Von Franck Sezelli
Es war einmal ein wunderschönes Königreich mit klugen Bewohnern, einer attraktiven Landschaft, mit schönen Städten und Dörfern und vielen Nachbarländern.
Das Land nannte sich Eitlreich und wurde regiert von König Klaus dem Großen. Die Bauern und Handwerker, alle Bürger des Königreichs waren fleißig und konnten ein gutes Leben führen. Sie waren königstreu und zahlten die Steuern, wie es das Gesetz verlangte, pünktlich und ohne Murren. Klaus der Große war auch klug genug, von seinen Untertanen nicht zu viel zu verlangen, sondern so, dass es für das Wohl des Reichs langte, aber auch die Bürger genug für sich behalten konnten.
So herrschte für lange Jahre eine gute Stimmung im Land, die Leute waren im Wesentlichen zufrieden. Das traf auch auf Otto Wendel und seine Frau Adelhaid zu. Otto war der führende Redakteur des Tagesanzeigers, wie sich die große Zeitung der Opposition nannte. Nun, wie gesagt, viel zu opponieren gab es lange Zeit nicht im Land, aber die Bürger lasen gern von den kleinen Skandälchen der Reichen, von Klatsch und Tratsch und kleinen Betrügereien der Minister und anderer führender Köpfe. So etwas gab es auch damals in den besten Königreichen der Welt so wie heute ein bisschen Streit in jeder normalen Familie. Jedenfalls hatte der Tagesanzeiger immer viel mehr Leser als die Eitler Postille, die als dem König absolut verpflichtet galt.
Das lief alles solange gut, bis eines Tages der schon länger schwelende Zwist zwischen Großkönig Ludewig, der Herrscher im großen Nachbar Sarenland war, und dessen Vetter Fürst Conrad offen ausbrach. Sarenland wollte lange zurückliegende Geschehnisse, die Ludewig als ungerecht empfand, rückgängig machen und bedrängte darob sein kleineres Nachbarland Swarzia.
Das brachte auch Unruhe nach Eitlreich, denn Klaus der Große entschied sich dafür, Partei für Fürst Conrad zu nehmen, obwohl er und Eitlreich bis dahin zwar nicht freundschaftliche, aber sehr fruchtbare Beziehungen mit Ludewig und dem Sarenland unterhalten hatten. Die Bürger wurden angesichts der Folgen der Verschlechterung der Beziehungen zum großen Nachbarland bald unzufrieden. Auf die Märkte der Städte kamen keine sarenländischen Händler mehr. Beliebte Waren, an die sich die Eitler gewöhnt hatten, gab es auf einmal nicht mehr. Die meisten Leute waren so naiv zu fragen: »Was geht uns der Streit dieser Vettern an? In fremde Familienangelegenheiten soll man sich nicht einmischen.«
Die Eitler Postille brachte Artikel, die erklärten, dass Ludewig und Conrad gar keine echten Vettern sind, es diese Familie so also gar nicht gibt. Es war demnach ein heftiger, zum Teil sogar blutrünstiger Kampf zwischen fremden, verfeindeten Herrschern und ihren Ländern. Andere Beiträge in dieser Zeitung lobten den König darin, den Schwächeren der beiden Streitenden zu unterstützen.
Der Tagesanzeiger erlebte eine Blütezeit, endlich konnte er so richtig opponieren. Unabhängig davon, ob dies auch so stimmte, behauptete er, dass der König hauptsächlich deshalb zu Conrad hält, weil die Eitler Heerführer, die Waffenschmiede, Wagenbauer und die Pferdezüchter ihn massiv dazu aufgefordert hätten. Sie erhofften sich große geldbringende Aufträge, wenn das Königreich dem Fürstentum Swarzia militärisch beistünde. Die Schreiberlinge des Tagesanzeiger versuchten mit verschiedenen alten Histörchen aus der Verwandtschaft von Ludewig und Conrad den Lesern ihres Blattes weiszumachen, dass die zwei Herrscher doch zu derselben Familie gehörten. Damit bestärkten sie die Meinung vieler Bürger von Eitlreich, die meinten, dieser Krieg ginge sie nichts an.
Adelhaid ging ihrem Gatten um den Bart und lobte ihn ob der stark gestiegenen Leserzahl seiner Zeitung, machte ihn aber gleichzeitig neidisch auf seinen Konkurrenten Hubert Goldmann von der Eitler Postille. »Sieh mal, mein liebster Otto, was die Frau von diesem dummen Goldmann für kostbare Kleider trägt. Solche hast du mir noch nie gekauft. Und hast du dir mal überlegt, ob das gerecht ist, dass die Goldmanns in dieser großen Villa leben und wir in unserem bescheidenen Häuschen? Und das, obwohl du bestimmt drei Mal so viele Leser hast wie diese ärmliche Postille!«
»Aber, liebe Adelhaid, ich wusste gar nicht, dass du so unglücklich bist und so neidisch auf diese Goldmanns. Du weißt doch, dass die Eitler Postille vom Königshaus bezahlt wird und nicht von den Zeitungsverkäufen lebt wie wir.«
»Das ist ja das Ungerechte!«
Niemand hat es je erfahren, was danach gelaufen ist. Man sah Adelhaid auf dem Markt mit Mächthilt zusammenstehen und lange schwatzen. Mächthilt kannte jeder in der Stadt, sie war einflussreich, denn sie war die Frau von Linhart, der Minister beim König war. Linhart wurde nicht ohne Grund der Schlaue genannt.
