Von Irmi Feldman

Näher. Sie rückten immer näher. Vor einer Woche standen sie noch unten am Wegrand oder an der Anfahrtsstraße zu seinem Grundstück. Jetzt belagerten sie seinen Zaun, seinen Hof, erreichten fast sein Wohnhaus. Wie sollte das nur weitergehen? Sie zu verbrennen, kostete Aki täglich viel Zeit. Zeit, die er nicht hatte.

Doch er würde nicht aufgeben. Nicht verkaufen. Würde nicht diesen Aasgeiern vom mächtigen Baukonzern Celeste Buildings zum Opfer fallen. Angewidert starrte Aki auf das Schild, das er gerade aus der Erde gezogen hatte. Er würde es verbrennen, wie all die anderen.

Coming Soon – Naruna Valley Village, stand da. Erschwingliche Preise. Herrliche Lage am Fuße des schlafenden Vulkans Mount Chaca. Umgeben von Jahrhunderte alten Wäldern und klaren Bergseen. Wilde, ungezähmte Natur. Natürlich aufgebessert mit Clubhaus, Golfplatz, Parkanlagen, Geschäften und Restaurants. Man will sich schließlich was gönnen.

Gerade heute Morgen hatte Mr. Miller von Celeste Buildings ihn wieder bedrängt. War ihm gefolgt, als Aki in der zwanzig Meilen entfernten Stadt einkaufte. Auf Akis Grundstück traute Miller sich nicht mehr, nachdem dieser ihn vor einer Woche mit dem Hund davongejagt hatte. Doch Miller gab nicht auf. Zu viel hing von diesem lukrativen Projekt ab. Nicht zu vergessen, die beachtliche Prämie, die Miller winkte, wenn das Geschäft mit Aki zustande kam. Der einzige Zugang zum Naruna Valley, eingesäumt von Bergen, der höchste davon der Vulkan Chaca, führte über Akis Land. Doch Aki weigerte sich strikt, zu verkaufen. 

Viele der indianischen Siedler im Tal hatten sich dem Druck oder den Drohungen von Celeste Buildings ergeben und hatten ihr Land verkauft. Für mehr Geld, als sie in ihrem einfachen Leben je zu Gesicht bekommen würden. Die Verbliebenen im Tal, diejenigen, die sich weigerten ihre angestammte Heimat und Jahrhunderte alten Traditionen aufzugeben, setzten auf Akis Hilfe, um dem Baukonzern zu widerstehen. Auch ihretwegen wollte Aki, Mitglied des Chenu-Stamm-Councils, durchhalten. Er und sein Bruder Atohi waren hier aufgewachsen, genauso wie ihr Vater, Großvater und Urgroßvater vor ihnen. Es war ihr Land. Es war ihre Heimat. Es waren die ewigen Jagdgründe ihrer Vorfahren.

Aki warf das Schild zu den anderen auf den Haufen, den er gleich darauf anzündete. Auslese eines einzigen Tages: dreizehn Schilder, nicht zu vergessen die unzähligen Flugblätter, die täglich seinen Briefkasten überquellen ließen. Lichterloh brannten sie in den Nachthimmel hinein. Aki wandte sich ab und ging ins Haus.  

Er wischte sich den Schweiß von der Stirn, ließ sich auf die Bank fallen und schloss die Augen. Würde er es heute bis zum Bett schaffen? In letzter Zeit geschah das nicht oft. Die Angelegenheit mit Miller ging ihm nicht aus dem Sinn. Er war nicht mehr der Jüngste mit seinen 56 Jahren. Er wollte seine Ruhe haben und seiner Arbeit nachgehen. Und natürlich hin und wieder hinaufreiten zum Nukumi Rock, der seltsamen Felsformation, hoch oben in den unwirtlichen Bergen. 

Er und sein Bruder Atohi hatten Nukumi Rock vor vielen Jahren auf ihrer Visionssuche entdeckt. Eigentlich machte sich ein Mitglied des Chenu-Stammes allein auf diese spirituelle Reise, die den Übergang von der Kindheit ins Erwachsenenalter symbolisierte, doch weil Atohi sich nichts aus solchen Riten machte, hatte der Stammesrat beschlossen, Aki mit ihm zu schicken. Atohi, der trotzige Teenager, der viel lieber mit seinen Freunden zum Trinken in die Stadt geritten wäre, war lustlos mitgekommen. Doch es schien, dass die Einsamkeit in der Natur, das Fasten und Beten positiven Einfluss auf Atohi hatte. Erst nach einer Woche kehrten sie ins Dorf zurück, jedoch nicht bevor sie sich schworen, nie jemanden vom Nukumi Rock zu erzählen. 

