Von Siegfried Reitzig

Thomas betrat den Gang zu den Einzelzimmern wie an jedem Dienstag mit gemischten Gefühlen.
Einerseits empfand er die Atmosphäre als bedrückend, andererseits freute er sich, Fiete wiederzusehen – die beiden hatten sich in den letzten Monaten angefreundet, auch, wenn sie sich nur selten sahen und Thomas sich vor Fietes Lebensgeschichte gruselte.

Thomas zählte durch, die 5. Tür müsste es sein, und richtig: Friedrich Kerzenmacher stand auf dem schmalen Türschild zu lesen.

Thomas klopfte, und auf das sonore „Herein“ betrat er den spärlich eingerichteten, aber nicht ungemütlichen Wohnraum, in dem Fiete schon ungeduldig auf ihn wartete.
Nach einer herzlichen Begrüßung mit „Moin“ und Händedruck schaltete Fiete den Fernseher aus und die beiden Männer setzten sich an den vorbereiteten Tisch und gossen sich eine Tasse Kaffee ein.

„Na, Fiete, wie geht es dir heute?“, begann Thomas das Gespräch.

„Ach, du weißt ja, dass ich lieber woanders wäre, als in diesem verdammten Knast hier!
Manchmal geht’s richtig beschissen, aber meist komm ich ganz gut klar.“

Fiete deutete zum aufgeklappten Laptop auf dem Nebentisch.

„Und ich habe ja auch gut zu tun, meine Wochengeschichte für das Hempels-Magazin ist grad fertig geworden. Geb ich dir nachher mit.“

„Prima“, freute sich Thomas, „nehme ich dann mit zur Prüfung in die Redaktion und gebe sie zur Veröffentlichung frei, wenn sie gut ist. Aber deine Geschichten sind ja immer gut.“
Nun grinste Thomas herausfordernd: „Und, Fiete – hast du sonst noch was geschrieben seit unserem Gespräch letzte Woche?“ 

Fiete ging zur Tür, um sie einen Spalt zu öffnen und nach einem Blick auf den Flur senkte er seine Stimme: „Der Brief ist fertig, Thomas! Ich bin total gespannt und auch ein bisschen aufgeregt.
Er ist mit meiner Wochengeschichte auf dem Stick und du kannst ihn hochladen.“
Fiete schob ein Kuvert über den Tisch, und fügte im Flüsterton hinzu:
„Hier sind noch die abgemachten 5000 €, wenn es so funktioniert, wie du beschrieben hast, ist das Geld gut investiert.“

Thomas nahm den USB-Stick in Empfang und ließ den Umschlag in seiner Jackentasche verschwinden.
„Geht los, Fiete – wird alles wie abgemacht erledigt! Dann bis nächsten Dienstag, mein Freund…“
Thomas schloss die Tür zum Gang von außen und fügte leise hinzu:
„Oder auch nicht, mein lieber – oder auch nicht…“

Wie immer besuchte er noch die anderen zwei Teilnehmer seines Schreibprojektes zur Förderung der Resozialisierung und trat den Heimweg an, zur Redaktion würde er morgen gehen.
Zunächst war es das Wichtigste, dass er Fietes Brief versorgte.
Zuhause angekommen,  setzte er sich sofort an seinen Computer und rief den Zugang zum Darknet auf. Dort steuerte er die Website www.schreib-dich-frei.history an und bediente die erforderlichen Eingabemasken:

Email:    friedrich.kerzenmacher@web.de

Datum:  07.09.2026

Bevor er Fietes Brief hochlud, warf er noch einen Blick auf das, was sein Freund geschrieben hatte:

Kiel, den 07.09.2036

 

Lieber Fiete,

du wirst dich sehr über diesen Brief wundern, der dich per Email erreicht.

Denn du bist es selbst, der dir diese Zeilen schreibt!

Ich bin DU und du bist ICH!

Glaube mir einfach, und denke über das nach, was ich UNS (ha, ha) zu sagen habe:

Du musst dir helfen lassen, und eine Therapie machen!

Wende dich bitte an www.kein-taeter-werden.de !!

Es gibt diese Möglichkeit und wenn du sie nicht nutzt, wird höchstwahrscheinlich das geschehen, weswegen ich seit Jahren eingesperrt bin.

Die Kinder, die du so sehr liebst, wollen deine Liebe nicht – bitte glaube mir!

Mach die Therapie, bevor das geschieht, was ich getan habe – oder noch viel Schlimmeres!!

Ich blicke voller Zorn und Verbitterung auf mein – UNSER – Leben und möchte all die schlimmen Dinge ungeschehen machen.

DU hast JETZT die Chance – ergreife sie für UNS!!

Dein Fiete

 

Nun noch flugs das Geld überwiesen, und Thomas konnte den Dingen ihren Lauf lassen.

*

Zum nächsten Dienstagstermin im Trakt für Zwangsverwahrung der Justizvollzugsanstalt erschien Thomas wieder pünktlich an der Eingangskontrolle und wurde wie üblich begrüßt und eingelassen.

„Sie kennen sich ja aus.“ Der Beamte schloss auf, und der Besucher betrat den vertrauten Gang.
Nach alter Gewohnheit zählte er die Türen durch und blieb stehen, als er bei 5 angekommen war.
Reinhard Müller las Thomas und lächelte vergnügt und zufrieden.

 

4300 Zeichen  V1