Von Agnes Decker

Ich hatte es immer als Privileg empfunden, hier leben zu dürfen, obwohl ich eigentlich nicht hierhin gehörte. In dieses Haus mit dem weitläufigen Garten, der fast ganz sich selbst überlassen war – gerade so, dass er nicht verwahrloste. Hier war alles wild, frei und geheimnisvoll. Geschaffen für Kinder, die nur in einer solchen Umgebung „artgerecht“ aufwachsen konnten, wie Isa es nannte, und dabei ihr warmes, helles Lachen lachte.

Isa.

Es war Ende Mai. Ich war gekommen, um mit dem Keller weiterzumachen.  Die Garage hatte ich am letzten Wochenende geräumt. Für das Wohnhaus fehlte mir noch die Kraft.

Auch hier im Keller stapelte sich die Vergangenheit. Am liebsten wäre ich weggerannt. Stell dich nicht so an, sagte ich zu mir selbst, es war schließlich deine eigene Entscheidung,  alles noch einmal in die Hand zu nehmen und zu schauen, was noch verwertbar ist. 

Entschlossen nahm ich einen der vielen Kartons und öffnete ihn. Eigentlich nur, um mich davon zu überzeugen, dass ich ihn so, wie er war, auf den Container werfen konnte, der schon halb gefüllt in der Einfahrt stand. Gefüllt mit dem, was einmal ein Leben ausgemacht hatte. 

Ich wischte die Staubschicht weg und musste niesen. Dann zuckte ich zusammen. Das Bild von Isa lag obenauf. Sie lächelte das vertraute Lächeln, bei dem sich links und rechts ihrer Mundwinkel zwei Grübchen bildeten. Als ich darüber strich war mir, als spürte ich ihre Wärme.

Und plötzlich war sie da, die Trauer. Ohne Vorwarnung. Sie überfiel mich wie ein Gewitter an einem mäßig warmen Sommertag. Mit einem Mal stand ich wieder auf dem Friedhof und war fassungslos über das schwarze Loch, das viel zu klein war. Genauso wie die Urne. Ochsenblutrot – Isas Lieblingsfarbe. Auch die Rosen in dem Grabgesteck waren ochsenblutrot. Ich hatte sie mit Gräsern und Kamille kombiniert. Das hätte Isa gefallen.

Ich starrte auf die Blumenkränze und Schleifen, auf den Priester, der den Weihrauchkegel schwang und Worte sprach, die ich nicht verstand. 

Alles um mich herum verschwand.

Noch nie hatte ich mich so einsam gefühlt. Eine Mutter zu verlieren war, als würde einem jemand die Wurzeln abschneiden – mit einem stumpfen Messer. Auch wenn es nicht die leibliche Mutter war.

Meine Hände zitterten, als ich das Foto herausnahm. Ich würde es einrahmen und auf die Kommode neben meinem Schreibtisch stellen.

Isa. Danke, dass es dich gab.

Ich wollte das Bild gerade an mich drücken, als etwas darunter hervorschaute – ein zweites Foto. Ich zog es heraus. Darauf war eine ältere Frau mit grauem Haar zu sehen. Sie stand vor Isas Haus und hielt einen Blumenstrauß in der Hand. Rote Rosen und Kamille.

Mir wurde eiskalt. Nicht dieses gewöhnliche Frösteln. Die Kälte kam von tief innen und breitete sich in meinem ganzen Körper aus.

Die Gestalt war etwas unscharf, verwischt, wie auf einem Aquarell. Ich hielt es nahe vor mein Gesicht. Jetzt konnte ich ihre Gesichtszüge erkennen. Die Frau mit dem grauen Haar hatte meine Augen, meine Nase, sogar den kleinen Knick über der linken Augenbraue und das Muttermal neben dem Mundwinkel, das aussah wie ein Kreuz. War sie es? Hatte ich sie endlich gefunden?

Für einen Moment fühlte ich mich seltsam leer. Dann begann ich zu zittern. Ich musste weg hier, raus aus dem Keller. Mit dem Bild in der Hand taumelte ich die Treppe hoch ins Wohnzimmer, schob die Glastür zur Seite und trat auf die Terrasse. Ein kühler Wind wehte mir entgegen.

