Von Andreas Schröter
Als Adam Schneider 22 war, war er seltsamerweise der Ansicht, dass es nun an der Zeit war, sich etwas Luxus zu gönnen. Darunter verstand er etwa eine „Flugreise in den Süden“, wie man so sagte.
Im Reisebüro ergab sich deshalb folgender Dialog:
Adam: „Ich möchte eine Flugreise in den Süden buchen.“
Reisebüromann: „Welches Reiseziel schwebt Ihnen denn genau vor? Wir haben Bali, die Dominikanische Republik, Hawaii oder die Klassiker Gran Canaria, Kreta, Mallorca …“
Adam: „Das Ziel ist mir egal, es darf nur nicht teurer als 350 Mark sein, wenn ich noch etwas Taschengeld behalten möchte.“ Adam Schneiders Barschaft belief sich auf exakt 459,10 Mark – Geld, das er in den Semesterferien als äußerst seriöser „Einkaufswagen-Zusammenschieber“ auf dem Parkplatz eines Supermarktes verdient hatte.
Falls sich in diesem Moment im Inneren des Reisebüromannes ein Aufkreischen vor Lachen ergeben haben sollte, so überspielte er dies sehr professionell.
Reisebüromann: „Nun, Sie haben Glück, ich kann Ihnen tatsächlich eine Woche Ibiza inklusive Flug und Halbpension für 350 Mark anbieten – im sehr soliden Hotel Tres Carabelas. Das ist okay, ich war selbst schon da.“
Adam: „Nehm ich. Wann geht’s los?“
Reisebüromann: „In drei Wochen, wenn Sie wollen. Ich müsste Sie aber noch darauf hinweisen, dass es sich um ein halbes Doppelzimmer handelt.“
Adam: „Was soll das sein? Die andere Hälfte ist im Zweiten Weltkrieg weggesprengt worden, oder was?“
Adam fand das im Grunde ungemein lustig.
Doch der Reisebüromann entgegnete nur trocken: „Es bedeutet, dass noch jemand anderes im Doppelbett liegt, den Sie vorher nicht kennen.“
Adam: „Wenn’s eine gut gebaute Blondine ist, wäre das durchaus in meinem Sinne.“ Auch das fand Adam enorm schlagfertig. In seinem Inneren breitete sich jedoch ein genau solches Aufkreischen aus, wie eben möglicherweise beim Reisebüromann – nur dass es bei Adam nicht vor Lachen, sondern vor Entsetzen geschah.
Adam: „Welche Sicherheit habe ich, nicht mit einem Vollidioten zusammengepfercht zu werden?“
Reisebüromann: „Keine. Es ist eine Reise ohne Netz und doppelten Boden.“
Adam war trotzdem nicht gewillt, auch nur einen Millimeter von seiner Coolness abzuweichen: „Ich nehm’s, wie gesagt.“
Exakt drei Wochen später betrat Adam Schneider das Zimmer 203 im Hotel Tres Carabelas in Playa d’en Bossa auf Ibiza. Das Erste, was er von seinem neuen Mitbewohner auf Zeit sah, war dessen Hinterteil, das in einem sehr knappen String-Tanga im Leopardenlook steckte. Der Mann – natürlich war es ein Mann, denn das Reisebüro steckte ja nicht Männer und Frauen gemeinsam in halbe Doppelzimmer – war gerade dabei, Liegestütze auf dem Boden zu absolvieren, wobei er keuchend mitzählte: „95, 96, 97 …“ Bei 100 legte er sich schwer atmend platt auf den Boden. Sein String-Tanga war etwas verrutscht, sodass Adam Körperpartien sehen konnte, deren Anblick er eigentlich lieber vermieden hätte.
