Von Björn D. Neumann

 

Sir Percy Williams saß in seinem Büro im British Museum und studierte eine Steintafel mit phönizischen Schriftzeichen aus der Bronzezeit. In den einfallenden Sonnenstrahlen tanzte der Staub, der sich von den Bücherstapeln löste, mit denen das Büro vollgestopft war. Percy war so in seine Arbeit vertieft, dass er weder das Klopfen an der Tür wahrnahm noch die junge Dame, die unaufgefordert das Büro betrat.

»Sir Percy?« Sie fragte sich, ob der kleine glatzköpfige Mann mit Brille tatsächlich der größte Archäologe des British Empires war. Dieser hob jedoch nur abwehrend die Hand, während er mit einer Lupe weiter die Fundstücke begutachtete.

»Faszinierend, absolut faszinierend.« Mit einem Seufzer legte er das Vergrößerungsglas beiseite und hob seinen Blick zu der modisch gekleideten Brünetten. »Also gut, was führt Sie zu mir? Wenn es um Expertisen zu irgendwelchem ägyptischen Krimskrams geht, wenden sie sich bitte an Professor Smithfield. Ich habe nichts übrig für diese Modeerscheinung, bei der sich jeder für einen Hobby-Archäologen hält. Es sollte langsam auch mal gut sein. Schließlich hat Carter schon vor 20 Jahren …«

»Sir Percy, nichts dergleichen«, unterbrach sie ihn und zog einen Ausweis aus ihrer Tasche und hielt ihn ihm unter die Nase.

Percy zog die Augenbrauen hoch. »Oh, Secret Service«, staunte er. »Jetzt wird es doch interessant. Was kann ich für Sie tun, Miss Jackson?«

Eileen Jackson holte Luft. »Es geht um die nationale Sicherheit, Sir Percy. Wir haben einen Funkspruch aus Berlin abgefangen. Es scheinen sich Agenten des Deutschen Reichs in England aufzuhalten. Es war die Rede vom Codewort Stonehenge. Sagt ihnen das etwas? Wonach könnten sie suchen?«

»Es gibt viele Legenden um Stonehenge.«

»Es sind erst einmal Steine, oder? Aber Himmler ist ganz besessen von mystischen Artefakten, die Deutschland zum Endsieg führen sollen. Was kann er dort suchen?«

»Stonehenge ist tausende Jahre alt. So alt wie die Geschichte Britanniens. Kelten, Römer, Sachsen, Wikinger und Normannen. Wo wollen Sie anfangen? Ich brauche schon mehr Hinweise, Miss Jackson.«

Eileen kramte in ihrer Handtasche und holte eine zusammengefaltetes Stück Papier hervor. »Das ist der genaue Funkspruch«, sagte sie und gab Percy den Zettel.

»Codewort Stonehenge – Stopp – Vivien erhebt sich unterm Blutmond – Stopp – Caliburn bringt Lucius den Sieg«, murmelte Percy. »Interessant, sehr interessant.«

Eileen schlug mit der Faust auf den Schreibtisch. »Um Himmels Willen! Reden Sie! Was bedeutet das?«

Ohne darauf zu reagieren, fast abwesend, stand der Professor auf und durchsuchte einen Stapel alter Bücher. »Das ist es!«, rief er freudestrahlend aus und tippte aufgeregt auf eine Seite des aufgeschlagenen Buches. Eileen trat neben ihn und sah einen Kupferstich, auf dem eine Hand ein Schwert aus einem See emporstreckt.

»Ein Schwert? Schön. Und weiter?«, fragte sie genervt.

»Nein, nein!« Percy wedelte mit den Händen. »Nicht irgendein Schwert. Caliburn! Oder, worunter Sie es wahrscheinlich kennen: Excalibur!« Erwartungsvoll strahlte er sie an.

»Excalibur? Dieses Schwert im Stein aus dem Märchen?«, seufzte Eileen.

Percy verdrehte die Augen. »Erstens ist Excalibur mitnichten das Schwert im Stein. Artus erhielt es von der Herrin des Sees. Eben der Vivien aus dem Funkspruch. Zweitens ist die Artus-Legende kein Märchen.«

»Sondern?«

»Geschichte, die wissenschaftlich noch, mit Betonung auf noch, nicht belegt wurde. Somit kommen wir auf Lucius.«

»Sagt mir nichts. Ein Ritter der Tafelrunde aus … der Legende?«, fragte Eileen in gespielter Ernsthaftigkeit.

