Von Sabine Rickert
Wie begrüßt man das frisch genehmigte Lotterleben?
„Hallo Rente, ich habe lange auf dich gewartet.“ Das wäre ein Zeichen von mangelndem Spaß an der Arbeit.
„Juchhu, ich habe Dauerferien, jetzt gehe ich erst einmal schlafen.“ So überlastet bin ich nicht.
„Boa, was mach ich nur den ganzen Tag? Ich besuche mal meine Kolleginnen.“ Dann wäre ich ohne Hobbys und Freunde.
„Vierundzwanzig/sieben mit meinem Mann, ist das machbar?“ Ich denke schon, dass unsere Ehe das aushält.
Ich habe im Vorfeld keinen Gedanken an den Ruhestand verschwendet. Es ist für mich ein Vorgang, der zu einem gewissen Zeitpunkt eintritt.
Nur jetzt stehe ich hier und habe keinen Plan, aber eine Menge Zeit um einen zu basteln.
Feiert man den Renteneintritt? Das ist wie früher, wenn unsere kleinen Kinder am Wochenende bei den Großeltern übernachteten. Wir hatten keinen Wunscherfüllungsplan erarbeitet. Wir rannten herum wie Falschgeld und ehe wir uns entschieden hatten, waren die Kinder wieder zurück. In der Rente ist das Ende der Freizeit dramatischer.
Komplett freie verfügbare Zeit, die hatte ich, nachdem ich geboren wurde, bis zu meinem dritten Geburtstag. Ein kurzes Intervall, das ich nicht bewusst genossen hatte, weil die Festplatte im Oberstübchen nicht vollständig eingerichtet war.
Mit drei Jahren riss man mich dann aus dieser, für mich selbstverständlichen Wohlfühlphase. Mutter steckte mich in den Kindergarten, und ich war halbtags eingebunden, ohne dafür Lohn zu bekommen. Nur eine Tasche mit Schnitte und Getränk. Es war eine Pflichtübung, die jeden Morgen wieder neu ausgehandelt wurde. Die Chancenlosigkeit überblickte ich nicht. Mit anderen Worten: „Ich hasste den Hort, aber meine Mutter war unbeugsam.“
Wäre er im Rentenverlauf berücksichtigt worden, wie jegliche Ausbildung, hätte es einen gewissen Nutzen im Nachhinein. Ebenso die darauffolgende Schulzeit, und zwar Rentenpunkte.
Dann wären wir jetzt quitt, die Kindergartenzeit und ich.
Jetzt habe ich meine Punkte eingelöst und bin mein eigener Chef. Ich bin so weit fit, zwar etwas langsamer, egal, mich treibt ja keiner. Alles ist möglich! Lange Urlaube, Bingo spielen und Torte essen, windsurfen, shoppen oder doch lieber ein Instrument lernen? Ich denke, für eine gewisse Zeit ist das in Ordnung. Aber nicht erfüllend. Ehrenamt ist das neue unbezahlte Jobangebot für das Gemeinwesen. Im besten Fall sitzt man im Vorstand von einem Verein und ist Chef bzw. Chefin. Eignet sich zum Angeben, steigert das Selbstwertgefühl, vor allem wenn man das im Berufsleben vermisst hat.
Brauche ich ein Ehrenamt? Jeder Zweite macht eins.
Es gibt sogar Beratungsstellen dafür. Aber bitte nichts von der Stange.
Krötenretter, Nisthilfenbauer, Friedhofskaffeemobil, Graffiti-Streetart der sozialen Einrichtungen oder doch lieber Vorstandsvorsitzende im Schrebergartenverein?
Man braucht für alles Fortbildungen. Ohne einen Betreuungsschein wird nicht betreut, ohne einen Trainerschein wird niemand trainiert. Selbst für den Nisthilfenbauer brauche ich höchstwahrscheinlich einen Bohrmaschinenführerschein.
Lohnt sich das für mich? Habe ich Lust, etwas Neues zu lernen?
Ich hatte die Idee, meinen Schutzengel zu befragen, der würde ja wissen, wie lange ich von ihm noch betreut werde. Durch geschickte Befragung würde ich versuchen, meine Restzeit herauszufinden. Er war mir in der Vergangenheit oft ein kompetenter Berater, insbesondere bei der Berufs- und Männerwahl. Er ließ in letzter Zeit etwas nach. Ich war im Sommer umgeknickt und habe mir mein Bein kompliziert gebrochen. Dafür hätte ich gerne eine Erklärung. Normalerweise kontaktiert er mich. Umgekehrt ist etwas schwieriger.
