Von Björn D. Neumann

Es war schon dunkel, als Jens nach Hause kam. Seit er von seiner Frau Kathrin getrennt lebte, hatte sie den SUV behalten. Schon allein wegen der zwei Kinder brauchte sie den fahrbaren Untersatz. Er war fein damit. Trotzdem war der öffentliche Nahverkehr bei diesem Regenwetter kein Zuckerschlecken. Er erreichte den Plattenbau, in dem er ein kleines 40 Quadratmeter großes Apartment gemietet hatte, halb durchnässt. Er ging entlang der Graffitis im Hausflur zum Aufzug, der selbstverständlich mal wieder außer Betrieb war. Er seufzte und machte sich über das Treppenhaus in Richtung des 4. Stockwerks. Das war wenigstens ein kleiner Ausgleich zum Fitness-Abo, das er auch aus Kostengründen einsparen musste, machte er sich selbst Mut. Die Neonröhren flackerten unheimlich, als er das Stockwerk erreichte. Mühselig kramte er den Schlüssel hervor und stutzte. War da nicht eben ein Geräusch in der Wohnung? Vorsichtig steckte er den Schlüssel ins Schloss und drehte vorsichtig. Zu seiner Erleichterung war die Tür so abgeschlossen, wie er sie am Morgen verlassen hatte. Jens pustete durch und betrat sein neues Zuhause. Hatte er vergessen, das Licht auszumachen? War jetzt auch egal. Müde blickte er auf die nicht ausgepackten Kartons, die sich in einer Ecke stapelten. Der zweite Blick fiel auf den Berg dreckigen Geschirrs in der Spüle. Resigniert ließ er sich auf das Sofa fallen und wirbelte damit eine Staubwolke auf.

»Hatschi!«, kam es aus der Ecke mit den Kartons.

Jens erschrak. Langsam griff er zum Regenschirm und stand vorsichtig auf. Auf Zehenspitzen näherte er sich der Burg aus Kisten, bewaffnet mit einem Schwert, das eigentlich ein Schutz vor Nässe war. Mit einem Satz sprang er vor. »Keine Bewegung! Ich rufe die Polizei!«

Inmitten der Kartons saß ein älterer Mann, der einen der geöffneten durchwühlte. Große, wirre Augen sahen Jens aus einem bärtigen Gesicht mit ungepflegtem Bart und zottligem Haar an. »Wo ist es?«, schrie der Mann und sprang auf die Beine.

Jens ging einen Schritt zurück. »Wo ist was? Wenn sie Geld suchen – ich habe selber nichts. Verschwinden Sie, oder ich rufe wirklich die Polizei.« Sein Gegenüber kicherte irre.

»Polizei, papperlapapp. Sag mir, wo es ist! Du hast es verloren! Ich suche es. Schon so lange.«

»Ich weiß nicht, wovon Sie reden. Sie sind verrückt!«

»Natürlich weißt Du es nicht mehr! Man muss sich ja nur umgucken. Du hast es verloren! Und jetzt fehlt es mir!« Der Alte stampfte wütend auf den Boden. »Hilf mir gefälligst suchen!«

»Jetzt reicht es aber!«, erhob Jens die Stimme. »Sie dringen in meine Wohnung ein. Durchwühlen meine Sachen und beschuldigen mich zur Krönung, dass ich etwas von Ihnen verloren habe. Sie spinnen wohl!«

»Uns!« Der Alte fuchtelte mit dem Zeigefinger vor Jens’ Nase. Du hast etwas von uns verloren.«

»Wer sind Sie?«, fragte Jens erbost. Nase an Nase standen sie sich jetzt gegenüber. Beide waren gleich groß und irgendwie erinnerte Jens ihn an jemanden.

