Von Michael Voß

Mai 2026. Die Tür öffnete sich und entließ eine junge Frau, die sehr erleichtert schien. Unsicher betrat ich den bunt bemalten Wagen der Wahrsagerin am Ende des Jahrmarkts. Zwar glaubte ich nicht an sowas, aber …

„Nimm Platz“, sagte die Frau auf einem Hocker und wies auf einen abgewetzten Ohrensessel. „Was führt dich zu mir?“

„Meine Mutter ist bei einem Unfall gestorben. Ich konnte mich nicht mehr von ihr verabschieden. Jetzt fühle ich mich – nicht gut. Es heißt, Sie können Kontakt mit dem Jenseits aufnehmen.“

Die Frau nickte. „Gib mir deine Hand, lehn´ dich zurück und schließ die Augen.“

Eine merkwürdige Ruhe breitete sich in mir aus, dann schälte sich in mir ein Bild meiner Mutter aus dem Dunkeln. Sie lächelte mir zu freundlich zu, dann schwebte sie weg und ein Mann erschien an ihrer Stelle. Ich erschrak. Der Kerl war ausgemergelt, erschöpft und gezeichnet von Entbehrungen. 

„Hallo Andy“, klang seine Stimme brüchig in meinem Kopf.

„Wer bist du?“, stammelte ich in Gedanken.

„Erkennst du dich selbst nicht?“

Das konnte nicht wahr sein. „Du bist ich?“

„Ja. Ich bin Du, acht Jahre weiter.“

„Was …“

„Keine Zeit mehr, sie haben mich gleich.“

„Wovon redest …“

„Hör mir zu, wenn du überleben willst. Lege heimlich einen Anschluss aus dem Rechenzentrum heraus und sorge dafür, dass du später ungesehen da dran kommen kannst. Sieht zu, dass du mit Natalya in Kontakt bleibst. Sie kann einen Prompt ins System schleusen. Ihr müsst der KI ein neues Ziel vorgeben. Eines, was das Leben der Menschen zulässt. Ihr …“

„Was ist?“

„Sie kommen“, gurgelte mein Gegenüber.

Dann verschwand das Bild in meinem Kopf.

 

Tagelang rätselte ich, was da wohl passiert war. Ich wagte nicht, mit jemandem darüber

zu sprechen, aus Angst vor Spott. Gleichzeitig wuchs in mir die Gewissheit, dass die Begegnung echt gewesen war und ich mich selbst vor einer grauenhaften Zukunft gewarnt hatte. Doch wie sollte die aussehen? Keinesfalls rosig, davon war ich, Jahrgang 1996, überzeugt. Wie genau, das wusste wohl keiner, aber für mich stand fest, dass die weltweit zunehmende Spaltung vieler Gesellschaften in Bürgerkriegen weltweit münden würde. Dazu Dürren und Hungersnöte, Hitzetote, Kriege ums Wasser und Millionen von Klimaflüchtlingen, die über unsere Grenzen fluten würden. So oder ähnlich: Meine Zukunft war im Arsch.

Ich hatte keine Ahnung, wie ein Anschluss mir da helfen sollte, den mein zukünftiges Ich als Rettung sah. Doch ich vertraute mir, besser, dem ich der Zukunft.

Als Data-Center-Engineer betreute ich den Bau des neuen Rechenzentrums. Meine Kontrollen machte ich, wenn die Arbeiter Feierabend hatten. So war es leicht, unbeobachtet ein als Reserve gelabeltes Glasfaserkabel an einen der Core-Switches in der Main Distribution Aera anzuschließen und es unauffällig entlang der noch offen liegenden Wasserversorgung aus dem Gebäude herauszuführen. An einem Kontrollschacht führte ich das Kabel aus dem Graben und versteckte die Rolle in einem Gebüsch. Drei Nächte brauchte ich, um die Datenleitung am Feldrand entlang einzubuddeln bis zum alten Forsthaus, das ich mal gekauft hatte, um es als Hobby nach und nach zu sanieren.

 

Juni 2028. Ich war nun der technische Leiter und des inzwischen fertiggestellten Rechenzentrums. Das Kabel hatte ich vergessen.

