Von Friederike Freund

Als Karim aufwachte, spürte er immer noch das Glücksgefühl und den Stolz, der  ihn eben eingehüllt hatte. Auf seinem Gesicht lag ein breites Lächeln.

Was hatte er da eben geträumt? – Denn ein Traum musste es gewesen sein, obwohl die Bilder, Geräusche und Gefühle sich so wirklich anfühlten. Er war auf einem Podium gewesen, angetan mit dem Talar, den Professoren und Schulleiter angesehener Lehranstalten trugen, wenn sie bei den jährlichen Abschlussfeiern den Absolventen ihre Zeugnisse übergaben. Hinter ihm war ein Spruchband sichtbar: „Class of 2036“ – Abschlussklasse 2036. Erstaunlich. War das ein Blick in die Zukunft gewesen?

Karim schloss die Augen und versuchte, noch einmal in den Traum zurückzugleiten. Doch da trat schon die Krankenschwester an sein Bett. Blutdruck messen, Medikamente auf das Tischchen in seiner Reichweite stellen, Infusionen überprüfen, Katheter wechseln. „Wie geht es Ihnen heuet, Greene?“ Karim sagte nichts von seinen Schmerzen in beiden Beinen, von den nach wie vor stechenden Rückenschmerzen und auch nichts vom Druck in seinem Kopf. Das ging die nichts an, das machte er mit sich allein aus.

„Ganz gut“, murmelte er.  „Haben Sie irgendwo Schmerzen?“ fragte die Schwester, die Karim immer an den Schokoladenpudding seiner Mutter erinnerte: rundlich-breit und etwas wabbelig. „Nur da, wo sie sonst auch schon waren: überall“. Karim grinste.

„Erstaunlich, dass Sie überhaupt noch am Leben sind, Greene. Gott scheint noch etwas mit Ihnen vorzuhaben“.

Karim reagierte nicht. Er hatte wieder die Augen geschlossen und wartete darauf, dass die Schwester endlich den Raum verließ.

Als sich die Tür hinter ihr schloss, ließ Karim die letzten drei Jahre noch einmal vor seinem inneren Auge Revue passieren. Der Überfall am helllichten Tag in seiner Einzelzelle, kaum größer als das kleine Badezimmer in der Wohnung seiner Mutter. Sechs Gefängniswachen in Sturmausrüstung waren auf ihn eingedrungen, der mit nichts anderem als einer Boxershorts bekleidet war. Sie hatten ihn zu Boden gerungen und schlugen und traten auf ihn ein. Er wurde bewusstlos. Wie er später erfuhr, hatten die Wachen auch dann nicht nachgelassen, als er bereits ohnmächtig war und schwer blutete. Die anderen Insassen an dem Flur hatten es gesehen, vor allen Dingen aber hatten sie es gehört. Als feststand, dass er noch lebte, hatte man ihn in ein Krankenhaus gebracht, wohin, wusste er nicht. Über drei Monate soll er im Koma gelegen haben. 

Er war an dem Überfall nicht schuldlos gewesen, gestand er sich ein. Über Monate, Jahre hatte er sich mit den Wachen im Gefängnis einen privaten Kleinkrieg geliefert, der schließlich eskalierte. Die Wachen, die ihn überfallen hatten, erhielten Disziplinarmaßnahmen, wurden entlassen, und einer soll sogar angeklagt worden sein. Der ehemalige Beamte hatte Kaution gestellt und war anschließend abgehauen.

Als Karim aus dem Koma erwachte, lag er wieder in einer Gefängniszelle, doch diesmal auf der Krankenstation eines Hochsicherheitsgefängnisses. Ein einsamer Ort. Niemand, mit dem er sich hätte unterhalten können. Die Schwestern und Ärzte machten ihre Arbeit. Für zwischenmenschliche Interaktionen war keine Zeit. Dann kamen die Rechtsanwälte. Er sollte den Staat wegen Körperverletzung verklagen, große Summen an Entschädigungen standen im Raum. Vielleicht würde er sich und seiner Mutter endlich ein Leben ohne finanzielle Not bieten können. Verdient hatte sie es.

Karim war wohl wieder eingeschlafen. Im Traum sah er sich wieder im Talar mit einem Doktorhut auf dem Podest, hinter ihm hing wieder das Banner mit der Aufschrift „Class of 2036“. Diesmal aber sah er sich, wie er den Absolventen die Urkunden überreichte und ihre Hände schüttelte.

Dann trat eine Frau an das Rednerpult von der Karim instinktiv wusste, dass sie in der Zukunft die Gouverneurin seines Heimatstaates war. „Professor Greene“, redete sie ihn an, „Unser Staat, unsere Stadt sind stolz auf Ihre Leistung! Noch vor zehn Jahren waren Sie ein verurteilter Mörder. Als Sie aus medizinischen Gründen begnadigt wurden, nutzten Sie Ihre staatliche Abfindung für die Gründung dieser Lehranstalt. Sie haben hier jungen Menschen, die vielleicht eine ebenso ungesetzliche Laufbahn eingeschlagen hätten wie Sie einst, Hoffnung und die Aussicht auf ein erfolgreiches Leben gegeben.“

Der Saal vor ihm erbebte unter Applaus. Junge Stimmen  skandierten „Karim, Karim!“ Seine Mutter, die in der ersten Reihe neben seinem Anwalt saß, weinte ungeniert, und auch der so hart wirkende Anwalt hatte Wasser in den Augen. Auch die Schwester, die gesagt hatte, dass Gott wohl noch etwas mit ihm vorhabe, saß in der ersten Reihe. Wieder fühlte Karim das Lächeln in seinem Gesicht, als er erwachte.

