Von Marielle Lemmer
Meine Ohren sind das größte Geschenk in der Dunkelheit. Sie zeichnen ein Bild von der Wohnung, wenn meine Augen versagen – wenn ich mich verstecke und leise warte; zittere; hoffe und verzweifle. Warte, bis die Dunkelheit endet und die Wohnung wieder still ist. Still auf die sichere Art.
Ich setze den Stift ab und betrachte die Zeilen; blau geschriebene Worte auf weißem Papier – ungefähr so würde ich meine Memoiren aus meiner Kindheit schreiben. Auch wenn ich weiß, dass die Worte zu erwachsen für ein Kind klingen. Trotzdem sind sie wahr, fühlen sich richtig an. Die Angst eines Kindes geschrieben mit den Händen eines Erwachsenen.
Meine Ohren sind das größte Geschenk in der Dunkelheit und die schlimmste Qual in der Nacht. Sie reißen mich aus meinem Schlaf bei Geräuschen, die zu ähnlich klingen – und sie spielen die Grundmelodie meiner Albträume.
Aber wer würde meine Memoiren schon lesen? Es gibt viele wie mich. Erwachsene, die keine Kinder mehr sind. Der Gefahr entkommen, frei und gerettet, mit der Chance groß zu werden. Dennoch haben unsere Ohren nie aufgehört, zu lauschen – verfolgt von Geräuschen, die damals wie heute existieren.
Unwillkürlich zuckt meine Hand zu meinem Kopf, doch ich lasse sie wieder sinken.
Das Knarren der Treppen. Ein Rütteln an der Türklinke. Glas, das zerbricht, gefolgt von unterdrücktem Schluchzen. Gelegentlich sind es Schreie; die meiner Mutter, die mich vom Schlafen abhalten und später in meinen Träumen widerhallen.
Aber wie bringt man etwas zum Schweigen, das so viel erzählt? Wie schafft man es, zu verstehen, zu erinnern, zu vergessen, wenn man so viel hört, doch selbst nicht gehört wird? Manchmal wünsche ich mir taub zu sein; mich von der Welt auszuschließen; meine Ohren einfach verschwinden zu lassen – so wie meine Mutter es wieder und wieder getan hat.
Krachend fällt die Tür ins Schloss. Meine Mutter geht. Wohin, weiß ich nicht. Bei Fragen ernte ich nur Schweigen – und die Aufmerksamkeit meines Vaters, der plötzlich meine geheimsten Verstecke findet.
Meine Mutter verschwand und kam zurück – verschwand und kam zurück – und meine Ohren wurden zum einzigen Schutz zwischen mir und meinem Vater. Zwischen mir und der Dunkelheit. Jedes Mal war es wie ein plötzliches Verschwinden meiner Selbst. Vor der Realität. Vor ihm – denn ich verschwand; meine Mutter verschwand. Und wir beide kamen irgendwann zurück.
Ich schlucke und starre auf die Wörter. Bebend schreibe ich weiter. Meine Schrift wird krakeliger, dennoch bleibt sie klar lesbar; hörbar.
Trampelnde Füße. Das Platzen von Nähten, das Reißen von Stoff. Ein lustvolles Seufzen. Geräusche, die alles betäuben. Die mich einhüllen, bis alle Sinne verstummen. Sogar meine Erinnerungen.
Trotz Dunkelheit bleibt etwas zurück; ein dezentes und zugleich mächtiges Gefühl. Wie ein Flüstern aus der Vergangenheit, das an meiner Wahrnehmung kratzt. Mich wegreißen will, einholen will, überwältigt – abrupt halte ich inne. Bemühe mich, hier zu bleiben. Im Jetzt. Langsam löse ich meine verkrampften Finger von dem Stift und streiche über die geschriebenen Worte. Beobachte, wie sich die Schatten der blauen Tinte auf dem Papier verteilen. Höre das Knacken meiner Gelenke, als ich mich strecke. Seufzend beschließe ich, eine Einkaufsliste zu machen.
Im Laden klammern sich meine Finger an die Henkel der Tragtasche. Ich summe ein Lied, um die vielen Geräusche zu übertönen. Das Rascheln von Produkten in Tüten. Das Quietschen der Räder der Einkaufswägen. Das Klappern von Kisten und Paletten. Das Murmeln der Leute; das Piepsen am Kassenband, das Schaben der Warentrenner, klirrende Münzen – Rauschen.
An manchen Tagen hoffe ich auf die Stille, an anderen Tagen fürchte ich sie.
