Von Ines Kruse-Kahn
Nur noch drei Tage! Cordula balancierte geschickt um den großen Koffer herum, der geöffnet und fast fertig gepackt auf dem Fußboden ihres Schlafzimmers lag. Diese Art des Packens hatte sie sich schon in ihrer Jugend angeeignet und auch später beibehalten: Der oder die Koffer oder Taschen wurden mindestens eine Woche vor der Abreise offen und zugänglich im Schlafzimmer aufgebaut. Jedesmal, wenn Cordula dann durch das Haus ging und irgendwo ein Packstück entdeckte, das mitreisen sollte, wurde es einfach direkt in den Koffer verfrachtet und konnte so nicht mehr vergessen werden.
Cordula war allerbester Laune. Endlich wieder einmal Urlaub! Wie lange war das letzte Mal schon her? Drei Jahre? Vier Jahre? Eigentlich hatte sie ja mit ihrem Mann Hans-Peter zusammen, nach beider Pensionierung, eine Weltreise unternehmen wollen, aber Hans-Peter (oder sie selbst?) musste da etwas missverstanden haben… – jedenfalls hatte er sich vor zwei Jahren, direkt nach seiner Pensionierung, unverzüglich auf die geplante Weltreise begeben – allerdings ohne seine Frau. Na ja, schließlich hatte sich Cordula vor vielen Jahren unter anderem wegen seines schrägen Humors in Hans-Peter verliebt. So what?
Vorgestern endlich hatte auch Cordula ihren Abschied vom Berufsleben gefeiert und war mit allen Ehren in den ersehnten Ruhestand entlassen worden. Für eine Weltreise fehlte ihr zwar das nötige Kleingeld (dafür hatte Hans-Peter hinreichend gesorgt), aber immerhin hatte sie sich von ihrer Freundin Irene zu einem gemeinsamen, zweiwöchigen All-inclusive-Urlaub auf Kreta überreden lassen. Die Vorfreude darauf ließ die frischgebackene Rentnerin leise summend durch das Zimmer tänzeln.
Während sie beschwingt den neu erworbenen Bikini in ihren Koffer gleiten ließ, warf sie einen prüfenden Blick auf ihr Äußeres im großen Schlafzimmerspiegel und stellte zufrieden fest: Ich sehe gut aus. (Punkt! – ohne die übliche Einschränkung „für mein Alter“). Plötzlich stutzte sie. Was war das denn? Vor ihren Augen veränderte sich Cordulas Spiegelbild. Zunächst verschwammen die Konturen, dann war ihr Abbild zwar wieder klar zu erkennen, schien aber um mindestens zehn Jahre gealtert. Falten und Runzeln, vornehmlich um Mund und Augen, verunstalteten ihr eben noch jugendliches Gesicht, ihre Haltung erschien leicht gebeugt. „Nein, das bin ich nicht“, rief Cordula, „das muss ein böser Tagtraum sein!“ Dabei ließ sie sich rückwärts auf ihr Bett sinken, behielt jedoch den Spiegel dabei im Blick. Mehrmals hintereinander schloss und öffnete sie die Augen … – die „Erscheinung“, oder was auch immer es sein mochte, das Cordula so verstörend ähnlich sah, wollte nicht weichen.
Allmählich machte sich blankes Entsetzen breit. Kalter Schweiß stand auf Cordulas Stirn, als sie, fast nur flüsternd, hervorstieß: „W-wer b-bist Du?“, ohne wirklich eine Antwort zu erwarten. Zu ihrem größten Erstaunen, begann die Gestalt zu sprechen und zwar mit einer Stimme, die Cordula klar als ihre eigene identifizierte, jedoch nicht so, wie sie sich selbst hörte, sondern eher wie eine von ihr hinterlassene Nachricht auf der Mailbox:
„Ich bin Du, aber Du bist nicht ich, denn uns trennen zehn Jahre. Folgende Botschaft wurde mir für Dich aufgetragen:
Feindliche Legionen haben die griechischen Inseln erobert, sei auf der Hut, sonst werden wir uns vielleicht niemals wiedersehen.“
Wie gebannt schaute Cordula auf den Spiegel. Ihr Herz raste, ihre Hände zitterten. Sie wollte fragen: wer…, – wer hat Dir diese Nachricht aufgetragen?, aber ihre Stimme versagte, ihre Zunge fühlte sich an wie am Gaumen festgeklebt. Im selben Augenblick löste sich die Gestalt im Spiegel auf und machte Cordulas vertrautem Abbild Platz. Es dauerte einige Minuten, bis sie wieder halbwegs klar denken konnte, dann aber ergriff sie sofort das Telefon, um ihre Freundin Irene anzurufen und fiel direkt mit der Tür ins Haus: „Irene, wir müssen sofort unsere Reise absagen! Du wirst nicht glauben, was mir eben passiert ist…“ – und dann erzählte sie ihrer Freundin haarklein die ganze Geschichte ihrer Begegnung mit ihrem älteren Ich.
