Von Agnes Decker
Zwischen den Köpfen tauchte sein Gesicht auf. Er war nicht gut gealtert. Die Jahre hatten seine Züge aufgeweicht und die Mundwinkel nach unten gezogen. Trotz des teuren Anzugs wirkte er nicht wirklich elegant. Und obwohl er ständig lachte, strahlte er etwas Unangenehmes aus. Jemand, mit dem man am liebsten nicht viel zu tun haben wollte. Erstaunlich, dass man gerade ihn zum Oberbürgermeister wählte.
Aber bald war es ja vorbei.
Hinter ihm erhob sich die Bühne mit dem goldfarbenen Samtvorhang. Davor, zwischen mannshohen Pflanzen, das Rednerpult.
„Darf ich mal?“ Lenas zu einem Lächeln verzogene Mundwinkel schmerzten. Ebenso wie die Füße in den neuen Schuhen.
Langsam arbeitete sie sich vor, bis nur noch ein plauderndes Pärchen sie von ihm trennte. Das Klingeln der aneinanderstoßenden Sektflöten schrillte ihr in den Ohren. Überhaupt tat heute alles weh: das Licht der Kronleuchter, das Lachen, die Männerstimmen, die Klaviermusik, der Parfüm- und Alkoholdunst.
Ein Schritt noch. Dann stand sie vor ihm. So dicht, dass sie die Mitesser mit den weißen Stippeln auf seiner Nase erkennen konnte.
„Was willst du?“, flüsterte er so leise, dass Lena ihn gerade noch verstehen konnte.
Er hatte sie erkannt. Nach all den Jahren. Seine Augen sahen noch immer aus wie schmutzige, schmierige Pfützen. Sie roch den Alkohol in seinem Atem. Und seinen stechenden Schweiß. Damals hatte er den Geruch eines wilden Tieres gehabt, heute stank er nach Angst. Ein Tropfen lief ihm über die Stirn bis ins Auge. Er wischte ihn schnell weg. In diesem Moment konnte sie seinen Blick einfangen, ganz kurz, bevor seine Pupillen wieder unruhig hin- und herschauten.
Sie hatte ihn. Da, wo sie ihn haben wollte.
Was…?“ Seine Stimme zitterte.
Sie schwieg. Sah zu, wie seine Mundwinkel zuckten, seine Augen keinen Halt fanden. So war das also, wenn man auf der anderen Seite stand. Allmählich begann sie, es zu genießen.
Eine Frau trat hinzu und nahm ihm beim Arm. „Entschuldigen Sie“, sagte sie in Lenas Richtung, und zu ihm: „Bruno, wir müssen. Es geht gleich los.“
Mit einem kurzen Seitenblick auf sie, Lena, hob er den Kopf und nahm die Schultern zurück. Dann folgte er der Frau. Ob sie seine Ehefrau war?
Lena atmete tief durch, zählte. Doch ihr Puls beschleunigte sich von Minute zu Minute, und der Schweiß lief ihr über den Rücken. Hoffentlich durchnässte er nicht das teure Etuikleid. Dank der dunklen Farbe würden den Schweißflecken wohl nicht auffallen.
Die Klaviermusik verklang. Durch einen Spalt im Vorhang konnte Lena sehen, wie die noch wenige Minuten amtierende Oberbürgermeisterin Annakathrin Steirer die Bühne betrat. Im meerblauen Hosenanzug und mit der schweren Amtskette, die für ihre zierliche Figur viel zu massiv erschien, wirkte sie kompetent und sympathisch. Ihre Frisur saß perfekt, und um ihre roséfarbenen Lippen spielte ein Lächeln, das sich bis in ihre Augen fortsetzte. Schade, dass sie ging, um diesem Schwein Platz zu machen. Lena ballte die Fäuste. Ihre Finger krallten sich in die Handflächen.
