Von Andreas Schröter

Diese seltsame Sache, über die ich heute immer noch zuweilen nachdenke, ereignete sich vor fünf Jahren, am 12. September 3073. Helmut, mein persönlicher Robot, und ich warteten im Hangar-Café auf Taurus 19, dass die Logistik-Robots unser Raumschiff beluden – meine gute alte „Queen Mary“, die ich schon mehrmals vor dem Schrottplatz gerettet hatte.

„Ich weiß wirklich nicht, warum wir immer in diesen Cafés rumhängen müssen“, beschwerte sich Helmut nun schon zum wiederholten Male, „Du weißt, dass ich weder Kuchen essen, noch Kaffee trinken kann. Ich habe da vorne eine Robot-Wellnessfarm entdeckt – mit den feinsten Getriebeölen und Leuten, die mal meine Aggregate durchchecken könnten.“

Ein hereinkommender Anruf enthob mich Gott sei Dank von einer Antwort.

„Stetkov“ – sorry, ich habe vergessen mich vorzustellen. Stetkov, so heiße ich. Michael Stetkov. Sprechen Sie’s bitte englisch aus: Maikell.

Rauschen am anderen Ende der Leitung.

„Hallo?“

Ich wollte schon wieder auflegen, als ich doch noch was hörte, aber sehr abgehackt und immer wieder unterbrochen – so als riefe der Anrufer vom anderen Ende des Universums an – und zwar mit Erdtechnik aus dem frühen 20. Jahrhundert.

„Flieg …. nicht <rauschen><knistern> zum … Planeten … Beta V 4“

„Warum nicht? Und vor allem: Wer bist du?“

Gut, ich erspare Ihnen das ganze Geknister, Geknaster und Gerausche, was folgte. Ich hab am Ende dreierlei verstanden:

Erstens: Der Typ behauptet, ich selbst zu sein – und zwar im Jahr 3199, also satte 126 Jahre später.

Zweitens: Der Typ sagt, auf dem Planeten Beta V 4 lauert eine mächtige Vampirin, die mich ebenfalls in einen Blutsauger verwandeln wird. Und weil er – oder ich – eben seit 126 Jahren ein Vampir ist/bin, lebt/lebe er/ich so lange Zeit danach immer noch. Er fühlt sich aber als Sklave der Obervampirin und will lieber tot sein. Tot wäre er, wenn er damals – also heute – gar nicht erst in einen Vampir verwandelt worden wäre.

Drittens: Die Telefonverbindung funktioniert immer nur wenige Minuten pro Tag – wenn eine bestimmte Wurmloch-Kombination eintritt. Ich hab’s nicht verstanden, weder akustisch, noch sonst irgendwie. Er will morgen um dieselbe Zeit nochmal anrufen.

Soweit, so crazy.

„Helmut, schalte mal deine Super-KI-Funktion ein. Gibt es Anrufe aus der Zukunft?“

„Dafür brauche ich nichts einschalten, Chef. Anrufe aus der Zukunft kann es nicht geben, weil letztere noch gar nicht stattgefunden hat.“

Das war irgendwie einleuchtend.

„Und gibt es Vampire?“

„Dafür brauche ich auch nichts einschalten, Chef. Vampire gibt es nicht. Das weiß jedes Kind – und jeder neu gebaute Robot.“

„Was weiß man über den Planeten Beta V 4?“

Jetzt schaltete Helmut doch seine Super-KI-Funktion ein, was ich daran merkte, dass sein Kopf vor Anstrengung ganz rot wurde. Das Metall an seinem Kopf erhitzte sich zu stark und begann leicht zu glühen – deshalb. Ich würde das Kühlaggregat bald austauschen müssen.

„Über Beta V 4 ist nicht viel bekannt. Wir sind erst das dritte Schiff, das sich auf den Weg dorthin macht.“

„Und die anderen beiden?“

„Verschollen.“

Oha.

Helmut schielte schon wieder zu dieser Robot-Wellnessfarm.

„Sag mal Helmut, was transportieren wir eigentlich zu diesem Planeten?“

„Muttererde aus Transsilvanien auf der guten alten Erde.“

Oha.