Mein Atem wird ruhiger, gleichmäßiger. Ein flüchtiges Lächeln schleicht sich auf meine Lippen, als ich mit geschlossenen Augen am Schreibtisch sitze; die Ruhe genieße, den Stift locker in der Hand. Ich erlaube mir, tief Luft zu holen. Meinen Kopf zu leeren und den Lärm der Welt zu vergessen – bis meine Gedanken wandern. Zu der Stille, die mich umgibt; schon immer umgeben hat. Der Griff um den Stift verfestigt sich und wie von selbst erscheint eine Szene aus meiner Kindheit auf dem Papier.
Ich hasse es, Musik zu hören. Nichts zu hören. Ein Grund, warum die Kinder in der Schule mich komisch finden und ich oft allein bin.
Stille kann so vieles sein. Alles sein. Wohltuend und schrecklich zugleich. Etwas, das man braucht, will, haben muss! Und etwas, das man verabscheut. Sie ist Sicherheit; Unsicherheit – und das Gefühl von lauernder Gefahr.
Stunden, in denen ich hinter der Waschmaschine kauere. Wenn nur mein eigener Atem in den Ohren klingt; wenn jeder Laut mein Herz höherschlagen lässt, während ich es anflehe, leise zu sein.
Stille, die mich umgibt und einfach nicht loslassen will. Sie hat nie aufgehört, sich mit dem Älterwerden nur verändert. Diese stummen Sekunden in Gesprächen, wenn ich gefragt werde, wie es mir geht. Mein Wissen, dass zu viel Ehrlichkeit die Menschen abschreckt. Ich möchte Teil von etwas sein, mich erklären, reden – reden soll man jedoch nur als Kind. Aber wie hätte ich früher etwas sagen sollen? Ich durfte es nicht; konnte es nicht. Ich war voller Angst, alles zu verlieren – auch wenn das, was ich hatte, schrecklich war. So war es doch alles, was ich hatte.
Ich betrachte den Stift in meiner Hand; es ist ein Füller aus meiner Schulzeit.
Die Tür schließt sich mit einem leisen Klacken, als ich von der Schule komme. Sofort höre ich hitzige Stimmen; die meiner Eltern in dem altbekannten Streit um Geld. Als mein Name fällt, keuche ich auf – mit dem Glauben, der Hoffnung, dem verzweifelten Wunsch, mich verhört zu haben.
Sätze, die längst verhallt sind und dennoch in meinem Kopf flüstern. Worte, deren Klang ich nie vergessen habe. Unwillkürlich denke ich an mein erstes Bewerbungsgespräch zurück. An mein brüchiges Stammeln, als ich etwas gefragt wurde, mit dem ich nicht gerechnet hatte – eine Frage, bestehend aus den falschen Worten, in einem zu ähnlichen Tonfall. Erinnerungen voller Scham durchfluten mich; das skeptische Räuspern der beiden Männer, die mir gegenübersaßen. Ihre schnell ausgetauschten Blicke. Mein verkrampftes Lächeln, um den Schock zu verbergen, und die schleichende Erkenntnis, dass ich das Bürogebäude nie wieder betreten würde. Egal, wie gut mein Abschluss war.
Erschöpft lege ich den Kopf in meine Hände. Versuche meine Gedanken zu leeren – zu leeren. Endlich loszulassen!
Laute Bässe dröhnen durch das gekippte Fenster; ich zucke zusammen. Schnell blicke ich über die Schulter mit dem nervösen Gefühl, etwas überhört zu haben.
Ich runzle die Stirn; im Hintergrund höre ich einen Beat. Mein Blick wandert von dem Papier zum offenen Fenster – bis mir klar wird, dass sich etwas vermischt hat. Seufzend stehe ich auf, schließe das Fenster und sperre die Musik aus; setze mich wieder an den Schreibtisch. Nehme den Stift, um den letzten Abschnitt durchzustreichen – dann höre ich es. Das Echo von etwas, das ich nicht einmal wagen würde, aufzuschreiben. Das nur in den dunkelsten Ecken meines Bewusstseins existiert und dennoch in meinen Ohren klingt.
Zufriedene Stimmen und raschelndes Geld. Geräusche des Verrats, die durch das kleine Zimmer hallen; der Beweis, dass ich mich nicht verhört habe. Ein leises Wimmern schlüpft aus meinem Mund. Gefolgt von dem Klirren einer Gürtelschnalle und dem langsamen Schaben eines Reißverschlusses; und dem Schließen der Tür.
Ein Schauer erfasst mich; der Füller rutscht aus meiner Hand. Mit bebenden Fingern und zittrigem Atem zerknülle ich das Papier und werfe es weg – denn wer würde meine Memoiren schon lesen wollen?
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