Von Wolfgang Mebs

 

Rufus’ Augen leuchteten. Aurelia strahlte. Sie hatten es geschafft. Die komplexe Struktur und die Wirkmechanismen des Raum-Zeit-Kontinuums hatten sie bereits vor zwölf Jahren mit ihrem bahnbrechenden, fünfdimensionalen Aeternus-Modell beschrieben. Jetzt aber war ihnen gelungen, wofür sie jahrelang verlacht worden waren: der Beweis, dass der Mensch die Raumzeit beeinflussen konnte.

Drehbücher sollten sie schreiben, für Hollywood, hatten ihre Kollegen ihnen geraten, als sie noch an der Universität lehrten und forschten. Sie aber hatten nie aufgegeben. Im Gegenteil, als die Katastrophen immer heftiger und häufiger wie biblische Plagen über die Menschen kamen, arbeiteten sie fieberhaft weiter. Nun, endlich, waren sie in der Lage, die Zeitdilatation mit ihrem Doppelten Rückkopplungs-Phaser so zu nutzen, dass sich Informationen in die Vergangenheit schicken ließen. Endlich konnten sie ihre Vorfahren warnen.

Der Phaser war natürlich noch nicht ausgereift. Sie hatten nur wenige, nicht sonderlich aussagekräftige Tests machen können. Den genauen Zeitpunkt in der Vergangenheit konnten sie nur grob eingrenzen, ebenso den Raum, in dem die Nachricht ankommen würde. Und je größer die Fläche, das heißt, je mehr Menschen sie erreichen wollten, desto größer waren Streuung und Interferenz. Sie mussten sich auf einen Umkreis von fünf Kilometern beschränken, um die Qualität der Übertragung nicht zu beeinträchtigen. Welche und wie viele Geräte würden die Nachricht empfangen? Wie gut würde man sie entschlüsseln können? Aurelia und Rufus konnten nur hoffen. Aber sie konnten auch nicht länger warten.

 

Caro schaltete ihr Medienzentrum ein. Drei Rechner, diverse Monitore, Kamera, Smartboard. Als Systemadministratorin und Datenanalystin arbeitete sie freiberuflich für Firmen rund um den Globus. Sie gähnte ausgiebig. Sie hatte schlecht geschlafen. Die Hitzewelle dauerte jetzt schon zwei Wochen an und die Temperatur sank nachts kaum unter 30 Grad. Der Cooler lief auf Hochtouren, kam aber nicht gegen die durch die vielen Geräte zusätzlich hochgetriebene Hitze an. Die Dachwohnung hatten sie wegen des herrlichen Ausblicks über den angrenzenden Stadtpark und den Fluss gemietet. An Hitzewellen hatten sie damals nicht gedacht.

Auch Julian hatte kleine Augen. An seinem Kaffee nippend kam er herein. Er hielt sich einen Handventilator vors Gesicht. »Puh! Wie hältst du das aus?«

»Eigentlich gar nicht. Aber sagt dein Vater nicht immer: Man gewöhnt sich an alles?«

Er lachte. »Also, ich nicht. Da müsste man ja zum Skorpion werden.«

»Und du?«, fragte sie. »Musst du heute raus?« Julian war Lokalreporter der Morgenpost.

»Zum Glück nicht. Ich muss noch den Artikel über den Streit wegen der geplanten Ausweitung der Umweltzonen schreiben. Du weißt schon, den einen geht es nicht weit genug, außerdem seien die Grenzwerte zu hoch; die anderen reden von Übertreibung und malen den Tod des Einzelhandels an die Wand. Ich muss noch ein paar Dinge recherchieren, aber das kann ich von hier aus machen. Und die Redaktionskonferenz findet wieder online statt.«

 