Erst jetzt drehte sich der Mann um, und ein breites Grinsen breitete sich auf seinem Gesicht aus: „Ich bin Klaus und trainiere für den Mister-Hotel-Tres-Carabelas-Wettbewerb heute Abend. Die Weiber sollen meine Muckis sehen. Du musst mitmachen.“
Adam war einigermaßen überrascht über diese Begrüßung. Er schickte sich gerade zu einer längeren Erklärung an, dass er natürlich nicht im Traum daran denke, an der Mister-Hotel-Tres-Carabelas-Wahl teilzunehmen. Er, Adam Schneider, war schließlich Germanistik-Student, also gleichsam ein Intellektueller. Er las Thomas Mann, Gottfried Keller und Adalbert Stifter. Also bitte! Könne man sich vorstellen, dass so jemand an so etwas teilnahm? W. c. – wohl caum. Doch er kam nicht zu dieser Erklärung, denn Klaus lief schon mit den Worten „Muss weg, bis später“ aus dem Zimmer.
Dieses „später“ entpuppte sich als eine Zeitspanne von nur einer Viertelstunde. Denn als Adam seinerseits aus dem Zimmer trat und sich auf die Suche nach dem Speisesaal begab, sah er schon wieder Klaus’ Rückansicht. Diesmal jedoch war er nicht allein. Er knutschte in einer Ecke auf dem Flur leidenschaftlich mit einer jungen Hotelangestellten, die noch ein Handtuch über dem Arm trug.
Nun, ja …
Natürlich ging Adam Schneider abends zur Mister-Hotel-Tres-Carabelas-Wahl. Er wollte doch sehen, wie sich sein bekloppter Zimmernachbar schlug.
Außer Klaus gab es nur noch zwei andere Kandidaten, was den Animateur-Damen offenbar entschieden zu wenig war. Also liefen sie von Tisch zu Tisch und forderten jedes männliche Wesen auf geradezu aggressive Weise zum Mitmachen auf. Mein Gott, was gab es doch für schlimme Jobs! Einkaufswagen zusammenzuschieben war das Paradies dagegen. Sogar bei Regen im Vorweihnachtsstress.
Natürlich kam eine der fitnessgestählten Animateusen des Hotels auch an den Tisch unseres glücklosen Protagonisten, und der fragte sich kurz, warum er nicht längst die Flucht ergriffen hatte. Vielleicht hatte seine frühere Freundin Susi ja doch recht gehabt, als sie ihn wegen einer „gewissen Trantütigkeit“, wie sie sich ausdrückte, verließ.
„Hey boy, you’ve got to enter our ‘Mister Hotel Tres Carabelas’ contest!“
Die Animateurin griff nach seiner Hand und zog ihn hoch.
Adam: „Nein – ähh, no!“
„But you’ve got to enter our ‘Mister Hotel Tres Carabelas’ contest!“
„No!“
„But you’ve got to enter our ‘Mister Hotel Tres Carabelas’ contest! You are the best looking boy I’ve ever seen“
„Äh – na gut.“
Eine andere Chance hätte er eh nicht gehabt, denn die Dame hatte einen äußerst festen Griff – fitnessgestählt, wie gesagt.
Als Adam zehn Sekunden später mit den anderen drei Kandidaten auf der Hotel-Terrasse am Pool stand und in das weite Rund der Zuschauerreihen blickte, wurde ihm flau im Magen. Da waren mindestens 200 Leute – zumeist junge Frauen –, die nun rhythmisch klatschend mit ironischem Lachen auf die Bühne schauten. Wo war die Falltür im Boden, wenn man sie brauchte?
Als erste Aufgabe sollten die Kandidaten einen Tarzan-Schrei ausstoßen. Nun, das entspannte Adam etwas, denn einen Tarzan-Schrei beherrschte er. Er hatte ihn Susi immer wieder vorgeführt. Der Vollständigkeit halber müsste hier aber ergänzt werden, dass sie davon gänzlich unbeeindruckt geblieben war – genauso übrigens, wie das Publikum des Hotels Tres Carabelas, als Adam mit seiner Darbietung fertig war. Er hatte sogar das Gefühl, dass sich das ironische Lächeln der Zuschauer (und vor allem Zuschauerinnen) in etwas verwandelt hatte, das man durchaus auch als eine Art Fremdschämen hätte interpretieren können. Scheiße am Stock!
