Von Brigitte Noelle
Marlies saß in der Küche und genoss ihren Nachmittagskaffee. Durch das Fenster drang die milde Frühlingsluft und der Gesang der Amseln. Nebenan war Zoya, ihre Haushaltshilfe zugange. Die sorgte seit einem halben Jahr für ein sauberes, ordentliches Zuhause. Es war Marlies‘ Geschenk an sich selbst anlässlich ihrer Pensionierung; schließlich hatte sie lange genug gearbeitet. Jetzt waren einmal die anderen dran. Und dann, sie war auch nicht mehr die Jüngste und hatte noch viele Pläne für die kommenden Jahre. Die Zeit mit Hausarbeit zu verplempern war ihr zuwider.
Sie horchte auf. Eindeutig, es war Zoyas Stimme, die bereits seit geraumer Zeit vernehmbar war und zunehmend an Lautstärke gewann. Was war da drüben los?
Verärgert ließ sie die Salzstangen in der Haselnusscreme stecken, erhob sich und verspürte dabei ein kurzes Stechen im Oberkörper. Als sie das Wohnzimmer betrat, traute sie ihren Augen nicht: Tatsächlich, da saß Zoya am Sofa und rief Befehle. War sie durchgedreht? Phantasierte sie? Marlies konnte sowas wie „Jalousien hinunter! Licht dimmen! Alexa, Heizung höher drehen!“ verstehen.
Nun, Marlies hatte gehört, dass man Verrückten entschlossen begegnen muss. „Zoya, was ist los?“ erkundigte sie sich mit fester Stimme. „Mit wem redest du da?“
Die Angesprochene wandte sich ihr zu und stieß einen Seufzer der Erleichterung aus. „Ach, was bin ich froh, dich richtig erwischt zu haben! Entschuldige, ich bin etwas nervös, denn wir haben nur diese einzige Chance. Lange werde ich nicht mehr auf der Schwelle bleiben können, und es hat schon so lange gedauert, bis ich mit Zoya Verbindung aufnehmen konnte.“
Marlies war verwirrt. Litt ihre Haushaltshilfe unter einer Geisteskrankheit? Hatte sie eine multiple Persönlichkeit? Sie wurde ihr doch von mehreren Seiten empfohlen – war das – was auch immer es war – gerade erst ausgebrochen?
Ihr Gegenüber schien Marlies‘ Skepsis zu bemerken und fuhr fort: „Wie gesagt, uns bleibt nicht viel Zeit, und es geht um Leben und Tod. Zunächst einmal um meines, aber es betrifft dich genauso, denn ich bin du. Nur zehn Jahre später. Deswegen habe ich auch nicht daran gedacht, dass du das Smart Home und Alexa erst im nächsten Jahr bekommen wirst. Und falls du durchaus nachvollziehbare Zweifel an meiner Identität hast: Zu unserem Nachmittagskaffee naschen wir gerne Soletti mit Haselnusscreme. Das verheimlichen wir ja allen. Na, glaubst du mir jetzt?“
Ganz war Marlies nicht überzeugt, aber sie ließ sich zögernd auf den Stuhl gegenüber ihrer Besucherin nieder. Diese hatte offenbar ein wirklich wichtiges Anliegen. Ob Zoya, ob Marlies 2.0, sie konnte sich ja anhören, was sie zu sagen hätte. Doch zunächst erkundigte sie sich: „Wie wärst du denn – wenn es stimmt, was du da erzählst – in Zoya hineingeraten? Und von welcher Schwelle sprichst du?“
„Kurz und gut, vielmehr schlecht: Beide Fragen sind mit einer Antwort erledigt. Ich weiß ja, dass wir seit ein paar Monaten eine Haushaltshilfe haben und hatte das Glück, genau die Zeit zu treffen, in der sie bei dir zu tun hat. So konnte ich mit ihr Kontakt aufnehmen. Und wie das geht: Das lässt sich nicht erlernen, ist so eine Art Henkersmahlzeit. Denn in zehn Jahren und eine Woche wird es mich nicht mehr geben. Vor dem Tod hat man offenbar noch einen Wunsch frei, und ich habe mir gewünscht, dich zu warnen.“
Marlies hatte das Gefühl, als ob sich ein Strick um ihren Hals gelegt hätte und fest zuziehen würde. So alt war sie doch noch gar nicht! Und sie hatte noch so viel vor!
„Wovor …?“ flüsterte sie.
