Von Armin Kahn

 

 Mein Handy gibt mir eindeutige Zeichen, dass dort eine WhatsApp-Nachricht gerade eingeht. Ich ziehe es aus der Tasche und schaue nach. Häh? „Ich habs dir doch gesagt, er hat den Schlüssel verloren!“ steht da im Display zu lesen. Was soll das denn? Absender ist ein „Peter“. Kenne ich nicht, wie kommt der denn auf mich? Ich schüttele den Kopf und stecke das Handy wieder ein. Zwei Stunden später habe ich diese Nachricht, die mich ja wohl nichts angeht, schon wieder vergessen.

 Am nächsten Morgen bei der Arbeit, vibriert ein Handy auf dem Schreibtisch gegenüber, an dem meine Kollegin Dagmar sitzt, das ist wohl ihres, aber sie ist gerade nicht da. Ich luge halb aufgestanden über den Tisch, weil auch das Display aufleuchtet. Ach, sie hat eine WhatsApp bekommen, so halb kann ich die Schrift auf dem Kopf lesen, da steht irgendwas von „…Schlüssel verloren!“  Moment, habe ich das nicht erst gestern auf meinem Handy gelesen? Ich gehe um den Schreibtisch herum und lese da tatsächlich „Ich habs Dir doch gesagt, er hat den Schlüssel verloren!“. Ich bin wie erstarrt, ziehe mein Handy raus und rufe die Nachricht auf meinem Handy auf, es ist exakt dieselbe und ebenfalls von „Peter“.

 „He, was schnüffelst du da an meinem Handy herum?“ ruft Dagmar, die gerade an ihren Arbeitsplatz zurückkehrt. Ich zucke zusammen. „Ähh, du hast gerade eine Nachricht bekommen, von Peter und genau dieselbe Nachricht habe ich gestern auch bekommen, von Peter. Wer ist das – ich kenne den gar nicht!“ Sie schaut mich mit gerunzelter Stirn etwas wütend an. Dann schaut sie zuerst auf ihr Handy, liest die Nachricht und schaut dann auf mein Handy mit Peters Nachricht und reißt die Augen weit auf. Jetzt blickt sie mich sehr überrascht an. „Peter ist mein Freund, wir leben zusammen. Wieso schreibt er dir eine Nachricht?“ fragt sie. Ich zucke die Schultern, „Keine Ahnung, ich kenne ihn ja nicht und mit der Nachricht konnte ich auch nichts anfangen. Um welchen Schlüssel geht es denn da?“ Dagmar seufzt und erzählt mir, dass sie einem Bekannten ihr Auto geliehen haben und der hat nun offenbar den Schlüssel verloren und kann es den beiden deshalb nicht zurückgeben.

 „Woher hat denn Peter deine Nummer?“ – „Keine Ahnung, ich kenne ihn doch gar nicht!“ Wir einigen uns darauf, dass es wohl ein technisches Problem gewesen sein muss. Sie ruft Peter an und der schwört, dass er mich auch nicht kennt und mir gestern so eine Nachricht nicht geschickt haben kann, weil er das mit dem Schlüssel je gerade eben erst erfahren hat. Wirklich merkwürdig ist aber, dass die Nachricht auf meinem Handy plötzlich das Datum von heute trägt, exakt die Uhrzeit als vorhin Dagmars Handy vibriert hatte. Ich habe sie doch aber gestern schon gelesen, oder nicht?

 Spät am Abend bekomme ich schon wieder eine Nachricht, diesmal von einer Regina und die lautet „Bitte komm schnell, mein Nachbar von gegenüber ist gerade gewaltsam in mein Haus eingedrungen! Ich musste mich verteidigen, er blutet!“. Ich schlucke, Regina ist meine Nachbarin von gegenüber und es ist genau die, in die schon länger heimlich ein wenig verliebt bin. Ich habe bisher aber noch nicht gewagt, mich ihr in irgendeiner Weise zu nähern, oder sie gar anzusprechen. Ich schaue sie aber häufiger  länger an, als es eigentlich gut wäre. Sie schaut dann meistens schnell weg.

 Aber, was soll diese Nachricht? Ich habe keine Handy-Nummer von ihr und sie hat meine nicht, leider zwar, aber so ist es halt. Ich schaue aus dem Fenster zu Reginas Haus, da ist aber alles ruhig.

 Am nächsten Tag, nach Feierabend schaue ich hinüber und sehe, wie Regina gerade nach Hause kommt. Ich gehe rasch vor die Tür und rufe hinüber, ob alles in Ordnung wäre. Sie wirft mir einen gestressten Blick zu und blafft zurück „Wieso sollte denn nicht alles in Ordnung sein?“ dann dreht sie sich um, stapft energisch in ihr Haus, eine prall gefüllte Einkaufstüte in der Hand und knallt die Tür zu.