»Lucius Artorius Castus! Feldherr der römischen Legio VI Victrix, die in Britannien stationiert war«, erwartungsvoll schaute er Eileen in die Augen, die ratlos mit den Schultern zuckte. »Um Himmels Willen. Was wisst ihr jungen Leute eigentlich überhaupt noch? Dieser Legionär war mit großer Wahrscheinlichkeit König Artus!«

»Jetzt hören Sie mir mal zu! London wird bombardiert. Unsere Jungs kämpfen an allen Fronten und ich habe keine Zeit, mir Märchen, Legenden oder sonstigen Blödsinn anzuhören! Ich bin hier, um herauszufinden, ob eine Bedrohung vorliegt. Weiß Gott, warum man mir diesen Auftrag gegeben hat, aber ich jage keine Gespenster! Verstanden?«

Percy rang um Fassung. »Das sind keine Geistergeschichten. Sie sind auf mich zugekommen. Das ist meine Einschätzung. Mehr habe ich nicht zu sagen. Guten Tag, Miss Jackson.« Beleidigt setzte er sich zurück an seinen Schreibtisch und widmete sich wieder seiner Arbeit.

Eileen atmete tief durch. »Tut mir leid. Also fassen wir zusammen: Wir haben also Stonehenge, König Artus, Vivien und Excalibur. Was hat es mit dem Blutmond auf sich?«

»Vollkommene Mondfinsternis«, antwortete Percy einsilbig.

»Und weiter?«, bohrte Eileen nach.

»Es ist eine Mondfinsternis bei Vollmond und die reflektierten Strahlen der Sonne erscheinen dann rot.«

»Nichts Mystisches?«

»Nun, man sagt, dass der Blutmond Unheil ankündigt. Aber wir glauben ja keine Geistergeschichten … Ich habe allerdings einen Freund bei der Royal Astronomical Society. Den könnte ich mal fragen, wann es wieder solch eine Finsternis gibt.« Percy griff zum Telefonhörer. »Hallo, hier ist Percy. Alter Junge, wie geht es? Schön! Sag’ mal, was kannst du mir zum Thema Blutmond sagen?« Percy lauschte gespannt. »Wirklich? … Nicht dein Ernst! … Faszinierend! … Vielen Dank! Vielleicht sehen wir uns bald im Club. Bis dann« Er legte auf und strahlte. »Ha!«, entfuhr es ihm dabei triumphierend.

»Ha, was? Jetzt lassen Sie sich nicht jedes Wort aus der Nase ziehen.«

Percy fand seinen Enthusiasmus wieder. »Nächsten Donnerstag haben wir einen Blutmond!«

»Verflucht! Dann stimmt es. Wir wissen, wann und wo sie zuschlagen.«

»Nicht nur das. Dieser Blutmond ist besonders. Er steht im Widder, unter dem Einfluss von Mars. Römischer Gott des Krieges. Genau diese Konstellation ist äußerst selten. Zuletzt im Jahr 1066, als England von den Normannen erobert wurde. Davor zur Zeit der römischen Eroberung. Was schließen wir daraus?«

Eileen verengte die Augen. »Nach Ihrer Theorie, dass wir bald öfter Sauerkraut essen werden, wenn nichts getan wird! Auch wenn ich noch nicht ganz überzeugt bin, mache ich mich auf den Weg nach Wiltshire. Ich fahre nach Stonehenge.«

»Wir fahren nach Stonehenge«, intervenierte Percy.

»Bitte? Bestimmt nicht!«

»Sie glauben doch nicht, dass ich mir das entgehen lasse und wenn ich auf eigene Faust reise.«

Eileen seufzte. »Sie hören auf mich und halten sich im Hintergrund! Keine Widerworte! Keine Alleingänge!«

»Ich gehe packen!« Percy griff seinen Mantel vom Ständer und reckte einen Schirm in die Höhe.

»Womit habe ich das verdient?« Eileen blickte flehend zur Zimmerdecke.