Irene hörte schweigend zu (sie wäre auch gar nicht zu Worte gekommen), aber als Cordula mit den Worten: „… und deshalb müssen wir die Reise sofort stornieren…“ geendet hatte, brach sie in schallendes Gelächter aus und es kostete sie offenbar einige Mühe, in ernstem Ton zu erwidern: „Du musst verrückt sein, meine Liebe – wir werden uns doch von irgendwelchen Spiegelgeistern, die behaupten, auf Kreta wären feindliche Legionen gelandet, nicht den wohlverdienten Urlaub vermiesen lassen… – Ich hatte sowieso in der letzten Zeit das Gefühl, Du würdest Dich arbeitsmäßig übernehmen so kurz vor der Rente… – aber, dass Du jetzt schon Gespenster siehst … Wahrscheinlich bist Du kurz eingeschlafen und hast das alles nur geträumt.“ Cordula hegte da ihre Zweifel…
*
Drei Tage später saßen die beiden Frauen im Flieger nach Kreta. Der Flug verlief ruhig, obwohl man dieser Billig-Airline nur Schlechtes nachsagte. Sie landeten planmäßig und bei strahlendem Sonnenschein in Iraklio. Von dort brachte ein Shuttle-Bus die Freundinnen halbwegs komfortabel nach Malia, wo das einfache, aber geschmackvoll ausgestattete Hotel, das sie Last-Minute gebucht hatten, kaum Wünsche offen ließ.
Die Beiden genossen wunderbare, unbeschwerte Sommertage. Sie ließen keinen Ausflug, keine Animation und keine abendliche Party aus – sie fühlten sich fast wieder wie Teenager. Nur noch ganz selten beschlich Cordula ein mulmiges Gefühl, wenn sie in den großen Spiegel ihres Doppelzimmers schaute, wo allerdings außer ihrem inzwischen zart gebräunten Abbild nichts Auffälliges zu bemerken war. – Irene lachte ihre Bedenken dann einfach weg.
Der elfte Tag ihres Aufenthalts begann schon irgendwie merkwürdig. Cordula wurde seit dem frühen Morgen von leichter Übelkeit und unangenehmen Bauchschmerzen geplagt, Irene fühlte sich ebenfalls unwohl und klagte über ähnliche Beschwerden, führte dies aber ohne jeden Zweifel auf die Meeeresfrüchte-Platte zurück, die sich die Frauen am Vorabend geleistet hatten.„Lass uns in den Frühstücksraum gehen und uns ein paar trockene Brötchen holen“, schlug Irene vor, „trockenes Weißbrot hilft immer bei verdorbenem Magen.“
Am Frühstücksbuffet herrschte schon reges Treiben, als die Freundinnen den großen Saal betraten.„Bilde ich mir das ein, oder sieht die Hälfte der Urlauber heute wirklich blass und kränklich aus?“ fragte Cordula ihre Freundin. Diese blickte etwas ratlos in die Runde und setzte dann zu einer Antwort an, die aber im ohrenbetäubenden Lärm einer Sirene unterging. Kurz darauf ertönte über Lautsprecher eine Warnmitteilung in mehreren Sprachen, auch in Deutsch:
„Liebe Gäste, leider hat eine Routine-Kontrolle ergeben, dass unser Trinkwasser hochgradig mit Legionellen kontaminiert ist. Bitte begeben sie sich unverzüglich in Ihre Zimmer und verlassen Sie diese nicht, bis wir Ihre Ausreise organisiert haben. Schalten Sie die Klimaanlagen aus und sehen Sie von Duschbädern ab! Sollten Sie Symptome einer Infektion an sich bemerken, wie z.B. Übelkeit, Bauchschmerzen, plötzliches Fieber oder Schüttelfrost, melden Sie sich bitte an der Rezeption – ein Ärzteteam vom Festland ist für die Erstversorgung bereits unterwegs zu uns. Bitte vermeiden Sie Panik – die Situation ist unter Kontrolle. Für die entstandenen Unannehmlichkeiten bitten wir um Entschuldigung.“
Schlagartig fühlte Cordula sich hundsmiserabel: Sie fröstelte trotz der Hitze, die sich nach Abschalten der Klimaanlage rasend schnell im Raum ausbreitete. Dazu wütete ein Schmerz in ihrem Leib, der sie zu zerreißen drohte … – und plötzlich dämmerte es ihr: Legionen, Legionen…- nein, Legionellen! (Vielleicht ein Übertragungsfehler?).
Cordula wandte den Blick zu ihrer Freundin Irene, deren Gesicht so weiß schien wie die gekalkte Wand des Frühstücksraums, als sie kaum hörbar flüsterte: „Ich glaube, wir haben einen Fehler gemacht…“
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