Atme, flüsterte ich mir selbst zu. Verdammt nochmal atme. Eins, zwei, drei, vier. Nochmal. Konzentriere dich. Atmen, anhalten, zählen, atmen – diese Technik hatte mir Isa beigebracht, um meine Angstattacken zu stoppen. Das war lange her.

Langsam ließ das Zittern nach.

Ein paar Sonnenstrahlen fielen durch das dichte Geäst der alten Kastanie und malten tanzende Schatten. Die Bank, die den gewaltigen Stamm umrundete, müsste unbedingt gestrichen werden. Aber das würden die nächsten Besitzer tun. Vielleicht landete sie auch auf dem Container, zusammen mit den anderen Erinnerungen, die dieses Haus in sich barg.

So, wie man es heute machte: alles entkernen und modernisieren,  bis nichts mehr daran erinnerte, wer hier einmal gelebt hatte.

Ich schaffte es gerade noch bis zur Bank. Dann saß ich einfach da, den Kopf an den Stamm gelehnt und ließ alles geschehen. Irgendwann hörte das Weinen auf. Die Sonne stand inzwischen tief. Mir war kalt, und ich fühlte mich schwach. Zögernd löste ich mich von der Kastanie und wischte mit der flachen Hand über das Gesicht. Mit der anderen umklammerte ich immer noch das Foto.

Die Frau darauf sah mich an.

Da entdeckte ich etwas, das mir fremd vorkam. Ein bunt bemaltes Keramikschild neben der Haustür. Darauf waren Blumen zu sehen, so wie Kinder sie malen, und daneben stand etwas geschrieben in Rot, Grün, Blau und Gelb. Ich versuchte, die Buchstaben zu entziffern, aber sie waren zu klein und meine Hände zitterten zu stark. 

Ich zog mein Handy aus der Jackentasche, öffnete die Kamera und löste aus. Dann zoomte ich den Ausschnitt heran. Jetzt konnte ich die Blumen erkennen – eine Rose, eine Kamille, eine Sonnenblume und ein Schneeglöckchen. Die Schrift war im Gegenlicht nicht zu lesen. Je näher ich sie heranzoomte, desto mehr verwischte sie. Was war das alles? Ich konnte keinen klaren Gedanken mehr fassen. Ich sollte abbrechen und nach Hause fahren. Heute würde ich das Rätsel des Fotos ohnehin nicht mehr lösen.

Nachdem ich mich vergewissert hatte, dass alle Fenster geschlossen und Lichter gelöscht waren, schloss ich ab und ging zu meinem Wagen. Die beiden Bilder hatte ich in meine Tasche gesteckt. Ich stieg ein und ließ den Motor an. Viel zu laut heulte er auf und zerriss die Stille. Ich wendete und drehte mich noch einmal um.

In Isas Arbeitszimmer bewegte sich die Gardine.

Das konnte nicht sein. Ich war doch alleine in dem Haus gewesen.

Mein Magen rumorte lautstark, und mir wurde flau. Jetzt fiel mir ein, dass ich seit dem Frühstück nichts mehr gegessen hatte. Es soll Menschen gegeben haben, die durch Unterzuckerung Halluzinationen bekamen. 

Maja, ermahnte ich mich selbst, jetzt fang nicht an zu spinnen. Fahr nach Hause und sieh zu, dass du etwas zwischen die Zähne bekommst.

Ich gab Gas.

Als ich die ersten Vororte der Großstadt erreichte, löste sich meine Anspannung langsam wieder auf. Es war schon erstaunlich, in was man sich hineinsteigern konnte. Bestimmt hatte es mit meinem Gefühlsausbruch zu tun und mit meiner Dünnhäutigkeit, die ich regelrecht fühlen konnte. Ich hielt kurz am Supermarkt, um mich mit dem Nötigsten zu versorgen, kaufte anschließend beim Thaiimbiss ein vegetarisches, mittelscharfes Curry, das ich zu Hause in kürzester Zeit verschlang. Danach fühlte ich mich wesentlich stabiler. So sehr, dass ich beschloss, mich noch einmal mit der Schrift auf dem Foto zu beschäftigen.