Aurelia und Rufus saßen in ihrer Sub-Flat, wie die unterirdischen Apartments derer, die sich das leisten konnten, genannt wurden. Vor fünf Jahren hatten sie alles, was sie besaßen, zu Geld gemacht, zwei Sub-Flats gekauft und sich eine kleine Wohnung und ein großes Labor eingerichtet. Seit Stunden arbeiteten sie noch einmal ihr Material durch. Die Raumzeit-Daten hatten sie bereits eingegeben. Fast 100 Orte – mehr war bisher nicht möglich – und Anfang der 2020er Jahre. Da wäre nach ihrer Einschätzung noch vieles möglich gewesen. Aurelia wollte in die 1970er Jahre, spätestens die Neunziger, aber Rufus konnte sie überzeugen, dass Umweltzerstörung und Klimawandel noch nicht so weit fortgeschritten waren, dass man ihre Botschaft ernst nehmen würde. Selbst Anfang der 2000er hätten sich die Menschen noch zu vielen Illusionen hingegeben, und der Glaube an rein technische Lösungen sei ungebrochen gewesen.

Jetzt, 2065, war Deutschland, war die Erde kaum wiederzuerkennen. Sie speisten ein Video der Alpen ein. Kein einziger Gletscher, kein Schnee war zu sehen, nur nackter Fels und Baumleichen. Die Kamera folgte dem Lauf des Rheins, der kaum noch als Fluss bezeichnet werden konnte, flog über entwaldete Mittelgebirge und den versteppten Nordosten bis zur Küste. Von den meisten Inseln war nicht mehr viel zu sehen. Andere Videos zeigten versunkene Städte – Venedig, Jakarta, New Orleans – und die spärlichen Reste der Philippinen und Bangladeschs. Berichte über die unüberschaubaren Flüchtlingsströme, die sozialen Unruhen, die anachronistisch wirkenden Angriffe auf die wie Burgen mit Mauern und Schießscharten gesicherten Safe Cities der Geldelite. Nur, dass nicht mit Pfeil und Bogen, Schwertern und Äxten gekämpft wurde, sondern mit Drohnen, Kampfrobotern und Maschinengewehren aus dem 3D-Drucker.

Sie fügten wissenschaftliche Berichte und Zeitungsartikel hinzu über Hitzetote, verseuchtes Grundwasser, den Zusammenbruch der Bienenpopulation, über neue Krankheiten, ausgelöst durch Pestizide, Ewigkeitschemikalien und Nanopartikel. Die Auswahl fiel ihnen schwer. So viele erschreckende, angsteinflößende Beweise.

Sie mussten ihre Arbeit unterbrechen, da Aurelia einen Hustenanfall bekam. Diese Attacken dauerten mehrere Minuten, waren extrem schmerzhaft und raubten ihr die letzten Reserven. Sie litt an der neuen Menschheitsgeißel EZP, an Endozytotischer Pneumonie. Viel zu lange war bestritten worden, Nanopartikel aus Funktionskleidung, Kosmetika oder Lebensmitteln könnten in menschliche Zellen eindringen und Schaden anrichten. Sie konnten. In der Lunge, im Darm, im Gehirn.

Während sie sich ausruhte, leitete Rufus die letzten Schritte ein. Er schaltete die Kamera ein in einem verlassenen, einbruchsicher umgebauten Haus in den Hügeln zehn Kilometer westlich. Er öffnete die Dachluke, fuhr die Plattform mit dem Phaser hoch, durch die Luke ins Freie und richtete ihn aus. Still bedankte er sich bei Sandro und Milana, die vor zwei Jahren noch zu ihrem Team gehört hatten, und ohne die das Projekt nie hätte realisiert werden können. Dann wartete er auf seine Frau. Bei diesem für die Menschheit so entscheidenden Moment musste sie unbedingt dabei sein.

 

Caro stutzte. Sie arbeitete gerade an einer Datenbank für eine Versicherung über die steigenden Schadensleistungen durch Umweltschäden. Plötzlich wurde der Screen schwarz, dann flimmerten, zunächst verzerrt, dann immer klarer, Bilder von im Zeitraffer steigenden Meeresspiegeln über den Bildschirm. Eine geradezu monströse Windhose verwüstete einen Vorort von Bordeaux. Eine griechische Insel stand in Flammen. Der Kommentar aus dem Off kam abgehackt, kaum verständlich.

