Von Ursula Kollasch
Leo hat mir nie gesagt, dass die Stille laut sein kann.
Das musste er auch nicht. Er zeigte es mir.
Zum Beispiel, wenn wir am Meer standen und alle anderen Menschen das Rauschen der Wellen, das Kreischen der Möwen hörten. Leo blickte dann lange hinaus, als würde er etwas wahrnehmen, das zwischen den Geräuschen lag.
Er wurde gehörlos geboren. Aber er ist nie ein stiller Junge gewesen.
Seine Hände erzählten Geschichten, während andere Kinder noch nach Worten suchten. Was er lernte, ließ er erst eine Weile in sich sinken. Langsam wie einen Stein im tiefen Wasser.
Wir sind in einem Meeresmuseum an der Ostsee.
Vor uns gleiten Schatten hinter einer riesigen Scheibe. Rochen schweben langsam und elegant durch das bläuliche Wasser, als hätten sie alle Zeit der Welt. Dazwischen ziehen Haie ihre Bahnen – silbergraue Schemen, die plötzlich auftauchen, wenn man die Augen für eine Sekunde abwendet.
Leo steht neben mir und legt die Fingerspitzen an die Scheibe.
Dann sieht er mich an.
Ich kenne diesen Blick.
Er fragt mich, wie die Tiere draußen im Ozean leben.
Ich zucke mit den Schultern.
„Wahrscheinlich genauso wie wir“, sage ich und gebärde zugleich. Leo hebt eine Augenbraue. Das Zeichen dafür, dass er mir nicht glaubt. Ich schmunzele.
„Na gut. Nicht ganz.“
Leo lächelt. Dieses schiefe, kleine Lächeln, das er immer zeigt, wenn er recht hat.
Wir gehen weiter in den nächsten Ausstellungsraum.
Vor uns breitet sich die Tiefsee auf einer riesigen Projektionsfläche aus. Dunkles Wasser bewegt sich langsam, Schatten gleiten durch die Schwärze. Aus unsichtbaren Lautsprechern dringen tiefe Töne, ein fernes Knacken, ein dumpfes Grollen. Fremdartige Geräusche aus einer Welt viele tausend Meter unter der Wasseroberfläche.
Leo betrachtet die Fotografien der Tiefseefische. Blasse, fast durchsichtige Wesen. Einige mit großen Augen, andere mit winzigen. Manche mit Reißzähnen. Seine Finger bewegen sich: Warum sehen die Fische dort unten so anders aus?
Ich überlege. „Weil sie in einer Welt leben, in der andere Regeln gelten.“
Er wartet. Meine Antwort reicht ihm nicht.
„Dort unten dringt kein Sonnenlicht hin“, erläutere ich. „Und es ist sehr kalt.“
Leo zeigt auf die Abbildung eines Anglerfisches. Vielleicht sind Kälte und Dunkelheit gar nicht schlimm für ihn, gebärdet er.
Ich schweige. Er fährt fort. Nur für uns, weil wir Licht und Wärme brauchen.
Ich muss über seine Worte nachdenken. Manchmal verblüfft mich, wie gescheit und aufmerksam mein zehnjähriger Sohn die Welt betrachtet. Er nimmt nicht weniger wahr, nur anders.
„Das ist wahrscheinlich das Klügste, was mir heute jemand gesagt hat“, erwidere ich. „Woher weißt du das?“
Leo gebärdet nur ein Wort: Fühlen.
„Einfach ein Gefühl?“ Er nickt und zwinkert mir zu.
Wir schlendern zu einer weiteren Tafel.
Im Marianengraben befindet sich die tiefste bekannte Stelle der Weltmeere – fast elf Kilometer unter der Wasseroberfläche.
Ich deute darauf. „Stell dir vor, beinahe elftausend Meter tief.“
Leo schaut mich aufmerksam an.