Der Flug wäre schnell erledigt – nur 5000 Lichtjahre von Taurus 19 entfernt, das konnte man in drei Stunden schaffen – und er brächte mir mehr Kohle ein als andere Aufträge.

Gut, stellen sie sich einen Sternenhimmel vor und dann einfach nur Weiß. So sieht ein Flug mit der guten alten „Queen Mary“ aus dem Cockpit aus.

***

Drei Stunden später standen wir im Hangar des Raumhafens von Beta V 4. Ein Robot – ganz ähnlich gebaut wie Helmut – empfing uns: „Ach, unssere besstellte Fracht isst da. Wie wunder-wundersschön.“ Er lispelte leicht. Das Sprachaggregat. Seltsamerweise schien Helmut, der sonst immer sehr schnell mit abwertenden Kommentaren bei der Hand war, das nicht zu stören – im Gegenteil: Er lief schon wieder rot an und bebte ganz leicht. Ein untrügliches Zeichen dafür, dass ihm etwas gefiel. Sehr gefiel. Ich würde mir sein Emotions-Aggregat ansehen müssen.

„Nun“, sagte ich, „als Adressat für unsere Fracht ist mir jemand namens Lady Samantha Radu angegeben worden. Können wir sie wegen der Zahlungsmodalitäten kurz sprechen? Wir würden gern schnell weiterfliegen.“

„Bedaure, Ssie wird Ssie beide ersst am Abend empfangen können, bat mich aber, Ssie biss dahin zu bewirten und Ihnen jeden Wunssch zu erfüllen.“ Der lispelnde Robot wandte sich von uns ab und gab irgendwelchen niederen Logistik-Robots Befehle bezüglich unserer Ladung.

Helmut – immer noch ganz rot – stieß mich an und flüsterte mir ins Ohr: „Chef, schau mal auf neun Uhr, da steht ein Raumschiffwrack.“

„Ja und?“

„Ich kann auf ihm den Schriftzug ,Endeavour ‘ erkennen.“

„Ja und?“

„Endeavour hieß eines der beiden Schiffe, die vor uns diesen Planeten angeflogen haben.“

Oha.

„Chef, mir ist es ja wurscht, weil ich kein Blut habe, aber ich würde es für eine sehr gute Idee halten, so schnell wie möglich von hier zu verschwinden.“

„Und das, obwohl es gar keine Vampire gibt, wie du sagtest?“

Ich musste immer etwas aufpassen, Helmut mit solchen Widersprüchen in seinem eigenen Handeln nicht zu überfordern. Das Sicherungs-Aggregat brennt bei diesem Fabrikat schnell durch.

„Problem ist erstens, dass wir dann keine Kohle bekämen“, fuhr ich fort, „außerdem würde ich zweitens diese ominöse Lady Samantha dann nicht kennenlernen.“

Der lispelnde Robot führte uns in einen Speisesaal, in dem es äußerst verführerisch duftete. Woher wusste Lady Samantha, dass Trüffelrisotto mit weißem Alba-Trüffel und Parmesan mein absolutes Lieblingsessen war?

„Wieder kein Getriebeöl“, maulte Helmut.

Es dauerte etwa zwei Stunden, bis die Sonne unterging und der Lispler eintrat: „Lady Ssmantha kann Ssie jetzt empfangen. Ich kümmere mich ssolange um deinen Freund.“ Können Robots andere Robots mit einem kecken Augenaufschlag bedenken? Mir war fast so.

Unser Gastgeber führte mich jedenfalls in einen Raum, der ganz in Rot und Gold gehalten und nur spärlich beleuchtet war. Am äußersten Ende, vor einem Kamin, erhob sich nun eine Gestalt, die mir auf der Stelle die Sprache verschlug: Schwarze Haare, stahlblaue Augen, eine jung wirkende Idealfigur, die in schwarzes Satin gehüllt war. Und diesmal war es ein Augenaufschlag, der eine glatte zehn von zehn war und der sogleich dafür sorgte, dass es in meinen unteren Körperregionen zu kribbeln begann.

Mit einem unergründlichen Lächeln kam Lady Samantha auf mich zu, reichte mir eine nach meinem ersten Eindruck recht kalt wirkende Hand und sagte: „Oh, man hat mir nicht gesagt, dass der Lieferant für meine Waren dermaßen attraktiv ist.“ Aus den Augenwinkeln nahm ich wahr, wie der lispelnde Roboter verschwand und die Tür hinter sich schloss.