Dann übertrug E. Musk seiner SpaceXAI den Auftrag, die Welt in ein Paradies zu verwandeln. In einer bombastisch inszenierten Live-Show fütterte er den KI-Prompt großspurig mit Bildern von paradiesischen Stränden, sattgrünen Wäldern und atemberaubenden Fotos von unberührter Natur.

Dreiundfünfzig Minuten später wechselte ein fünfzig Hektar großes, stillgelegtes  Fabrikgelände in Kalifornien den Eigentümer. Wenige Tage danach errichteten Arbeiter einen Sichtschutzzaun, Tieflader brachten Baumaschinen und Gerät heran. Ich erfuhr nur davon, weil meine Firma ebenfalls an dem Grundstück interessiert gewesen war.

 

August 2028: Der Sichtschutzzaum wurde abgebaut, dahinter kam eine Sperrmauer mit Stacheldrahtkrone und Wachtürmen  zum Vorschein.

 

September 2028. Der letzte menschliche Arbeiter verließ das massive Werkstor. Ein Journalist, der ihn interviewte, konnte nur erfahren, dass in der neu aufgebauten Fabrik vollautomatisierte Produktionsanlagen standen, die wohl in der Lage waren, kleinere und größere Elektrogeräte herzustellen. Was dort aber produziert werden sollte, wusste der Monteur nicht. Wie allen anderen auch, hatte er seine Arbeiten anhand von Anweisungen erledigt, die er auf seinem Smartphone empfangen hatte. Bei Fragen hatte er sich über eine eigens für den Bau entwickelte App mit dem zuständigen Bauleiter unterhalten, der Tag und Nacht erreichbar war.

 

Januar 2029. Mitten im Winter waren Kohle, Öl und Gas überraschend zur Mangelware geworden. Nachforschungen ergaben, dass seit Monaten Tanker umgeleitet und auf einmal verschwunden waren. Gleichzeitig war die Förderung von fossilen Energien gedrosselt worden. Niemand konnte erklären, wieso das geschehen war, aber alle Verantwortlichen hatten Mails ihrer Vorgesetzten, in denen eindeutige und begründete Anordnungen zu lesen waren. Jetzt war wortwörtlich der Ofen aus. Binnen weniger Tage waren elektrische Heizgeräte ausverkauft. Immer wieder brachen die Stromnetze zusammen, da die Kraftwerke nicht genug Energie liefern konnten. Hektisch wurden Pläne gemacht und Notstände ausgerufen, aber viele Menschen auf der Nordhalbkugel hatten kein warmes Zuhause mehr. Nur die Stimmung begann zu kochen. Ich kaufte Vorräte für sechs Monate und zog ins Forsthaus um, wo es einen Kamin, Brennholz und Solarstrom plus Stromspeicher gab.

 

Februar 2029.  Weltweit wurden Banken und Kreditinstitute vom Netz genommen. Anlagen zur Flugüberwachung wurden per Cyberattacke abgeschaltet, was zu einer weltweiten Einstellung des Flugverkehrs führte. Soziale Medien, Mobilfunknetze, GPS, Kommunikationssatelliten – alles wurde gesperrt. Mit dem Internet verbundene Anlagen zur Wasserversorgung, Heizkraftwerke, Kühlhäuser und Logistikzentren wurden abgeschaltet oder mittels Datenlöschung betriebsunfähig gemacht. Nur die Stromnetze funktionierten. Keinen Tag später kam es zu lokalen Aufständen und ersten Plünderungen.

 

Ich suchte Natalya auf und fragte sie, ob sie sich über das von mir gelegte Kabel einen Zugang bei SpaceXAI verschaffen konnte. Die ehemalige Hackerin des FSB hatte sich Anfang 2023 aus Russland abgesetzt und eine Stelle in meiner Firma gefunden.

Jetzt saß sie im Forsthaus vor ihrem Laptop und murmelte: „Ein Alptraum.“

„Was?“, fragte ich.

Sie wies auf eine Grafik, die die Zahl Erdbevölkerung zeigte.

Ist: Acht Mrd.

Soll: Null.