Caro versuchte, den Film zu stoppen, aber kaum war sie zu ihrer Datenbank zurückgekehrt, tauchte wieder dieses Video auf, jetzt störungsfrei. Caro hörte zunehmend irritiert einer Gruppe von Leuten zu, die über die Ursachen und die Folgen einer Reihe verheerender Katastrophen vor allem in Zentral- und Südeuropa diskutierten. Sie schüttelte den Kopf, als einer der Teilnehmer erwähnte, dass aufgrund der zahlreichen Sturmfluten weitere Orte an der Atlantikküste evakuiert werden müssten.

»Julian? Kommst du mal?«

Eine halbe Stunde später waren sie sprachlos. In der Zwischenzeit war ein mehrsprachiger Hinweis erschienen, der sie aufforderte, die Mail zu speichern. Solange sie nicht das gesamte Material angesehen und gelesen hätten, würden die Videos automatisch wieder eingeblendet.

Sie blickten auf eine Karte, die die Pazifikküste im Jahr 2026 und 2065 zeigte.

»Und das ist einfach so aufgetaucht?«, fragte Julian. Caro nickte.

»Dann bist du gehackt worden.«

»Aber von wem? Und was sind das für Videos?«

»Na ja, mit KI kannst du heutzutage doch alles machen.«

»Aber wer macht sich eine derartige Mühe? Das ist ja nicht nur ein Video.« Sie klickte auf ein Dropdown-Menü und öffnete eine Textdatei. »Sieh dir das an, eine 60-seitige Studie zum Zusammenbruch der Monokulturen in Asien. Hier ein Pamphlet einer Bewegung namens ›White Survival‹. Kann man sich schon denken, worum es da geht. Videos über den Bau von Festungsanlagen und Militärlagern, über Pogrome in den USA, in Indien, in Osteuropa.«

»Ich gebe zu, das macht mich auch stutzig. Aber, wer weiß, wie viele Leute daran gearbeitet haben. Ist doch längst bekannt, dass es ganze Propagandazentren gibt, mit Hunderten Trollen, die den ganzen Tag nichts anderes machen, als Content zu erzeugen, der Menschen verunsichern soll. Das ist digitale Bauernfängerei.«

Er sah Caro fragend an. »Oder glaubst du etwa an Mails aus der Zukunft?«

»Bisher jedenfalls nicht.« Sie strubbelte durch ihre kurz geschnittenen Haare. »Aber …, ich mein …, wir haben nur einen kleinen Teil gesehen und das sind Unmengen von Daten. Ich kenne kein System, mit dem man eine solch riesige Menge an Daten in einem einzigen Paket verschicken kann. Ich weiß nicht einmal, wo das herkommt.«

»Keine Mail? Kein Messenger …?«

»Nichts. Es ist einfach da. Und das, obwohl ich eigentlich gar nicht genügend Speicherplatz dafür habe. Wie soll das technisch gehen?«

»Aliens?«

Sie mussten beide lachen.

»Andererseits, was den Inhalt angeht: Das ist doch nichts Neues. Nichts von dem, was ich bisher gesehen habe, überrascht mich. Das ist doch alles längst bekannt.«

Julian nickte. »Stimmt. Da muss man sich nur die diversen Szenarien, die ganzen Studien ansehen, die in den letzten Jahren veröffentlicht wurden. Manche Worst-Case-Szenarien des Club of Rome wurden von der Wirklichkeit schon übertroffen. Jeder müsste wissen, was auf uns zukommt. Die Fakten liegen auf dem Tisch.«

»Eben. Die haben einfach die Prognosen verwendet und ein bisschen eigene Fantasie hinzugefügt. Aber gut gemacht ist es schon, oder?«

»Ja, das wirkt alles ziemlich realistisch. Aber das sind Fakes. Ist doch logisch.«

Rufus’ Augen leuchteten. Aurelia strahlte. Sie hatten es geschafft. Die komplexe Struktur und die Wirkmechanismen des Raum-Zeit-Kontinuums hatten sie bereits vor zwölf Jahren mit ihrem bahnbrechenden, fünfdimensionalen Aeternus-Modell beschrieben. Jetzt aber war ihnen gelungen, wofür sie jahrelang verlacht worden waren: der Beweis, dass der Mensch die Raumzeit beeinflussen konnte.

