den Schlüssel. Er will durch die Vordertür, die seit Jahren unbenutzt ist. Er sagt, durch den Haupteingang könnte man die Villa viel besser erleben. Makler, na ja, er muss es wissen.
Ich höre Stimmengewirr, eine Tür knarrt.
Es kommt aus dem Saal. Dieser schöne riesige Saal mit dem großen Kronleuchter.
Ja, und nun? Wie geht es weiter? Mir verschwimmt die Szene, meine Gedanken wandern, einkaufen muss ich gehen. Ich gehe gern möglichst früh zu meinem Rewe, vor neun ist es ruhig dort. Hektische Leute, die durch die Gänge wuseln, verwirren mich.
Ich öffne eine Tür und stehe im Saal, eine Menschentraube wabert hin und her, ein gelackter Typ – das ist bestimmt der Makler – erzählt irgendwas von unberührt und Juwel und einmalig …
Eine junge Frau steht inmitten der Leute. Irgendwie scheint sie durchsichtig. Mit offenem Mund schaut sie sich um. Sie ist sehr schön und etwas altmodisch gekleidet. Jetzt hebt sie ihre Hand vor den Mund und mit einem leisen „Ach“ löst sie sich auf.
Was ist das für ein Krach? Ach ja, das Auto und die Schlaglöcher. Es wird Zeit, dass die Fenster ersetzt werden.
Schade, ich hätte gern erfahren, wie die Geschichte weitergeht, wer die schöne Frau war … Vielleicht träume ich ja demnächst wieder davon?

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„Ich hab‘s gemacht“, sage ich zu Miezie. „Was hast du gemacht?“ Sie schaut völlig ahnungslos.

Sie erinnert sich nicht, wie aufgeregt ich war, als Lise uns von dem Abenteuer erzählte, das ihr Verlobter für sie arrangiert hatte. Eine Zeitreise. Lise war ganz verzaubert – irgendwie verändert.
In einem spirituellen Zirkel am Brunnenplatz treffen sich jeden Freitag ein paar Frauen aus dem Viertel und praktizieren Magie. Sie reisen in die Vergangenheit oder in die Zukunft und besuchen die Ahnen oder ihre Enkel.
Solche Zirkel gibt es neuerdings viele. Männer oder Frauen, nur ganz selten beide Geschlechter gemeinsam, machen Tischrücken, feiern Séancen, legen Karten oder stellen magische Dinge her.
Ruth, die Frau des Brunnenbäckers, sollte ich ansprechen, es wäre auch nicht teuer. Im Laden fand ich einen Aushang. Ausschließlich Frauen dürften sich bewerben, stand da. Es war, als würde ich an der Hand genommen und direkt in dieses kleine Stück Papier gezogen. Der kleine Mann auf meiner Schulter sagte: „Das ist doch alles Quatsch!“, die Stimme in meinem Bauch flüsterte: „Hör‘ nicht auf ihn.“ und mein Herz, mein dummes kleines Herz, das einen Fehler hat und gern mal aus dem Takt gerät, wurde ruhig und schlug ganz gleichmäßig. Ich musste mich bewerben.

Als ich diesen Dienstag ein Brot kaufte, sprach Ruth mich an, und Mittwochabend gingen wir gemeinsam ein paar Schritte durch den Park. Sie kannte mich natürlich vom Sehen und als ich ihr von Lise erzählte und wie mich dieser kleine Aushang bewegt hatte, lud sie mich für den nächsten Freitag ein.

Ich konnte es kaum erwarten. Mein Herz …

Aber, als es dann so weit war und Ruth mich an der Haustür empfing, war ich innerlich ganz ruhig. Es war wie nach Hause kommen, so vertraut.

Ein großes Dachfenster ließ die Nacht hereinschauen. Die Wände waren dunkelblau angelegt und am Boden lag ein blutroter Webteppich. Ansonsten war der Raum völlig leer. Die Frauen saßen im Kreis auf ihren Fersen. In der Mitte lag eine weiße Stoffbahn. Dorthin sollte ich mich legen. Der Boden war hart und ich fühlte mich sicher getragen.

Mein Blick ging direkt in den wolkenlosen Himmel, und die Sterne schauten zurück.
Wie besprochen, schloss ich die Augen, als es sich richtig anfühlte. Ich dachte schon, dass es nicht geht, aber ich fand einen Faden, an dem ich mich halten konnte, und war plötzlich im Jahr 2036. Die Stadt sah sehr verändert aus. Die Mode war sehr freizügig, Frauen trugen kurze Röcke und ihre Pullover bedeckten kaum den Bauchnabel. Es war heiß.
Ich schien unsichtbar zu sein und körperlos. Ein Kind lief direkt auf mich zu und durch mich hindurch. Ich sah mich um und merkte, dass ich direkt vor dem Bäckerladen stand und lief den gewohnten Weg zu unserem Haus. Der Garten war verwildert und das Hoftor zugenagelt.
Von links kam eine Menschengruppe und blieb vor dem Tor stehen. Ein Mann nahm ein Werkzeug und entfernte die Nägel.
Ich wollte protestieren und ging dazwischen, aber niemand nahm Notiz von mir.
Mit einem Stöhnen öffnete sich unser schönes Tor. Ein anderer Herr bat um Aufmerksamkeit. Er war sehr schick angezogen und trug eine dicke goldene Uhr. Er sprach mit einem mir unbekannten Akzent über dieses Juwel einer im Original erhaltenen Villa aus der guten alten Zeit. Eigentlich sei diese Immobilie nicht bezahlbar und der Eigentümer würde sich nur sehr schweren Herzens von dieser Kostbarkeit trennen …
Wir gingen hinein. Es war unfassbar, als wäre die Zeit vor vielen Jahren eingefroren. Unsere monumentale Vase stand noch auf dem großen Tisch im Ballsaal. Staub lag wie Raureif auf den Möbeln. Was war passiert? Warum stehe ich jetzt hier?
Da öffnet sich rechts eine Tür und ein Mann tritt zu uns. „Guten Tag, ich bin Klaus, willkommen in meinem Haus. Ich sehe, Sie haben den Haupteingang geöffnet. Dieser wurde seit beinahe 100 Jahren nicht benutzt. Hier befindet sich alles, wie es die damaligen Besitzer bei Ausbruch des Zweiten Weltkriegs hinterlassen haben.“

Ich sinke zu Boden und öffne die Augen.
Über mir ist ein Dachfenster und die Sterne blinzeln mir zu.
Wo bin ich?

Als ich wieder in daheim bin, muss ich plötzlich weinen. Was hat Klaus gesagt? Alles steht noch am selben Platz, wie wir es bei Ausbruch eines Krieges verlassen mussten. Hört das denn nie auf?

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