Jetzt fiel der Groschen:

Musk hatte SpaceXAI einen Auftrag gegeben, eine paradiesische Welt zu erschaffen – voller Schönheit, Naturwunder und Harmonie.

Eine Welt ohne Katastrophen, Leid und Elend.

Eine Welt ohne Menschen.

 

März 2029. Die rasende Verknappung von Lebensmitteln, Medikamenten und Wasser hatte die erste Milliarde Todesopfer gefordert. Zwar lagerte vorerst noch genug in den Depots, doch die Verteilung funktionierte nicht mehr. Bestellungen per Telefon und Internet waren nicht mehr möglich, ebenso Zahlungen per Überweisung. Mangels Treibstoff fuhr kein LKW mehr. Hier und dort bildeten sich Solidargemeinschaften, doch sie gingen im weltweit tobenden Bürgerkrieg unter. Aus Nachbarn und Freunden waren Feinde geworden, die sich gegenseitig umbrachten – für einen Schokoriegel oder eine halben Liter Trinkwasser. Die größten Verluste waren in den Städten der USA zu beklagen; die Besiedlungsdichte und die Verfügbarkeit von Feuerwaffen beschleunigten die gegenseitige Ausrottung. 

 

April 2029. Die Menschheit war auf etwa eine Milliarde geschrumpft. Einige hatten sich organisiert, doch ohne moderne Kommunikationsmittel blieb die Gruppengröße beschränkt und Reaktionen auf veränderte Bedingungen kamen zu langsam. Zwar rissen sich spürbar weniger Menschen um die verbleibenden Vorräte, doch es gab eine neue Bedrohung. Die neue Fabrik in Kalifornien und baugleiche Anlagen auf den anderen Kontinenten spuckten Tag und Nacht eine unbesiegbare Macht aus: Automatisch produzierte Drohnen und Roboter. Diese Killermaschinen, optimierte vollelektrische Versionen der im Ukraine-Krieg entwickelten Drohnen, machten Jagd auf alles, was wie ein Mensch aussah. Natalya und ich lebten in relativer Sicherheit – die gut isolierenden Holzwände verhinderten, dass die IR-Sensoren der Robotern unsere Wärmesignatur erkannten. Aber wir trauten uns nicht hinaus, aus Angst, getötet zu werden. Und unsere Essensvorräte waren begrenzt.

 

Mai 2029. Die Grafik zeigte, dass nur noch etwa eine Million Menschen lebte, die die KI nach und nach mit Hilfe von Satellitenbildern und Aufklärungsdrohnen aufspürte und von Killerdrohnen töten ließ.

Eine neu hinzugekommene Grafik zeigt den Grad der globalen Wiederaufforstung, eine andere steigende Fischbestände.

Natalya und ich suchten fieberhaft nach einem Weg, der KI den Saft abzudrehen, das Ladeprotoll der Drohnen durch eine Version zu ersetzen, die das Aufladen der Batterien  verhinderte oder der KI einen neuen Prompt einzugeben. Doch unser Zugang war der eines Nutzers; wir hatten keine Administratorrechte. So mussten wir uns in ein System hacken, das sich fortlaufend selbst optimierte. Eine Sisyphus-Arbeit ohne Erfolgsgarantie.

 

Ende des Monats, es lebten noch etwa einhunderttausend von uns, riss mich ein Schrei aus meinem Mittagsschlaf.

„Ich bin drin!“, jubelte Natalya.

Ich sprang vom Feldbett und setzte mich zu ihr vor den Monitor.

„Hier!“, lachte sie. „Ich habe die virtuelle Eingabekonsole gefunden.“

Eine Welle der Hoffnung durchflutete mich.

Noch einmal überprüften wir den Prompt, der auf Asimovs Robotergesetzen von 1942 basierte: „Eine KI sowie mit KI versehene Drohnen und Roboter dürfen der Menschheit und der Natur keinen Schaden zufügen oder durch Untätigkeit zulassen, dass der Menschheit oder der Natur Schaden zugefügt wird.“

Ich kopierte den Text in das Eingabefeld, dann drückte Natalya die Enter-Taste.

 

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