Von Glädja Skriva
Sie wissen schon. Es gibt die Fraktion der Hunde- und es gibt die Fraktion der Katzenfreunde. Wir gehörten bisher der Fraktion der Zwergkaninchenfreunde an. Bis mir eines Tages auf dem Weg zur Biotonne ein Brösel Hackfleisch auf den Boden kullerte. Aus den Augenwinkeln sah ich blitzschnell und ängstlich geduckt ein abgemagertes Stück schwarzes Fellhaar danach schnappen. Hampf! Das würde mir nicht noch einmal passieren! Wilde Szenarien von stornierten Urlaubsreisen, teuer gebuchten KatzensitterInnen, schweißnassen Fahrten zum Tierarzt stiegen in mir auf. Never!
Die Nachbarin beruhigte mich. Es sei ein Straßenkater und sie bzw. die Hausgemeinschaft hätten die Adoption übernommen. Der Adoptionsvertrag hatte wohl noch nicht seinen amtlichen Siegel aufgedrückt bekommen. Sie ahnen schon … Die Nachbarin fuhr in Urlaub und ich übernahm nur kurzzeitig (darauf bestand ich!) die Fütterungspflicht. Als die Nachbarin zurückkam und die nächste Fütterung anstand, wurde sie zu einem wichtigen Telefonat gerufen. Es muss ein Telefonat in Dauerschleife gewesen sein und die Hausgemeinschaft war wohl zu einer einjährigen Frachtschiffsreise aufgebrochen.
Pumba, wie wir ihn inzwischen getauft hatten, und ich beäugten uns argwöhnisch. Ich meinte, seine kurzbeinige schwarze Samtpfote energisch auf den Asphaltboden stampfen zu sehen. Futter her! Ich habe Kohldampf! Ich beging den Kardinalfehler des ersten Mals. Ab sofort gab es keine zufällig hingeworfenen Brocken mehr. Da gab es exklusives Futter und das immer zu einem bestimmten Zeitpunkt. Presto! Aber sofort! Gekackt wurde in die Gartenecke; ausschließlich in die rechte, obwohl man uns versicherte, dass Katzen nie ins eigene Revier kacken. Aber ich muss zugeben, die Blumen gediehen seither an dieser Stelle besonders gut.
Inzwischen stand ich im Winter frierend, pünktlich um 7.00h, in meinem dünnen rosa Bademäntelchen auf einer Schneescholle im Garten. Pumba wollte, übernächtigt von seiner Tour heimgekehrt, sein Frühstück draußen kredenzt bekommen. Aber dann musste im kuschelig Warmen dreimal Nass- und abschließend abends Trockenfutter folgen. Wegen der Verdauung und seinem empfindlichen Magen.
Freundschaften begannen zu bröckeln. Wenn ich mit den Mädels unterwegs war, begann ich kurz vor 22.00h erst zurückhaltend, dann mit zurückgekipptem Stuhl, herzhaft zu gähnen. Uaaaahh! Lisa, meine beste Freundin, die wusste, dass ich ein Nachtvogel war, streifte mich nur mit einem kurzen Blick. Sie sagte längst nicht mehr: „Jetzt bleibe noch ein bisschen. Du musst doch deinen Vater nicht mehr pflegen und die kids sind längst aus dem Windelalter draußen.“ Mein leises „Wünsch` Euch was“ und Klopfen auf den Tisch ging im allgemeinen Gekreische unter.
Ich stapfte zum tiefgekühlten Auto und drehte den Zündschlüssel um. So selbstverständlich wie der Mond in vertrauter, geordneter Bahn seine Kreise zog und die Sterne ihre Formationen am glasklaren Himmel bildeten. Zuhause angekommen öffnete ich automatisiert die Terrassentür. Miau. Pumba schritt hocherhobenen Hauptes mit ausgefahrener Schwanzantenne an mir vorbei und ignorierte mich. Ich war heute nur fünf Minuten zu spät! Mit tief gelegtem Bauch (so weit ging sein Stolz dann doch nicht, dass er seinen Futternapf verschmäht hätte), sprang er ächzend auf die Couch; in die besonders kuschelige Ecke. Etwas neidisch blickte ich zu ihm hinüber – von meinem „Kreativstuhl“ aus, wie ich dieses beinharte Teil betituliert hatte, um ihn mir schön zu reden und erträglicher zu machen.
Dann wollen wir einmal. Wie war nochmals das Thema des Mitmachprojektes d.M.? 2036? Eigene Stimme? Da fragen wir doch am besten meine intelligente Freundin, die mich besser kennt als ich mich selbst. Meine Finger suchten die Tastatur: „Schreiblust, stand da, Schreiblust … 2002 gegründet, 2001 aus einem online Literatur Projekt hervorgegangen.“ Respekt, Andreas, dieses Projekt so lange durch jeglichen Gegenwind in der Literaturszene manövriert zu haben! „Andreas Schröter ist aktuell Redakteur der Ruhr Nachrichten in Dortmund.“Hmh, weiss ich doch. „Er wurde 1963 geboren, folglich wird er 2036 genau 73 Jahre alt sein und seinen runden Geburtstag feiern.“ Ich schnurrte zufrieden. Die kleine Intelligenzbestie ist in Mathe wohl genauso schwach auf der Brust wie ich. „Aber es gibt auch 90ig jährige brilliante Schriftsteller. Schreiben ist ein hervorragendes Werkzeug, um den Geist in hohem Alter fit zu halten. Es aktiviert das Sprachzentrum, Gedächtnis und lo .. s … enk … ver …n …“ Der Rest des Textes verschwamm etwas vor meinen Augen und ich rückte näher an den Bildschirm heran. „Selbst, wenn körperliche Einschränkungen wie Sehschwäche oder nachlassende Feinmotorik eintreten sollten, bieten moderne KI Assistenzsysteme jedem Menschen die Möglichkeit Geschichten zu verfassen.“
Ha, sagte ich. Ha, wusste ich es doch und schloss dabei krachend schwungvoll den Deckel meines Laptops und hatte gar kein Bedürfnis mehr nach einer Kuschelecke.
Draußen war es inzwischen still geworden. Die Kirchturmuhr hatte ihr Geläut eingestellt. Ich putzte energiegeladen vor dem Badezimmerspiegel meine Zähne, dass es nur so schäumte. Zufrieden pätschelte ich meine pralle Gesichtshaut und betrachtete meinen faltenlosen Mund. Gut hatten sie das gemacht! Der Tipp von Ines war Gold wert gewesen! Ich war eindeutig noch am Start!
Zufrieden knipste ich den Lichtschalter aus, während draußen die Sterne am glasklaren Himmel ihre Formationen bildeten und der Mond vertraut und geordnet in seiner bekannten Umlaufbahn kreiste. Zart schickte er sein Leuchten auf die Erde und erhellte die Christrose, die besonders üppig blühte, hinten rechts in der Gartenecke – neben dem kleinen Holzkreuz.
© Glädja Skriva / 08/2026
