Von Clara Sinn

Das Angebot kam ihr gerade. Recht. 

Jüngst lobten immer mehr Super-, Hyper-, Multi- und sonstige Millionäre, die alle nicht mehr wussten, wohin mit all dem Geld, „1xLebenschance“-Challenges aus. Wer seine Prüfung überlebte, stieg direkt in die auslobende Kaste auf.

Junge Frauen versuchten sich zumeist an einer dieser abgewandelten Trapeznummern, wo die sich Gegenstange mit erfolgten Absprung ruckartig um ein unberechenbares Stück zur Seite, in die Höhe oder die Tiefe verschob.

So etwas Ähnliches hatte sie auch vor. Ein Seil in schwindelerregender Höhe. Wobei sie wählen konnte. In welcher Metropole. Zwischen welchen Hochhäusern. Keine lange Strecke. Nur rekordhoch. Kein Sicherungsseil. Kein Auffangnetz. 

Irgendwie hatte sie die Ausschreibungssumme angesprochen: 4,2 Millionen. Exakt die Zahl, die sie sich selbst irgendwann einmal errechnet hatte. Als Ziffer. Für Würde.

Stand sie also

da.

Vor ihr das, zugegeben, dicke Seil. 

Sie schloss die Augen. Trat, 

eh sie es sich anders überlegen konnte, 

hinaus. Auf dieses Schwankende 

und da erfasste es sie, 

was man den Film des Lebens nennt. 

Der rückwärts lief!

Worüber sich zu wundern, sie keine Zeit hatte, denn sie war schon mitten drin in diesem Hin und Her, 

soll ich, soll ich nicht? 

Über 35 Jahre Freundschaft. Mit zwei alten Postdockameradinnen. Inklusive legendären Grill-Adventstreffs und traditioneller Wellnessauszeit zu Ostern. Bisher jedes Jahr. Wie viel hatten sie gemeinsam ausgestanden … Jobwechsel, Pflege der Eltern, eine Fast-Scheidung. Nichts davon war glatt gegangen. Aber wenn sie es recht bedachte, hatte ihre Zusammenkünfte immer sie angeleiert. Ohne, dass je etwas zurückkam. Als sie es mal gebraucht hätte. Krank darniederlag. Außer dieser erzprosaischen Empfehlung, sich an eine Hilfsorganisation zu wenden. 

Sie hatte dieses falsche Beziehungsgespinst endlich 

beendet.

Egal, wie sehr das Alter drohte, die Einsam- und Hilflosigkeit, egal, wie sie bangte, ohne Vertraute dazustehen … 

Sie hatte sich 

aufrichtig ausgesprochen. Spürte sich wieder. 

Im Lot. 

Und fand sich sofort wieder 

hin- und hergerissen, 

diesmal in der Ehe. Was, wenn sie sich trennte, was, wenn sie blieb? 

Er war völlig unzugänglich geworden. Nichts von dem, was sie einmal zusammen ins Auge gefasst hatten. Manche versackten im Alkohol, manche im Hobbykeller. Er vor dem Computer. Pornos, Games und seine heiligen Scoretabellen. Nicht ein Abend mehr, den sie gemeinsam verbracht hätten. Oder ein egal wie dürftiger Austausch. 

Sie war knapp vor der Silberhochzeit nach vier Jahren zähen Ringens

ausgezogen. 

War im erstbesten möblierten Appartement in der Stadt untergekommen. Wie als Serviererin im daruntergelegenen Nachtcafé … 

Sie hatte sich

mutig zu sich bekannt. Fühlte sich hochrecken. Erhobenen Hauptes. 

Und stand 

sogleich wieder 

vor dem 

Aus. Die Firma insolvent. Von heute auf morgen. Sie hatten intern Schmu betrieben mit den Finanzen. Und sich verzockt. Auf Kosten von 438 Mitarbeitern. Damals war sie in ihre erste Existenzkrise geraten. Was anfangen? Niemand suchte ausgerechnet sie. 

Die Arbeitslosenzahlen auf historischem Höchststand. Wie sollte sie jemals wieder Fuß fassen? 

Aber just im drohenden freien Fall 

von Misserfolg und Selbstabwertung hatte sie sich doch Hilfe zugestanden. Und tatsächlich an Land gezogen. 

Hatte zu lernen, dass es nicht ums Anfangen ging. Sondern erstmal ums Loslassen. Sie in einem handfesten Burnout steckte. Und einer ziemlichen Realitätsverleugnungskrise festhing. 

Noch vor der Insolvenz. 

Eigentlich war es von Anfang an gar nicht ihr Beruf.

Schon das Studium war ein Kompromiss. Der sich nicht ausgezahlt hatte. 

Und sie akzeptierte es. Vorbehaltlos. 

Dass sie sich verraten hatte. 

Auf der ganzen Linie.

Und …

da 

bekam sie mit einem Mal so etwas wie Boden unter die Füße, unter diesen gänzlich ins Schwimmen gekommenen Körper. Dem rudernde Arme nichts geholfen hatten.

Was sie bestärkte. Darin, dass all das keine berechtigte Veranlassung war, über sich herzufallen. Mit so automatischen wie scharfen Selbstbeschuldigungen. 

Und es vielmehr darum ging, den eigenen Abgrund zuzulassen. 

Auch wenn er sich gerade zu beiden Seiten in unabsehbare Tiefe auftut, es ist mein Abgrund. Meine Wahrheit. Gehört zu meiner Lebenswirklichkeit. Dazu. 

Und …

sie fasste sich. Ein Herz.

Fühlte sich 

einen tiefen Atemzug tun, der den Brustkorb weitete und den ganzen Rumpf wieder aufrichtete. 

Merkte, 

wie sie sich stabilisierte. Wieder fing. 

Tat, so unzaghaft wie grad nur irgend möglich, dies tastende Schrittchen nach vorn. Und gewahrte, wie ihre Zehenspitzen an etwas anstießen und 

erwachte schlagartig aus ihrem Trancefilm und 

sprang 

und rettete sich. 

Auf die Miniplattform am anderen Ende des Seils. 

Die ihr plötzlich riesig und in alle Ewigkeiten tragend vorkam. 


Zu Recht. 

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