Während die Medikamente durch die Infusionsschläuche in seine Venen tropften, während manche Schmerzen weniger wurden und ganz aufhörten, während Entscheidungen darüber getroffen wurden, ob seine Beine amputiert werden müssten, träumte Karim immer wieder den Traum von der Abschlussklasse 2036.

Karim sprach mit niemandem über seinen Traum, erwähnte ihn in keinem Brief an seine Freunde in der freien Welt, wie es im Gefängnisjargon hieß. Sonst würde es noch heißen, er hätte doch einen Dachschaden durch die Schläge auf den Kopf davongetragen. Aber seine Anwälte bemerkten, dass er besser mitarbeitete, sich besser vorbereitete und weniger teilnahmslos war. Wenn sie ihn fragten, wie er sich seine Zukunft vorstellte, falls er freikommen würde, überraschte er sie mit nie gekannter Zuversicht. „Wir schaffen das“, sagte er immer. „Ich muss noch etwas erledigen“.

Die Anwälte waren besorgt. Wollte er Rache nehmen? Nein, er habe besseres vor, als seine Energie an Idioten zu verschwenden, meinte er nur.

Als feststand, dass er aus medizinischen Gründen begnadigt werden, und wie hoch die ihm zugesprochene Entschädigung ausfallen würde, setzte Karim seine Ideen in die Tat um. Immer noch träumte er von der Abschlussklasse 2036, sah manchmal einzelne Gesichter, hörte Namen. Ach ja, das musste die Enkelin seines Kumpels Little J gewesen sein – jetzt ging sie auf seine Schule. Oder der Junge da mit dem trotzigen Blick. Genau wie er damals, als er in die Gang eintrat. „Mal sehen, was wir aus dir machen können“, hörte sich Karim im Traum sagen. „Ich will Ingenieur werden!“ Der Junge hob das Kinn. 

Als Karim tatsächlich entlassen wurde, zog er zunächst zu seiner Mutter. Zurück in die winzige Wohnung, sein altes Zimmer, dass er mit seinen Geschwistern geteilt hatte. Dann frischte er alte Kontakte auf. Manch‘ einer seiner alten Kumpel – so sie überhaupt noch lebten – war ihm noch einen Gefallen schuldig. Er sprach auch mit dem Pastor der Gemeinde, die seine Mutter  besuchte. Eigentlich traute er Geistlichen ebenso wenig wie Polizisten. Zu oft hatte er im Gefängnis erlebt, wie sie Insassen schwülstig salbadernd doch an die Behörden verrieten. Aber dieser Geistliche war anders. Sein Weg hatte im Gefängnis begonnen. Dort hatte er zu seinem Gott gefunden und ihn auch nie wieder verloren.

Der Geistliche hieß David, wurde in seiner Gemeinde aber immer „King David“ genannt – teils wegen seiner Weisheit, teils wegen der Macht, die er über die Gemeinde in Harlem hatte.

Als Karim ihm gegenüber von seiner Idee, eine Schule in Harlem gründen zu wollen, sprach, blieb David ruhig. „Was sollen die Kinder auf deiner Schule lernen?“, fragte David mit diesem tiefen, ruhigen Bass, wie sie manchen schwarzen Männern eigen ist. „Alles, was sie auf das Leben vorbereitet, auf ein Leben ohne Drogen oder Gewalt, auf ein Leben, wo sie mit ihrem Wissen und Können in der Welt der Weißen klarkommen. Wissen und Können kann nicht geraubt oder verloren werden. Das möchte ich den Kids vermitteln“.

David nickte bedächtig. „Du hast das Geld. Damit kann ein Haus gekauft werden. Aber du brauchst auch engagierte Lehrer. Und die sind schwerer zu finden, hier, in unserer Gegend.“

Karim streckte das Kinn vor – bei ihm immer ein Zeichen, dass er kampfbereit war. „Ich weiß. Wir brauchen Sponsoren. Legale Sponsoren – nichts, was der Staat kaputtmachen könnte. Ein paar gute Kontakte habe ich noch, die werde ich ansprechen.“

David nickte. „Ich kümmere mich darum, Lehrkräfte zu finden. Viele engagierte Lehrer haben den Beruf wegen der Beschränkungen der Behörden an ihren Schulen aufgegeben. Mit denen werde ich reden.“

Die beiden machten sich ans Werk. Nicht alles lief glatt, viele der alten Kumpel von Karim lachten ihn erst aus, schlossen sich ihm dann aber an. Die größte Schwierigkeit war, Schüler für die neue Schule zu finden. Karim rollte mit seinem Rollstuhl durch sein altes Revier, sprach mit den Kids auf den Basketballplätzen. Fragte sie nach ihren Wünschen. Traf sie an den Straßenecken. Im St. Nicholas-Park. Im Riverside-Park. Hörte sich ihre Träume an. 

Sein Stadtteil hatte sich in den Jahrzehnten, in denen er im Gefängnis gesessen hatte, verändert, doch die Probleme der jungen Leute waren ähnlich geblieben. Wollten die Kids früher einer Gang angehören, waren die Jugendlichen heute davon besessen, Multimedia-Stars zu werden und träumten von Millionen Followern bei YouTube und auf Instagram. Mit solchen Schwierigkeiten hatte Karim nicht gerechnet.

Wenn sich die Schwierigkeiten häuften, träumte Karim seinen Traum von der Abschlussklasse 2036 am intensivsten. Manchmal konnte er den Geruch von schwitzenden Menschen und süßem, alles überdeckendem Parfüm in einer großen Halle wahrnehmen, am intensivsten aber sah er die glücklichen Augen der Kinder und ihrer Eltern.

Noch fünf Jahre bis 2036.

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