Drehbücher sollten sie schreiben, für Hollywood, hatten ihre Kollegen ihnen geraten, als sie noch an der Universität lehrten und forschten. Sie aber hatten nie aufgegeben. Im Gegenteil, als die Katastrophen immer heftiger und häufiger wie biblische Plagen über die Menschen kamen, arbeiteten sie fieberhaft weiter. Nun, endlich, waren sie in der Lage, die Zeitdilatation mit ihrem Doppelten Rückkopplungs-Phaser so zu nutzen, dass sich Informationen in die Vergangenheit schicken ließen. Endlich konnten sie ihre Vorfahren warnen.

Der Phaser war natürlich noch nicht ausgereift. Sie hatten nur wenige, nicht sonderlich aussagekräftige Tests machen können. Den genauen Zeitpunkt in der Vergangenheit konnten sie nur grob eingrenzen, ebenso den Raum, in dem die Nachricht ankommen würde. Und je größer die Fläche, das heißt, je mehr Menschen sie erreichen wollten, desto größer waren Streuung und Interferenz. Sie mussten sich auf einen Umkreis von fünf Kilometern beschränken, um die Qualität der Übertragung nicht zu beeinträchtigen. Welche und wie viele Geräte würden die Nachricht empfangen? Wie gut würde man sie entschlüsseln können? Aurelia und Rufus konnten nur hoffen. Aber sie konnten auch nicht länger warten.

 

Caro schaltete ihr Medienzentrum ein. Drei Rechner, diverse Monitore, Kamera, Smartboard. Als Systemadministratorin und Datenanalystin arbeitete sie freiberuflich für Firmen rund um den Globus. Sie gähnte ausgiebig. Sie hatte schlecht geschlafen. Die Hitzewelle dauerte jetzt schon zwei Wochen an und die Temperatur sank nachts kaum unter 30 Grad. Der Cooler lief auf Hochtouren, kam aber nicht gegen die durch die vielen Geräte zusätzlich hochgetriebene Hitze an. Die Dachwohnung hatten sie wegen des herrlichen Ausblicks über den angrenzenden Stadtpark und den Fluss gemietet. An Hitzewellen hatten sie damals nicht gedacht.

Auch Julian hatte kleine Augen. An seinem Kaffee nippend kam er herein. Er hielt sich einen Handventilator vors Gesicht. »Puh! Wie hältst du das aus?«

»Eigentlich gar nicht. Aber sagt dein Vater nicht immer: Man gewöhnt sich an alles?«

Er lachte. »Also, ich nicht. Da müsste man ja zum Skorpion werden.«

»Und du?«, fragte sie. »Musst du heute raus?« Julian war Lokalreporter der Morgenpost.

»Zum Glück nicht. Ich muss noch den Artikel über den Streit wegen der geplanten Ausweitung der Umweltzonen schreiben. Du weißt schon, den einen geht es nicht weit genug, außerdem seien die Grenzwerte zu hoch; die anderen reden von Übertreibung und malen den Tod des Einzelhandels an die Wand. Ich muss noch ein paar Dinge recherchieren, aber das kann ich von hier aus machen. Und die Redaktionskonferenz findet wieder online statt.«

 