Es war auch am Nukumi Rock gewesen, wo Aki seinen Bruder das letzte Mal gesehen hatte, bevor dieser auf Nimmerwiedersehen verschwand. Das war jetzt dreißig Jahre her. Voller Kummer erinnerte Aki sich an diesen letzten Moment. Noch immer machte er sich Vorwürfe, dass er es zuletzt doch nicht geschafft hatte, Atohi in die Stammesgemeinschaft zurückzuführen. Hätte er mehr Verständnis für Atohi mit all seinen Problemen aufgebracht, wäre dieser sicher nicht weggegangen. Atohi war immer der Außenseiter gewesen. Schon von klein auf hatte er sich eher als Weißer, wie ihre Mutter, als wie ein Native American gefühlt. An diesem letzten Abend beim Nukumi Rock hatte Atohi ihn wutentbrannt zu einem Kampf herausgefordert. Er hatte sich in Besa, Akis Braut, verliebt und wollte sie von Aki zurückerobern. Es war zu einem Messerkampf gekommen, bei dem Aki schwer verletzt wurde. Seitdem hatte Aki nicht nur seinen Bruder, sondern auch seine Frau Besa verloren, die vor fünfzehn Jahren dem Krebs zum Opfer gefallen war. Kinder hatten sie keine.

Ein Geräusch weckte Aki auf. Nun war er doch eingeschlafen. Hatte es wieder nicht ins Bett geschafft, wie ihm sein schmerzhafter Rücken sogleich bestätigte. Jemand stand im Raum. Also hatte er wieder einmal vergessen, die Tür zu verriegeln. Noch immer hatte er sich nicht daran gewöhnt, denn in seinem Dorf bestahl man sich nicht. Erst seit Celeste Buildings in diese Gegend eingedrungen war und die Siedler zum Verkauf aufforderte, begann Aki nachts seine Tür zu verschließen. 

„Hallo, Aki!“, sagte sein Besucher. „Wach auf!“

Aki wischte sich den Schlaf aus den Augen, setzte sich auf, versuchte sich auf die Person vor ihm zu konzentrieren. Es gelang ihm nicht. Das Licht der Glühbirne in der Küche war zu schwach. Die Stimme, jedoch, kam Aki bekannt vor.

„Ich bin’s, Aki“, sagte der Besucher. „Ich bin du. Nur zehn Jahre älter.“

Aki schüttelte den Kopf, konnte nicht glauben, was er da hörte.

„Was?“, flüsterte Aki. „Was hast du gesagt?“

„Ich bin du. Ich komme aus der Zukunft, aus dem Jahr 2036. Ich komme, um dich zu warnen“, sagte der Besucher. 

„Aus der Zukunft?“, wiederholte Aki. „Aber, wie ist das möglich?“

Aki rappelte sich auf. Auf der Anrichte stand eine Lampe. Er schaltete sie ein. Jetzt konnte er den Besucher genauer beäugen. Tatsächlich. Er schaute aus wie er, Aki, nur älter. Verbrauchter.

„Was hat das zu bedeuten?“, fragte Aki. „Wovor willst du mich warnen?“

„Mount Chaca“, sagte der Besucher. „Chaca wird ausbrechen und das ganze Tal zuschütten. Du weißt doch, wie Vater immer davor gewarnt hat. Dass Chaca alles unter sich begraben wird. Das ganze Tal. Das Dorf. Dein Haus. Alles. Und zwar bald.“

Aki schüttelte ungläubig den Kopf. Es war richtig, sein Vater und auch sein Großvater, hatten oft von dieser alten Prophezeiung gesprochen, dass Chaca sich eines Tages rächen würde. Doch dieser Ausbruch schien immer in weiter Zukunft zu liegen. 

„Wann?“, flüsterte Aki. „Wann wird das passieren?“

„Bald. Schon nächstes Jahr. 2027. Du musst von hier weggehen“, sagte sein Besucher.