Die Prozedur leitete ich mit einem Glas Portwein ein.
Ich wartete einige Minuten. Es rührte sich nichts.
Nach dem zweiten Glas stand er plötzlich neben mir.
Wir hatten dann einen holprigen Start. Das war dem Wein geschuldet.
Er fand die Vorwürfe zu dem Bein nicht in Ordnung. Er wäre nicht für meine morschen Knochen verantwortlich; da hätte ich ab einem gewissen Alter und mit der richtigen Ernährung … bla, bla, bla.
„Wer bereitete einen denn aufs Altern vor? War das nicht seine Aufgabe?“
„Dafür hätte er keinen Schein“, war seine Antwort.
Ein Schutzengel mit mangelnder Weiterbildung, was für ein Pech. Ich vertrug mich wieder mit ihm. Ich brauchte Infos über meine weitere Zukunft. Lohnt es sich für mich, etwas Neues zu lernen? Ich säuselte herum, schmierte ihm Honig um seinen langen Bart. Versprach, dass ich ihm weniger Arbeit bereiten würde, indem ich alle Vorsorgeuntersuchungen mitmache und mich gesund mit Ballaststoffen und ohne Zucker ernähren werde in der Zukunft. Wie lange sie mir auch gewährt werden würde. Ob er einen Tipp hätte, wie intensiv ich mich mit meiner Gesundheit auseinandersetzten sollte? Ich würde ungern überkompensieren.
Er fragte mich angriffslustig, wann ich das mit der gesunden Ernährung denn vorhätte?
Ich trank schnell das halbe Glas Portwein leer und sagte: „Jetzt!“
Daraufhin erhielt ich die Antwort, dass er um Ablösung gebeten hat. Ein Sabbatical! Ich bekomme einen neuen Schutzengel, der den Seniorenschein besitzt und besser mit meinen geschwächten Körper und den überzogenen Wünschen für die Rentenfreizeit zurechtkommt. So manch ein Rentner hätte da schon absurde Anliegen auf seiner Bucket List. Weltreise mit Himalaya-Besteigung oder Tiefseetauchen in der Arktis.
Ich protestierte, er kenne mich doch besser.
„Ja eben“, meinte er. Er hätte schon frühzeitig einen Ersatz beantragt.
Ich fragte mich, ob er drei Jahre alt war, als ich in den Kindergarten kam? Ist so etwas bei Schutzengeln üblich, ein Sabbat-Jahr? Ich war einmal zum Paragliding. Das war nur ein Tandemflug, und daraus schließt er, dass ich eine Draufgängerin und lebensmüde wäre. Unglaublich!
Er wünschte mir alles Gute mit dem neuen Betreuer, und ich dürfte im Alter nicht darüber nachdenken, ob sich etwas lohnt. Das war sein Rat an mich. Über meine Zukunft verlor er kein Wort.
Am nächsten Tag buchten mein Mann und ich eine längere Australienreise. Dort hatten wir vor, mit dem Wohnmobil ein halbes Jahr den Kontinent zu erkunden.
Eines Abends, im australischen Outback, hatte ich Kontakt mit meinem neuen Schutzengel. Er war zwar dynamisch, aber nicht jünger, was mich nachdenklich stimmte. Brauchte ich ihn nicht mehr so lange? Hab ich nur wenige Jahre, dann bin ich tot und er macht sein Sabbatical? Er ließ mich im Dunkeln. Über den Todeszeitpunkt reden die Schutzpatrone nicht, sie sind treue Geheimnisträger. Er gab mir nur einen Brief und sagte: „Dies ist eine Nachricht von deinem ICH aus der Zukunft, da findest du die Antworten zu deinen Fragen.“
Ich vertraute meinem ICH, daher las ich ihn. Der Brief kam aus dem Jahre 2036, und da stand nur ein Satz:
„Schau nicht auf das Ende, nutze den Tag“.
„Okay“, dachte ich, da sprechen zehn Jahre Erfahrung. Dann würde ich mich mal zu einem Klavierkurs anmelden, wenn ich wieder zu Hause bin.
Das war immer schon ein großer Wunsch von mir.
Ein Ehrenamt käme auch nicht zu kurz. Als Spielplatztesterin wäre mir keine Rutsche zu hoch. Ich würde die verlorenen Kindergartenjahre, in denen ich blockiert habe, nachholen und genießen.
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