Von Irmi Feldman
Es regnete ausnahmsweise nicht, als Mr. Murphy Ruby endlich gehen ließ. Trotzdem klebte ihr Kleid feucht am Körper. Vom Wolkenbruch am Morgen oder vom Vortag oder vom seit fast einem Jahr anhaltenden Dauerregen? Ruby wusste es nicht. Ihr einziges Kleid trocknete schon seit Monaten nicht mehr.
Es war spät. Fast dunkel. Sie dachte an Pa, an seine Warnung, dass der Deich bald brechen würde. Dann müssten sie alle von hier weg. Doch ins Evakuierungslager für colored people würde er nicht gehen. Nie. Der Bundesstaat Mississippi versorgte die Lager für weiße Farmer. Lager für Negroes überließ man sich selbst: ohne Lebensmittel, ohne sanitäre Anlagen, ohne jegliche Unterstützung. Brutstätten für Krankheiten, hatte Pa verächtlich ausgerufen. Lieber stürbe er.
Dein Wunsch, Pa, ist dir in Erfüllung gegangen, dachte Ruby bitter. Vor vier Wochen war ihr Vater seinem Dauerhusten erlegen. Noch auf dem Totenbett hatte er sie beschworen, von hier wegzugehen. Nach Norden, wo Negroes besser behandelt werden.
Ruby hatte genickt. Doch wohin sollte sie gehen? Sie kannte niemanden im Norden. Sie war hier aufgewachsen im östlichen Mississippi Delta inmitten der sharecroppers, die ihre Felder von den weißen Großgrundbesitzern pachteten und dafür einen Teil der Ernte an die Besitzer abgeben mussten. Geschunden wie Leibeigene, ohne Bürgerrechte, waren sie dem Besitzer auf ewig verschuldet. Ruby selbst arbeitete im einzigen General Store in der Gegend, wo Negroes einkauften und aufschreiben ließen. Er gehörte Mr. Murphy, einem Weißen.
Wegen des andauernden Regens lagen die Felder brach. Männer, Frauen, auch Kinder arbeiteten jetzt an den Dämmen und Deichen; besserten aus, schichteten Sandsäcke auf, mal hier, mal dort. Von der Regierung in Jackson war nicht viel Hilfe zu erwarten. Was scherte die sich um die Negroes in dieser Gegend?
Ruby war jetzt fast zu Hause. Gerade als sie sich auf der Höhe von Old Bessies zerfallener Scheune befand, sah sie Lichter auf sich zukommen. Ein Auto? Keiner der Negroes in ihrer Siedlung besaß ein Auto. Mit klopfendem Herzen sprang Ruby in den Graben und drückte sich auf den matschigen Boden. Der Truck fuhr vorbei. Erleichtert atmete sie auf. Gerade, als sie aufstehen wollte, machte der Truck kehrt.
Ruby erkannte sie sofort: die Stone Brüder. Man ging ihnen aus dem Weg. Senkte den Blick. Vermied sie, wo man nur konnte, weil die Brüder sich einen Spaß daraus machten, einmal im Monat in die Siedlung zu kommen, um auf Niggerjagd zu gehen. So nannten sie das.
Die Brüder zerrten Ruby ins Gebüsch und fielen über sie her. Zuerst der eine, dann der andere. Zuletzt hielt ihr der Bärtige ein Messer an den Hals, lachte und drückte zu.
Blutend blieb Ruby liegen. Sie wartete, bis der Truck außer Hörweite war, bevor sie sich nach Hause schleppte. Am Brunnen vor der armseligen Hütte wusch sie sich. Benommen fiel sie ins Bett, doch der Schlaf wollte nicht kommen. Sie war zu aufgewühlt. Zu erschüttert. Zu wütend. Wütend? Aber warum? Das, was ihr passiert war, passierte doch so vielen Mädchen und Frauen in der Siedlung.