„Du erinnerst mich an Atohi, unseren Bruder“, sagte Aki. „Ich habe ihn lange nicht gesehen.“

„Natürlich!“, sagte der Besucher. „Wir waren Zwillinge.“

„Waren?“, fragte Aki.

Der Besucher nickte. „Atohi stirbt nächstes Jahr, wenn du nicht von hier weggehst. Du selbst überlebst, weil du zu dem Zeitpunkt des Ausbruchs in der Stadt bist.“

„Stirbt?“, echote Aki. „Wie denn?“

„Nach dem Ausbruch war alles zerstört. Auch dein Haus. Atohi hat davon gehört und ist zurückgekommen. Hat ohne zu zögern in den Überresten nach dir gegraben. Ohne irgendjemandem Bescheid zu geben. Das Dach stürzte vollends ein und begrub ihn darunter. Aki, du kannst Atohi retten, indem du von hier weggehst.“

Aki schaute ihn betroffen an. Sein Bruder Atohi. War zurückgekommen? Um ihn zu retten? Hatte Atohi sich gewandelt? Zum Besseren? Der jähzornige, ungezügelte Atohi war zurückgekommen, um nach ihm, Aki, zu suchen? Er konnte es nicht glauben. 

„Geh weg von hier!“, sagte der Besucher.  

„Atohi?“, flüsterte Aki. „Bist du es?“

„Geh weg von hier!“, wiederholte sein Besucher. Und dann war er weg. 

Lange schaute Aki ihm nach. War das ein Traum gewesen? War sein späteres Ich wirklich aus der Zukunft gekommen, um ihn vor dem Vulkanausbruch zu warnen? War das ein Zeichen seiner Vorfahren, ihn zum Weggehen zu bewegen und woanders ein neues Leben anzufangen? Vielleicht sogar mit Atohi?

Mr. Miller staunte nicht schlecht, als Akis Anruf am nächsten Morgen zu ihm durchgestellt wurde. 

„Mr. Aki“, rief er, „was für eine Überraschung!“ 

„Könnten Sie vielleicht heute zu mir herauskommen?“, fragte Aki. „Ich muss etwas mit Ihnen besprechen.“

„Aber natürlich. Jederzeit!“, erwiderte Miller. Er konnte seine Freude kaum verbergen.

Wie verabredet, fuhr Miller um 16:00 Uhr in Akis Hof ein. 

In der Küche teilte Aki ihm mit, dass er sich entschieden habe, sein Land zu verkaufen. Miller grinste. Innerlich jubelte er. Sein Plan, nach Akis verschollenen Zwillingsbruder Atohi zu suchen und mit ins Spiel zu bringen, war aufgegangen. Diese dummen Indianer glaubten ja an allerhand übersinnlichen Nonsens. Besucher aus der Zukunft. So ein Quatsch! Doch seine Idee hatte sich als brillant erwiesen, denn Aki hatte sie geschluckt. Überglücklich ging Miller mit Aki die Papiere durch, führte alle Gegenstände des Vertrags noch mal auf, inclusive Haus, Felder und Wälder.

„Und als Zugabe“, fuhr Miller fort, „bauen wir sogar den Weg aus, der hinauf zum Nukumi Rock führt. Damit Sie im Alter leichter da hinaufkommen können. Na, was sagen Sie dazu?“

Aki, der den Stift zum Unterschreiben schon in der Hand hatte, hielt inne. 

„Nukumi Rock?“, fragte er. „Wer hat Ihnen von Nukumi Rock erzählt?“

Miller zwang sich ein Lächeln auf. Er kochte vor Wut.

„Mein Zwillingsbruder Atohi, stimmt‘s?“, fragte Aki.

Hilflos schüttelte Miller den Kopf. Vorbei. Es war vorbei. Er hatte verloren.

Aki lächelte. Eine große Last fiel von ihm ab. Er fühlte sich frei. So frei, wie seit dreißig Jahren nicht mehr. Atohi hatte gezeigt, auf welcher Seite er stand. Immer gestanden hatte. Und das würde sich auch nie ändern. Aki wusste es jetzt.  

Und noch eines wusste Aki. Klarer als je zuvor.     

V1; 9962z

Anmerkung: Alle Namen von Personen und Orten sind erfunden.