Aurelia und Rufus saßen in ihrer Sub-Flat, wie die unterirdischen Apartments derer, die sich das leisten konnten, genannt wurden. Vor fünf Jahren hatten sie alles, was sie besaßen, zu Geld gemacht, zwei Sub-Flats gekauft und sich eine kleine Wohnung und ein großes Labor eingerichtet. Seit Stunden arbeiteten sie noch einmal ihr Material durch. Die Raumzeit-Daten hatten sie bereits eingegeben. Fast 100 Orte – mehr war bisher nicht möglich – und Anfang der 2020er Jahre. Da wäre nach ihrer Einschätzung noch vieles möglich gewesen. Aurelia wollte in die 1970er Jahre, spätestens die Neunziger, aber Rufus konnte sie überzeugen, dass Umweltzerstörung und Klimawandel noch nicht so weit fortgeschritten waren, dass man ihre Botschaft ernst nehmen würde. Selbst Anfang der 2000er hätten sich die Menschen noch zu vielen Illusionen hingegeben, und der Glaube an rein technische Lösungen sei ungebrochen gewesen.

Jetzt, 2065, war Deutschland, war die Erde kaum wiederzuerkennen. Sie speisten ein Video der Alpen ein. Kein einziger Gletscher, kein Schnee war zu sehen, nur nackter Fels und Baumleichen. Die Kamera folgte dem Lauf des Rheins, der kaum noch als Fluss bezeichnet werden konnte, flog über entwaldete Mittelgebirge und den versteppten Nordosten bis zur Küste. Von den meisten Inseln war nicht mehr viel zu sehen. Andere Videos zeigten versunkene Städte – Venedig, Jakarta, New Orleans – und die spärlichen Reste der Philippinen und Bangladeschs. Berichte über die unüberschaubaren Flüchtlingsströme, die sozialen Unruhen, die anachronistisch wirkenden Angriffe auf die wie Burgen mit Mauern und Schießscharten gesicherten Safe Cities der Geldelite. Nur, dass nicht mit Pfeil und Bogen, Schwertern und Äxten gekämpft wurde, sondern mit Drohnen, Kampfrobotern und Maschinengewehren aus dem 3D-Drucker.

Sie fügten wissenschaftliche Berichte und Zeitungsartikel hinzu über Hitzetote, verseuchtes Grundwasser, den Zusammenbruch der Bienenpopulation, über neue Krankheiten, ausgelöst durch Pestizide, Ewigkeitschemikalien und Nanopartikel. Die Auswahl fiel ihnen schwer. So viele erschreckende, angsteinflößende Beweise.

Sie mussten ihre Arbeit unterbrechen, da Aurelia einen Hustenanfall bekam. Diese Attacken dauerten mehrere Minuten, waren extrem schmerzhaft und raubten ihr die letzten Reserven. Sie litt an der neuen Menschheitsgeißel EZP, an Endozytotischer Pneumonie. Viel zu lange war bestritten worden, Nanopartikel aus Funktionskleidung, Kosmetika oder Lebensmitteln könnten in menschliche Zellen eindringen und Schaden anrichten. Sie konnten. In der Lunge, im Darm, im Gehirn.

Während sie sich ausruhte, leitete Rufus die letzten Schritte ein. Er schaltete die Kamera ein in einem verlassenen, einbruchsicher umgebauten Haus in den Hügeln zehn Kilometer westlich. Er öffnete die Dachluke, fuhr die Plattform mit dem Phaser hoch, durch die Luke ins Freie und richtete ihn aus. Still bedankte er sich bei Sandro und Milana, die vor zwei Jahren noch zu ihrem Team gehört hatten, und ohne die das Projekt nie hätte realisiert werden können. Dann wartete er auf seine Frau. Bei diesem für die Menschheit so entscheidenden Moment musste sie unbedingt dabei sein.

 

Caro stutzte. Sie arbeitete gerade an einer Datenbank für eine Versicherung über die steigenden Schadensleistungen durch Umweltschäden. Plötzlich wurde der Screen schwarz, dann flimmerten, zunächst verzerrt, dann immer klarer, Bilder von im Zeitraffer steigenden Meeresspiegeln über den Bildschirm. Eine geradezu monströse Windhose verwüstete einen Vorort von Bordeaux. Eine griechische Insel stand in Flammen. Der Kommentar aus dem Off kam abgehackt, kaum verständlich.

