Von Christiane Labusga
Sie landet weich im tiefen Staub. Trotzdem hat sie Mühe, sich abzufangen. Das Training in der Schwerkraftkammer hat sie nur ungenügend vorbereitet. Sie merkt es auch beim Atmen. Es ist, als würde ein Amboss auf ihre Lungen drücken.
Sie regelt den Sauerstoff ein wenig höher und auch den Gegendruck im Anzug. Erstaunlicherweise – denn sie hat dieser Technik noch nie vertraut – löst sich ihre Angst. Aber die ungewohnte Schwerkraft bleibt bestehen. Unerbittlich. Sie muss sich anpassen.
Zu ihren Füßen und soweit das Auge reicht: Asche, in allen Varianten von Weiß zu Schwarz. Eine graue Landschaft. Dünen, aber keine markanten Erhebungen.
Ihre Aufgabe ist, Farben zu finden. Niemand erwartet Grün, aber Braun oder Rot wären ein Ereignis.
Der Planet hat alles, um Leben zu tragen. Ein Magnetfeld, das kosmische Strahlung um ihn herum ableitet. Den richtigen Abstand zu seiner Sonne, nicht zu heiß, nicht zu kalt. Eine Rotation, die allen Oberflächen Tag und Nacht in einem wachstumsfördernden Wechsel bringt. Und einen Begleiter im Orbit, der, den Spuren auf seiner Oberfläche zu schließen, seine Aufgabe als Wächter, als Schutz ernst nimmt.
Sie soll verifizieren, was die Drohnen gefunden haben: Nichts. Eine der Drohnen fliegt auf sie zu, verharrt drei Meter vor ihr. Sie soll im Fall eines Notfalls als Boje aufsteigen, damit der Rettungstrupp es leichter hat, sie zu finden.
Sie schaut sich um: Welcher Notfall? An Langeweile zu sterben? Überall nur Staub.
Sie schlägt leicht mit der rechten Hand auf die linke, und der Handschuh sendet ihr die aktuellen Werte der Strahlung. Der Wert ist extrem. Zum Glück ist der Raumanzug genau darauf geeicht.
Trotzdem. Trotzdem ein Apfelbäumchen pflanzen. Sie lacht. Im Staub wird er nicht anwachsen. Die Atmosphäre hat zwar alles, was ein Apfelbäumchen braucht, aber die Wasserversorgung wird kompliziert. Sie stiebt mit dem Fuß den Staub in die Höhe. Nicht sehr hoch, die Schwerkraft zieht ihn gleich wieder hinunter. Da ist sie anderes gewohnt von den Konfetti-Partys in der Raumstation. Da fliegen vermutlich noch Konfettischnipsel vom vorletzten Silvester unter der Decke der Kantine.
Hier würden die schon längst im Staub verrotten.
Die Sonne nähert sich dem Horizont. sie ist müde. Und sie fühlt sich, als wäre sie angekommen. An einem Ort, an den sie gehört. Aber das ist wohl nur die Müdigkeit. „Apfelbäumchen…“, flüstert sie noch, bevor ihre Gedanken in wohligem Traum versinken.
Die Drohne weckt sie. Ja, Arbeitsbeginn auf der Station, richtig. Und sie soll gefälligst etwas finden, statt sich Träumen von Bäumen hinzugeben. Sie möchte weinen, weil sie herausgerissen wurde aus all dem Grün und Himmelsblau, das sie geträumt hat. Hier auf diesem Planeten, nirgendwo sonst bisher, hat sie so tief geschlafen, dass sie Traum und Realität beim Erwachen nicht auseinanderhalten kann. Der Drohne sei Dank ist der Planet jetzt wieder grau. Von Weiß zu Schwarz.
Sie steht auf, wischt sich den Staub vom Anzug und geht nach Westen, die Sonne im Rücken.
Nach zwei Stunden meldet der Wassersensor Alarm. Unmöglich, dass die Drohnen das nicht bemerkt haben. Aber andererseits…
Sie folgt dem Alarm in ein Tal, das auch wieder nur grau ist, von Weiß zu Schwarz. Auch die Radioaktivität ist unverändert hoch.
Jeder ihrer Schritte wirbelt den Staub auf. Der Alarm wird lauter, schließlich erreicht er den Höhepunkt. Lauter kann es nicht mehr werden, hier muss Wasser sein. Ja, auch die Drohnen haben hier vereinzelt Meldung gemacht, die aber nie von allen bestätigt werden konnte. Und vom Orbit aus immer nur grauer Staub.
Sie kniet sich in die Asche. Irgendwo hier ist Wasser, und wenn es nur ein Tröpfchen ist. Vielleicht eine winzige Quelle? Die Asche soll meterdick sein, über den ganzen Planeten verteilt. Keine Chance für irgendwas, durch sie durchzustoßen. Erst recht nicht für die Drohnen, hindurch zu blicken. Sie gräbt.
Sie gräbt weiter und weiter, schließlich hat sie etwas Rotes am Handschuh kleben. Es fliegt nicht auf, also ist es feucht.
Panik ergreift sie: Wie kann sie diese Spur von ihrem Handschuh entfernen, ohne, dass es jemand bemerkt. Ohne, dass die Drohne es sieht? Sie rubbelt mit dem Staub ihren Handschuh sauber – so hofft sie – dann arbeitet sie sich mit weit ausholenden Bewegungen aus dem Grabungsloch, schiebt dabei den Staub unter sich, über ihre Entdeckung.
Nach oben meldet sie: Holt mich hoch! Hier gibt es nichts außer radioaktiver Asche! Die Drohnen haben perfekt gearbeitet. Es macht keinen Sinn, hier noch länger im Orbit zu bleiben, hoffnungslos. Lasst uns zurückkehren zur Mutterstation.
Die Drohne fliegt surrend nach oben. Es kommt ihr vor, als sei auch sie erleichtert.
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