Von Miklos Muhi

Ich schreite durch die überwucherten Straßen. Bäume wachsen auf dem Gehsteig.

Die Zeugen gescheiterter gesellschaftlicher Experimente trotzen der Zeit. Symbole schmücken die Gebäude. Erinnerungen. Bedrückende. Schwere. Unheilvolle. Hammer und Sichel machen sich im Ährenkranz über den ganzen Erdball breit. Ein fünfzackiger Stern schließt oben den perfekten Kreis.

Als wäre das alles strengstens bewacht, aber die Wachen sind unsichtbar.

Ich betrete einen ehemaligen Kindergarten. Die lustigen Bilder auf den Wänden sind fast vollständig abgeblättert. Kaum etwas entging den Plünderern. Man verfolgt sie nicht. Die unsichtbaren Wachen dieser Stadt haben sie nicht vergessen.

Mir kommt es vor, als spürte ich ihren Blick. Sie schauen mich an. Ihren Fluch würde ich jetzt nicht spüren. Erst in einigen Jahren. Vielleicht auch zu spät. Meine Ängste haben gegen meine Neugier verloren.

Die verrosteten Reste einer Kirmes ragen in den Himmel. Sie wurde damals nur aufgebaut, aber nie eröffnet. Das Riesenrad ist für immer stehen geblieben. Es war zu groß, um geklaut zu werden.

Pistenraupen, Hubschrauber, Lastwagen und allerlei Maschinen stehen umzäunt unter freiem Himmel. Der einfache Maschendrahtzaun soll den sicheren Abstand zu den Geräten zeigen. Wer näherkommt, fordert die Wachen heraus. Trotzdem sind die Motoren der Lastwagen alle weg. Sie wurden in der Hauptstadt verkauft, zusammen mit dem Fluch der Stadt.

Ich halte einen respektvollen Abstand. Ob das reicht?

Nur wenige Menschen arbeiten hier. Gewohnt wird weit weg. Sie werden anständig bezahlt, damit sie die Arbeiten hier verrichten.

Zu den Stationen der Führung gehört eine Ausstellung, gewidmet den Opfern. Schön ordentlich und überraschend sachlich, fast schon auf grausame Weise. Meine entfernten Kindheitserinnerungen setzen sich zu einem ganzen Bild zusammen. Hinter den damaligen Sätzen aus Radio und Fernseher stehen nun Schicksale. Nachlässigkeit. Schreck. Heldentum. Irrungen und Wirrungen. Geister, die herumlaufen. Und letztlich Stille.

Meine Ohren schmerzen vom durchgehenden Pochen der kleinen Geräte. Die Zahlen auf den Anzeigen und ein ganzes Dorf, das samt Häusern und Straßen verschüttet wurde, machen mir Angst.

Man erklärt, dass das Ungeheuer hinter den Wänden aus Stahl und Beton immer noch am Leben ist. Vielleicht wird es niemals wirklich sterben.

Der Ausflug in der Vergangenheit endet, wie er begonnen hat: Anhalten bei den Kontrollposten, Papiere zeigen. Diesmal wird mein Auto auch untersucht – kein Pochen, zumindest nicht zu viel und nicht zu laut, wir können weiterfahren. Der Soldat versucht, »Auf Wiedersehen« zu sagen, und lächelt uns an.

***

Bei der Pass- und Zollkontrolle auf dem Flughafen muss ich meinen kleinen Koffer öffnen. Ich wurde zufällig ausgewählt, sagt man. Alles in Ordnung, der Zollbeamte schaut neugierig meinen Pass an und fragt:

»Was bringt Sie zu uns? Was haben Sie bei uns gemacht?«

»Ich war in Tschernobyl.«

 

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