Von Miklos Muhi

 

Der Reisewecker zerreißt den hart erkämpften Tiefschlaf. So protzig und teuer das Hotel ist, sind die Wände etwas dünn geraten. So habe ich die Ehre und die ungebetene Gelegenheit gehabt, Jubeln und Jaulen aus dem Nachbarzimmer bis spät in der Nacht zuzuhören, als die Mannschaft bei irgendeinem olympischen Wettbewerb in London hat Federn lassen müssen.

Nach dem kurzen Adrenalinausstoß übernimmt die Müdigkeit sofort. Ich dränge mit aller Kraft zurück. Der Bus fährt gleich und der Fremdenführer in Uniform wird bald an meiner Tür klopfen.

Kurz nach dem Frühstück ist er schon da und mahnt mich zur Eile und dazu, Reisepass und Genehmigung nicht im Zimmer zu lassen.

Die Reise ist lang und die Kontrollpunkte häufen sich. Bald parken wir und die Türen werden geöffnet.

Wir sind angekommen.

*

Ich schreite durch die überwucherten Straßen. Bäume wachsen auf dem Gehsteig.

Die Zeugen gescheiterter gesellschaftlicher Experimente trotzen der Zeit. Symbole schmücken die Gebäude. Erinnerungen. Bedrückende. Schwere. Unheilvolle. Hammer und Sichel machen sich im Ährenkranz über den ganzen Erdball breit. Ein fünfzackiger Stern schließt oben den perfekten Kreis.

Als wäre das alles strengstens bewacht, aber die Wachen sieht man nicht.

Ich betrete einen ehemaligen Kindergarten. Die lustigen Bilder auf den Wänden sind fast vollständig abgeblättert. Kaum etwas entging den Plünderern. Man verfolgt sie nicht. Die unsichtbaren Wachen dieser Stadt haben sie nicht vergessen.

Sie schauen mich an. Ihren Fluch würde ich jetzt nicht vernehmen. Erst in einigen Jahren. Vielleicht auch zu spät. Meine Ängste haben gegen die Neugier verloren.

Erinnerungen kommen zurück. Informationsfetzen aus den Nachrichten aus dem Westen. Mein Vater, ein Physiker, erklärt der Familie, was Sache ist. Und mahnt uns zum Schweigen. Sonst würde man sich fragen, woher wir das alles wüssten. Die Antenne auf dem Dach ist schon riskant genug.

Die verrosteten Reste einer Kirmes ragen in den Himmel. Sie wurde damals nur aufgebaut, aber nie eröffnet. Das Riesenrad ist für immer zum Stillstand gekommen. Es war zu groß, um geklaut zu werden.

Pistenraupen, Hubschrauber, Lkw und allerlei Maschinen stehen umzäunt unter freiem Himmel. Der Maschendrahtzaun soll den sicheren Abstand zu den Geräten zeigen. Wer näherkommt, fordert die Wachen heraus. Trotzdem sind die Motoren der Lastwagen alle weg. Sie wurden in der Hauptstadt verkauft, zusammen mit dem Fluch der Stadt.

Ich halte einen respektvollen Abstand. Ob das reicht?

Damals haben wir die vielen Kilometer als ausreichend betrachtet. Ein Irrtum. Jodtabletten wurden plötzlich Mangelware. Ein Mädchen in der Klasse hat welche für alle mitgebracht. Ihre Mutter war Apothekerin.

Nur wenige Menschen arbeiten hier. Gewohnt wird weit weg. Sie werden anständig bezahlt.

Zu den Stationen der Führung gehört eine Ausstellung, gewidmet den Opfern. Ordentlich und sachlich, fast schon auf grausame Art.

Meine entfernten Kindheitserinnerungen setzen sich zu einem ganzen Bild zusammen. Hinter den damaligen Sätzen aus Radio und Fernseher stehen nun Schicksale. Nachlässigkeit. Schreck. Heldentum. Irrungen und Wirrungen. Geister, die herumlaufen. Und letztlich Stille.

Meine Ohren schmerzen vom durchgehenden Pochen der kleinen Geräte. Die Zahlen auf den Anzeigen und ein ganzes Dorf, das samt Häusern und Straßen verschüttet wurde, machen mir Angst.

Man erklärt, dass das Ungeheuer hinter den Wänden aus Stahl und Beton immer noch am Leben ist. Vielleicht wird es niemals wirklich sterben.

Der Ausflug in die Vergangenheit endet, wie er begonnen hat: Anhalten bei den Kontrollposten, Papiere zeigen. Diesmal wird mein Auto auch untersucht – kein Pochen, zumindest nicht zu viel und nicht zu laut, wir können weiterfahren. Der Soldat versucht, »Auf Wiedersehen« zu sagen, und lächelt uns an.

In meinem Kopf kreisen während der langen Fahrt zum Hotel viele Fragen. Eine ragt weit heraus. Ob sich das gelohnt hat, das alles mit den eigenen Augen zu sehen. Ob ich auch diesmal davongekommen bin. Ob das überhaupt noch eine Rolle spielt.

Antworten gibt es nicht.

*

Bei der Pass- und Zollkontrolle auf dem Flughafen muss ich den kleinen Koffer öffnen. Ich wurde zufällig ausgewählt, sagt man. Alles in Ordnung, der Zollbeamte blättert durch meinen Reisepass und fragt:

»Was bringt Sie zu uns? Was haben Sie bei uns gemacht?«

»Ich war in Tschernobyl.«

 

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