Die zweite Aufgabe bestand darin, einen Song zu singen. Peinlicherweise kannte Adam kaum Songs, von denen er den Text in einer Weise beherrschte, die für eine längere Gesangsnummer gereicht hätte. Kurz zog er in Erwägung „Marmor, Stein und Eisen bricht, aber unsere Liebe nicht“ von Drafi Deutscher zu schmettern. Das hatte er früher als Kind immer bis zur Heiserkeit in der elterlichen Küche gegrölt – und seine Mutter damit zum Wahnsinn getrieben. „Nimm den goldenen Ring von mir – dam, dam, dam, dam.“ Aber weil es sich hier um ein internationales Publikum handelte, das sich mutmaßlich mit dem deutschen Liedgut nicht besonders gut auskannte, wählte er „Only you“ von The Platters.
Only you can make all this world seem right
Only you can make the darkness bright
Only you and you alone can thrill me like you do
Peinlicherweise wusste er danach nicht weiter. Also blieben die paar Sekunden, die es brauchte, genau dies vorzutragen, die einzigen, in denen Adam Schneider in seinem ganzen Leben vor Publikum sang. Aber das wusste er zu diesem Zeitpunkt noch nicht (dass er in der Tanzschule seinen jeweiligen Tanzpartnerinnen die Songs, nach denen getanzt wurde, immer ins Ohr gesungen hatte, lassen wir hier einmal außen vor. Deswegen hatte er übrigens in jeder Tanzstunde eine neue Partnerin).
Die dritte Aufgabe war, einen sexy Striptease hinzulegen. Doch während sich Klaus bereits in seinem Leoparden-String auf dem Bühnenboden räkelte und im Begriff war, auch diesen abzustreifen, hatte Adam erst seine Schuhe ausgezogen – und blieb diesmal auch standhaft, es dabei zu belassen.
Es ist irgendwie klar, dass man damit nicht „Mister Hotel Tres Carabelas“ wird. Zu Adams Genugtuung und Klaus’ grenzenlosem Ärger wurde es auch Klaus nicht. Der schimpfte die ganze folgende Nacht im halben Doppelbett: Das Ganze sei „voll ungerecht“ und sicher Schiebung gewesen.
Nun ja …
Am nächsten Abend auf der Hotel-Terrasse – es wurde eine Karibik-Show gegeben – entschied sich Adam, sein Outfit etwas aufzupeppen. Er zog ein Jackett über die nackte Haut an, sodass die Girls seine fünf Brusthaare deutlich erkennen konnten. Klaus hatte ihn dazu animiert: „Ey, du siehst voll geil aus.“ Jetzt sagen Sie bitte nicht, dass das zu niemandem passt, der Thomas Mann, Gottfried Keller und Adalbert Stifter liest – auch wenn Sie das denken sollten.
Es passierte in dieser einen Woche Ibiza noch mehr. Hier einige Beispiele:
-) Angela aus Köln setzte sich auf der Hotel-Terrasse (während er das offene Jackett auf der nackten Haut trug) zu unserem Adam und sagte: „Ich habe dich gestern bei der Mister-Wahl gesehen und fand dich voll süß.“
-) Adam war sofort schockverliebt und bestand darauf, dass Angela mit auf die geplante Inseltour im kleinen Panda kam. Problem: Sie war die sechste Mitfahrerin – und es passen nun wirklich keine sechs Menschen in einen Panda – also nahm Adam im Kofferraum Platz (und musste sich prompt darin übergeben, weil ihm schlecht geworden war).
-) Angela fand Adam am zweiten Tag uncool und wandte sich Klaus zu.
-) Adam konnte das halbe Doppelzimmer nicht immer betreten, weil Klaus manchmal das ganze Zimmer für diverse Aktivitäten mit diversen Zimmermädchen brauchte. Dafür hatte Adam Verständnis.
-) Klaus und Adam verstanden sich im Großen und Ganzen trotz aller Gegensätzlich- und Misslichkeiten ganz gut. Am Ende des Urlaubs überlegten sie sogar, ob sie nicht im nächsten Jahr wieder ein gemeinsames Doppelzimmer buchen sollten. Dazu kam es aber nicht.
-) Adam bezeichnete diesen Urlaub im Nachhinein gegenüber seinen Freunden immer als „gelungen“.
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