„Mir auch nicht – ähh, ich meine umgekehrt“, antwortete ich stotternd und sinnbefreit.

Sie war nun viel näher gekommen, als es der Anstand zwischen zwei Geschäftspartnern geboten hätte. Mit spielerischen Bewegungen begann sie, beiläufig mein Hemd aufzuknöpfen …

… und prallte nach dem dritten Knopf zurück. Sie hatte das kleine Silberkreuz freigelegt, das ich mir aus Sicherheitsgründen umgelegt hatte.

„Was ist denn?“, fragte ich scheinheilig.

„Ich steh nicht so auf religiöse Symbole“, presste sie hervor. Kurz hatte ich den Eindruck, dass sich ihre makellosen Gesichtszüge ins Fratzenhafte verzerrten. „Kannst du das ablegen?“

„Klar“, sagte ich und nahm das Kreuz ab. Doch statt es wegzustecken, warf ich es ihr mit voller Wucht entgegen. Mit der anderen Hand holte ich die kleine Weihwasser-Phiole aus der Tasche, die ich ebenfalls eingepackt hatte, und sprühte ihr den Inhalt entgegen.

An den Stellen, an der das Wasser Lady Samantha traf, kräuselten sich kleine Rauchfahnen. Jetzt verwarf sie ihre Maskerade, die Vampirzähne traten deutlich hervor, und ihr Gesicht wurde zu einer Fratze des Hasses. Meine Miniatur-UV-Licht-Kanone war das dritte As, das ich im Ärmel beziehungsweise unter der Jacke trug. Doch ich kam nicht dazu, sie zu zücken. Eine offenbar keineswegs geschwächte Lady Samantha sprang auf mich zu, fasste mit ungeheurer Kraft nach meiner Kehle und nahm mir die Luft. Ich versuchte mich mit Tritten zu befreien, hatte jedoch das Gefühl, gegen Beton und nicht gegen eine Frau zu treten. Ich versuchte irgendeinen Gegenstand zu greifen, mit dem ich ihren Schädel zertrümmern könnte. Doch Fehlanzeige, da war nichts.

Wieso war ich derart naiv gewesen? Jetzt würde die „Queen Mary“ das dritte Schiff werden, was niemals von diesem verdammten Planeten zurückkehren würde. Das Letzte, was ich vor meiner Ohnmacht sah, war Lady Samanthas bösartiges Grinsen und ihr Gesicht, das meinem Hals immer näher kam. Aber da war noch mehr. Etwas, das nicht recht ins Bild passte. Es sah aus wie ein Holzpflock, der nun aus ihrer Brust ragte. Und dieser Umstand schien ihr nun gar nicht besonders gutzutun. Ihr Grinsen verblasste und ihr Griff um meinen Hals lockerte sich … Meine Ohnmacht konnte das nicht mehr verhindern.

Es kann nur wenige Sekunden später gewesen sein, als ich spürte, wie mir Helmuts Metallhand eine saftige Ohrfeige verpasste. „Chef, ich möchte ja nicht drängen. Aber nun sollten wir wirklich verschwinden.“ Von Lady Samantha war nichts mehr zu sehen. „Und noch was“ – wieder Helmut, der in seiner anderen Metallhand noch einen zweiten Holzpflock trug – „Klaus kommt mit.“

„Ich hatte sschon lange die Nasse voll von der blöden Kuh“, sagte Klaus und nahm Helmuts Metallhand.

Stellen Sie sich einen Sternenhimmel vor und danach gleißendes Weiß. Das war unser Abflug von Beta V 4 mit Ziel Omega Y, wo ich meinen nächsten Auftrag hatte. Auf den Rücksitzen im Cockpit kuschelten sich zwei Robots aneinander.

Mein eigenes Ich aus der Zukunft rief am nächsten Tag übrigens nicht an. Konnte er wohl nicht – schlicht, weil es ihn nicht (mehr) gab.

Crazy, oder?

Und Helmut korrigierte eigenständig seine Festplatte: Doch, Vampire existierten.

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