 Schade, denke ich noch, bei der bin ich wohl nicht so beliebt, dabei kennen wir uns doch kaum. Als ich zwei Stunden später wieder zum Fenster hinausschaue, es dämmerte schon recht stark, sehe ich doch tatsächlich, wie ein Mann in dunkler Kleidung gerade an dem Baum vor Reginas Haus hochklettert und versucht in ein geöffnetes Fenster im ersten Stock einzusteigen. Ich renne also rüber zu ihrer Haustür und klingele Sturm. Keiner öffnet. Sie ist doch aber zu Hause, ich sehe doch das Licht durch die geriffelte Scheibe in der Haustür. Weil weder jemand öffnet, noch etwas zu hören ist, bekomme ich Panik, zudem sehe ich endlich eine Möglichkeit, bei Regina einen bleibenden Eindruck zu hinterlassen. Ich bin wild entschlossen, sie vor dem Einbrecher zu retten, also renne ich zurück in mein Haus und komme mit einer Brechstange wieder, setze diese kurz entschlossen in Schlosshöhe an Reginas Haustür an und mit lautem Krachen splittert der Holzrahmen und ich stehe in ihrem Flur. Es ist keiner zu sehen und auch nichts zu hören. Ich rufe laut ihren Namen und als ich um die Ecke im Flur laufe, um sie zu finden, knallt mir jemand etwas aus Glas über den Kopf und mir wird schwarz vor Augen. Dann weiß ich nichts mehr.

 Als ich wieder zu mir komme, hockt ein Polizist vor mir und grinst mich an. „Sind Sie hier eingebrochen?“ fragt er mich und zeigt mit der linken Hand auf die aufgebrochene Haustür. „Ja“ stöhne ich „ich wollte Regina retten! Der Einbrecher ist oben im ersten Stock durch das offene Fenster eingestiegen, vorher den Baum raufgeklettert. Und weil sie nicht aufgemacht hat, dachte ich, er hätte sie in seiner Gewalt und wollte sie retten, Deshalb habe ich die Tür aufgebrochen!“.     

 Der Polizist schaut mich zweifelnd an und dreht dann den Kopf zu Regina, die rechts von uns mit einem zweiten Polizist steht und den Kopf schüttelt. „Einbrecher? Im ersten Stock?“ sie rennt die Treppe hoch und schreit kurz auf. Der andere Polizist läuft ihr rasch hinterher. Oben ist alles durchwühlt und es fehlen wohl auch einige Wertgegenstände. „Er war das aber nicht!“ sagt sie, als die beiden wieder ins Erdgeschoss zurück kommen, „Er war nur hier im Flur, dann habe ich ihn mit der Flasche erwischt. Da lag er, bis sie hier eintrafen. Dann war da also wirklich ein Einbrecher!“ kreischt sie ein wenig panisch. „Dann, dann tut  mir das leid, dass ich sie verletzt habe, aber ich wusste ja nicht…“ Der Polizist, der die ganze Zeit vor mir gehockt hat, steht auf und fragt Regina, ob sie die Anzeige gegen mich aufrecht erhalten will. Sie schüttelt den Kopf, „Nee, er hat es ja wohl gut gemeint und hoffentlich ist er jetzt nicht böse auf mich, weil ich ihm die Flasche über den Kopf gezogen habe!“ Die Polizisten nehmen noch den Einbruch von oben auf, falls man den entwischten Einbrecher finden sollte, fragen mich noch nach einer Personenbeschreibung und gehen dann.

 Jetzt bin ich mit Regina allein und sie ist nicht mehr böse auf mich. Sie holt einen nassen Lappen und wischt mir das Blut von der Stirn. Das tut gut, weil es ja Regina ist. Und dann frage ich sie, wem sie denn eine WhatsApp geschrieben hätte, wer kommen soll, um ihr zu helfen, weil ich in ihr Haus eingebrochen bin. „Woher wissen sie das denn?“ fragt sie völlig erstaunt. Ich erkläre ihr, dass ich genau diese Nachricht vor Stunden bekommen habe, kurz bevor ich sie gefragt hatte, ob alles in Ordnung sei. Sie bestätigte, dass sie sich daran erinnern könnte. Und sie erzählte mir dann, dass sie diese Nachricht an einen Bekannten, der im Haus links von ihr wohnt, geschickt hatte, der sei auch kurz da gewesen, aber weil ich bewusstlos war, habe er die Polizei gerufen und wäre wieder zurück gegangen. Ich zeige ihr diese Nachricht auf meinem Handy, aber jetzt steht da eine Zeitangabe, als hätte ich die Nachricht vor 20 Minuten erhalten und nicht vor drei Stunden. Wir wundern uns beide und können nicht verstehen, wie das möglich sein kann.

 Plötzlich verschwindet diese Nachricht auf dem Display meines Handys und es kommt eine neue Nachricht von meinem Provider: „Vielen Dank, dass Sie als Testperson an unserem neuen Zukunftsprojekt teilgenommen haben. Alle Nachrichten aus dieser Testphase wurden gelöscht, der Test wurde beendet. Wir hoffen, Sie künftig wieder für Tests und Versuche in Anspruch nehmen zu dürfen!“ Regina steht neben mir, ganz dicht, und wir starren beide ungläubig auf mein Handydisplay, dann schauen wir uns an und müssen erst etwas verlegen grinsen und dann laut lachen.

 Verstanden, was das nun für ein Test war, haben wir beide nicht. Aber seit diesem Abend verstehen wir uns ganz gut. Ich habe mich allerdings bisher noch nicht gewagt, ihr meine Verliebtheit einzugestehen. Aber das wird schon irgendwann.

 

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