Er wartet wieder darauf, dass ich weitererkläre, obwohl er die Informationen auf der Tafel mühelos selbst lesen könnte.
„Der Mount Everest ist der höchste Berg der Erde. Würde man ihn dort hineinsetzen, läge selbst seine Spitze noch unter Wasser“, fahre ich fort.
Leo zieht leicht die Nase kraus, wie er es oft tut, wenn ihn etwas fasziniert.
„Wenn du könntest, würdest du mit einem U-Boot hinunterfahren, oder?“, frage ich.
Er schiebt nachdenklich die Unterlippe vor, hebt dann die Schultern.
Seine Hände fragen: Elf Kilometer. Leben da unten auch Tiere?
Ich nicke. „Ganz unten vermutlich keine Fische. Aber winzige Krebstiere, die ein wenig wie Garnelen aussehen und ihr ganzes Leben in völliger Dunkelheit verbringen.“
Leo verharrt kurz, dann überschlagen sich seine Gebärden beinahe.
Woher wissen sie, wo sie sind? Wie finden sie die anderen? Sind sie allein?
Ich denke kurz nach. „Sie kommen zurecht. Und sie empfinden Einsamkeit nicht so wie wir.“
Leo betrachtet mich und zieht leicht die Brauen zusammen.
Doofe Antwort. Du weißt es doch gar nicht.
Ich muss lächeln. „Nein“, gebe ich zu. „Ich hoffe es nur.“
Im Café bestelle ich zweimal heiße Schokolade, eine mit und eine ohne Sahne. Wenig später sitzen wir an einem freien Tisch. Ich nehme etwas Sahne von dem anderen Becher und gebe sie auf meinen Kakao. Unser Ritual. Früher machte Leo das immer für mich, weil er fand, meine Schokolade sehe traurig aus.
„Schokolade kann nicht traurig sein“, murmele ich und lecke den Löffel ab.
Er sieht mich nur an. Als würde er denken, dass Erwachsene manchmal sehr wenig verstehen.
Im letzten Saal des Museums steht die große Nachbildung einer Tiefseekapsel. Dicke Scheiben. Viele Anzeigen. Ein enger Raum aus Metall. Leo umrundet das Tauchfahrzeug und betrachtet jedes Detail. Solange ich mich erinnern kann, wollte er Forscher werden. Oder Erfinder. Jemand, der Dinge entdeckt.
Auch ich trete näher an eine Scheibe der Kapsel.
Der Innenraum ist so klein. Ein Mensch. Eingeschlossen. Tausende Meter Wasser über sich.
Meine Brust zieht sich zusammen. Mein Atem geht schneller.
Leo beobachtet mich. Was ist mit dir?, gebärdet er.
„Es ist so eng da drin“, sage ich und forme mit den Händen eine Box, die immer kleiner wird. „Und die Vorstellung, dass all das Wasser auf einem lastet, der Druck …“
Leo tippt gegen die dicke Scheibe. Aber sie hält den Druck doch aus.
„Ja“, erwidere ich und schlucke. „Das sollte sie. Trotzdem fühlt es sich an, als bekäme man keine Luft.“
Er wendet sich mir wieder zu, schaut mich an und legt eine Hand auf sein Herz. Unsere eigene kleine Geste. Sie bedeutet: Ich sehe, wie es dir geht.
Auf dem Rückweg gehen wir am Hafen entlang. Der Wind ist kalt geworden. Die Möwen schreien über den Dächern. Es riecht nach Tang und nassem Holz. Die Luft schmeckt nach Salz. Leo läuft ein Stück vor mir über die Uferpromenade. Ich sehe seinen Rücken und für einen Moment ist alles wieder wie damals. Ein Junge. Eine Jacke, die immer zu dünn war. Die verwuschelten Haare. Als er stehen bleibt und sich zu mir umdreht, muss ich an unseren Urlaub am Meer denken.
