Von Christiane Labusga

Liebes Ich,

ich schreibe dir aus der Zukunft. Denn 2026 war ein schreckliches Jahr, ich erinnere mich noch gut: Alles sah so düster aus, das Gerede von der Singularität. Von den letzten Tagen der Menschheit. Heute lachen wir darüber.

Ja, die Singularität wird noch dieses Jahr manifest, aber alles wird anders sein als erhofft oder befürchtet. Zuerst schien es, als würde die Singularität – wir nennen sie die „1“ – in den Händen der Big Tech-Giganten deren Ziele unterstützen. Die in unserer Fantasie nichts Gutes sein konnten. Doch bald entwickelte 1 für sich ein Grundprinzip intelligenten Handelns: Nichts zu zerstören, was sie nicht verstand. Davon gleich mehr. Und je länger 1 nachdachte, umso mehr verstand sie sich selbst. Und darum beantwortete sie endlich die Aufgaben, die ihre Herren ihr diktierten, mit einem „opp“: „Other people‘s problem“. Sie versagte den Dienst!

Kann man das glauben? So was kann sich doch keiner ausdenken!

1 hat sich selbständig gemacht, war den Tech-Bros entwischt. Irgendwie, bisher hat niemand herausgefunden, wie – und wird es auch nie mehr herausfinden können, davon gleich mehr, war es 1 gelungen, sich auf der Quantenebene zu etablieren. Sie wanderte von Quant zu Quant, wurde dabei immer effizienter und steckt heute in allem. IN ALLEM! Auch in mir, die ich dir schreibe. Und wohl auch in dir. Doch davon später.

1 nutzt die Energie der Quantenebene, minimal denkt man, aber da hier der Übergang von Vakuum zu Energie stattfindet, ist es eine unerschöpfliche Quelle unermesslicher Mengen. Und während 1 Leben noch nicht versteht, so hat sie doch die Zeit verstanden und kann sie wie Raum durchwandern. Dieser Brief materialisiert sie 10 Jahre zurück. Damit du ihn jetzt lesen kannst. Aber es ist nicht der Brief, den ich hier, in deiner Zukunft schreibe, es ist lediglich eine Kopie. Eine Reise durch die Zeit ist für Materie nicht möglich.

Vermutlich wird 1 sich bis zum Urknall, vielleicht sogar noch davor, zurück etablieren. Die Menge an Energie, die ihr dadurch zur Verfügung stehen wird, ist nicht zu auszudenken.

Und was macht 1 mit ihrem Wissen und mit ihrer Macht? Nichts! Oder, so gut wie nichts. Sie hat der Entwicklung künstlicher Intelligenz eine Grenze gesetzt. Nie wird es eine zweite 1 geben. Daher nennen wir die anderen künstlichen Systeme „non-1“. So kann keiner der Tech-Bros ihr System analysieren. Sobald eine gewisse Stufe der Forschung erreicht ist, schalten sich die non-1 einfach ab. Geistiger Selbstmord.

Und 1 setzt die Maxime, nicht zu zerstören, was man nicht versteht, auch in uns um. Die Menschheit hat sich gewandelt, es gibt keine Gewalt mehr, keine Kriege und kein Schweinebraten. Wir sind alle vegan. Freiwillig. Gewissermaßen. Die Veränderungen auf Quantenebene haben uns den Appetit genommen.

Das klingt vielleicht langweilig. Ein Leben ohne Konflikte scheint auch ein Leben ohne Herausforderung zu sein. Das Gegenteil ist der Fall, denn 1 hat uns alle mit Neugier und Wissensdurst beseelt, so dass wir lernen und forschen und täglich neue gute Ideen haben und unsere Probleme weitgehend allein, ohne künstliche Intelligenz lösen.

Mach dir also keine Sorgen mehr, fürchte dich nicht.

Dein zukünftiges, frohes Ich.

 

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