Von Florian Ehrhardt

  1. August

Die drückende Hitze des Münchner Sommers hat aus der Dachgeschosswohnung einen Glutofen gemacht. Erst jetzt, wo sich die Sonne langsam senkt, wären die Temperaturen wieder aushaltbar, aber die Pflicht ruft mich. Ich ziehe die abgewetzte Hose und ein einfaches Hemd an, fahre mir ein, zweimal mit dem Kamm durch die vom unruhigen Schlaf zerzausten Haare und springe aus der Tür ins Treppenhaus. Die dritte Stufe von unten knarzt ganz fürchterlich, ich trete besonders vorsichtig auf, um kein unnötig aufsehenerregendes Geräusch zu verursachen. In den knapp drei Wochen, die ich hier nun wohne, hat sich der immergleiche Ablauf des Abends in mein Gehirn eingebrannt.

Am Hofportal tritt genau das ein, was ich befürchtet hatte, meine Vermieterin verbaut mir den Weg: „Ach, der Herr Erfinder, wohin san Sie denn unterwegs zu so ‘ner späten Stunde?“

Ich wische mir eine Schweißperle von der Stirn und sehe betreten zu Boden. „Muss nur noch kurz etwas frische Luft schnappen“, murmele ich.

„So!“, sagt sie, während ihr Zeigefinger bedrohlich vor mir auf- und abwackelt. „Dass der Damenbesuch in unserem Hause nicht gestattet ist, wissen‘s aber schon, darauf brauch ich Sie ja ned nochmal hinzuweisen, oder?“, fragt sie und versucht, sich zu einem Zwinkern zu zwingen.
Die kalten Blitze aus ihren Augen sagen mir aber, dass sie es todernst meint. Vielleicht sollte ich mir sowieso eine billigere Bleibe suchen. „Natürlich nicht“, erwidere ich so unterwürfig wie möglich.

Sie verschränkt die Arme: „Besser is. San gefährliche Zeiten.“

„Richtig“ erwidere ich knapp.

Sie hebt verschwörerisch eine Augenbraue. „An Krieg liegt in der Luft.“

Nicht, wenn ich es verhindern kann, würde ich am liebsten schreien, aber ich möchte sie nicht noch misstrauischer machen. Stattdessen nicke ich kurz und husche dann mit einem „Ade, Frau Maier“, davon, bevor sie mich noch länger unnötig aufhalten kann. Die Zeit drängt.

 

  1. Oktober

Bilde ich mir das ein, oder zwinkert mir die süße Kellnerin immer wieder zu, während sie meine Bestellung aufnimmt?

„Das gleiche wie immer?“, flötet sie.

Ich nicke stumm, habe keine Lust, auf sie einzugehen. Ich kann mir keine Ablenkung mehr leisten und fixiere angestrengt irgendeinen Punkt auf dem Tisch vor mir. Erst als sie drei Tische weiter ist, wage ich es wieder, meinen Blick schweifen zu lassen. Eigentlich das gleiche Bild wie an jedem Abend, viele Arbeiter, ein paar Studenten, kaum Familien. Und ich. Der Mann, der die Welt verändern muss, weil es sonst niemand tut.

„So, die Knödelsuppe und die Halbe!“, reißt mich aus meinen Gedanken.

Ich bedanke mich kurz und esse dann so langsam wie möglich, aber schnell genug, um kein Aufsehen zu erregen. Das Ritual läuft mittlerweile reibungslos ab.

 

Sechs Stunden später ist meine Arbeit für heute Nacht fast getan. Ich begutachte die Aushöhlung und bin sogar ein wenig stolz auf mich. Der Zeitplan wird halten, in diesem Tempo habe ich sogar einige Tage Puffer, um den Sprengstoff anzubringen. Auch der nächste Arbeitsschritt ist schon längst Routine geworden und ein paar Minuten später sieht die Säule wieder so unscheinbar aus wie zu Beginn des Abends. Nach einer winzigen Korrektur mit dem Spachtel lasse ich die Überreste an Schutt und Mörtel in meiner Tasche verschwinden, schon die kleinste Spur könnte fatal sein. Beim Aufstehen fährt mir der Schmerz durch den Körper, die Arbeit auf Knien verlangt mir jeden Tag noch mehr ab. Ich werfe einen letzten, prüfenden Blick auf mein nächtliches Werk und schleppe mich zurück auf die Münchner Straßen, die von der Dunkelheit verschluckt werden. Irgendwo schlägt eine Turmuhr, aber ich bin so müde, dass ich mich verzähle. Je länger diese Arbeit geht, desto mehr spüre ich sie in meinen Knochen. Zum ersten Mal seit langer Zeit habe ich keine Angst, durch mein Verhalten aufzufallen: In diesem Zustand wäre es ein leichtes, den Alkoholiker zu mimen, der auf dem Abort eingeschlafen ist und sich jetzt zurück zu seiner Bleibe schleppt. Genug Anschauungsmaterial gab es ja daheim, denke ich bitter.