Ich zog beide Bilder aus der Tasche. Das von Isa lehnte ich an die Blumenvase, das andere legte ich flach vor mir auf den Tisch. Im hellen Licht meiner Leselampe traten die Konturen des Papierfotos nun scharf hervor, doch die Buchstaben blieben winzig. Jetzt konnte nur noch meine künstliche Freundin helfen. Ich glättete das Originalbild auf der Tischplatte, fokussierte es ganz ruhig mit der Handykamera und machte eine weitere Aufnahme. Mein Atem ging fast so schnell wie mein Puls, und es schien eine Unendlichkeit zu dauern, bis die Antwort erschien:

„Es handelt sich vermutlich um ein Türschild: Fam. Maja Gruber. Darunter steht neben jeder Blume ein Name. Rose: Maja, Kamille: Isabell, Sonnenblume: Florentine, Schneeglöckchen: Pontus.“

Ich las es noch einmal und noch einmal. In meinem Kopf drehte sich alles.

Wie kam dieses Schild an Isas Haus? Das Schild mit meinem Namen darauf und den Wunschnamen, die ich für meine Kinder ausgesucht hatte, die ich einmal haben wollte: zwei Mädchen und einen Jungen. Ich hatte nie mit jemandem darüber gesprochen.

Plötzlich kam ich mir nackt und benutzt vor. So, als wäre jemand Unbefugtes in meine innersten Gedanken eingedrungen.

„Woher stammen diese Informationen?“, tippte ich in mein Handy.

„Sie stehen auf dem Schild neben der Haustüre. Vermutlich handelt es sich um die Hausbesitzer“, antwortete meine KI.

„Kannst du feststellen, aus welchem Jahr das Foto stammt?“, gab ich ein.

Wieder dauerte es lange, bis eine Antwort kam.

„Vermutlich aus dem Jahr 2053, obwohl das unwahrscheinlich ist, da es nicht möglich ist, in einer noch nichtexistierenden Zeit ein Foto aufzunehmen.“

„Willst du mich verarschen?“, tippte ich ein.

„Nein.“ Diese Antwort erschien sofort. „Ich kann es nicht erklären. Meine technischen Möglichkeiten sind noch begrenzt.“

Ein Schweißtropfen lief über meine Stirn und landete auf dem Bildschirm. Ich wischte ihn weg und hatte wohl versehentlich den Touchscreen berührt. Das Foto erschien jetzt um ein Vielfaches vergrößert.

Ich starrte darauf. Auf das Schild und dann auf das Fenster von Isas Arbeitszimmer im ersten Stock.

Vage erkannte ich die Umrisse einer Gestalt. Eine Frau. Wer war sie? Wer war die Frau hinter der Gardine? 

Ich legte das Handy auf den Tisch und saß wie erstarrt da. Und die grauhaarige Frau, die vor dem Haus stand? Sollte ich das sein? Im Jahr 2053 wäre ich 53 Jahre alt. 

In dieser Nacht schlief ich kaum. In meinem Kopf ratterte es unaufhörlich. Irgendwann musste ich doch noch eingeschlummert sein. Als ich die Augen aufmachte, war ich erleichtert, mich im eigenen Bett wiederzufinden. Die Ereignisse des gestrigen Tages schienen plötzlich lächerlich. Vermutlich waren sie nur meiner Überempfindlichkeit zuzuschreiben.

Ich zog das Foto aus der Schublade, in der ich es letzte Nacht verstaut hatte. 

Die Frau darauf war verschwunden. Auch die Gestalt im Fenster. Nur noch das Haus stand dort.

Ich öffnete die Fotogalerie meines Handys. Auch hier: nur noch das Haus. 

Na also.

Die Kastanie schien allerdings größer, als ich sie in Erinnerung hatte. Und neben der Haustür war ein heller Fleck, als wäre etwas dort gewesen. Lange starrte ich auf die Stelle, bis da nur noch ein Gedanke war:

Ich würde es behalten. 

Das Haus.

 

Version 3     

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