Von Agnes Decker

Ich hatte es immer als Privileg empfunden, hier leben zu dürfen, obwohl ich eigentlich nicht hierhin gehörte. In dieses alte Haus mit dem weitläufigen Garten, der fast ganz sich selbst überlassen war – gerade so, dass er nicht verwahrloste. Hier war alles wild, frei und geheimnisvoll. Geschaffen für Kinder, die nur in einer solchen Umgebung „artgerecht“ aufwachsen konnten, wie Isa es nannte, und dabei ihr warmes, helles Lachen lachte. Isa.

Es war der 13. Februar 2026 – ein Freitag. Ich war gekommen, um mit dem Keller weiterzumachen. Die Scheune und die Garage hatte ich mir am letzten Wochenende vorgenommen. An das Wohnhaus hatte ich mich noch nicht herangetraut.

Im Keller stapelte sich die Vergangenheit, und ich musste an Leichen denken, die man im übertragenen Sinne hier lagerte. Dabei war mir etwas übel geworden. Ich sollte mich zusammenreißen. Schließlich war es meine eigene Entscheidung, das Haus selbst leerzuräumen, alles noch einmal in die Hand zu nehmen und zu entscheiden, ob es noch verwertbar war. 

Entschlossen nahm ich einen der Kartons, die eine ganze Wand einnahmen, und öffnete ihn. Eigentlich nur, um mich davon zu überzeugen, dass ich ihn so, wie er war, auf den Container werfen konnte, der schon halb gefüllt in der Einfahrt stand.

Ich wischte die Staubschicht weg und musste niesen. Dann zuckte ich zusammen. Das Bild von Isa lag obenauf. Sie lächelte das vertraute Lächeln, bei dem sich links und rechts ihrer Mundwinkel zwei Grübchen bildeten. Gerade hatte ich mit meiner Hand darübergewischt. Und mir war, als spürte ich ihre Wärme.

Und plötzlich war sie da, die Trauer. Ohne Vorwarnung. Sie überfiel mich wie ein Gewitter an einem mäßig warmen Sommertag. Mit einem Mal stand ich wieder auf dem Friedhof und starrte in das schwarze Loch, das viel zu klein war. Genauso wie die Urne. Ochsenblutrot – Isas Lieblingsfarbe. Auch die Rosen in dem Grabgesteck waren ochsenblutrot. Ich hatte sie mit Gräsern und Kamille kombiniert. Das hätte Isa gefallen.

Ich starrte auf die Blumenkränze und Schleifen, auf den Priester, der den Weihrauchkegel schwang und Worte sprach, die ich nicht verstand. Alles um mich herum verschwand.

Noch nie hatte ich mich so einsam gefühlt. Eine Mutter zu verlieren, war, als würde einem jemand die Wurzeln abschneiden – mit einem stumpfen Messer. Auch wenn es nicht die leibliche Mutter war.

Meine Hände zitterten, als ich das Foto herausnahm. Ich würde es einrahmen und auf die Kommode neben meinem Schreibtisch stellen.

Isa. Danke, dass es dich gab.

Ich wollte das Bild gerade an mich drücken, als etwas darunter hervorschaute. Es war ein zweites Foto. Ich zog es heraus. Darauf war eine ältere Frau mit grauem Haar zu sehen. Sie stand vor Isas Haus und hielt einen Blumenstrauß in der Hand. Rote Rosen und Kamille.

Mir wurde eiskalt. Nicht dieses gewöhnliche Frösteln. Die Kälte kam von tief innen und breitete sich in meinem ganzen Körper aus.

Die Gestalt war etwas unscharf, verwischt, wie auf einem Aquarell. Ich hielt es nahe vor mein Gesicht. Jetzt konnte ich ihre Gesichtszüge erkennen. Die Frau mit dem grauen Haar hatte meine Augen, meine Nase, sogar den kleinen Knick über der linken Augenbraue und das Muttermal neben dem Mundwinkel, das aussah wie ein Kreuz.

Plötzlich konnte ich nicht mehr atmen. Mit dem Bild in der Hand taumelte ich die Treppe hoch ins Wohnzimmer, schob die Glastür zur Seite und trat auf die Terrasse. Ein kühler Wind wehte mir entgegen.