 

  1. November

Scheiße! Scheiße! Scheiße! Mein Puls rast. In meiner Brust springt das Herz so stark auf und ab, dass man es meilenweit hören müsste.

Nochmal schneidet der Ruf durch die Dunkelheit: „Ist da jemand?“

Ich versuche, meine Anspannung zu kontrollieren. Atme noch flacher. Drücke mich gegen die Wand. Wenn ich jetzt entdeckt werde, ist alles aus.

„Paul, vergiss es, bestimmt wieder nur eine Ratte“, beschwichtigt die zweite Stimme.

„Und wenn nicht? Du hast das Geräusch doch auch gehört, Rudi! Und du weißt genau, was hier in drei Tagen stattfinden soll!“

Mein schweißklebrigen Hände umschließen den Zeitzünder. Keiner der beiden weiß, was hier in drei Tagen stattfindet.

Wieder huscht der schummrige Schein der Taschenlampe über die Wände, wieder verfehlt er mich um Haaresbreite.

„Na gut, lass uns gehen“, sagt die Stimme, die Paul gehören muss.

Noch einmal halte ich die Luft an, als die Schritte viel zu nah an meinem improvisierten Versteck vorbeistapfen und sinke in mich zusammen, als die Gefahr gebannt scheint. Ich zähle bis dreihundert, bevor ich mich traue, eine größere Bewegung zu machen. Soll ich es trotzdem heute versuchen? Selbst in der Dunkelheit, die mich meine Hände nur schemenhaft erahnen lässt, erkenne ich, wie sehr sie zittern. Wenn ich heute einen Fehler mache, war die ganze Arbeit der letzten Monate umsonst. Der immergleiche Ablauf, die schlaflosen Nächte, das Geheimnis, das immer stärker auf meiner Brust liegt. In diesem Zustand bringe ich es nicht perfekt hin. Morgen muss und wird es klappen.

 

  1. November

Der Grenzbeamte sieht mich misstrauisch an: „Warum haben Sie denn so dringend ausreisen wollen, dass sie es mitten in der Nacht versuchen und währenddessen eine Beißzange bei sich tragen?“

„Verwandtschaftsbesuch“

„Wo?“ Ein müdes Lächeln umspielt seine Lippen.

„Zürich“, sage ich, „mein Onkel wohnt dort“, lüge ich.

Er blättert durch meine gefälschten Papiere, während mein nervöser Blick immer wieder zur Wanduhr wandert. Weniger als eine halbe Stunde bis zur Detonation.

„Warum haben Sie mich angelogen, als ich Sie vorhin angehalten und gefragt habe, wo Sie hinwollen?“ Das Lächeln ist verschwunden.

Warum eigentlich? Ich hätte sofort versuchen sollen, in die Freiheit zu rennen, aber der Anblick des Karabiners hat mich zu sehr gelähmt. Ich habe keine Antwort.

„Warum hatten Sie Teile eines Zünders bei sich?“

„Aus Versehen von der Arbeit mitgenommen“, murmele ich leise. Warum habe ich sie nicht einfach in den Bodensee geworfen?

„Und die Postkarte mit dem Motiv des Bürgerbräukellers? Das Abzeichen der Rotfront? Was wollten Sie damit in der Schweiz?“ Seine Stimme wird lauter, droht, sich zu überschlagen.

„Die Postkarte ist für meinen Onkel“, sage ich, um Zeit zu gewinnen.

„Und das Abzeichen?“

„Trage ich aus Sympathie bei mir“, sage ich trocken. Mein Schicksal ist sowieso bald besiegelt.

Der Beamte schnaubt kurz. „Wir werden Sie der Grenzpolizei übergeben müssen. Die Kollegen entscheiden morgen, wie es mit Ihnen weitergeht.“

Ich schlucke. Jetzt kann ich nur noch warten. Kurz wandern meine Gedanken nach München. Die Uhr tickt. Und mit ihr der Zeitzünder. Ich erlaube mir einen leisen Anflug von Optimismus und lasse mich widerstandslos mitnehmen. 

 

Georg Elser wurde am 9. April 1945 im Konzentrationslager Dachau heimlich und ohne Gerichtsurteil ermordet, 20 Tage vor der Befreiung des Lagers durch US-Truppen. Mit der bedingungslosen Kapitulation der Wehrmacht einen knappen Monat später endete die nationalsozialistische Gewaltherrschaft, die Elser mit seinem Attentat im Münchner Bürgerbraukeller bereits im November 1939 zu stürzen versucht hatte.

 

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