»Auch mich hast du verloren. Vor langer Zeit. Jetzt suche ich nach dir. Nach uns. Deine Familie hast du ja auch verloren.«

»Das geht jetzt zu weit.«

»Geht es das? Was hast du denn noch? Keine Zeit hattest du mehr für Kathrin. Keine Zeit für die Kinder. Arbeit. Arbeit. Arbeit. Dich selbst hast du verloren. Verpackt in eine Kiste und zugeklebt.«

»Ich wollte für alle das Beste. Habe mich abgerackert. Damit es allen gut geht.«

»Wem ging es denn gut? Kathrin, die den Mann vermisst hat, den sie geheiratet hat? Den Kindern, die den Vater nicht mehr zu Gesicht bekommen haben? Oder dir etwa? Der jeden Abend spät, müde und genervt nach Hause gekommen ist? Geht es dir jetzt gut?« Der Alte blickte sich in der Wohnung um. »In dieser Müllhalde? Allein? Was ist aus deinen und Kathrins Träumen geworden? Reisen. Gemeinsam wachsen. Den Kindern Geborgenheit geben.«

»Mich vermisst niemand. Selbst die Kinder wollen mich nicht sehen.«

»Das, was aus dir geworden ist. Das will niemand sehen. Uns will niemand mehr sehen.«

»Was erzählen sie immer von ‘uns’? Sie stecken nicht in meinen Schuhen.« Wütend trat Jens gegen einen der Kartons. Ein Sammelsurium aus alten LEGO-Steinen, Buntstiften, Murmeln und einzelnen Puzzleteilen. Ein blauer zylindrischer Behälter mit rotem Deckel rollte vor seinen Fuß. Auf der Verpackung prangte das Bild eines großen gelben Teddybären, der Blasen in die Luft pustete.

»Da ist es!«, rief der alte Mann erfreut.

»Was ist wo? Das ist altes Spielzeug von mir, das seit Ewigkeiten in der Kiste liegt.«

Der Alte hob das Röhrchen auf, als ob es sich um den Heiligen Gral handelte. Dann setzte er sich auf den Boden und schlug mit der Handfläche auf den Platz neben sich. »Setz dich!«, befahl er.

»Können Sie mir erklären, was das jetzt soll?« Jens verdrehte die Augen.

»Setz dich und ich zeig’ es dir.« Wieder klopfte er auf den Boden und Jens ließ sich seufzend nieder. »Weißt du, was das ist?«

»Seifenblasen«, antwortete Jens wahrheitsgemäß.

»Es ist Magie!«, entgegnete der Mann bedeutungsschwer. Dann schraubte er den Verschluss auf, zog den Pustestab heraus und stieß aus den gespitzten Lippen Luft durch den Blasring. Dutzende Seifenblasen in unterschiedlichsten Größen schwebten durch den Raum und schillerten in allen Regenbogenfarben. 

Die beiden Männer auf dem Boden sahen den Blasen gedankenverloren zu, wie eine nach der anderen zu Boden sank und platzte. Und Jens spürte, wie sich irgendetwas in seiner Brust löste und er sich befreite. 

»Los, jetzt du!« Der Alte reichte Jens den Pustestab. 

In dem Moment, als Jens die Blasen in die Luft steigen ließ, wurde Jens von einem ungeheuren Glücksgefühl übermannt. Er fühlte sich glücklich wie ein Kind. Versank in dem Kaleidoskop aus Farben. In einer Blase sah er, wie er mit seiner Mutter auf dem Boden saß und Seifenblasen pustete. In einer anderen tollte er mit Kathrin als junges Pärchen auf einer Wiese. Die nächste zeigte, wie er mit Pauline und Elias, seinen Kindern, ausgelassen spielte. Als die letzte Blase zerplatzte, wischte er sich die Tränen aus den Augen. »Danke!«, flüsterte er. »Wie heißt du eigentlich?«

»Na, Jens«, hörte er ihn kaum wahrnehmbar sagen. Als er sich zu dem Mann drehen wollte, saß er allein auf dem Boden. Es vergingen noch Minuten, in denen er einfach still dasaß. Dann griff er nach dem Handy in seiner Tasche und wählte eine Nummer.

»Kathrin? Schön, dass du rangehst. Wir müssen reden.«

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