Atme, flüsterte ich mir selbst zu. Eins, zwei, drei, vier. Nochmal. Konzentriere dich. Atmen, anhalten, zählen, atmen – diese Technik hatte mir Isa beigebracht, um meine Angstattacken zu stoppen. Aber das war lange her.

Atmen, anhalten, zählen, atmen.

Langsam ließ das Zittern nach.

Ein paar Sonnenstrahlen fielen durch das dichte Geäst der alten Kastanie und malten tanzende Schatten. Die Bank, die den gewaltigen Stamm umrundete, müsste unbedingt gestrichen werden. Aber das würden die nächsten Besitzer tun. Vielleicht landete sie auch auf dem Container, zusammen mit den anderen Erinnerungen, die dieses Haus in sich barg.

So, wie man es heute machte: alles entkernen und modernisieren. Das Alte entfernen, bis nichts mehr daran erinnerte, wer hier einmal gelebt hatte.

Ich schaffte es gerade noch bis zur Bank, dann schluchzte ich hemmungslos, den Kopf an den Stamm gelehnt. Es dauerte lange, bis ich aufhören konnte zu weinen. Anscheinend hatte ich mir zu viel vorgenommen, mich stärker gefühlt, als ich war.

Zögernd löste ich mich von der Kastanie und wischte mit der flachen Hand über das Gesicht. Mit der anderen umklammerte ich immer noch das Foto.

Die Frau darauf sah mich an.

Da entdeckte ich hinter ihr etwas, das mir fremd vorkam. Ein bunt bemaltes Keramikschild. Jemand hatte etwas darauf gemalt, daneben stand etwas geschrieben. In Rot, Blau, Grün und Gelb. Ich versuchte, die Buchstaben zu entziffern, aber sie waren zu klein.

Mit zitternden Händen zog ich mein Handy aus der Jackentasche, öffnete die Kamera und löste aus. Dann zoomte ich den Ausschnitt heran. Jetzt konnte ich die Blumen erkennen – eine Rose, eine Kamille, eine Sonnenblume und ein Schneeglöckchen.

Die Schrift war immer noch nicht zu lesen. Je näher ich sie heranzoomte, desto mehr verwischte sie.

Die Sonne stand inzwischen tief. Ich musste lange hier draußen gesessen haben. Mir war kalt, und ich fühlte mich schwach. Jetzt fiel mir ein, dass ich seit dem Frühstück nichts mehr gegessen hatte. Ich sollte hier abbrechen und nach Hause fahren. Heute würde ich das Rätsel des Fotos ohnehin nicht mehr lösen.

Nachdem ich mich vergewissert hatte, dass alle Fenster geschlossen und Lichter gelöscht waren, schloss ich ab und ging zu meinem Wagen. Die beiden Fotos hatte ich in meine Tasche gesteckt. Ich stieg ein und ließ den Motor an. Viel zu laut heulte er auf und zerriss die Stille. Ich wendete und drehte mich noch einmal um.

In Isas Arbeitszimmer bewegte sich die Gardine.

Das konnte nicht sein. Ich war doch alleine in dem Haus gewesen.

Maja, ermahnte ich mich selbst, jetzt fang nicht an zu spinnen. Fahr nach Hause und sieh zu, dass du etwas zwischen die Zähne bekommst.

Es soll Menschen gegeben haben, die aus Hunger Halluzinationen bekamen. Aber die hatten länger gehungert als ich.

Ich gab Gas.

Als ich die ersten Vororte der Großstadt erreichte, löste sich meine Anspannung langsam wieder auf. Es war schon erstaunlich, in was man sich hineinsteigern konnte. Bestimmt hatte es mit meinem Gefühlsausbruch zu tun und mit meiner Dünnhäutigkeit, die ich regelrecht fühlen konnte.

Ich hielt noch einmal kurz am Supermarkt, um mich mit dem Nötigsten zu versorgen, kaufte anschließend beim Thaiimbiss ein vegetarisches, mittelscharfes Curry, das ich zu Hause in kürzester Zeit verschlang. Danach fühlte ich mich wesentlich stabiler.