Kurze Zeit später bekam der führende Schreiber des Tagesanzeigers, der Bürger Otto Wendel, unerwarteten Besuch. Es war bereits dunkle Nacht, als es an seiner Tür schellte. Ein Bote überbrachte ihm die Bitte, noch in dieser Nacht den Berater des Königs Minister Linhart den Schlauen aufzusuchen. Das tat Otto selbstverständlich, denn die Bitte eines könglichen Ministers ist eine Bitte des Königs. Auch wenn er die Oppositionszeitung führte, war er doch königstreu.
Noch in derselben Nacht weckte er seine Frau. »Wenn du willst, meine liebe Adelhaid gehen wir morgen zum königlichen Hofschneider und lassen dir ein wunderschönes Kleid machen. So wie es dir gefällt und tausendmal schöner als die Kleider von der aufgeputzten Goldmann.«
Adelhaid rieb sich die Augen und fragte: »Was ist denn in dich gefahren? Woher der Sinneswandel? Wo warst du eigentlich? Hast du einen Schatz gefunden? Oder hat dir jemand etwas geschenkt?«
»Geschenkt nicht gerade, ich muss schon etwas dafür tun. Das sollte mir aber nicht so schwer fallen. Wir werden reich sein!«
In der nächsten Sonntagsausgabe des Tagesanzeigers erschien ein groß aufgemachter Artikel unter der Überschrift: Der wahre Charakter des Großkönigs Ludewig. Otto selbst als führender Redakteur schrieb darin über das Leben des Herrschers von Kindheit an bis heute. Ludewig wurde als ein äußerst zänkisches Kind beschrieben, der seinen Eltern und Geschwistern das Leben sehr schwer gemacht hatte. Er widersetzte sich den guten Ratschlägen seiner Eltern und fiel durch aggressives Verhalten zu seinen Brüdern und Schwestern auf. Er vollführte schlimme, oft zerstörerische Streiche, die er heimtückisch als die von anderen ausgab. Seine Gouvernanten wechselten oft, weil sie es mit ihm nicht aushielten.
Auch nach seiner Thronbesteigung zeigte sich sein durch und durch egoistischer Charakter im Umgang mit den Angehörigen seines Hofes und noch mehr mit den Bediensteten. Nur hinter vorgehaltener Hand wagten es einige, über die Ungerechtigkeiten zu berichten, die Otto in seinem Artikel widergab.
Die Leser waren über die Enthüllungen ihrer Zeitung sehr erstaunt, aber sie glaubten natürlich ihrem vertrauten Blatt.
Bald konnten die Eitler Bürger in ihrer Zeitung lesen, dass der Streit zwischen Ludewig und Conrad schon lange vorbereitet war. Das einzige Ziel des aggressiven Großkönigs wäre, sein kleines Nachbarland zu vernichten.
Mit Befremden nahmen die Leser zur Kenntnis, dass Ludewig die Zucht der kräftigen Arbeitspferde überall in seinem Land mit viel Geld unterstützte. Diese Kaltblüter waren imstande, schwere Wagen und vor allem die modernen Kanonen zu ziehen, die der Großkönig vom Kaiser von China gekauft hatte.
In der Folge dieser Berichte über das ehemals so bewunderte Sarenland hatten die Bürger von Eitlreich ein Einsehen, als ihr König die Steuern erhöhen musste. Mit Stolz schickten viele Bauern ihre Söhne, sogar die Erstgeborenen, zu den Soldaten. Das Land sollte sich verteidigen können, wenn es dem blutrünstigen Ludewig einfallen sollte, einen Krieg mit Eitlreich anzuzetteln.
Ein paar Jahre später saß Otto mit seiner Adelhaid auf der Terrasse ihrer Villa und schauten stolz in ihren parkähnlichen großen Garten.
»Ich bin froh, dass ich so einen tüchtigen Ehemann habe«, sagte Adelhaid voller Bewunderung zu Otto.
»Ich weiß immer noch nicht so recht«, murmelte Otto leise vor sich hin, »aber Linhart der Schlaue hat mir klargemacht, dass sich Moral selten in bare Münze umsetzen lässt, als er mir eines Nachts sein denkwürdiges Angebot unterbreitet hatte …«
V1 8224 Z.