„Vor unserem Internisten! Ich weiß, er ist sooo nett, lässig und freundlich, ihr könnt in der Sprechstunde immer ein wenig über Star Treck plaudern und am Schluss heißt es dann ‚Alles in Ordnung, dann sehen wir uns in einem halben Jahr wieder!‘. Aber glaub mir, das ist nicht Doktor McCoy, sondern ein mieser Pfuscher, der sich die Befunde gar nicht genau ansieht und hofft, dass alles von alleine gut wird. In fünf Jahren werden wir ernstlich krank, und es wird zu spät sein, etwas dagegen zu unternehmen. Ich bitte dich, wechsle den Arzt! Soweit ich mich erinnere, hat letztes Jahr ein sehr guter Internist eine Praxis eröffnet. Er ist zwar privat, aber das Geld muss es dir wert sein – bitte geh so bald wie möglich hin! Tu es für uns beide!“
Die Stimme von Marlies 2 – denn es gab keine Zweifel mehr an der Identität der eigenartigen Besucherin – war während ihrer Rede leiser und schwächer geworden, und nun flüsterte sie nur noch. „Bitte … Mir wird so kalt …. Ich habe Angst ….“ Entsetzt ergriff Marlies ihre Hand: „Bleibe hier, geh nicht fort! Ich tue ja alles, was du willst ….“
„Frau Marlies, was du machst mit meine Hand? Und warum ich sitze da auf das Sofa? Ich war eingeschlafen? Entschuldige! Ich mache jetzt die Küche sauber.“
Nun war es an Marlies, weggetreten zu wirken.
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Marlies bewunderte die Aussicht. Sie war stolz, dass Hans und sie den Aufstieg geschafft hatten. Dieser Ausflug war einer der Höhepunkte ihrer Reise.
Sie genossen die wärmenden Sonnenstrahlen, den leichten Luftzug und die Schönheit der Herbstlandschaft. „Ach, wie bin ich doch glücklich“, sagte sie.
Hans legte den Arm um ihre Schulter und dachte zurück, wie er Marlies kennengelernt hatte. Damals, im Krankenhaus, nach der alles entscheidenden Operation, war sie ja so schwach und glücklich über jede Aufmerksamkeit. Und damit kannte er sich aus, denn jeder seiner fünf Ehefrauen war er unter ähnlichen Umständen das erste Mal begegnet. Dazu kam, dass im Pflegepersonal das Gerücht umging, Marlies wäre sehr vermögend. Was spielte da der Altersunterschied von 20 Jahren eine Rolle?
Hans zögerte. Der letzte Augenblick kostete ihn immer wieder Überwindung, doch dieses Mal fiel es ihm besonders schwer, hatte er doch vor einer Woche, knapp bevor sie ihre Reise antraten, ein seltsames Erlebnis: Es war ein ruhiger Nachmittag. Marlies war unterwegs, um die letzten Kleinigkeiten zu besorgen, als er Wilbur, den Graupapagei, den er von seiner dritten Ehefrau geerbt hatte, krächzen hörte. Verstand er richtig, hatte der Vogel „Hans!“ gerufen?
Ja, jetzt war es deutlich vernehmbar. „Hans“, kreischte der Vogel, „Loss es sein! Totzelberger, der Bergführer, sieht zu! Und jetz‘ sitz ich lebenslong hinter Gittern! Wird‘ hier sterben! Nein, du sitzt, weil ich bin du! Ich spreche durch Wilbur. Lass es sein!“
Bevor sich der Angesprochene einen Reim darauf machen konnte, verstummte das Vieh und gab auch in den nächsten Stunden nichts mehr von sich, was anders klang als „Lora! Lora!“, was auch bisher seine einzigen verständlichen Äußerungen gewesen waren.
Hans musterte die Umgebung. Vom Feldvorsprung aus hatten sie wirklich eine gute Aussicht. Links konnte man gut den Weg überblicken, den sie genommen hatten, rechts hinter ihm gab es nur noch einen kurzen Aufstieg zur Bergstation der Seilbahn. Keine Menschenseele war weit und breit zu sehen, Marlies und Hans waren alleine. Er gab sich einen letzten Stoß – und seiner Frau auch.
„Wat war’n ditte jrade von dem, Herr Tatzelberjer?“, tönte es hinter seinem Rücken. Der Bergführer strebte mit seiner Wandergruppe von der Bergstation seinem Standort zu. Und Hans wusste, dass alles vorbei war.
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