Caro versuchte, den Film zu stoppen, aber kaum war sie zu ihrer Datenbank zurückgekehrt, tauchte wieder dieses Video auf, jetzt störungsfrei. Caro hörte zunehmend irritiert einer Gruppe von Leuten zu, die über die Ursachen und die Folgen einer Reihe verheerender Katastrophen vor allem in Zentral- und Südeuropa diskutierten. Sie schüttelte den Kopf, als einer der Teilnehmer erwähnte, dass aufgrund der zahlreichen Sturmfluten weitere Orte an der Atlantikküste evakuiert werden müssten.

»Julian? Kommst du mal?«

Eine halbe Stunde später waren sie sprachlos. In der Zwischenzeit war ein mehrsprachiger Hinweis erschienen, der sie aufforderte, die Mail zu speichern. Solange sie nicht das gesamte Material angesehen und gelesen hätten, würden die Videos automatisch wieder eingeblendet.

Sie blickten auf eine Karte, die die Pazifikküste im Jahr 2026 und 2065 zeigte.

»Und das ist einfach so aufgetaucht?«, fragte Julian. Caro nickte.

»Dann bist du gehackt worden.«

»Aber von wem? Und was sind das für Videos?«

»Na ja, mit KI kannst du heutzutage doch alles machen.«

»Aber wer macht sich eine derartige Mühe? Das ist ja nicht nur ein Video.« Sie klickte auf ein Dropdown-Menü und öffnete eine Textdatei. »Sieh dir das an, eine 60-seitige Studie zum Zusammenbruch der Monokulturen in Asien. Hier ein Pamphlet einer Bewegung namens ›White Survival‹. Kann man sich schon denken, worum es da geht. Videos über den Bau von Festungsanlagen und Militärlagern, über Pogrome in den USA, in Indien, in Osteuropa.«

»Ich gebe zu, das macht mich auch stutzig. Aber, wer weiß, wie viele Leute daran gearbeitet haben. Ist doch längst bekannt, dass es ganze Propagandazentren gibt, mit Hunderten Trollen, die den ganzen Tag nichts anderes machen, als Content zu erzeugen, der Menschen verunsichern soll. Das ist digitale Bauernfängerei.«

Er sah Caro fragend an. »Oder glaubst du etwa an Mails aus der Zukunft?«

»Bisher jedenfalls nicht.« Sie strubbelte durch ihre kurz geschnittenen Haare. »Aber …, ich mein …, wir haben nur einen kleinen Teil gesehen und das sind Unmengen von Daten. Ich kenne kein System, mit dem man eine solch riesige Menge an Daten in einem einzigen Paket verschicken kann. Ich weiß nicht einmal, wo das herkommt.«

»Keine Mail? Kein Messenger …?«

»Nichts. Es ist einfach da. Und das, obwohl ich eigentlich gar nicht genügend Speicherplatz dafür habe. Wie soll das technisch gehen?«

»Aliens?«

Sie mussten beide lachen.

»Andererseits, was den Inhalt angeht: Das ist doch nichts Neues. Nichts von dem, was ich bisher gesehen habe, überrascht mich. Das ist doch alles längst bekannt.«

Julian nickte. »Stimmt. Da muss man sich nur die diversen Szenarien, die ganzen Studien ansehen, die in den letzten Jahren veröffentlicht wurden. Manche Worst-Case-Szenarien des Club of Rome wurden von der Wirklichkeit schon übertroffen. Jeder müsste wissen, was auf uns zukommt. Die Fakten liegen auf dem Tisch.«

»Eben. Die haben einfach die Prognosen verwendet und ein bisschen eigene Fantasie hinzugefügt. Aber gut gemacht ist es schon, oder?«

»Ja, das wirkt alles ziemlich realistisch. Aber das sind Fakes. Ist doch logisch.«