Von Ingo Pietsch

Eine Meldung ploppte auf dem Bildschirm auf: Ich hatte eine E-Mail bekommen.
Mein Herz begann zu rasen und binnen weniger Sekunden war mein Hemd durchgeschwitzt, als ich den Absender erkannte: Harald.
Meine eigene E-Mail-Adresse.
Ein Schmerz zog von meinem Rücken bis hinauf in den Nacken, als ich unruhig auf meinem Stuhl hin und her rutschte.
Ich wusste, was das bedeutete.
Eine neue Warnung.
Die Arbeit am Computer war das Einzige, was ich noch halbwegs ohne Beschwerden verrichten konnte.
Wer von meinem Äußeren auf mein Alter schloss, meinte, ich wäre wahrscheinlich fast sechzig und nicht erst Anfang dreißig.
Dabei hatte ich mich stets gesund ernährt, nie geraucht und selten Alkohol getrunken.
Meine körperlichen Gebrechen waren auf ganz andere Ursachen zurückzuführen – auf die ich sogar stolz war.

Ich hatte damit Menschenleben gerettet.
Dafür hatte ich einen Preis bezahlt, den ich niemals freiwillig gewählt hätte.
Das Absendedatum der Mail lag ziemlich genau fünf Jahre in der Zukunft.
Wie auch immer das möglich war – mein zukünftiges Ich schaffte es, mir Nachrichten aus der Zukunft zu schicken. Nachrichten über Dinge, die noch gar nicht geschehen waren.
Unfälle.
Krankheiten.
Katastrophen.
Todesfälle.
Mein älteres Ich warnte mich davor, damit ich mich vorbereiten oder es sogar abwenden konnte.
Wenn ich rechtzeitig reagierte, konnte ich das Schicksal verändern.
Doch jede verhinderte Katastrophe forderte einen anderen Preis. Und dieser Preis war immer ich.
Ich wollte die Mail nicht öffnen. Mein Finger schwebte über der Maus.
Was, wenn diesmal etwas passierte, das ich nicht verhindern konnte?
Was, wenn der Preis zu hoch war?
Oder schlimmer? Was, wenn ich diesmal jemanden retten sollte, den ich nicht retten konnte?
Ich schloss erst einmal alle anderen Fenster auf dem Bildschirm, bis nur noch die Icons auf dem Desktop übrig geblieben waren.
Dann schaute ich mich um, ob ich wirklich allein war.
Niemand da.
Meine Frau war auf der Arbeit und die Kinder in der Schule.
Ich war allein.
Ein Doppelklick und ich schloss die Augen.
Dann las ich den Text: 

 

Lieber Harald!

 

Wie in den vorangegangenen Briefen schicke ich dir erneut eine Warnung. Ich weiß, dass du viele Fragen an mich hast, die ich dir aber leider nicht beantworten kann. Ich weiß auch, dass es eine große Bürde ist, mit dem Wissen, das ich dir vermittle, zu leben. Ich hoffe, dass du das Schlimmste abwenden kannst. Diesmal betrifft es deine/unsere Frau Katie. Sie muss am 23.09. zu Hause bleiben.

 

Liebe Grüße

 

Harald

 

Ein Blick auf den Kalender verriet mir, dass das schon übermorgen war.
Plötzlich begann es hinter meiner Stirn zu stechen.
Ich kannte dieses Gefühl.
Etwas kam auf mich zu.
Und diesmal betraf es Katie.
Nach all den Strapazen, die hinter mir lagen, wusste ich nicht, ob ich noch die Kraft hatte, eine weitere Warnung zu überleben.
Ich musste meine Gedanken ordnen. Mit aller Kraft zog ich mich am Schreibtisch hoch und humpelte mit meiner Gehhilfe ins Schlafzimmer, um mich ein wenig auszuruhen.

 

Katie weckte mich aus meinem Schlummer.
„Schatz, ich bin wieder da!“, rief sie aus der Küche.
Ich rappelte mich hoch und setzte mich auf die Bettkante.
„Was ist mit dir? Du wirkst so niedergeschlagen.“ Sie sah mein Gesicht. Dann verstand sie.
„Nein!“ Sie wurde blass. „Du hast wieder eine Nachricht bekommen.“
Ich versuchte sie nicht anzusehen.
„Wen trifft es diesmal?“
Ich sah zum Fenster hinaus, weil ich es ihr nicht sagen konnte. Dann flüsterte ich: „Dich!“
Sie setzte sich neben mich und ergriff meine rechte Hand, an der der kleine Finger fehlte.
„Übermorgen. Du sollst zu Hause bleiben. Ich weiß nicht genau, was passiert. Irgendwas mit deinem Kopf.“ Ich sah sie traurig an. „Ich kann das nicht mehr!“
Sie sprang auf und rannte vor dem Bett hin und her. Sie fuhr sich mehrmals wild durch das Haar.
„Ich werde trotzdem zur Arbeit gehen. Das kann ich dir nicht antun. Warum kommen diese Mails nur ständig?“ Katie begann zu weinen und setzte sich wieder neben mich. „Warum hört das nicht auf?“
„Ich will dich beschützen.“
„Dann lies diese verdammten Mails einfach nicht mehr.“  Sie strich über meinen vernarbten Arm. „Andere Menschen kommen auch mit ihrem Leben klar.“
Ich schaute ihr in die Augen: „Dann wären unsere Töchter längst tot.“
Sie verstummte.
„Und du wärst wahrscheinlich querschnittsgelähmt.“
Sie nahm mein Gesicht in beide Hände und küsste mich.
Für einen Moment war es still.
Keine Zukunft. Keine Katastrophe. Nur wir beide.

 

Drei Tage später.
Ich saß wieder am Computer.
Es hatte funktioniert. Katie lebte. Die Warnung hatte funktioniert. Wie immer.
Jedes Mal, wenn ich ein Unheil abgewendet hatte, behielt ich die Narbe oder Verletzung zurück, die ich dabei erlitten hätte oder ich übernahm sie von der Person, die dabei verletzt worden wäre.
Was eigentlich den anderen Menschen getroffen hatte, traf mich.
Das war der Preis, um meine Lieben zu beschützen.
Mir fehlte auch ein Ohr, das rechte Bein war steif, ich hatte einen künstlichen Darmausgang, mein Gleichgewichtssinn war gestört und ein chronischer Husten plagte mich.
Und jetzt war ich auch noch auf dem linken Auge blind.
Das einzige Mal, als ich nicht auf die Mail reagiert hatte, waren meine Eltern bei einem Segeltörn ertrunken.
Was mich da getroffen hätte, wollte ich mir lieber nicht ausmalen.
Ich schob die Gedanken beiseite.
Ich wollte gerade den Computer ausschalten, als plötzlich ein neues Fenster aufsprang. Nicht schon wieder.
Ich erstarrte und mein Herz setzte kurz aus, denn in der Betreffzeile stand nur ein einziger Satz: „Harald, diesmal kannst du sie nicht alle retten.“ 

 

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