***

Donnerstagmittag erreichten sie das The George Hotel Amesbury. Eileen parkte ihren knallroten MG T-Type direkt vorm Eingang. Am Empfang erwartete die beiden ein gelangweilt dreinschauender Portier.

»Guten Tag. Wir hatten reserviert. Sir Percy und Miss Jackson. Zwei Einzelzimmer.«

»Gewiss«, gab der Hotelangestellte spöttisch zurück und zog eine Augenbraue nach oben. »Bitte unterschreiben Sie hier. Darf ich fragen, was Sie zu uns führt?«

»Stonehenge. Ist das nicht Grund genug?«

»Nun, zu Kriegszeiten etwas ungewöhnlich.« Dann beugte er sich verschwörerisch über den Tresen und flüsterte hinter vorgehaltener Hand: »Allerdings hat sich gestern schon ein Ehepaar eingetragen, das behauptet, Vögel zu beobachten. Glaubt man es?«

»Interessant«, sagte Eileen und nahm die Schlüssel an sich.

 

»Glauben Sie, dieses Ehepaar sind die Nazis?«, fragte Percy, der zusammen mit Eileen in Deckung die Monolithen von Stonehenge beobachtete. Eileen senkte das Fernglas und schaute Percy an.

»Es ist jedenfalls verdächtig«, flüsterte sie. »Und jetzt Ruhe! Oder wollen Sie, dass man uns entdeckt?«

Die Nacht war sternenklar und kein Lüftchen regte sich. Langsam schob sich der Schatten der Erde vor den Mond, der heute besonders nah zu sein schien. Und tatsächlich tauchten die Sonnenstrahlen ihn in ein rotes Licht.

»Haben Sie das gesehen, Eileen? Da ist jemand!« Aus dem Dunkel traten zwei Personen in den Steinkreis.

Eileen zog ihren Enfield-Revolver aus der Tasche. »Sie bleiben hier, Sir Percy. Keine Widerrede!«

»Was haben Sie mit der Waffe vor?«

»Soll ich die Nazis mit Wattebäuschchen aufhalten?«

Langsam schlich Eileen Richtung Steinkreis. Dort angekommen, verbarg sie sich hinter einem der Monolithen. Der Schatten hatte jetzt fast den ganzen Mond bedeckt. Der Kreis füllte sich mit einem überirdischen roten Licht und die Oberfläche des Bodens schien sich wellenartig, der Oberfläche eines Gewässers gleich, zu bewegen. Die Pistole im Anschlag trat Eileen aus ihrem Versteck.

»Hände hoch. Alle beide.« Sie zog zwei Paar Handschellen aus der Tasche, als sich auf dem schimmernden Boden etwas regte. Für einen Moment war Eileen abgelenkt und der Mann stürzte sich auf sie und sie gingen zu Boden. Ein kurzer Ringkampf und ein Schuss löste sich. Für einen Moment schien die Zeit still zu stehen. Dann erschlafften die Muskeln ihres Gegners und sie konnte sich aus der Umklammerung befreien. Diesen Augenblick nutzte die Frau, um ihr den Revolver aus der Hand zu treten. Mit einer mörderischen Grimasse zog sie eine P38 und richtete sie auf Eileen, die immer noch auf dem Boden lag und den tödlichen Schuss erwartete. Dann brach die Spionin zusammen. Hinter ihr stand ein grinsender Sir Percy, der sie mit seinem Regenschirm niedergestreckt hatte.

Percy reichte Eileen die Hand, um ihr aufzuhelfen, doch die wies mit ihrem Zeigefinger auf die Mitte des Steinkreises. Ein Frauenarm hielt ein Schwert aus dem Kreis empor und versank langsam wieder im Zentrum.

»Schnell, Percy, greifen Sie Excalibur!«

Er rannte los. Zu spät. Arm, Schwert, das seltsame Licht und die schimmernde Oberfläche waren verschwunden. Stonehenge war wieder in das silberne Licht des Vollmonds getaucht.

Während Eileen die Frau fesselte, fragte sie Percy: »Na, traurig?«

»Wer weiß, wofür es gut ist. Und sei es nur, um Sie von Märchen zu überzeugen. Apropos: Wussten Sie, dass es Hinweise zu Merlins Zauberstab gibt?«

 

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