Jetzt. Sie bahnte sich einen Weg zwischen den Stehtischen hindurch, bis zu den Damentoiletten, deren Eingang durch einen Holzparavent verdeckt war. Alle Blicke waren auf die Bühne gerichtet. Schnell schlüpfte sie in den Vorraum und betätigte den Lichtschalter. Die Lampen flackerten auf und tauchten den Raum in ein grelles Licht. Lena kniff die Augen zusammen. Dieser Schmerz. Sie holte den Schlüssel aus der Handtasche, den sie vor Wochen heimlich anfertigen ließ, und schloss den Putzraum auf. Der scharfe Geruch nach Desinfektionsmittel schlug ihr entgegen. Sie wartete einen Moment, atmete flach durch den Mund. Dann beugte sie sich hinab und holte aus dem untersten Fach des Regals, hinter Toilettenpapierrollen, Putzlappen und Reinigungsmitteln, einen üppigen Blumenstrauß hervor, den sie am Morgen hier deponiert hatte.
Bis jetzt lief alles nach Plan.
Zwei Security-Männer in schwarzen Jacken standen neben dem Bühnenaufgang und ließen ihre Blicke über die Menge gleiten.
„Die Blumen für die Übergabe“, flüsterte sie, als sie ihnen trat.
„Dann aber schnell“, flüsterte der größere der beiden zurück und zwinkerte ihr zu.
Lena stieg die Treppe hinauf. Der Duft der weißen Lilien, vermischt mit dem der dunkelroten Rosen, hüllte sie ein. Da stand er und wartete. Backstage. Auf seinen großen Auftritt. Darauf, dass man ihn rief und dass Annakathrin Steirer, die Frau, die diese Stadt acht Jahre lang erfolgreich regiert hatte, die Amtskette an ihn weiterreichen würde. Und sie ihm, wenn es eine Gerechtigkeit gab, wieder abnehmen würde. Ohne Feier, Sekt und Schnittchen. Heimlich.
Jetzt hatte er sie entdeckt. Sie zwinkerte ihm zu. Er öffnete den Mund, als ob er schreien wollte, aber kein Ton kam heraus.
„Herr Schreiner, bitte kommen Sie.“ Eine junge Frau öffnete den Vorhang. Ohne den Blick von Lena abzuwenden, trat er auf die Bühne. Die Gäste klatschten. Bruno Schreiner, Bauunternehmer und bald Stadtoberhaupt. Dieses Schwein. Bald, bald würden sie es alle wissen. Alle, die jetzt für ihn klatschten.
„Ich mache dir ein Angebot, Bruno“, würde sie sagen. „Eins, dass du nicht ablehnen kannst. Und weißt du, warum du es nicht ablehnen kannst? Ich biete dir 20 € – so viel wie du mir damals angeboten hast. Weißt du noch? Ich war zwölf. Ein kleines Mädchen, dem die ganze Welt zu Füßen lag. Dem es gut ging, Bruno – das glücklich war, bis dahin. Bis du das alles…“
Der Applaus ebbte ab. Gleich würde sie losgehen, die Blumen überreichen. Sie wolle ihm gerne auch persönlich gratulieren, würde sie sagen, er hätte eine besondere Bedeutung für sie, der Herr Schreiner.
„Bevor ich das Mikrofon an den künftigen Oberbürgermeister übergebe, möchte ich mich bedanken. Bei Ihnen und allen Menschen dieser Stadt. Danke für…“ Die Stimme der Steirer wurde durch ein Fiepen und Kreischen übertönt. Dann erlosch das Licht. Verdammt, was war das?
„Wir haben eine Störung“, rief eine weibliche Stimme. „Bleiben Sie bitte ruhig. Unsere Techniker werden die Panne schnell beheben.“
Verdammt. Das war nicht eingeplant. Wochenlang hatte sie jeden Schritt durchdacht, jedes der Worte, die sie sagen würde. Immer wieder hatte sie sich vorgestellt, wie Bruno vor allen Menschen sein wahres Gesicht verlieren würde. Und nun stand sie hier in der Dunkelheit. Orientierungslos. So wie damals.
