Von Miklos Muhi
Nach der Landung stehe ich in der klimatisierten Halle der Gepäckausgabe.
Der Band setzt sich in Bewegung und die ersten Koffer drehen ihre Runden.
Man ist aufgeregt. Es wird geredet. Bei den meisten herrscht Urlaubsstimmung.
Ich habe niemanden, mit dem ich reden kann. Besser so.
Hinter der Schiebetür erwarten viele Fluggäste Stadttouren, Besuche in den berühmten Thermalbädern, Gulasch, Paprika mit thermonuklearer Schärfe, Busfahrten zum Plattensee, Hévíz oder wohin auch immer.
Das ist alles nicht für mich. Noch nicht. Zurzeit habe ich Wichtigeres zu tun.
Habe ich das wirklich?
Die Frage stelle ich mir nicht zum ersten Mal. Selbst ich bin nicht so verrückt, dass mir nie in den Sinn gekommen wäre, an der Gepäckausgabe vorbeizuspazieren, als hätte ich nichts aufgegeben, mir ein Auto zu mieten und nach Hause zu fahren.
Jedes Mal schiebe ich den Gedanken beiseite.
Ich kann, will und werde die Menschen, die auf mich warten, nicht im Stich lassen.
Wer selbst gelitten hat, vergisst das nicht.
Mein grauer Lederkoffer fährt durch den Streifenvorhang am anderen Ende der Halle. Ich schaue mich herum. Unauffällig. Als würde ich die funktionale Architektur bewundern. Dann ziehe ich das Handy aus der Tasche.
Meine Aufmerksamkeit teilt sich zwischen dem dunklen und mit Sichtschutzfolie versehenen Bildschirm und den Menschen in der Halle, während das Gepäckstück einige Runden dreht.
Doch niemand scheint Augen dafür zu haben. Alle sind damit beschäftigt, die eigenen Koffer und Taschen vom Band zu nehmen und schleunigst zum Taxi oder Bus zu gelangen.
Es wird Zeit, dass ich ihrem Beispiel folge. Das Handy kommt zurück in die Innentasche des hellen Sommeranzuges und ich ziehe das Gepäckstück lautlos hinter mir her.
Mein deutscher Pass in der Tasche wird mich nicht schützen. Der Diplomatenpass aber schon. Den zeige ich nur vor, wenn nichts anderes hilft. Man hatte mir erklärt, welche Verwicklungen so etwas nach sich ziehen kann.
Und das ist noch das kleinere Problem.
Ich komme zwar fast ungeschoren mit einer Ausweisung und einem Einreiseverbot davon. Andere werden den Preis dafür bezahlen.
Das werde ich ihnen nicht antun, genauso wie man mich damals nicht länger als nötig warten ließ. Trotz erheblicher Risiken.
In der Vorhalle stehen einige Uniformierte mit Hunden. Die Tiere hecheln und wirken etwas apathisch.
Ich trete zu einem der Beamten.
»Entschuldigen Sie, wo fährt der Bus in die Stadt?«
»Rechts raus, dann noch einmal rechts.«
»Danke.«
Draußen atme ich durch. Das Gefühl ist fast so aufregend, wie als ich damals die Ergebnisse der letzten Untersuchung mitgeteilt bekommen habe. Negativ. Alles weg. Von da an alle drei Monate zur Kontrolle.
Obwohl das vor mehr als zehn Jahren war, sind die Erinnerungen daran kaum verblasst. Das gilt genauso für die dreijährige Tortur, die mir davor zuteilwurde.
*
Keine Symptome. Routineuntersuchung beim Sportarzt. Blutbild für die Wettkampfgenehmigung. Höchstens ein halber Tag.
Alles war glatt gelaufen. Bis der Arzt den Laborbericht gelesen hatte.
»Sie müssen ins Krankenhaus. Sofort«, sagte der ergraute Mann. »Ich rufe für sie einen Krankenwagen.«
Eine genauere Aufklärung fand erst Stunden später im Kreiskrankenhaus statt.
Lymphom. Sehr aggressiv. Eigentlich eine ausgezeichnete Nachricht, weil besser behandelbar. Mehr Aussicht auf Erfolg.
Die erste Runde Chemo spülte jeden Funken Optimismus aus mir heraus. Haare weg, abgemagert, ständige Übelkeit und die vorhergesagten weiteren Behandlungen verwandelten mein Zukunftsbild in ein schwarzes Loch.
*
Der Bus wartet an der neuen Haltestelle. Ich steige ein und nehme Platz. Noch vier Minuten und es geht los. So hole ich wieder das Handy aus der Tasche und rufe die Nummer der Zentrale der Tarnorganisation an.
Niemand geht ran. Muss auch nicht. Man wird mich an der Haltestelle im Stadtzentrum bereits erwarten.
*
Zwei grausame Jahre folgten. Krankgeschrieben, von einer Behandlung zur anderen, ein Brecheimer ständig griffbereit.
Nach der Strahlentherapie sah ich monatelang so aus, als hätte ich einen Sonnenbrand. Es fühlte sich genauso an. Lange. Sehr lange.
Bis mir im dritten Jahr jemand hinter vorgehaltener Hand über die Organisation Heilsweg erzählte und mir eine E-Mail-Adresse gab, die eher nach einem Tastaturunfall als nach einer E-Mail-Adresse aussah.
Die Antwort ließ auf sich warten. Das erste Treffen folgte bald.
Sie haben mich nicht geheilt. Das waren die Ärzte im Krankenhaus.
Doch mein Appetit war zurück, ich hatte kaum Schmerzen und die tagtäglichen Gedanken, dem Ganzen mit einem Sprung aus meiner Wohnung im fünften Stock ein schnelles Ende zu setzen, verblassten zusehends.
Sobald ich für geheilt erklärt worden war, zog ich nach Deutschland, hatte mich einbürgern lassen und war der Organisation Heilsweg beigetreten. Ich hatte das keine Sekunde bereut. Meiner alten Identität hatte ich keine Träne nachgeweint.
*
Ich steige im Stadtzentrum aus. Imre erkennt mich sofort. Wir reden nicht. Der Koffer wechselt den Besitzer. Im Austausch bekomme ich meinen Hotelvoucher und Eintrittskarten für den VIP-Bereich eines exklusiven Thermalbads.
Kurzes Nicken.
Er steigt in ein Taxi.
Nach der besprochenen Wartezeit steige ich in einen anderen gelben Wagen und zeige den Voucher dem Fahrer.
Im Hotelzimmer angekommen, vibriert das Handy. Eine SMS von Imre. Verschlüsselt. Ich gebe Passwort und PIN ein und bestätige meine Identität mit dem Abdruck des linken Mittelfingers.
Das Bild zeigt fünf kahlköpfige Menschen. Alle lächeln. Jeder hält eine Packung Weed in der Hand. Einer hebt den Daumen.
Die Ware ist angekommen.
Keine Strafandrohung wird mich davon abhalten, Menschen zu helfen, die schon genug gelitten haben.
In zwei Monaten beginnt alles von vorn.
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