Von klein auf war ihr eingebläut worden, dass es das Schicksal der Negroes sei von den Weißen jede Brutalität ohne Widerstand hinzunehmen. So war es immer gewesen. Das würde sich auch nie ändern. Trotz der offiziellen Abschaffung der Sklaverei vor sechzig Jahren. Wer den Mund aufmachte, wer sich gegen Ungerechtigkeiten auflehnte, dessen Hütte konnte leicht in Flammen aufgehen oder – noch schlimmer – seine Familie und er selbst. Der Sheriff, natürlich ein Weißer, drückte bei solchen Ausschreitungen beide Augen zu, wenn er nicht gerade selbst dabei war. An diesem Fleck der Erde gab es für Negroes keine Gerechtigkeit. Und was fast noch schlimmer war, man erwartete keine.
Am nächsten Morgen ging Ruby zur Arbeit, als sei nichts geschehen. Sie ging oben auf dem Deich. Es schüttete wie aus Eimern. Um die Wunde am Hals hatte sie ein Tuch gebunden. Instinktiv tastete Ruby nach dem Messer, das sie in einem kleinen Beutel am Gürtel trug. Das war neu. Es war Pas Schnitzmesser. Das nächste Mal wird sie sich nicht kampflos ergeben. Das schwor sie sich.
Voller Sorge blickte Ruby hinaus auf den Fluss. Vor drei Tagen war der Mississippi noch knapp einen Meter unterhalb des Deiches träge dahingeflossen. Jetzt hatte er die Höhe des Deiches fast erreicht.
Das General Store lag verlassen da. Ein Plakat an der Tür rief die Zwangsevakuierung aus. Ruby machte sich auf den Heimweg. Oben auf dem Deich schwappte der Fluss hier und da schon bedrohlich über.
Zu Hause hob sie die schwere Tür aus den Angeln, genau wie Pa ihr das aufgetragen hatte. Das würde ihr Floß sein. Ihre paar Habseligkeiten waren schnell gepackt und am Floß befestigt. Auch zwei Seile nahm sie mit.
Der Regen ließ nicht nach. Ruby war bis auf die Knochen durchnässt. Sie merkte es nicht. Jeden Moment konnte der Deich brechen. Sie kletterte aufs Floß, wickelte ein Ende des Seils um ihre Hand und wartete. Sie hörte das Bersten über sich, noch bevor der Wasserfall krachend den Hang herunterstürzte und alles mit sich riss: Schlamm, Steine, Vegetation.
Das Wasser unter ihr stieg unaufhaltsam. Und mit ihm, das Floß. Es hielt, wie Pa es vorausgesehen hatte. Krachend brach ihre Hütte auseinander. Es war jetzt stockdunkel. In der Ferne hörte sie Schreie. Sie hielt sich die Ohren zu, bis die Erschöpfung sie einschlafen ließ.
Es war heller Tag, als sie erwachte. Ihr Floß trieb auf dem Wasser. Sie wusste nicht, wo sie war. Tische, Stühle, ja, ganze Schränke, Bäume und Sträucher trieben vorbei. Tote Tiere. Auch Menschen. Sie wendete den Blick ab.
Ruby ließ sich treiben. Aus dem sonst gemächlich dahinfließenden Fluss war ein Meer geworden. Hilfeschreie überall. Bis sie verstummten.
Waren es Stunden oder nur Minuten gewesen, Ruby wusste es nicht, als sie wieder aufwachte. Es war Tag. Ihre Kehle war wie ausgetrocknet. Sie musste festes Land und frisches Wasser finden. Aber wo? Ein Brett trieb vorbei. Ruby fischte es heraus und benutzte es als Ruder. Mindestens eine Stunde ruderte sie schon in dieser endlosen, nassen Öde. Ihre Hände waren übersäht mit offenen Blasen. Ruby nahm ihr Halstuch ab, riss es in zwei Teile und verband ihre blutenden Hände damit. Die frische Wunde an ihrem Hals leuchtete auf ihrer dunklen Haut.
Endlich sah sie etwas. Es war ein Truck. Weil sie nicht ruderte, trieb die sanfte Strömung ihr Floß fast daran vorbei. Mit ihrem Brett steuerte sie gegen die Strömung an, um sich den Truck genauer anzusehen. Das Führerhaus war halb untergetaucht. Nicht weit davon stand ein Baum; sein Stamm fast komplett unter Wasser.
Ruby ruderte näher. Vielleicht konnte sie helfen? Dann erstarrte sie. Sie kannte den Truck. Er gehörte den Stone Brüdern. Einer der Brüder, der ohne Bart, lag vornübergebeugt im Führerhaus.