Im grünen Licht der Notbeleuchtung sah sie, wie er und die Steirer die Bühne verließen. Sie gesellten sich zu seiner Frau, die ebenso wie Lena durch einen Vorhangspalt in den Saal schaute. Ein paar verirrte Sonnenstrahlen, die durch die Jalousien fielen, gaben ihm etwas Unwirkliches. Menschen liefen hin und her. Auf der Bühne machten sich die Techniker zu schaffen und riefen sich etwas zu. Lena fühlte sich wie hinter einer Glasscheibe. Auch das Stimmengewirr schien aus weiter Ferne zu kommen.
Was sollte sie tun? Abhauen? Die Unruhe nutzen und verschwinden? Aber was, wenn die Securities misstrauisch würden? Ob die Türen überhaupt noch funktionierten? Der Notausgang doch bestimmt. Oder? Stopp, Lena! Stopp. Reiß dich zusammen.
Da. Ein leises Knacken. Die Saalbeleuchtung flammte auf.
„Die Störung ist so gut wie behoben. Zur Sicherheit unterbrechen wir die Veranstaltung für eine Viertelstunde.“ Die Stimme der Moderatorin klang erleichtert.
Eine Viertelstunde. So lange konnte sie nicht warten. Lena sah aus dem Augenwinkel, wie Brunos Frau die Hand auf seine Schulter legte und etwas zu ihm sagte.
„Warten Sie, ich komme mit.“ Die Steirer, die gerade durch den Vorhang trat, eilte hinterher.
Jetzt waren sie alleine.
Sein Gesicht war grau. Er stützte sich an einem der Lichtmasten ab. Die Krawatte hing schief, als hätte er mehrmals daran gerissen. Schweiß glänzte auf seiner Stirn und sammelte sich in den Falten neben seinem Mund.
„Nur mal schauen, vielleicht ein bisschen anfassen. Ich gebe dir zwanzig Euro, das ist viel Geld. Zieh einfach deine Bluse aus. Ich tue dir nichts. Du kennst mich doch.“
Ja, sie kannte ihn. Ging in seinem Haus ein und aus. Der beste Papa der Welt, schwärmte Karina von ihm. Als sie noch ihre beste Freundin war. Seine Lippen bewegten sich. Doch statt eines Wortes kam nur ein Keuchen. Er sah sie an. Flehend. So wie damals. Als er angefangen hatte, sie mit dem Auto zu verfolgen.
„Fass ihn doch mal an, Lena. Er wartet auf dich. Schau, wie schön er ist. Es wird dir gefallen. Glaub mir. Du kennst mich doch.“
Ja, sie kannte ihn. Zum ersten Mal wirkte er nicht wie ein mächtiger Mann. Sondern wie jemand, der kurz davor war auseinanderzufallen. Er taumelte einen Schritt zurück. Die Hand auf der Brust. Dann sackte er zusammen.
Lena griff nach ihrem Handy. Dann schüttelte sie den Kopf. Nahm den Blumenstrauß und warf ihn. Er landete direkt neben seinem Gesicht.
„Es geht weiter. Bitte nehmen Sie Ihre Plätze wieder ein.“
Die Menschen eilten in den Saal zurück. Auch Brunos Frau und die Steirer steuerten die Treppe zur Bühne an.
Weg. Jetzt musste es schnell gehen.
„Entschuldigung, ich muss noch mal eben.“ Die Securities grinsten.
Gottlob hatte sich die Schlange vor der Toilette inzwischen aufgelöst. Auch im Vorraum war niemand mehr zu sehen. Lena schlüpfte in den Putzraum, riss sich die blonde Perücke vom Kopf und streifte das kleine Schwarze ab. Zusammen mit den High Heels stopfte sie es in eine Plastiktüte, die sie in einem der Putzeimer unter einem übelriechenden Lappen verschwinden ließ. Anschließend schlüpfte sie in Jeans, T-Shirt und Sneaker und fuhr sich mit der Hand durch ihr raspelkurzes dunkles Haar.
Als sie das Gebäude verließ, schien ihr die Sonne ins Gesicht. Irgendwo in der Ferne heulte ein Martinshorn auf. Doch sie blickte nicht zurück.
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