Von Marielle Lemmer
Meine Ohren sind das größte Geschenk in der Dunkelheit. Sie zeichnen ein Bild von der Wohnung, wenn meine Augen versagen – wenn ich mich verstecke und leise warte; lauere; hoffe und verzweifle. Warte, bis die Dunkelheit endet und die Wohnung wieder still ist. Still auf die sichere Art.
Ungefähr so würde ich meine Memoiren aus meiner Kindheit schreiben. Auch wenn ich weiß, dass die Worte zu erwachsen für ein Kind klingen. Trotzdem sind sie wahr; fühlen sich richtig an. Die Angst eines Kindes geschrieben mit den Händen eines Erwachsenen.
Meine Ohren sind das größte Geschenk in der Dunkelheit und die schlimmste Qual in der Nacht. Sie reißen mich aus meinem Schlaf bei Geräuschen, die zu ähnlich klingen – und sie spielen die Grundmelodie meiner Albträume.
Aber wer würde meine Memoiren schon lesen? Es gibt viele Kinder wie mich – Erwachsene, die mittlerweile keine Kinder mehr sind, der Gefahr entkommen. Bei denen man denkt, sie seinen frei und gerettet, doch gleichzeitig vergisst, dass ihre Ohren Tag und Nacht weiterlauschen.
Das Knarren der Treppen. Ein Rütteln an der Türklinke. Glas, das zerbricht, gefolgt von unterdrücktem Schluchzen. Gelegentlich sind es Schreie; die meiner Mutter, die mich vom Schlafen abhalten und später in meinen Träumen widerhallen.
Aber wie bringt man etwas zum Schweigen, das so viel erzählt? Wie schafft man es, zu verstehen, zu erinnern, zu vergessen, wenn man so viel hört, doch selbst nicht gehört wird? Manchmal wünsche ich mir taub zu sein, obwohl ich weiß, dass darin ein viel dunklerer und tieferer Schrecken liegt.
Das Platzen von Nähten, das Reißen von Stoff; ein lustvolles Seufzen. Laute, die stets in die Dunkelheit führen, in der selbst meine Ohren taub sind. Die mich einhüllen, bis alle Sinne verstummen, sogar meine Erinnerungen.
Zurück bleibt nur ein Gefühl. Ein Flüstern aus der Vergangenheit, das an meiner Wahrnehmung kratzt und mich aus der Realität reißt – ich seufze und löse meine verkrampften Finger von dem Stift. Streiche über die geschriebenen Worte und beobachte, wie sich die Schatten der blauen Tinte auf dem Papier verteilen. Langsam strecke ich mich, höre das Knacken meiner Gelenke, und versuche das Ziehen in meiner Brust abzuschütteln; dann gehe ich zum Kühlschrank, um eine Einkaufsliste zu machen.
Meine Finger klammern sich an die Henkel der Tragtasche; dabei summe ich ein Lied, um die vielen Geräusche des Ladens zu übertönen. Dieses stetige Rascheln und Knittern und Schaben.
Ich hasse es Musik zu hören; nichts zu hören. Ein Grund, warum die Kinder in der Schule mich komisch finden und ich oft allein bin.
Erleichtert sitze ich am Schreibtisch, schließe meine Augen und genieße das Fernbleiben von Geräuschen, die mich zusammenzucken lassen. Ein Zustand, der mein überreiztes Nervensystem beruhigt und mir erlaubt, durchzuatmen – doch Stille kann vieles sein. Alles sein. Wohltuend und schrecklich zugleich.
Stunden, in denen ich hinter der Waschmaschine kauere. Wenn nur mein eigener Atem in den Ohren klingt; wenn jeder Laut mein Herz höherschlagen lässt, während ich es anflehe, leise zu sein.
Die Stille als treuer Begleiter in meinem Leben. Sie hat nie aufgehört, sich mit dem Älterwerden nur verändert; angepasst. Diese kleinen Pausen in Gesprächen, wenn ich gefragt werde, wie es mir geht; mein Wissen, dass zu viel Ehrlichkeit abschreckt. Seit Jahren versuche ich, meinen Platz zu finden – doch die Gesellschaft will, dass man als Kind redet, aber als Erwachsener schweigt.
An manchen Tagen hoffe ich auf die Stille, an anderen Tagen fürchte ich sie.
Seufzend denke ich an die vielen Menschen wie mich und daran, dass ich nichts Besonderes bin; spüre das plötzliche Echo von etwas, das ich nicht wagen würde, aufzuschreiben. Das nur in den dunklen Ecken meines Bewusstseins existiert und dennoch leise in meinen Ohren widerhallt: Zufriedene Stimmen, raschelndes Geld. Geräusche des Verrats, gefolgt von dem Klirren einer Gürtelschnalle und dem langsamen Schaben eines Reißverschluss.
Ein Schütteln erfasst mich; ich zerknülle das Papier und werfe es mit zitternden Händen weg – denn wer würde meine Memoiren schon lesen wollen?
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