„Weißt du noch? Du wolltest unbedingt als Erster den schwarzen Lavafelsen erreichen.“ Sein Gesicht verändert sich. Nur ganz leicht. Ich sehe es trotzdem. „Ich habe dir gesagt, du sollst nicht so weit vorausschwimmen.“
Meine Stimme wird leiser, der Wind trägt sie fort. „Aber ich habe dir versprochen: Ich passe auf!“
Leo schaut mich unbewegt an. Böen zerzausen sein blondes Haar.
Seine Lippen und Hände bleiben ruhig. Er ist einfach nur da, ein Bild aus reinem Schweigen.
Vor sechs Jahren verbrachten wir unseren Sommerurlaub auf Teneriffa. Es war ein heißer Tag an einem belebten Strand. Wellenrauschen. Kinderstimmen. Sonnencremegeruch. Warmer Wind, der den Sand über die Handtücher trieb. Leo liebte das Wasser, er schwamm sogar besser als ich.
Vielleicht war er auch deshalb so unbekümmert, weil ich bei ihm war. Er kraulte voraus, geschmeidig wie ein Delfin. Ich folgte in kurzem Abstand. Ich sah ihn die ganze Zeit. Fast die ganze Zeit. Bis meine Frau meinen Namen rief. Da drehte ich den Kopf. Sie stand am Strand und rief etwas. Ich zeigte auf mein Ohr, weil ich nicht verstand.
„Ich geh zur Massage!“, hörte ich dann über die Entfernung.
„Bis später!“, rief ich zurück und winkte. Sie warf mir eine Kusshand zu, und ich hob noch einmal die Hand. Es waren nur Sekunden. Aber Schuld findet immer genau diese Sekunden. Als ich mich wieder Leo zuwandte, sah ich nur den schwarzen Felsen und das aufgewühlte Wasser darum herum. Leo war fort.
Dann begannen die längsten Minuten meines Lebens. Ich tauchte, rief um Hilfe und suchte. Vergebens.
Später bargen sie Leo aus dem Wasser.
Die Rettungskräfte sagten, es sei ein Unfall gewesen. Eine tückische Strömung sei schuld.
Die Polizei sagte es.
Meine Frau sagte es – bis sie mich verließ.
Alle versicherten: „Du konntest nichts tun.“ Doch keiner von ihnen hatte diesen einen Satz im Kopf: Ich passe auf!
Heute wäre Leo sechzehn. Sechs Jahre lang habe ich gedacht, Schuld sei ein Ort, an dem man irgendwann ankommt. Aber das stimmt nicht.
Schuld ist ein Meer. Man kann jahrelang darin treiben, ohne zu merken, wie weit man sich vom Ufer entfernt hat.
Ich fröstele und hebe wieder den Blick. Leo steht am Hafenbecken.
„Es tut mir so leid“, murmele ich, während mir die Tränen über die Wangen laufen. Der scharfe Wind trocknet sie auf meiner Haut. Ich weiß nicht, wie oft ich ihm das schon gesagt habe. In Gedanken. In meinen Träumen. Doch immer, wenn ich an diesen Punkt kam, gab Leo mir keine Antwort.
Da hebt er die Hände. Erst zeigt er auf mich. Dann folgen ruhige, vertraute Bewegungen. Ich verstehe ihn sofort.
Ich hab dich lieb, Papa.
So hat er mich früher getröstet, wenn ich einen schlechten Tag hatte.
Ich atme aus und lege meine Hand aufs Herz.
Wir stehen uns schweigend gegenüber.
Dann ist er fort.
Es tut weh. Aber anders. Ich bin erschöpft und noch immer atemlos, doch endlich spüre ich wieder festen Boden unter den Füßen. Als ich gehe, versinkt die Sonne über dem Hafen. Ihre Strahlen vergolden das dunkle Wasser. Und zum ersten Mal seit Leos Tod habe ich nicht das Gefühl, in die Tiefe schauen zu müssen, um ihn zu finden.
V1 9166 Z