Entsetzt wich Ruby zurück. Hinten auf dem Truckbett bewegte sich etwas. Dann sah sie ihn. Den bärtigen Bruder. Es war der, der ihr das Messer an die Kehle gehalten und zugedrückt hatte. Der, der lauthals gelacht hatte. Blut tropfte aus einer Wunde an seinem Kopf. Sein rechter Arm hing schlaff herunter.
„Hilf mir!“, rief er. „Du hast ein Seil. Bind es um den Baum da, und wirf mir das andere Ende zu.“
Ruby starrte ihn nur an.
„Mach schon!“, schrie der Bärtige.
Ruby wollte nur weg.
„Worauf wartest du?“
Mechanisch, ohne zu denken, ruderte Ruby hinüber zu dem Baum. Sie war so sehr an Befehle von Weißen gewohnt, dass es ihr gar nicht in den Sinn kam, nicht zu gehorchen.
Mit geschickten Händen band sie ihr zweites Seil um den Baumstamm. Dick war er nicht, dennoch würde er wohl halten. Das andere Ende warf sie dem Bärtigen zu. Doch der fing es nicht auf. Wieder und wieder platschte das Seil ins Wasser. Ruby hatte das Gefühl, dass er es absichtlich verfehlte.
„Du musst schon näherkommen.“
Alles in Ruby sträubte sich, der Aufforderung Folge zu leisten.
„Mach schon. Ich tu dir nichts. Ich will mich nur auf den Baum retten. Der Truck geht bald unter. Mein Bruder. Er ist tot.“
Widerstrebend ruderte Ruby näher heran.
„Mach schon, du verdammte Niggerhure.“
Ruby hörte zu rudern auf. Das N-Wort hatte sie aus ihrem Stupor gerissen. Sie war jetzt nur noch zwei Meter von dem Bärtigen entfernt. Die sanfte Strömung zog am Floß, zog es weg von dem Truck. Dann tat der Bärtige etwas, womit Ruby nicht gerechnet hatte. Er sprang ins Wasser und erfasste mit seiner guten Hand das Ende des Seils, das lose im Wasser trieb.
„Nein“, schrie Ruby.
Doch der Bärtige hing schon am Seil und wurde hinter dem Floß hergezogen. Träge ging es flussabwärts. Mit nur einer Hand zog er sich ans Floß heran.
Hilflos schaute Ruby zu. Was sollte sie tun? Sie wusste, dass er sie ins Wasser werfen würde, sobald er auf dem Floß war.
Das Messer fiel ihr ein. Mit einer Hand klammerte sie sich ans Floß, mit der anderen versuchte sie das Messer aus dem Beutel zu ziehen. Es kam ihr wie eine Ewigkeit vor. Doch dann hatte sie es doch in der Hand. Sogleich fing sie an am Seil zu sägen. Sie sägte und sägte. Fieberhaft. Schweißgebadet. Mit blutenden Händen. Sägte sie.
Das Seil hing jetzt nur noch an einem dünnen Strang. Der Bärtige warf ihr einen bestürzten Blick zu, sah die frische Wunde an ihrem Hals. Erkannte sie. Ruby nickte.
Entsetzen breitete sich auf seinem Gesicht aus; die Gewissheit, dass er sterben würde. Gebannt hielt Ruby seinem Blick stand. Angst in den Augen eines Weißen war ihr neu.
Der letzte Strang riss. Das Floß war frei. Der Bärtige riss den Mund auf, wollte etwas rufen. Doch er versank. Tauchte prustend wieder auf. Wedelte mit dem unverletzten Arm. Versank noch einmal. Tauchte wieder auf. Versank wieder. Dann war Ruhe.
Erschöpft legte Ruby sich zurück. Sie war frei. Endlich. Frei. Sie würde weggehen von hier, nach Norden, wie sie es Pa versprochen hat.
Erst dann begriff sie. Wäre sie nicht von den Stone Brüdern angegriffen worden, hätte sie kein Messer auf dem Floß dabeigehabt. Hätte sich nicht losschneiden können. Dann wäre jetzt nicht der Bärtige tot, sondern sie, Ruby Rose Washington, wäre jetzt tot.
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