So sehr, dass ich beschloss, mich noch einmal mit der Schrift auf dem Foto zu beschäftigen.

Ich zog beide Bilder aus der Tasche. Das von Isa lehnte ich gegen die Kaffeekanne, das andere vor mir auf den Tisch. Im hellen Licht meiner Leselampe traten die Konturen scharf hervor. Entziffern ließ sich die Schrift immer noch nicht.

Jetzt konnte nur noch meine künstliche Freundin helfen. Ich gab einen ausführlichen Prompt ein und lud das Foto hoch. Mein Atem ging fast so schnell wie mein Puls, und es schien eine Unendlichkeit zu dauern, bis die Antwort erschien:

„Es handelt sich vermutlich um ein Türschild: Fam. Maja Gruber. Darunter steht neben jeder Blume ein Name. Rose: Maja, Kamille: Isabell, Sonnenblume: Florentine, Schneeglöckchen: Pontus.“

Ich las es noch einmal und noch einmal. In meinem Kopf drehte sich alles.

Wie kam dieses Schild an Isas Haus? Das Schild mit meinem Namen darauf und den Wunschnamen, die ich für meine Kinder ausgesucht hatte, die ich einmal haben wollte: zwei Mädchen und einen Jungen. Ich hatte nie mit jemandem darüber gesprochen.

Plötzlich kam ich mir nackt und benutzt vor. So, als wäre jemand Unbefugtes in meine innersten Gedanken eingedrungen.

„Woher stammen diese Informationen?“, tippte ich in mein Handy.

„Sie stehen auf dem Schild neben der Haustüre. Vermutlich handelt es sich um die Hausbesitzer“, antwortete meine KI.

„Kannst du feststellen, aus welchem Jahr das Foto stammt?“, gab ich ein.

Wieder dauerte es lange, bis eine Antwort kam.

„Vermutlich aus dem Jahr 2053, obwohl das unwahrscheinlich ist, da es nicht möglich ist, in einer noch nichtexistierenden Zeit ein Foto aufzunehmen.“

„Willst du mich verarschen?“, tippte ich erbost ein.

„Nein.“ Diese Antwort erschien sofort. „Ich kann es nicht erklären. Meine technischen Möglichkeiten sind noch begrenzt.“

Ein Schweißtropfen lief über meine Stirn und landete auf der Tastatur. Ich wischte ihn weg und hatte wohl versehentlich eine Taste gedrückt. Das Foto erschien jetzt um ein Vielfaches vergrößert auf dem Display.

Ich starrte darauf. Auf das Schild und dann auf Isas Arbeitszimmer im ersten Stock.

Stand dort nicht jemand hinter der Gardine? Ich zoomte das Foto so nah heran, wie es ging. Vage erkannte ich die Umrisse einer Gestalt. Eine Frau.

Ich legte das Handy auf den Tisch und saß wie erstarrt. Sollte ich das sein? Im Jahr 2053 wäre ich 53 Jahre alt. Die Frau auf dem Foto war viel älter. Und wie sollte sie gleichzeitig vor dem Haus stehen und im Arbeitszimmer im ersten Stock sein?

In dieser Nacht schlief ich kaum. In meinem Kopf ratterte es unaufhörlich. Irgendwann musste ich doch noch eingeschlummert sein. Als ich die Augen aufmachte, war ich erleichtert, mich im eigenen Bett wiederzufinden. Die Ereignisse des gestrigen Tages schienen plötzlich lächerlich. Vermutlich waren sie nur meiner Überempfindlichkeit zuzuschreiben.

Ich zog das Foto aus der Schublade, in der ich es letzte Nacht verstaut hatte.

Die Frau darauf war verschwunden. Nur noch das Haus stand dort.

Na also.

Die Kastanie schien allerdings größer, als ich sie in Erinnerung hatte. Und neben der Haustür war ein heller Fleck, als wäre etwas dort gewesen. Lange starrte ich auf die Stelle. Plötzlich war da nur noch ein Gedanke. 

Ich würde es behalten. 

Das Haus.

Version 1        Isas Haus